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Title: Amoralische Fabeln
Author: Wenger, Lisa
Language: German
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  Lisa Wenger

  Amoralische Fabeln


  Mit Zeichnungen von Carl O. Petersen

  Grethlein & Co. / Zürich und Leipzig


  Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen,
  vorbehalten. Copyright 1920 by Grethlein & Co., Zürich



  Theo Wenger

  gewidmet



Inhalt


                                               Seite

  Was das Schäfchen sagen darf und was nicht!      1

  Der schwarze Fleck                               4

  Als das Hühnchen zur Schule sollte               9

  Der weiße Maulwurf                              14

  Das unschuldige Lämmlein                        19

  Als die Hühner wählen durften                   22

  So oder so!                                     27

  Warum die Schafe heiraten                       31

  Das Festessen                                   34

  Einsicht                                        39

  Eintagsfliegen                                  42

  Der Gesangverein                                46

  Das kluge Huhn                                  50

  Der alte Schafbock                              54

  Vom bescheidenen Hähnchen                       59

  Das neue Buch                                   61

  Die lieben Nachbarn                             67

  Wie der Binsenteich erforscht wurde             70

  Das Begräbnis                                   78

  Die Ratgeber                                    82

  Das künstliche Auge                             87

  Die Richter                                     92

  Schicksal dreier Freunde                        96

  Der Goldfasan                                  104

  Vom Huhn, das etwas gelernt hatte              109

  Er und Sie                                     113



Was das Schäfchen sagen darf und was nicht!


Ein junges Schaf lief an der Seite des Böckleins glücklich über die
Wiese. Es schmiegte seine feuchte Schnauze dicht an die Nase seines
Gefährten, und die Löcklein ihrer weichen, wolligen Felle kräuselten
sich ineinander. Das gefiel dem Schäflein, das neben seiner Mutter graste.

»Frau Mutter, ich will auch heiraten,« sagte es, »heiraten ist ein
schönes Ding!« Bedächtig sah das Schaf auf sein Junges.

»Wie man's nimmt,« sagte es, »aber schön, oder nicht schön, ein
wohlerzogenes Schäfchen sagt nie, daß es gerne heiraten möchte.«

»Frau Mutter, ich denke es aber!«

»Denke es so viel du willst, Schäfchen, aber sag es nicht. Als ich jung
war, wäre es keinem von uns eingefallen, vom Heiraten zu reden.«

»Aber geheiratet habt ihr doch alle.«

»Natürlich! Selbstverständlich! Aber das ist etwas anderes als davon
reden.« Eine alte Ziege hatte zugehört.

»Die Jugend von heute ist überhaupt schamlos,« sagte sie. »Da habe
ich neulich erleben müssen, daß zwei halbwüchsige Ziegen von ihren
zukünftigen Jungen sprachen!«

»Ja, darf man das auch nicht?« fragte das Schäflein, »darum heiratet
man ja eben, um Junge zu kriegen.«

»Schweig,« rief das Schaf erschrocken.

»Pst, pst, pst,« mahnte die Ziege.

»Ich kann nur etwas nicht begreifen,« fing das Schäfchen wieder an.
»Neulich sagte ich, ich wollte nicht heiraten, es sei lustiger so, als
wenn man sich ewig um seine Jungen kümmern müsse und nie springen könne,
wohin man wolle. Da haben mich alle gescholten, und haben gesagt, das sei
die Bestimmung eines Schafes, Mutter zu werden, und die Natur habe es so
gewollt. Und der Herr Vater hat mir gesagt, ich sei ein ganz entartetes
Lamm, und kein Böcklein werde mich je heiraten wollen, wenn ich eine
solche Gesinnung hätte. Und jetzt werde ich wieder gescholten und habe nun
doch die richtige Gesinnung.« Das Schäfchen mähte kläglich.

»Kind,« sagte die Alte, »es ist da ein Unterschied. Sagst du, du habest
keine Lust zum Heiraten, es sei dir unbequem und du wollest deine Freiheit
wahren, so fallen alle männlichen Schafe über dich her. Und sagst du, du
möchtest gerne heiraten, die weiblichen. Sagst du aber, du freuest dich
auf deine Jungen, so nennen dich die Mutterschafe schamlos, und sagst du,
du hättest lieber keine, so schütteln alle die Köpfe, die männlichen
und die weiblichen, die alten und die jungen. Darum, Schäfchen, sei klug!
Schweig! Denken kannst du, was du willst!« Die alte Ziege nickte.

»Du hast eine kluge Mutter,« sagte sie. -- Das Schäfchen beherzigte der
Mutter Lehren.

»Dein Junges entwickelt sich prächtig,« sagten die Verwandten zu dem
alten Schaf. »Es kann nicht fehlen, es wird sich bald verheiraten.«
Bescheiden schwieg die Alte, und kaute an einem Gräslein.

Bald darauf verliebte sich das Schäflein. Und tüchtig. Da hatte es
plötzlich alle Lehren seiner Mutter vergessen. Es sagte jedem offen, daß
es sich entsetzlich auf das Heiraten freue, daß es mindestens ein Dutzend
Junge haben möchte, und daß es nicht gewußt habe, wie lieb ein Böcklein
sei. Es sagte das alles keck heraus und erwartete ungeheure Schelte. Aber
es kamen keine. Böcke und Schafe freuten sich über das naive Schäflein.

»Frau Mutter,« fragte es erstaunt, »wie kommt es, daß das, was ich
sage, nun auf einmal nicht mehr unpassend ist?«

»Schäfchen,« sagte das alte Schaf, »das will ich dir sagen. Ehe man
weiß, ob dich einer will, mußt du schweigen zu allen Dingen. Will dich
aber einer, so darfst du von dem Augenblick an sagen, was du willst. Auch
denken. Auch tun.«

»Ich will es mir merken, Frau Mutter,« sagte das junge Schaf und sprang
lustig mit seinem Böcklein davon.

[Illustration]



Der schwarze Fleck


Es war einmal eine entzückende kleine Maus. Ein Fellchen hatte sie,
so weiß wie Schnee, durchsichtige, rosafarbene Ohren, ein zartrosa
Schwänzchen, und ein spitzes und schmales Schnäuzlein mit langen, feinen
Haaren. Das Schönste aber waren ihre roten Augen.

Die weiße Maus hatte einen Vater -- die Mutter war in einer Falle
verunglückt -- Brüder, und zwei Schwestern. Sie hatte auch viele
Freundinnen und natürlich sehr viele Freunde.

Aber sie durfte sie selten sehen. Der Vater hatte ihr genau vorgeschrieben,
wo sie spazieren durfte: Dem Getäfel entlang, unten über den Fußboden,
in den kleinen Schrank und unter das Sofa. Andere Wege sollte sie keine
machen. Und bei Leibe nicht auf den Schreibtisch klettern, denn dort war
das große Tintenfaß, und dem durfte keine weiße Maus zu nahe kommen.

Das Mäuschen gehorchte so lange es ihm möglich war. Dabei langweilte es
sich aber unaussprechlich, immer mehr und mehr, und zuletzt konnte es die
ungeheure Langeweile gar nicht mehr aushalten. Es mochte überhaupt nicht
mehr ausgehen, blieb daheim und knusperte Zucker, weil es nichts Besseres
zu tun wußte.

»Pst! Pst!« machte es eines Tages vor seinem Loch. Die weiße Maus hob
ihren Kopf.

»Mäuschen, komm mit,« bat eine junge Ratte mit prachtvollem Schnurrbart.
»Wir wollen ein wenig auf dem Schreibtisch spazieren gehen!«

»Ich darf nicht!« sagte das Mäuschen.

»Man darf manches nicht und tut es doch!«

»Aber der Vater!« sagte das Mäuschen.

»Weiß es nicht.«

»Die Brüder?«

»Sehen es nicht.«

»Die Schwestern?«

»Erfahren es nicht.«

»So will ich kommen!« und sie gingen zusammen.

Und richtig! Das schneeweiße Mäuschen kam zu nahe an das Tintenfaß und
machte sich an der Seite einen häßlichen, schwarzen Fleck.

Es schüttelte sich, bürstete und wischte an sich herum, aber der Fleck
wollte nicht weichen.

»Was wird der Vater sagen!« jammerte es. Die Ratte strich sich den
Schnurrbart.

»Und die Brüder! Die beißen mich tot, sie haben noch nie jemand in
der Familie gehabt, der einen Fleck hatte!« Die Ratte strich sich den
Schnurrbart.

»Und meine Schwestern! Es wird keine mehr sich mit mir zeigen wollen!«
Die Ratte strich sich den Schnurrbart und verschwand in einem Loch unter
dem Schreibtisch. Da ging das weiße Mäuschen allein nach Hause.

Es ist nicht zu sagen, was es nun alles auszuhalten hatte. Man höhnte,
schalt, verlästerte, verachtete, verdammte und verfluchte das weiße
Mäuschen! Man trat es, rupfte ihm die Barthaare aus, beschmutzte sein
reines Fellchen, man zog sich von ihm zurück und kündigte ihm die
Freundschaft.

Zuletzt hing die Familie ein Mäntelchen über den schwarzen Fleck, aber
man wußte doch, daß er da sei. Das arme Mäuschen schämte sich so sehr,
daß es beständig den Kopf gesenkt hielt, und das feine Schwänzlein
eingezogen.

Freundinnen hatte es nun natürlich keine mehr. Aber auch Freunde nicht.
Sie sagten, daß es ihnen unmöglich sei, mit Mäusen zu verkehren, die
nicht tadellose Fellchen hätten.

Da sagte sich das Mäuschen ruhig: Nun gehe ich zu den grauen Mäusen.
Verachtet bin ich so wie so! Dort kann ich mich wenigstens amüsieren. Es
ging. Die Familie sagte: Unser Mäuschen ist tot! Und dann seufzte sie.
Wenn jemand von ihm reden wollte, winkten sie mit den Pfoten und sagten:
Ach ja!

Das Mäuslein aber hatte nun ein lustiges Leben. Es sprang herum, wo es
wollte, es tanzte, wenn es lustig war, über Stock und Stein, und ließ
seinen schwarzen Fleck Fleck sein.

Es hatte Freunde und Freundinnen die Menge, und unterhielt sich vergnügt
mit den grauen Mäusen.

Und wer begrüßte plötzlich das weiße Mäuslein wieder freudig und
liebenswürdig? Alle seine früheren Freunde.

Und eines schönen Abends erschienen auch seine Brüder unter ihnen. Das
Mäuslein sperrte seine roten Augen weit auf.

»Was! Ihr kennt die grauen Mäuse! Ihr habt mir doch gesagt -- --«

Aber die Brüder zwinkerten nur mit den Augen und taten, als kennten sie
die Maus nicht.

Da geschah es, daß eine Ratte sich in sie verliebte. So fürchterlich
verliebte, daß sie zur Maus sagte: »Ich will dich heiraten!«

»Du!« warnte die weiße Maus, »vergiß meinen schwarzen Fleck nicht.«

»Wenn ich dich heirate, so hast du keinen schwarzen Fleck mehr!« Die
Ratte war die reichste Ratte weit und breit. Sie besaß riesige Kellereien,
ungeheure Vorräte an Weizen und Obst und Fett und Nüssen und Zucker,
kurz, ihr Reichtum war unermeßlich.

Und als die Ratte die weiße Maus geheiratet hatte, gingen sie zu der Maus
Vater. Der machte große Augen.

»Herr Schwiegervater, ist es nicht merkwürdig, wie der schwarze Fleck auf
dem Pelz meiner Frau schon verblaßt ist?« Der Vater der weißen Maus nahm
ein Vergrößerungsglas, sah hindurch und sagte mit einer Stimme, die ganz
ölig war vor Freundlichkeit:

»Ich sehe den Fleck überhaupt nicht mehr!«

Dann ging die Ratte zu den Brüdern, führte sie in ihre Keller ein, und
vor ihre Vorräte und fragte: »Was sagt ihr zu dem Fleck meiner Frau?«

»Er ist verschwunden,« erklärten die Brüder bestimmt.

Und die Schwestern sagten, man hätte den Fleck überhaupt kaum je bemerkt.
Sie aßen und tranken alle auf der Ratte Kosten und holten sich aus ihren
Vorräten, was sie brauchten. Auch erzählten sie jedem, der es hören
wollte, von der reichen Heirat ihrer Jüngsten.

Da strich sich die Ratte zufrieden den Schnurrbart und gab eine große
Gesellschaft, mit allen Herrlichkeiten, die sich Mäuse nur wünschen
können.

Sie fragte jeden Eingeladenen im geheimen: »Was sagen Sie zu dem Fleck
meiner Frau?« und jeder einzelne antwortete: »Was für einen Fleck meinen
Sie? Ihre Gemahlin besitzt den entzückendsten weißen Pelz, den man sehen
kann!«

Da ging die weiße Maus wieder fröhlich herum unter den andern weißen
Mäusen und vergaß zuletzt selbst, daß sie einmal einen schwarzen Fleck
auf ihrem feinen Pelz gehabt hatte.

[Illustration]



Als das Hühnchen zur Schule sollte


Das Hühnchen war sechs Monate alt geworden und sollte zur Schule. Es wurde
deshalb Familienrat abgehalten.

»So jung und muß schon zur Schule,« sagte die gelbe Tante mit den Federn
an den Beinen. »Eier legen lernt es ja von selber!«

»Setz dem Kücken doch nichts in den Kopf,« mahnte die Großmutter
des Hühnchens. »Ich bin in die Schule gegangen, du bist in die Schule
gegangen, wir alle sind in die Schule gegangen, da muß es eben auch in die
Schule gehen.«

»Warum, weiß ich freilich nicht,« sagte der Maulwurf, der seine Gänge
im Hühnerhof angelegt hatte und nun auf Besuch gekommen war; »ich habe
nie etwas gelernt und bin doch durch die Welt gekommen.«

»Aber wie,« rief die Amsel, die auf dem Baum im Hof wohnte. »Wie! Im
Dunkeln ist er gekrochen sein Leben lang, und Freuden hat er keine gehabt
außer dem Fressen.«

»Schweig du dort oben,« krähte ärgerlich der Hahn; »du gehörst nicht
zur Familie und hast hier nicht mitzureden. Kinder aus unserer Sippe gehen
zur Schule, natürlich, aber nicht wegen dem Lernen; das haben wir nicht
nötig.«

»Warum denn?« fragte die Amsel erstaunt.

»Weil es sich schickt,« sagte der Hahn würdevoll, und die Henne, die
Mutter der Kücken, sagte: »Und weil die andern es so machen.«

»Natürlich!« rief der ganze Hühnerhof, und die Großmutter -- es war
eine mächtige Langshanhenne, die viel Ansehen genoß -- gluckste und
sagte: »Natürlich!«

Also sollte das Kücken zur Schule ...

»Was meint ihr, zu welchem Lehrer wir unser Hühnchen schicken wollen?«
fragte der Hahn.

»Zum Grünspecht,« rief die Amsel vom Baum herunter; »Er weiß viel und
hat viel gesehen.«

»Zu dem!« rief empört Mutter Henne. »Wißt ihr, was das für einer
ist? Der hat zu einer unserer Nachbarinnen gesagt, es wäre Zeit, daß die
Hühner endlich etwas anderes lernten als nur Eier legen und gackeln. Das
hat er gesagt.« Die Henne kratzte sich mit dem Fuß unter dem Flügel; es
war eine Gewohnheit, die sie hatte.

»Schwiegersohn,« rief majestätisch die Großmutter Langshan, »da
verlieren wir wohl weiter keine Worte. Was soll ein Huhn überhaupt anderes
lernen als Eier legen und gackeln? Doch nicht singen wie eine Nachtigall?«

»Warum nicht,« rief wieder die Amsel. »Es wäre eine angenehme
Abwechslung.«

»Ich habe gegackelt,« rief das alte Huhn, »meine Tochter hat gegackelt,
wir alle haben gegackelt, warum sollte unser Hühnchen nicht auch
gackeln?«

Zum Grünspecht sollte das Hühnchen also nicht in die Schule, beschloß
der Familienrat ...

Nach langem Nachdenken und Disputieren war man endlich einig geworden, daß
das Kücken zu der Pute sollte -- zu der mit den Bronzefedern natürlich,
nicht zu der grauen -- und daß die Familie es sogleich der Lehrerin
vorstellen wolle.

Hahn, Henne, Großmutter Langshan und die gelbe Tante mit den Federn an den
Beinen begleiteten das Hühnchen.

»Es soll vor allem richtig gackeln lernen,« begann die Großmutter und
betrachtete die Pute mit ihrem rechten Auge. Über das linke hing der Kamm;
sie gebrauchte es selten und sparte es für Notfälle auf. »Dann soll es
in allen Pflichten unterrichtet werden, die ein Huhn von Familie kennen und
ausüben muß: im Eierlegen, im Brüten, im treuen Führen der Jungen.«

»Versteht sich,« sagte die bronzene Pute; »das lernt es alles am besten
bei mir.«

»Es soll Untertänigkeit gegen seinen künftigen Gebieter lernen,« befahl
der Hahn.

»Natürlich, das lernt es alles am besten bei mir,« sagte die Pute mit
den Bronzefedern.

»Es soll lernen, sich mit den anderen Hennen vertragen; denn das ist sehr
wichtig,« empfahl Mutter Henne und kratzte sich unter dem rechten Flügel.

»Versteht sich, das lernt es am besten bei mir,« antwortete das
Bronzehuhn.

»Ich glaube, Sie sind dumm,« sagte die gelbe Tante mit den Federn an den
Beinen.

»Das bin ich,« sagte das große Geschöpf und gluckste; »aber gerade
darum kann ich die Kücken so gut in ihre Pflichten einführen: sie werden
nicht abgelenkt.«

»Da hat sie recht,« nickte zufrieden Großmutter Langshan. »Und bitte,
bringen Sie dem Hühnchen Respekt vor dem Alter bei.«

»Und lehren Sie es seine Eltern ehren,« sagte der Hahn.

»Und prägen Sie ihm ein, daß ein Huhn auf der Welt sei, um zu nützen,«
bat Mutter Henne und kratzte sich.

»Und sagen Sie ihm gleich von Anfang an, Eierlegen sei ein Vergnügen;
sonst glaubt es das Kücken später nicht mehr!« mahnte die gelbe Tante
mit den Federn.

»Das tue ich alles,« versprach das Bronzehuhn; »es haben noch nie Eltern
ihre Hühnchen gebracht, denen ich das nicht versprechen mußte.«

»Und so soll es sein,« sagte die Großmutter und warf ihren Kamm
ausnahmsweise auf die rechte Seite, »und so ist es von jeher gewesen! Aber
wo ist unser Kücken?«

Es spazierte vergnügt mit einem jungen Hähnchen aus der Nachbarschaft
herum.

»Du, höre einmal,« sagte das zum Hühnchen, »von acht bis zehn legt
die Pute, und von zehn bis zwölf schläft sie; da können wir den ganzen
Morgen spazieren gehen.«

»Aber dann lerne ich ja nichts,« antwortete das Hühnchen.

»Gerade dann lernst du, was du brauchst; das andere kommt nachher von
selber,« beruhigte es das Hähnchen.

Da kam aber die Familie und nahm das Hühnchen in ihre Mitte und zog mit
ihm heimwärts.

»Man tut für seine Kinder, was man kann, nicht wahr, Schwiegersohn?«
sagte Großmutter Langshan.

»Und so gut man es versteht!« pfiff die Amsel vom Baum herunter; aber
niemand achtete auf sie.

Sie gehörte ja nicht in den Hühnerhof.

[Illustration]



[Illustration]



Der weiße Maulwurf


Große Aufregung herrschte unter den Maulwürfen. Sie standen in Scharen
beisammen und wisperten.

»Wer hat ihn gesehen?« fragte der Älteste der Maulwürfe.

»Ich, ich, ich,« schrien viele durcheinander.

»Ist er wirklich weiß?« fragte der Älteste.

»Schneeweiß! Auch nicht ein schwarzes Härchen ist an ihm,« rief eine
junge Maulwurfsfrau. Der Haufe schwieg bestürzt.

»Wohin wird es noch kommen?« sagte der Älteste mit hohler Stimme,
»wenn sogar die Maulwürfe es wagen, allem Hergebrachten ins Gesicht zu
schlagen?«

»Vielleicht ist er nur gefärbt,« rief einer entschuldigend.

»Nein,« sagte die junge Maulwurfsfrau, »er ist echt! Die Haut unter dem
Fell ist ganz rosenrot.«

»Du hast dir den Weißen genau angesehen,« sagte höhnisch einer der
Maulwürfe.

»Das habe ich, so gut ich mit meinen Schlitzäuglein sehen konnte.« Die
andern stutzten.

»Ich wäre dafür, den Weißen aus unseren Feldern zu verjagen,« schlug
einer vor. Es war ein gewöhnlicher Maulwurf mit kurzem grauem Schwanz.
»Wie leicht könnte er unserer Jugend solche Unsitten beibringen. Ich habe
auch gehört, daß er aufrührerische Reden hält.«

»Aufrührerische Reden?« rief der Älteste, »das ist das Schlimmste!
Nur nichts Neues! Nur keine Veränderungen! Nur keine Versuche, die doch
fehlschlagen! Ich kenne die Welt. Ich habe lange genug in ihr gelebt. Wer
sind die wahrhaft Glücklichen und Weisen?« Der Älteste neigte die spitze
Schnauze und kniff die winzigen Äuglein zusammen. »Die die Erfahrungen
von Generationen benützen und die leichtsinnigen Neuerungen verabscheuen.
Fort mit dem weißen Maulwurf!«

»Fort mit dem weißen Maulwurf!« schrien alle. Nur die Maulwurfsfrau
schrie nicht mit.

»Er hat größere Augen als alle unsere Maulwürfe,« sagte sie zu ihrer
Nachbarin, »er kann einen wirklich damit ansehen, und dann glänzen sie.«

»Das kann ich mir gar nicht vorstellen,« sagte die Maulwürfin.

Da kam hastig ein junger Maulwurf daher.

»Wißt ihr, was der weiße Maulwurf sagt?« rief er schon von weitem.

»Nein!« schrien die andern und umringten ihn.

»Er sagt, wir sollten größere Augen haben, ich habe es selbst gehört!«

»Größere Augen?« fragten empört die Zuhörer. »Wozu?«

»Er sagt, wir sollten besser sehen können!«

»Besser sehen! Was denn?« riefen wieder die Umstehenden. »Was will denn
der Kerl?«

»Er sagt, wir sollten lernen das Schöne sehen, auch außerhalb unserer
Gänge.«

»Außerhalb unsern Gängen,« schrie die Menge, »was gibt es denn da zu
sehen?«

»Er ist verrückt,« sagte der Grauschwänzige.

»Er ist ein Aufrührer, ein Revolutionär,« schrien viele.

»Er ist einfach ein Esel!« erklärte der Älteste. »Besser sehen lernen!
Haben Maulwürfe je gut sehen können? Und dann: Gibt es außerhalb unserer
Gänge überhaupt Schönes? Ein Esel ist er, oder ein Idealist, das kommt
auf eins heraus.«

Da wurde es hell hinten im Gang. Der weiße Maulwurf kam.

»Da ist er, da kommt er,« wisperte es. Die Schlitzäuglein öffneten
sich, die kurzen Hälse streckten sich, die grauen und bräunlichen
Schwanzstummel fuhren aufgeregt hin und her. Aber alle schwiegen, auch der
Älteste. Da fragte der weiße Maulwurf:

»Warum soll ich fort? Habe ich euch etwas zuleide getan?«

»Nein,« sagte der Grauschwänzige, »aber du bist weiß und wir sind
schwarz!«

»Du willst neue Bräuche einführen!« rief der Älteste.

»Du sagst, wir verstünden nicht zu sehen,« schrie die Menge.

»Und das ist wahr,« bestätigte ruhig der weiße Maulwurf. »Ihr seht
nur, was ihr sehen wollt, und es gibt so vieles, das ihr sehen könntet!«

»Wir brauchen nichts zu sehen,« schrien die Maulwürfe.

»Wir wissen alles auswendig,« rief einer.

»Uns gefällt das Schöne gar nicht,« piepste ein anderer.

»Versucht es doch einmal,« bat der Weiße. »Ihr werdet sehen, es
gefällt euch dann!« Und feurig fuhr er fort: »Wenn es für euch zu spät
ist, so laßt mich wenigstens eure Kinder hinausführen! Laßt sie einmal
hinauf auf die Erde und zeigt ihnen den Glanz des Mondes und das flimmernde
Licht der Sterne.«

»Verführer! Jugendverderber!« schrie wütend der Älteste. »Nun
erkenne ich dich! Zwietracht willst du säen zwischen uns und der Jugend!
Unzufriedenheit willst du pflanzen! Hochmut willst du züchten! Wir, die
Alten, sollen uns schämen müssen vor der Jugend mit unseren kleinen
Äuglein! Ich kenne dich und deinesgleichen! Jawohl! Mond und Sterne! Die
hätten wir längst gesehen, wäre es gut für Maulwürfe! Fort! Hinaus!
Hinaus mit dir aus unseren Gängen!«

»Fort mit dir,« schrien die Schwarzen. »Fort mit dir! Fort!« Die
Maulwürfe drängten den Fremdling durch den engen Gang. Sie kamen an der
Maulwurfsfrau vorbei, die dort mit ihrer Nachbarin stand.

»Den Besten unter euch verjagt ihr!« rief sie spöttisch.

»Den Besten!« schrie der Graugeschwänzte. »Nennst du einen weißen
Maulwurf den Besten?« Dann wandte er sich zu dem Verhaßten und schrie:

»So hast du unser Volk schon verhetzt!« und warf sich auf ihn und
versetzte ihm wütende Bisse.

Als die andern das sahen, wagten sie es ebenfalls, und fielen über den
weißen Maulwurf her. Bald hatten sie ihn totgebissen. Der weiße Pelz
färbte sich rot vom Blute des Gemordeten und ärgerte niemand mehr.

Zufrieden tappten alle im Dunkeln nach ihren Wohnungen. Zu sehen brauchten
sie ja nichts, denn schon ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern waren
diesen Weg gegangen! --

[Illustration]



Das unschuldige Lämmlein


»Wie das Lämmchen groß wird,« sagte seine Tante, das Schaf, »da wird
man bald ans Heiraten denken müssen.«

»Das tue ich auch,« sagte das Lämmchen.

»Glaub es nicht,« jammerte des Lämmchens Mutter, »es denkt noch nicht
an derartige Sachen. Es ist ja noch so unschuldig.«

»Was hat das Heiraten mit der Unschuld zu tun?« fragte das Lämmchen.

»Nichts!« rief das Tanten-Schaf.

»Das verstehst du nicht,« sagte die Alte.

»Das verstehst du nicht! Das antwortet man mir immer, wenn ich etwas
wissen möchte,« sagte das Lämmchen ärgerlich.

Mutter und Tante sahen einander an.

»Wenn du einmal ein großes Schaf bist, so weißt du alles ganz von
selber.« Da kam der Bock, Lämmchens Onkel.

»Onkel, was heißt unschuldig?« fragte es. Der Onkel kratzte sich mit dem
linken Hinterfuß am Kopf.

»Unschuldig? Das bedeutet halt, daß man nichts weiß.«

»Aber Onkel!« rief das Lämmchen, »ich weiß so viel! Da bin ich doch
nicht unschuldig?«

»Die Sachen, die man nicht weiß, wenn man unschuldig ist,« sagte der
arme verlegene Bock, »sind nicht dieselben Sachen, die man weiß, wenn man
unschuldig ist!« Er schnaufte laut. »Aha,« sagte das Lämmchen. »Sind
Sie auch unschuldig, Onkel Bock?«

»Ach, Lämmchen, weißt du« -- sagte der Bock und sah sich hilflos um,
»es ist so lange her, daß ich gar nicht mehr weiß, ob ich es immer noch
bin!« Mutter Schaf und Tante stießen sich mit den Köpfen.

»Sind Sie unschuldig, Frau Mutter?« fragte das Lämmlein.

»Verheiratete Leute nennt man nicht mehr unschuldig,« sagte ärgerlich
das Schaf.

»Du bist einfältig,« rief das Tanten-Schaf, »heirate, dann weißt du
es!«

»Ich bin dumm und ich bin unschuldig, das ist viel auf einmal,« sagte
kläglich das Lämmchen, »da will ich mich mit dem Heiraten beeilen so
viel ich kann, denn unschuldig und einfältig ist niemand gern.«

»Aber Lämmchen,« riefen Bock, Mutter-Schaf und Schaf-Tante, »das sagt
man doch nicht!«

»Warum denn nicht?«

»Weil, wenn du das sagst, die anderen Leute denken könnten, du seist
nicht mehr unschuldig!«

»Ja aber,« sagte das Lämmlein, »ich will ja gerade heiraten, damit ich
nicht mehr unschuldig sein muß.«

Da rannten die drei Alten in großen Sprüngen davon.

»Es muß arg sein mit meiner Unschuld,« dachte betrübt das Lämmchen,
»daß die so davonrennen. Dort oben auf der Weide grast mein Vetter, das
Böcklein. Der ist klug, der kann mir gewiß sagen, was die anderen nicht
wissen.« Und das gute Lämmchen ging zum Böcklein. --

Am Abend sagte es zum alten Schaf: »Frau Mutter, ich weiß es jetzt.
Unschuldig ist beides, angenehm und unangenehm. Eine Weile freut man sich,
daß man es ist, und nach einer Weile freut man sich, daß man es nicht
mehr ist. Selber weiß man es nie, wenn man unschuldig ist, aber man weiß
es sicher, wenn man es nicht mehr ist. So lange man unschuldig ist, spricht
man nie davon, und wenn man nicht mehr unschuldig ist, spricht man immer
davon. Von der Unschuld der anderen, meine ich!«

Argwöhnisch drehte das Schaf den Kopf. »Woher hast du diese Weisheit?«
fragte es.

»Von meinem Vetter, dem Böcklein,« sagte vergnügt das Lämmchen, »und
er hat mir sie ganz umsonst beigebracht!« -- --

[Illustration]



[Illustration]



Als die Hühner wählen durften


Elf oder zwölf Hühner saßen auf dem Mist, blinzelten in der Sonne und
kratzten sich. Es war heiß, und keines hatte Lust nach Würmern zu suchen
oder Eier zu legen.

Sie gackelten aber zusammen.

»Wißt ihr, daß wir Hühner von heute an öffentlich dasselbe Recht haben
sollen wie die Hähne?« fragte eine schöne, stolze Henne und reckte
sich dabei, daß sie gleich um eine Handbreite höher schien. Die Hühner
öffneten die rotgeränderten, verblüfften Augen.

»So,« sagte eines. Dann lauste es sich behaglicher als vorher.

»Mir ist das einerlei,« gackelte ein anderes, das elf Kücken um sich
versammelt hatte, und jetzt noch spektakelte zur Erinnerung an die 15 Eier,
welche es nacheinander gelegt. »Was geht mich die Politik an? Ich verstehe
nichts davon.«

»Es ist nicht nur wegen der Politik,« sagte die schöne Henne. »Wir
sollen auch sonst mitreden dürfen, zum Beispiel, wenn eine neue Pute für
die Schule gewählt wird.« Das interessierte nun die Hühner alle, denn
die meisten hatten Kücken.

»Das ist sicher, daß ich die Bronzepute nicht wieder wähle,« kreischte
ein dickes Huhn mit einem Federbusch zwischen jeder Zehe. »Sie hat allen
meinen Kücken schlechte Zeugnisse gegeben.«

»Ich wähle sie auch nicht,« piepste das Perlhuhn. Es sah aus wie ein
uraltes Jüngferchen mit einem weißpunktierten Schal, aus dem das kleine,
nackte, neugierige Köpfchen hervorschaute.

»Ich wähle sie auch nicht.«

»Warum nicht,« fragte die schöne Henne.

»Weil sie in der Schule den Kücken gesagt hat, alle Hühner hätten
ein Herz und eine Lunge und eine Leber, und andere unappetitliche Sachen.
Dafür schicke ich meine Jungen nicht zur Schule, daß sie solche Dinge
lernen.«

»Da hast du recht,« stimmte auch eine Rouen-Ente bei, die so stark war,
daß sie ihren Leib auf der Erde nachschleifen mußte. »Traurig ist das.
Wir sind auf einen Punkt der sogenannten Aufklärung gekommen, den man
schon, den man schon --«

»Unmoral nennen könnte,« half das Perlhuhn nach, und drehte sein
unbedeutendes Köpfchen beifallheischend nach allen Seiten.

»Und die Poesie? Wo bleibt die, wenn unmündige Kücken schon wissen, was
Hahn und Hühner inwendig haben? Nein, die Bronzepute wähle ich nicht,«
schnatterte die Rouen-Ente.

»Ich auch nicht,« meinte eine bräunliche Laufente, die eilig und
aufrecht angewatschelt kam, »was kann sie unsere Jungen lehren? Sie weiß
selber nicht, was sich für Puten gehört. Sie legt sich ja nicht einmal
platt auf die Erde, wenn der Truthahn vorüberrauscht, wie es sich für
Puten schickt, sie sieht ihn herausfordernd an und bleibt stehen.«

»Usch,« riefen alle Hühner entsetzt und pluderten sich. Eine Weile
schwiegen sie, drehten sich nach allen Seiten nachdenklich im Sand und
schüttelten die Federn.

»Also, wen wählen wir?« begann darauf wieder eine. Es war eine weiße
Henne, der Liebling des Hahns.

»Ich wähle die graue Pute,« sagte die Dicke mit den Federbüschen
entschlossen, »wenn ich der Haber schicke, so macht sie allen meinen
Hühnchen und Hähnchen gute Zeugnisse.«

»Sie ist häßlich, sie wird nie jemandem gefallen,« gackerte zufrieden
die weiße Henne. »Ich wähle sie.«

»Sie weiß selber nicht, ob die Hühner Milz und Leber im Leib haben,«
piepste das Perlhuhn, »also kann sie die Kücken nichts Unanständiges
lehren, wie es jetzt Mode ist. Ich wähle sie.« Es trippelte davon.

»Sie kann sich im Eierlegen bei weitem nicht mit mir messen, man wird
sie mir nie vorziehen,« dachte die Laufente. »Ich wähle sie auch, warum
nicht?«

»Schwimmen kann sie nicht wie ich,« prahlte die Rouen-Ente, »mir ist sie
also recht.«

»Das alles geht die Schule gar nichts an,« rief unwillig das schöne
Huhn.

»Aber uns,« kreischte die Dicke, »uns, meine Liebe, uns! Übrigens kann
ich morgen nicht zur Wahl kommen. Ich lege von 11-1 Uhr.«

»Und ich fange morgen mit Brüten an,« gackerte eines.

»Und ich führe meine Jungen zum ersten Mal aus,« rief ein anderes.

»Ich gehe mit dem Gockel spazieren,« brüstete sich die Weiße, und riß
einen Regenwurm, der sich verzweifelt wehrte, aus der Erde.

»Du kannst morgen nicht mit dem Gockel spazieren,« verwies sie das
schöne Huhn. »Der Gockel geht morgen zur Wahl.«

»Ich kann auch nicht kommen,« rief die Rouen-Ente mit dem dicken Leib
wichtig. »Ich werde morgen gebraten.« Sie wußte nicht recht, war das ein
angenehmes oder ein unangenehmes Ding, aber jedenfalls war es interessanter
als das Wählen einer Schulpute.

»Und ich gehe und wähle,« rief das schöne Huhn, »und wenn ich ganz
allein gehen muß.«

Und richtig, am nächsten Morgen war sie die einzige, die sich aufmachte,
um die neue Pute für die Kückenschule zu wählen. Der Hahn war wahrhaftig
mit dem weißen Huhn spazieren gegangen.

Da niemand da war, der der grauen Pute die Stimme hätte geben können, so
wurde die Bronzene einstimmig gewählt.

»Es ist ein unerhörtes Unrecht,« sagten die Hühner des Hühnerhofes
nachher zornig. »Was haben wir davon, daß wir wählen dürfen, wenn doch
nicht die gewählt werden, die wir wollen?«

Sie steckten die Köpfe unter die Flügel, plusterten sich auf, und hielten
ihr Mittagsschläfchen ab.

[Illustration]



So oder so!


»Und ich sage dir, Gelbes: Wenn du überhaupt willst, daß ein Enterich
dich heiratet, so lerne das Gehorchen,« rief eine dicke weiße Peking-Ente
und wippte aufgeregt mit dem Schwänzlein.

»Warum, Frau Mutter?«

»Weil dich sonst keiner nimmt!«

»Es braucht mich keiner zu nehmen, dem ich gehorchen muß,« sagte das
Gelbe. Es war eigentlich schon weiß geworden und hatte nur einen gelben
Schnabel.

»Was für einen willst du denn?« fragte entsetzt die Alte.

»Einem der mich tun läßt, was ich will,« sagte sehr bestimmt das junge
weiße Entlein mit dem gelben Schnabel.

»Und was willst du?« forschte die Ente angstvoll.

»Gleiche Rechte wie der Enterich.«

»Was sind das für Rechte, du schreckliches Geschöpf?« schrie die
Entenmutter, die noch nie solche Ansichten gehört hatte.

»Ich will baden, wo ich will, ich will fressen, was ich will, ich will auf
die Wiese gehen, wann ich will, und ich will meine Jungen aufziehen,
wie ich will: da hat mir keiner etwas dreinzureden, denn es sind meine
Jungen!« Das Gelbschnäbelchen mußte Atem schöpfen. Die Alte steckte
einen Augenblick den Kopf unter den Flügel, sie mußte sich sammeln.

Da mischte sich eine bunte Rouen-Ente ins Gespräch.

»Entchen,« sagte sie zu dem weißen Entlein, »sieh' dich vor! Es könnte
schief gehen mit solchen Grundsätzen. Da, sieh' mein eigenes Junges. Dem
habe ich meine Ansichten beigebracht und bin glücklich und gut durchs
Leben gekommen. Kleines Buntes, wer wird dein Herr sein?«

»Der Enterich,« sagte die kleine Rouen-Ente.

»Was ist deine Pflicht?«

»Gehorsam ist meine Pflicht!«

»Was wird dein Glück sein?«

»Meine Jungen aufzuziehen, wird mein Glück sein!«

»Und dein Stolz!« mahnte die Alte.

»Und mein Stolz,« fügte die Junge hastig hinzu.

»Lächerlich!« schüttelte sich der Gelbschnabel.

Da kam ein Enterich gewatschelt. Groß, schneeweiß, krausen Flaum im
Nacken und die Schwanzfedern gelockt, wie es sich für einen Enterich aus
guter Familie schickt. Er verbeugte sich vor dem weißen Entlein.

»Es ist Zeit, daß ich mir eine Familie gründe,« sagte er. »Können
Sie sich entschließen, meine Gefährtin zu werden?« Die Art seiner Rede
gefiel dem Entlein.

»Werde ich volle Freiheit haben, zu tun, was ich will?« fragte das kecke
Ding.

»Das werden Sie!« versprach der Enterich.

»So will ich mit Ihnen ziehen,« entschied das Entlein, und sah mit seinen
beerenschwarzen kugelrunden Augen zu seiner Mutter hinüber.

»Frau Mutter, nun werden Sie etwas erleben,« rief es. Aber die alte
Peking-Ente antwortete nicht. Sie schlürfte eben eine dicke Raupe in sich
hinein.

Der Enterich trat nun auch vor das junge Rouen-Entchen.

»Wollen auch Sie mit mir kommen?« fragte er etwas von oben herab.

»Es ist mir eine große Ehre,« sagte bescheiden das Bunte und verneigte
sich, »und ich werde Ihnen eine gehorsame Gefährtin sein.«

»Freut mich,« sagte der Enterich. Die beiden jungen Enten nahmen nun
Abschied von ihren Müttern und zogen mit dem Enterich auf seinen Hof.

Dort lebten sie vergnügt zusammen. Das weiße Entlein nach neuen
Grundsätzen, und das Bunte nach alten. Da der Enterich ein guter Kerl war,
kam es mit den Grundsätzen ganz aufs selbe heraus.

Sie fraßen alle drei aus einer Schüssel: die Weiße, weil sie fressen
wollte, und die Bunte, weil sie fressen durfte.

Sie zogen beide hinter dem Enterich her auf die grüne Wiese, die Weiße,
weil es ihr so paßte, und die Bunte, weil sie nichts Besseres zu tun
wußte.

Sie legten jeden Morgen ihr Ei, die Gelbschnäbelige, weil sie wußte, daß
es ihr von der Natur so bestimmt war, und die andere, weil das Ei ja von
selber kam.

Und beide bekamen Junge, niedliche gelbe Dinger. Und beide führten sie gut
und gewissenhaft: Die Weiße, weil sie die herzigen Geschöpfe liebte, ob
sie wollte oder nicht, und die Bunte, weil sie sie auch liebte und es noch
dazu ihre Pflicht und ihr Stolz war.

Die mit den neuen Grundsätzen führte und erzog ihre Jungen, wie sie es
für gut fand, denn der Enterich redete ihr nie darein, er hatte anderes zu
tun. Und die mit den alten Grundsätzen führte sie auch allein, denn auch
um ihre Kleinen kümmerte sich der Enterich nicht.

Und als die beiden Enten älter geworden und die Eier nur mehr spärlich
kamen, da stieg die Köchin hinunter zum Ententeich, packte die Weiße
und die Bunte, drehte ihnen den Kragen um und kochte sie an einer braunen
Tunke.

»Es waren gute Enten, alle beide!« sagte betrübt der Enterich und nahm
sich schweren Herzens zwei andere.

[Illustration]



Warum die Schafe heiraten


»Frau Mutter,« fragte das Lämmlein, »warum haben Sie eigentlich
geheiratet?«

»Das ist eine dumme Frage,« sagte des Lämmleins Cousine. »Warum
heiratet man? Darum!«

»Darum! Das möchte ich gerade wissen, was ›darum‹ bedeutet.«

»Lämmlein, zum Heiraten gibt es mancherlei Gründe,« erklärte nun das
alte Schaf, »zum Beispiel die Liebe.«

»Aha!« sagte das Lämmlein. »Frau Mutter, da haben Sie aus Liebe
geheiratet?«

»Bewahre! Dazu war ich viel zu vernünftig.«

»Hat die Schafs-Cousine aus Liebe geheiratet?«

»Auch nicht,« sagte diese, »dazu war ich zu alt.«

»Aber meine älteste Schwester?«

»Ach nein, die war zu häßlich dazu.«

»Der Bruder?«

»Der war zu arm dazu.«

»Ja, aber,« fragte das Lämmchen verwundert, »wer heiratet denn aus
Liebe?«

Das alte Schaf dachte lange darüber nach, kratzte sich energisch mit dem
Hinterfuß die Seite, scharrte ein wenig mit dem Vorderfuß auf der Erde,
aber es fiel ihr doch niemand ein, der aus Liebe geheiratet hatte. Es riß
ein Kräutlein aus und sagte: »Ich weiß es wahrhaftig nicht!«

»Und warum kann man noch heiraten, Frau Mutter?«

»Um einen warmen Stall zu haben, gutes Futter, und -- nun, um eben ein
würdiges, verheiratetes, gediegenes Schaf zu sein.«

»Und warum noch, Frau Mutter?«

»Lämmchen, du fragst zuviel!«

»Frau Mutter, wenn ich nicht frage, so weiß ich es nicht.«

»Warum man heiratet, brauchst du nicht zu wissen, du wirst es schon noch
erfahren,« sagte die Schafs-Cousine.

»Ich will aber aus Liebe heiraten,« erklärte bestimmt das Lämmchen,
»das gefällt mir am besten.«

»Mir auch,« brummte das alte Schaf, und die Schafs-Cousine sagte:
»Heirate du nur, Lämmchen! Ganz gleich aus welchem Grunde. Die Liebe
kommt nach.«

»Ganz gleich zu wem,« spottete der Schafs-Cousine alter Bock.

»Setzt meinem Schäflein keine Dummheiten in den Kopf,« schalt der
Schafsbock, des Lämmchens Vater.

»Herr Vater, so sagen Sie mir, warum Sie geheiratet haben? Aus Liebe? Oder
um einen warmen Stall zu haben? Oder um verheiratet zu sein? Ich möchte es
so gerne wissen.«

»Lämmchen, Lämmchen,« seufzte der Bock, »mußt du denn alles
erfahren?«

»Heraus damit!« schrie der Schafs-Cousine Alter.

»Ein rechter Bock von altem Schrot und Korn hat nur einen einzigen Grund,
warum er heiratet: Um dem Staate zu dienen und eine Familie zu gründen.«

»Mäh! Bäh!« machte das Cousinen-Schaf.

»Das war aber schön von Ihnen, Herr Vater!« sagte bewundernd das
Lämmchen und stellte seine Fragen ein.

[Illustration]



[Illustration]



Das Festessen


Der Laubfrosch wollte heiraten, und alle Verwandten und Nachbarn sollten an
der Hochzeit teilnehmen. Er hatte eben die Liste der Eingeladenen beendet,
und überlegte nun mit einem seiner Verwandten das Festessen.

»Zuerst geben wir gebratene Mücken als Voressen,« sagte der Laubfrosch.

»Lieber Freund, dann muß ich auf die Freude verzichten, deiner Hochzeit
beizuwohnen,« rief ein Eichhorn, das oben im Baume wohnte und nie zugeben
wollte, daß es junge Vögel und Vogeleier fraß, »Fleisch von Tieren esse
ich nie!«

»Nicht?« fragte verwundert die Eidechse, eine Freundin des Laubfrosches.
»Warum nicht?«

»Ich bitte Sie! Tiere töten! Sie sind doch unsersgleichen!«

»Ja, du liebe Zeit,« rief die Eidechse, »das tun wir doch fast alle.«

»So! Da haben wir es wieder! Weil es alle tun, ist es recht! Meinetwegen,
geben Sie gebratene Mücken, ich esse eben daheim meine Nüsse.«

»Bewahre!« begütigte der Laubfrosch, »ich werde mit Freuden für Sie
Nüsse besorgen. Also: erster Gang: gebratene Mücken und Nüsse. Zweiter
Gang vielleicht Ameiseneier?«

»Es tut mir leid,« rief der Regenwurm, »die esse ich grundsätzlich
nie.« Der Regenwurm hatte so viele Grundsätze, daß er an nichts anderes
denken konnte als daran, keinen zu vergessen. Sonst sah und hörte er
nichts, und nur wenn einer von Grundsätzen sprach, hob er den Kopf.

»Mit was darf ich Ihnen denn aufwarten?« fragte freundlich der
Laubfrosch.

»Mit feiner Erde, wenn ich bitten darf,« sagte der Regenwurm, »ein
Drittel Walderde, ein Drittel Sand und ein Drittel Roßmist.«

»Ich werde alles sehr gerne für Sie besorgen lassen,« sagte der
Laubfrosch. »Zweiter Gang: Ameiseneier und Walderde. Weiter!«

»Ich möchte geröstetes Mehl vorschlagen,« rief die Feldmaus.

»Pfui!« schrie die Biene aus dem Garten von nebenan, »Mehl! Einen
solchen Teig wollen Sie sich in den Magen schmieren? Davon erholen Sie sich
in vierzehn Tagen nicht! Nein! Blütenstaub, das ist das Richtige! Das ist
die Speise, wie die Natur sie bietet!« Sie schwirrte mit den Flügeln im
Gedanken an die beliebte Speise.

»Für Blütenstaub danke ich,« schrie die Eidechse. »Es ist lächerlich.
Und damit wollen Sie genährt sein? Enthält Blütenstaub Eiweiß? Oder
Fett? Also! Eine Fliege, womöglich einen zarten Mehlwurm, das lasse ich
mir gefallen.«

»Ich werde mir das Vergnügen machen, sowohl Blütenstaub als Mehlwürmer
auftragen zu lassen,« versicherte höflich der Laubfrosch.

»Wenn ich eingeladen werden sollte,« rief ein Maulwurf, der seinen Kopf
eben aus dem frischgeworfenen Hügel herausstreckte, »so muß ich sehr um
frische Regenwürmer bitten!« Der Regenwurm, der dicht neben dem Hügel
lag, machte sich eilig davon.

»Pfui!« schrien Eichhorn und Biene, »was für ein roher Patron!«

»Halt du den Schnabel,« sagte die Eidechse höflich zum Eichhorn. Sie aß
selber gerne lebende Tiere. »Du issest auch was dich gelüstet!«

»Nein!« rief das Eichhorn. »Nicht was mich gelüstet, sondern was ich
kriegen kann.«

»Wo bleiben da die Grundsätze?« jammerte der Regenwurm hinter dem Stein
hervor, der ihm als Schutzwehr diente. »Keine Macht der Erde brächte mich
dazu zu essen was ich für unrichtig halte.«

»Zum Glück lebe ich nicht nach Grundsätzen,« brummte die
Schmeißfliege, »ich halte es mit der Abwechslung: Zucker, Fleisch,
Aas --«

»Aas!« schrien alle Tiere, »Aas! Sie ekelhaftes Vieh!«

»Tut nur nicht so,« wehrte sich die Fliege, »ihr wißt nicht, was ihr
verschmäht. Versucht es erst, ehe ihr verdammt.«

»Pfui!« schrien wieder im Chor die Tiere.

»Übrigens begehre ich gar nicht an eurem faden Essen teilzunehmen,«
sagte ärgerlich die Schmeißfliege.

»Bitte, bitte, Frau Fliege, ich werde gerne für ein Stücklein
Aas sorgen,« beruhigte sie der Laubfrosch. »Und wie wäre es mit
Wasserschnecken?« wandte er sich wieder an seinen Verwandten.

»Herrlich!« rief der Frosch, der Onkel des Bräutigams, und:

»Gräßlich!« schüttelte sich die Raupe. »Wenn ich um Kohl bitten
dürfte? Ich esse nur Gemüse.«

»Sehr gern!« Der Laubfrosch notierte: Wasserschnecken und Kohl.

»Werde ich auch eingeladen?« fragte plötzlich eine Stimme. Eine
Ringelnatter kroch unter dem Busch hervor und lag nun dicht vor dem
grünen, entsetzten Bräutigam.

»Gewiß, gewiß, selbstverständlich,« sagte er zitternd, »es wird mir
eine große Ehre sein! Und was darf ich der verehrten Natter anbieten?«

»Ich esse grundsätzlich immer, was da ist,« sagte die Schlange. Damit
packte sie den Laubfrosch und verschluckte ihn langsam.

Sämtliche Nachbarn und Freunde des Dahingegangenen stoben eiligst
auseinander.

»Nun ist es aus mit Hochzeit und Festessen,« jammerte die Schmeißfliege.

»Leider!« seufzte der Regenwurm, »aber sie hat ihn doch aus Grundsatz
aufgefressen.«

»Sie hätte dich verschlucken sollen mit samt deinen Grundsätzen,«
brummte die Schmeißfliege, und tat sich an einer toten Schwalbe gütlich,
die am Wege lag.

[Illustration]



Einsicht


Eine schneeweiße Pfauentaube saß mit dem Tauber auf dem Dach. Sie
glänzten in der Sonne und schnäbelten sich zärtlich.

»Das ist stark,« sagte das Truthuhn, das seinen Kopf ganz schief halten
mußte und dazu blinzeln um hinaufzusehen. Es wollte weiter reden; aber da
ging der Truthahn vorbei, kollerte und blähte sich, und das Truthuhn warf
sich platt auf die Erde, verliebt und demütig. Es sah mit seinen blöden
Augen zu dem stattlichen Tier empor, das mit Rasseln und Trommeln dafür
dankte und sich aufblies wie ein Luftballon.

»Daß man einen Tauber anbeten kann!« kreischte das Truthuhn.

»Einen kleinen, unbedeutenden, farblosen Vogel, der keinem Geschöpf
Respekt einzuflößen imstande ist.« Es lag nun flach da, wie ein breiter,
bräunlicher Eierkuchen. Dem Truthahn schwoll der rote Zierat an Kopf und
Hals. Er wurde purpurrot.

»Daß er die Zärtlichkeit der Taube überhaupt für voll nimmt,«
kollerte er. »Daß er so wenig Einsicht hat und glaubt, was die Kleine da
oben girrt.« Er schüttelte sich. Das Truthuhn vor ihm wurde noch flacher.

»Er ist ein Tauber,« sagte es verächtlich. »Kein Herrscher, kein König
unter seinesgleichen, kein ...« Es konnte nicht weiter, und schnappte
nach Luft. Sein bläuliches Köpflein bewegte sich vorwärts und
rückwärts. Es schloß die Augen und wartete, ob der Truthahn seine
Ergebenheit belohnen werde. Aber er rauschte weiter. Wie dunkles Gold
glänzte sein Gefieder. Er wußte, daß er der Stolz des Hühnerhofes war.

Der große, weiße Hahn hatte dem Zwiegespräch zugehört. Er schwieg.
Stolz drehte er den gebogenen Hals, und gravitätisch ging er seinen
Hühnern voran durch den großen Hof. Eine der Hennen sagte, daß sie sich
wundere, daß der Truthahn sich mit der dummen Dinde abgeben möge, die
Verehrung und Zärtlichkeit heuchle. »Und er glaubt das alles,« sagte ein
braungesprenkeltes Huhn, und trippelte zum Hahn. Der hob sich, schüttelte
sich und krähte. Alle Hühner sahen sich an.

»So wie du, kräht keiner,« sagte eines.

»Wer hat dein stolzes Auge?« fragte ein anderes, und gab der Nachbarin
einen Hieb, denn sie hatte ihm eine Mücke vor dem Schnabel weggeschnappt.

»Wessen Schwanzfedern wölben sich wie die deinen?«

»Wer ist so weiß wie du?«

»Wer könnte uns beschützen, wie du es tust?« Der Hahn schwieg. Er
war klug. Aber er stolzierte durch den Hof, schlug mit den Flügeln und
krähte, daß alle Hähne der Nachbarschaft antworteten.

Der Enterich, der am Zaun in der Sonne lag, hatte mit seinen
beerenschwarzen Augen dem allem zugesehen. Er war aber zu faul, um zu
sagen, was er dachte. Er wippte nur mit dem Schwänzlein und schnatterte
ganz leise. Seine beiden Enten konnten sich nicht genug wundern, daß der
Hahn solche grobe Schmeicheleien glaube. Sie sahen hinüber zum Hahn und
schnatterten empört und verächtlich. Dann begannen sie gleichzeitig den
Enterich zärtlich zu lausen. Er ließ es sich gefallen.

Warum auch nicht?

[Illustration]



Eintagsfliegen


Ein paar leichtbeschwingte Fliegen summten um den schön gezopften
Misthaufen im Hühnerhof herum.

Eine von ihnen, eine behäbige, wie blaues Metall glänzende Roßfliege
setzte sich auf den hölzernen Zaun, der den Hof umschloß, denn es war
unter ihrer Würde, sich tiefer unten niederzulassen. Sie hatte der Welt
Großes geschenkt. Eine Entdeckung von Ewigkeitswert war ihr gelungen: Sie
hatte die Grenze der Erde erreicht. Triumphierend sah sie sich um.

»Die ganze Welt ist nun unser,« sagte sie, und ein Schauer der Ehrfurcht
machte die zarten Flügel der andern erzittern.

»Unser, im wahren Sinn des Wortes,« sagte bewundernd eine kleine, muntere
Fliege. »Nach allen Richtungen haben wir sie erforscht. Sie birgt kein
Geheimnis mehr für uns.« Die tausend Augen der Zuhörer richteten sich
wieder auf die Roßfliege, die aber unwillig surrte, denn sie liebte es
nicht, wenn andere in der Mehrzahl von ihrer Entdeckung redeten.

Die muntere Fliege kratzte sich etwas verlegen mit dem dünnen Beinchen den
Kopf.

»Ich sage wir, weil ich dadurch andeuten möchte, daß das Universum
teilnimmt an dem Großen, das in diesen Tagen geschah. Und auch, weil wir
andern es uns nicht nehmen lassen wollen, uns als einen Teil des Ganzen zu
fühlen, als einen Stein am Bauwerk der Wissenschaft, als eine Staffel an
der Leiter des Ruhms, deren höchste Stufe unsere glorreiche Roßfliege
-- es verneigten sich alle zum Zeichen des Respekts und schwirrten mit den
Flügeln -- erreicht hat.«

Die Gefeierte sah bescheiden mit den tausend Facetten ihrer Augen zum
Himmel auf, mit der anderen Hälfte spiegelte sie im Kreis herum, ob man
ihr auch allseitig die gebührende Hochachtung erweise.

Plötzlich flogen alle Anwesenden erschrocken auf, denn es nahte sich ein
großer, unbekannter Fliegenschwarm. Sie setzten sich aber sogleich
wieder, da die Herannahenden kamen, um dem blauglänzenden Forscher Ehre zu
erweisen.

Ein gegenseitiges, höfliches Flügelrauschen, Summen und Surren erhob
sich. Ein bewunderndes Auf- und Abwogen, ein Gratulieren, bescheidenes
Abwehren, interessiertes Fragen, bestimmtes, sicheres Antworten. Eine
grünschillernde Fliege sprach für die andern. Sie wandte sich an die
Roßfliege.

»Du hast es erreicht,« begann sie. »Ohnegleichen ist dein Ruhm.
Himmel und Erde sind dir kein Geheimnis mehr. Die Grenze der Welt hast
du erforscht. Unter die Unsterblichen bist du aufgenommen worden.« Sie
funkelte mit ihren geschliffenen Augen die Roßfliege an, die zusehends
dicker, größer, blauer und haariger wurde. Alles an ihr wuchs und
gleißte.

Sie surrte auf das korrekteste ihren Dank, nahm den Orden der erlösten
Paradiesfliegen entgegen, und geleitete darauf die Deputation über den
Misthaufen, durch den Hof, weit in den Garten hinaus. --

»Die Blaue platzt noch vor Hochmut,« sagte eine Biene, die an ihr
vorüberflog. Sie kroch in eine rosafarbene Primel, blieb dort eine Weile,
und kam heraus, die Füßchen voll Blütenstaub. »Was hat man davon, wenn
man weiß, daß am Ende der Welt ein Berg ist, den keiner überfliegen
kann?« fragte sie.

»Nichts,« sagte verächtlich ein Schmetterling, der auf der Primel saß.
»Aber was hast du von deiner Arbeit?«

Verblüfft sah die Biene ihn an.

»Genug, meine ich. Die Welt bewundert uns und braucht uns. Ohne uns
schritte der dürrbeinige Hunger durch das Land. Ohne uns stürbe, was Odem
hat. Was ich davon habe? Dumme Frage: Wir sind die Ernährer der Welt.«
Zornig schnellte sie ihren Stachel gegen den samtnen Schmetterling.

Er wiegte sich jetzt auf einer frühen Narzisse, die weiß wie er, ihr
goldenes Krönchen auf der Stirne, ihren zarten Duft verbreitete.

»Arbeitstiere ihr,« sagte er verächtlich. »Ihr braucht auf euren
Stand auch noch stolz zu sein. Grobes Volk, aller Schönheit bar. Wir
Schmetterlinge sind der Zweck der Schöpfung. Wir sind das Schöne. Wir
tragen den blauen Himmel, die bunten Blumen, die durchsichtigen Steine und
den Schimmer des Goldes auf unsern Flügeln. Wir baden uns im flirrenden
Sonnenstrahl und nähren uns von glitzerndem Tau. Wir leben um zu
genießen. Ohne uns wäre die Welt öde, glanzlos, traurig.«

Er berührte den silberschimmernden Atlas der Narzisse mit den zarten
Flügeln. Die Biene flog mürrisch summend davon, dem Garten zu, wo ihr
Korb stand. Sie flog mit ihren beschwerten Füßen langsam an der blauen
Roßfliege vorüber, die eben heimkehrte in der Mitte ihrer Anbeter.

»Faulenzer,« brummte die Biene.

In der Nacht kam ein Frost. Am Morgen lagen sie alle starr und steif am
Boden, die Fliegen, die Biene und der Schmetterling. Auf dem Rücken lagen
sie und streckten die Beine gen Himmel. -- Über ihnen lächelten die
Sterne.



Der Gesangverein


Mitten in einem Steinbruch lag ein Tümpel, der von großen Blättern
beschattet war, und wo der Gesangverein »Froschenia« seine Übungen
abhielt. Jeden Donnerstag Abend.

Es war ein feiner Gesangverein, und nur feine Leute sangen mit. Waren
andere Elemente eingetreten, so wurden sie rechtzeitig hinausgeekelt.
Sämtliche Mitglieder hatten Grün als ihre Farbe erwählt, und so
erschienen bei den Übungen die Damen in grünen Roben, die Herren in
ebensolchen Fracks, mit weißen oder gelben Piquéwesten*.

  * Die Verpflichtung, nur grün gekleidet den Übungen beizuwohnen,
  hielt auch Unbemittelte fern. Sie waren nicht erwünscht.

Es war kurz vor acht Uhr. Man fand sich immer ein paar Minuten vor der Zeit
ein, teils um des notwendigen, sehr beliebten Flirts willen, teils um die
ebenso berechtigte Medisance zu Wort kommen zu lassen.

Nur die ganz jungen Fräuleins kamen naiv um des Singens willen, sie
schwärmten aber für den Kapellmeister. Daß er verheiratet war, tat
nichts zur Sache, da die Backfische gänzlich wunschlos schwärmten.

Der Meister kam und bestieg sein Pult.

»O Gott!« sagten die ganz jungen Fräuleins und sahen sich errötend an.

Die älteren Damen warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu; denn der Musiker
hatte mit einer unter ihnen einen kurzen Gruß getauscht. Man wußte, daß
sie einander sehr genau kannten.

»Ekelhafter Patron,« näselte ein Student, »glaubt sich hier Hahn im
Korb.« Die Studenten waren wütend, weil sie von den Backfischen nicht
beachtet wurden; die hatten nur Augen für den verehrten Meister.

Der Kapellmeister gab das Zeichen zum Beginn. Man übte aus Carmen.

»Ich bitte die Bässe gefälligst beginnen zu wollen!« rief der Dirigent.
Alle erhoben sich, und: Mut in der Brust, siegesbewußt! erscholl es unter
den großen Blättern.

»Halt! Etwas mehr Feuer, muß ich bitten!« rief der Kapellmeister. Also
noch einmal: Mut in der Brust, siegesbewußt! Diesmal wurde der Chor zu
Ende gesungen.

»Meine Herren,« schrie der Musiker, »ich habe Sie singen lassen, um
einmal den vollen Eindruck eines derartigen Singsangs zu bekommen! Meine
Herren! Ist das gesungen? Das ist geleiert. Haben Sie denn keine
Ahnung, was das ist: Mut in der Brust? Hat denn noch keiner von Ihnen
Siegesbewußtsein empfunden! Mut ist -- --«

Da patschte es im Wasser, ein roter Schnabel wurde sichtbar, und ein paar
lange Beine traten mitten zwischen die grünen Herren und Damen.

Eine Sekunde lang war alles starr; dann sprangen, huschten, schwammen und
quiekten sie durcheinander und waren im Nu verschwunden. Der Storch hatte
das Nachsehen und schrie höhnisch: »Jawohl! Mut in der Brust! Ihr seid
mir die Rechten!« Dann suchte er sich anderswo sein Nachtessen.

Es dauerte eine lange Weile, ehe sich einer der Herren Frösche
hervorwagte, dann ein zweiter und dritter. Endlich war die ganze
Gesellschaft wieder beisammen. Sie waren noch ganz aufgeregt von dem
Abenteuer. Der Dirigent begab sich an sein Pult, bedeutend milder gestimmt,
klopfte dreimal mit seinem Stab und rief: »Meine Herren und Damen! Ich
bitte um das Lied: Ein Veilchen auf der Wiese stand!« Das Lied wurde mit
Empfindung gesungen, und mußte nur ein einziges Mal wiederholt werden.

Da aber der Meister beim Schluß des Liedes die Augen jedesmal nach der
vorerwähnten Dame verdrehte, begann ein Backfisch zu kichern, andere
fielen ein, es lachten die älteren Fräuleins, es lachten die Damen, die
Herren, zuletzt alle.

Wütend klopfte der Kapellmeister.

»Ich bitte die ungezogenen Backfische den Saal zu verlassen!« schrie er.

»Was! Ungezogenen Backfische!« brüllten die Studenten, »das lassen wir
uns nicht gefallen!« Sie stürmten das Dirigentenpult, packten den armen
Musiker an den Beinen, und in hohem Bogen flog er ins Wasser.

Die Übung war aus. Arm in Arm verließen die Studenten mit den Backfischen
das Lokal. Diese schwärmten nun für ihre Verteidiger, die ihren Vorteil
wahrnahmen. Hinter jedem Blatt saß ein Pärchen.

Die Damen waren vorsichtiger; sie trafen sich mit den betreffenden Herren
erst weit draußen und benutzten die Schatten der Binsen.

Die älteren Herren aber zogen in den »Goldenen Frosch«, um den heutigen
Abend durchzusprechen. Die Stimmung war sehr animiert, es wurde viel
getrunken. Nach Mitternacht schwankte eine Reihe grünbefrackter Gestalten
nach Hause und sang: Mut in der Brust, siegesbewußt! mit so viel Verve und
Feuer, daß auch der Kapellmeister zufrieden gewesen wäre!

[Illustration]



[Illustration]



Das kluge Huhn


Im Hühnerhof war große Gesellschaft. Von überall her waren die Hühner
und Enten eingeladen. Zu einem Gericht frischer Maikäfer hieß es, in
Wahrheit aber um die neue Nachbarin in Augenschein zu nehmen. Es ging das
Gerücht in der Gegend, daß sie eine Andalusierin sei. Und das mußte wahr
sein, denn tief schwarz war das Gefieder, und blau die Bäcklein, wirklich
blau. Andere Spanier, Minorka zum Beispiel, hatte man ja auch schon
gesehen, aber Andalusier noch nie.

Die Fremde benahm sich wirklich nett. Sie begrüßte jede der Hennen
einzeln, und nur ganz kurz den Hahn.

Sie beantwortete sämtliche Fragen mit »Ja« oder »Nein«. Selber fragte
sie nichts.

Nur bei den Hennen, die Junge hatten, forschte sie eifrig, ob alle die
Kleinen gesund seien, und fügte hinzu, daß sie selten so hübsche Jungen
gesehen habe.

Diese weise Frage hatte sie von ihrer Großmutter.

»Kücken,« hatte die gesagt; »du gehst nun in die weite Welt. Klug bist
du nicht. Also gibt es für dich nur zweierlei zu beobachten: Begegnet
dir ein Hahn, so sei schweigsam, und begegnet dir ein Huhn, so lobe seine
Jungen. Beide werden deine Klugheit preisen.«

Die einzige Klugheit des spanischen Kückens war aber die, daß es seiner
Großmutter gehorchte. Und auch diese Klugheit verdankte es nur seiner
Dummheit. Es fiel ihm leichter zu gehorchen, als selbst zu denken.

Der Rat des alten spanischen Huhnes bewährte sich.

»Es ist wirklich eine gescheite Henne,« sagten die mütterlichen Hühner.

»Das ist sie,« bestätigte der Hahn und fügte anzüglich hinzu:
»Wenigstens gackelt sie nicht den ganzen Tag wie gewisse andre. Sie muß
klug sein.«

Nun war die Parole ausgegeben. Die kluge Spanierin wurde sie überall
genannt.

»Sie kann reizend zuhören,« sagten die guten, schwatzhaften Hühner und
merkten nie, daß die Fremde bei ihren Erzählungen die Augen geschlossen
hatte und träumte.

»Und so bescheiden ist sie,« sagte die alte Ente. Sie konnte es nicht
leiden, wenn ihr jemand widersprach, ganz besonders wenn es junge Leute
waren. Die Jungen hatten »Ja« zu antworten, und damit basta.

Und »Ja« antwortete die Spanierin immer, warum hätte sie »Nein« sagen
sollen? Es war ihr ja ganz gleichgültig, was die Alte da behauptete.

Der Hahn aber liebte seine schwarze Andalusierin sehr. Sie bewunderte ihn
schweigend. Mit kindlichen, runden Augen sah sie zu ihm auf. Sie schwieg,
wenn die anderen gackelten. Sie lief immer dicht hinter dem Hahn und ging
nie eigene Wege. Auch hatte sie nie eine eigene Meinung.

Später hatte die Spanierin Junge. Reizende, schwarze, kleine Geschöpfe.
Sie hütete und fütterte sie und lief nie von ihrer Seite. Das tut ein
Huhn aus Instinkt, dazu braucht es keinen Verstand.

Als sie aufwuchsen, gab es freilich Hindernisse.

»Was muß ich tun, um in der Welt fortzukommen?« fragte einer der jungen
Gockel.

»Du mußt »ja« und »nein« sagen und die Kücken der Hennen loben,«
sagte das Huhn. »Das hat mich meine Großmutter gelehrt, und ich bin gut
damit ausgekommen.«

Das Huhn sah nicht, daß hinter dem Zaun eine schöne, bunte Katze saß,
mit feurigen, gelben Augen, die das Gockelchen unverwandt anstarrte. Es
lief auf sie zu. Die Katze packte es und trug es im Maul davon.

»Was muß ich tun, um in der Welt fortzukommen?« fragte auch eines der
jungen Hühnchen.

»Du mußt dem Gockel gefallen, das hat schon meine Großmutter mich
gelehrt,« sagte das spanische Huhn und warnte das Hühnchen nicht vor dem
Habicht, der mit gierigen Augen über dem Hühnerhof kreiste. Er schoß
herab und packte das Hühnchen mit seinen scharfen Krallen.

Auch die andern Kücken kamen gelaufen.

»Was ist das Schönste in der Welt?« fragten sie.

»Das Schlafen,« sagte die Andalusierin und schloß ihre Augen. Die
Kücken schlossen auch ihre Augen.

Sie sagten des ganze Leben »ja« und »nein«. Sie fraßen und schliefen.

Als das spanische Huhn starb, hielt der Hahn die Grabrede. Er nannte die
Andalusierin die Klügste des Hühnerhofes.

»Des Hühnerhofes,« nickte klappernd der Storch und flog davon.

[Illustration]



Der alte Schafbock


In der Schafherde lebte ein alter Bock. Er war nicht liebenswürdig
gewesen, als er jung war, und er glaubte nun das Recht zu haben, noch viel
weniger liebenswürdig zu sein, da er alt geworden. Um seines Alters willen
mußte die ganze Herde sich ihm beugen. Einzig gegen die jungen Schäfchen
war er freundlich, und die hätten es lieber gehabt, wenn er weniger artig
gewesen wäre. Dies fanden auch die jungen Böcke. »Das Recht des Alters«
nannte es der Schafbock, wenn er an den Lämmern herumschnüffelte.

Er hatte aber noch andre Eigenschaften.

Meistens erzählte er lange, langweilige Geschichten, und vergaß im
Laufe der Erzählung das Ende. Er fing dann von vorne an und erzählte
die Geschichte noch einmal. Aber dann passierte es ihm leicht, daß er die
Pointe einer andern Erzählung dieser anfügte. Das merkten aber nur die
andern, er selbst nie.

Man sah es ihm immer an, wenn er erzählen wollte, er hatte dann einen
matten, in sich gekehrten Blick. Wer ihn bemerkte, nahm Reißaus. Nur
die ganz Jungen nicht, die sahen nie, was ihnen drohte; noch nicht einmal
merkten sie es, wenn der Alte sie zu sich rief.

»Laßt euch einmal erzählen, wie zu meiner Zeit die Alten behandelt
wurden,« sagte er dann, und die Helden seiner Geschichten wurden jedesmal
tugendhafter, und die Böcklein, die zuhörten, kamen sich jedesmal
gemeiner vor, wenn sie sich mit den Altersgenossen des alten Schafbockes
verglichen. Aber wieder nur die ganz Jungen.

Die andern kannten die Form, nach der die schönen, moralischen Lügen
geprägt wurden.

Der alte Bock hatte aber nicht nur Belehrendes zu erzählen. Stand er unter
den Schafen, so ging es nach einer andern Melodie, und hatte er sich gar an
die Jungen herangeschlichen, so hörte er überhaupt mit Erzählen auf, und
die Lämmlein mußten sich von ihm lecken lassen, so sehr ihnen vor seinen
kahlen Stellen im Pelz und seinen roten Augen ekelte.

»Denkt, ich sei euer Großvater, meine Lämmchen,« sagte er. Aber das
dachten sie nicht und sprangen bei der ersten Gelegenheit davon.

Der alte Schafbock hörte nicht mehr gut, deshalb mußte jedes Wort, das
in seiner Gegenwart gesprochen wurde, wiederholt werden, auch das
gleichgültigste.

»Das ist das Recht des Alters,« behauptete er auch da. Zudem nahm er
alles übel, und die Jungen mußten um Verzeihung bitten, wenn sie es schon
nicht böse gemeint hatten.

»Das ist die Pflicht der Jugend,« sagte er. Er hatte auch ein schlechtes
Gedächtnis und wiederholte fortwährend dasselbe. Wenn den andern die
Geduld ausging, und sie über ihn weg zusammen redeten, wurde er wütend.

»Nie wäre so etwas zu meiner Zeit möglich gewesen,« schrie er. »Die
heutige Jugend ist entartet, der Respekt vor dem Alter ist tot!«

»Warum soll man eigentlich gerade vor dem Alter Respekt haben?« fragte
ein kräftiges Böcklein.

»Warum? Warum?« Der Alte schnappte nach Luft. Er erstickte fast vor Zorn.
Er schnaufte und nieste und schäumte und bespritzte die Umstehenden. Aber
als er fertig war, fand er doch keine Antwort.

»Darum!« mähte er endlich heiser. »Ich verlange Respekt von euch, das
ist mein Recht! Ihr habt zu schweigen, wenn ich rede, ihr habt zuzuhören,
wenn ich erzähle, ihr habt stillzuhalten, wenn ich euch liebkose. Ihr habt
mir nicht zu widersprechen, wenn ich etwas behaupte, und ihr habt mich zu
ehren und zu lieben und zu achten.« Erschöpft schwieg er.

»Warum?« fragten sie wieder. »Wir wollen wissen warum!«

»Weil ich alt bin!« Der alte Schafbock ging seinem Stalle zu, um zu
schlafen.

»Wenn er freundlich wäre,« sagten die Schafe, »wir wollten ihm gerne
helfen und ihm dienen!«

»Wenn er würdevoll wäre,« sagten die jungen Böcklein, »wir wollten
ihm gerne gehorchen.«

»Wenn er weise wäre,« sagten die alten Schafe, »wir hörten gerne
seine Lehren. Aber er ist nur alt. Hat er darum ein Recht auf unser aller
Wohlbehagen?«

»Nein,« schrien alle, »er hat keines! Wir wollen ausziehen und uns
belehren über die Rechte des Alters.« Die ganze Schafherde ging über
Land.

Sie fanden ein altes Pferd auf der Weide. Still und ruhig graste es.
Sprangen unerfahrene, junge Pferde zu nahe an den Fluß, so hielt es sie
auf. Den Füllen wehrte es die Fliegen. Wollten die Pferde in wildem
Jagen ihre Glieder üben, so stand es beiseite, und freute sich der tollen
Sprünge und gedachte dabei der eigenen Jugend. Und die jungen Pferde
suchten die saftigsten Kräuter und führten das alte Pferd dorthin. Sie
rieben sich schmeichelnd an ihm und scherzten mit ihm. Sie liebten es, denn
es freute sich ihrer Jugend.

»Hat das alte Pferd von seinen Rechten gesprochen?« fragte der Leiter der
Schafherde.

»Kein Wort!« riefen alle. Darauf fanden sie einen rissigen, uralten Baum.
Hohl war sein Stamm, und dürre Äste ragten traurig zum Himmel auf. Aber
fröhlicher Efeu war am Stamme in die Höhe geklettert und schmiegte sich
schmeichelnd an die Eiche.

»Kann der Baum den Efeu zwingen, ihn zu schmücken, darum weil er alt
ist?« fragte der Leitbock die Herde.

»Niemals,« antworteten die Tiere.

Am Bache lag ein alter, grauer Stein. Er lag mitten im Flußbett und
störte den Lauf des Bächleins. Aber er hatte sich mit grünem Moos
bedeckt, er hatte seine scharfen Kanten und Ecken vom lustigen Wässerlein
abschleifen lassen und hörte freundlich auf sein Murmeln und Plätschern,
und freute sich des munteren Gefährten, der sein Alter erheiterte.

»Warum kräuselt sich der Bach so gerne um den alten Stein?« fragte der
Bock die Herde.

»Weil der Alte ihn nicht hemmt!« rief die Herde.

»So brauchen wir nicht weiter zu ziehen,« sagte der Bock. »Wir wissen
nun, was wir wissen wollten.« Und sie zogen heimwärts bis zu ihrer Weide,
wo der alte Bock mürrisch an der Sonne lag und schalt, daß man ihn so
lange allein gelassen.

»Ich habe ein Recht, zu verlangen, daß man bei mir bleibe,« rief er und
stieß die Nahestehenden mit den Hörnern.

»Fort mit dir,« schrie nun die ganze Herde. »Du hast kein Recht auf uns,
nur weil du alt bist! Gehe zu Pferd, Baum und Stein und lerne von ihnen,
wie man sich Liebe erwirbt.« Und sie ließen den Bock stehen und rannten
leichtfüßig hinauf in die Berge, in die Sonne, zu duftendem Tymian und
Vergißmeinnicht.

[Illustration]



Vom bescheidenen Hähnchen


»Frau Mutter, wir möchten uns ein wenig in der Welt umsehen,« sagte das
jüngste Hähnchen zu der Henne.

»Ja, das möchten wir,« sagte auch das älteste.

»Was heutzutage die Kinder nicht alles wollen!« Die Henne schüttelte den
Kopf. »So geht! Ihr werdet bald genug wieder da sein. Und was ich sagen
wollte: Seid ja recht bescheiden und drängt euch nirgends vor. Das können
die Erwachsenen nicht leiden.«

Die Hähnchen machten sich eilends davon und krähten heiser und vergnügt
in die Welt hinaus. Die Henne sah ihnen nach.

»Um den Ältesten ist mir nicht bange,« sagte sie zum Hahn, »aber der
Jüngste.«

»Jugend hat keine Tugend,« bedeutete sie der Hahn.

Die Hähnchen zogen über das Feld, und das jüngste wurde hungrig.

»Hast du etwas zu essen?« fragte es seinen Bruder.

»Nein,« sagte der Älteste; »aber da kriecht eine fette Raupe.«

»Danke!« sagte das Jüngste, und fraß sie auf. Verblüfft sah der andere
zu.

»Eigentlich hätte sie mir gehört. Ich habe sie zuerst gesehen.«

»Aber ich habe sie zuerst gefressen,« sagte ruhig das Hähnchen.

Sie liefen weiter und liefen manchen Tag, und die Welt hatte immer noch
kein Ende. Es wurde ihnen fast unheimlich zumute.

»Ich wollte, ich wäre wieder daheim bei der Frau Mutter!« sagte das
Älteste.

»Das glaube ich!« lachte der Fuchs, der plötzlich vor ihnen stand.
»Welches von euch beiden möchte nun zuerst gefressen werden?«

»Bitte, Herr Fuchs, ich warte gerne,« sagte das jüngste Hähnchen
bescheiden.

Da packte der Fuchs den Ältesten und zerriß ihn. Das Jüngste aber lief
über das Feld heimwärts, so schnell es konnte. Es rannte und flog und
krähte, bis es endlich bei seiner Mutter war.

»Frau Mutter,« schrie es schon von weitem, »oh, wie recht haben Sie
gehabt. Bescheidenheit ist eine schöne Sache.«

»So,« sagte die Henne und sah ihren Jüngsten mißtrauisch an, »und wo
hast du denn deinen Bruder?«

»Den hat der Fuchs gefressen, Frau Mutter. Und hätte ich nicht auf Sie
gehört und mich unbescheiden vorgedrängt, so hätte die Sache schief
ablaufen können.«

[Illustration]



Das neue Buch


Es war einmal ein alter Uhu, der nicht mehr auf die Jagd gehen konnte, und
sich von seinen Söhnen füttern lassen mußte. Da dachte er, daß er ein
Buch schreiben wolle, und zwar ein Buch, in dem man sehen konnte, wie es in
der Welt zugehe. Er wollte es drucken lassen für die Schulkinder.

Er ließ seine drei Freunde kommen: Den Maulwurf, den Hahn und die
Schwalbe; die sollten ihm berichten, was sie von der Welt wüßten.

Es waren Leute, die viel erfahren hatten, zudem wichen sie nie von der
Wahrheit ab, und dem Uhu lag besonders viel daran, daß in dem Buch nur die
reine Wahrheit gesagt würde.

Sie begaben sich zusammen an den Rand des nächsten Waldes, um ungestört
verhandeln zu können. Der Uhu saß im Stamm einer alten, hohlen Eiche,
der Hahn ging gravitätisch davor auf und ab und der Maulwurf grub sich ein
Loch, aus dem er nur den Kopf herausstreckte. Die Schwalbe aber flog auf
den untersten Zweig des Baumes, unter dem sie beraten wollten.

Der Uhu nahm sein Notizbuch, spitzte seinen Bleistift, und bat den Maulwurf
anzufangen. Der setzte sich in Positur und begann:

»Die Welt ist dunkel.«

»Dunkel?« fragte die Schwalbe verwundert.

»Ja, dunkel,« antwortete der Maulwurf bestimmt. »Dunkel und eng. Lange,
schmale Gänge durchziehen sie, in denen man bequem gehen kann. Man macht
die Gänge selbst, und hat viel Arbeit damit. Nahrung gibt es in Menge. Die
Tiere besitzen alle einen schwarzen samtnen Pelz.«

»Einen schwarzen Pelz!« rief der Hahn. »Was für ein Unsinn!«

»Jawohl, einen schwarzen Pelz! Es gibt auch Maulwürfe, die einen weißen
Pelz haben. Aber zum Glück sind sie sehr selten. Man verachtet sie, weil
sie nicht sind wie alle andern.«

Der Uhu schrieb alles, was der Maulwurf gesagt, in sein Notizbuch. Zu
einigen Mitteilungen machte er Bemerkungen. Er sagte aber nichts, sondern
fragte höflich den Maulwurf, ob er noch etwas mitzuteilen habe.

»O ja,« sagte der Maulwurf, »die Hauptsache! In der Welt ist es sehr
langweilig. Ein Tag ist wie der andere, und man hat nur zwei Zerstreuungen.
Die eine ist das Essen. Die andere ist, daß man alle anderen Tiere über
die Achsel ansieht, die nicht in der Welt wohnen und nicht leben wie die
Maulwürfe. Und das ist die feinste Freude für einen Maulwurf.«

Der Uhu notierte alles. Darauf bat er den Hahn, nun auch seine Erfahrungen
mitzuteilen.

»Die Welt,« begann der Hahn, »ist meistens eine lustige Sache. Genug zu
essen, genug zu trinken und Hühner, soviel man will!«

»Soviel man will!« stöhnte entsetzt der Maulwurf.

»Jawohl! Soviel man will! Die Welt ist viereckig und hat einen Zaun aus
Draht rings herum. Die Welt hat ein Licht am Himmel, dann ist es warm.
Manchmal fallen aber weiße Fetzen vom Himmel und dann ist es kalt.«

»Weiße Fetzen?« fragte erstaunt die Schwalbe.

»Ja, und wenn die herabfallen, wird die ganze Welt weiß davon. Kein Tier
legt dann Eier. Es gibt in der Welt jemand, der einem alle Tage Futter
bringt. In der Welt haben die Tiere Federn und einen roten Kamm.«

»Einen Kamm?« riefen Maulwurf und Schwalbe. »Das ist nicht wahr.«

»So! Nicht wahr!« krähte heftig der Hahn. »Ich habe doch einen, und
unsere Kücken haben einen, wenn sie zur Welt kommen, meine Hühner haben
einen, und dann: nicht wahr! Jedes Wort ist wahr, das ich sage! Ich habe
alles selbst beobachtet, ich lebe mitten in der Welt und betrachte sie von
morgens bis abends.«

Der Uhu bat höflich den Hahn, sich nicht zu ärgern. Es zweifle niemand
an der Wahrheit seiner Behauptungen, nur nehme eben nicht jedes denselben
Standpunkt ein. Da gebe es dann leicht Differenzen.

»Das Schönste in der Welt,« fuhr der Hahn besänftigt fort, »ist der
Misthaufen. Das ist eine wahre Fundgrube. Würmer, Käfer, Körner, kurz
alles, was man sich wünschen kann, ist vorhanden. Das ist eine Lust, wenn
alle da kratzen und scharren, picken und gackern, und nie fühlt man sich
so als Mann, als wenn man auf seinem Mist steht inmitten seiner Hühner und
stolz in die Welt hinauskräht.«

Ganz ergriffen hörte der Uhu zu. Zu der letzten Bemerkung des Hahns machte
er ein Kreuz, damit er sie besonders sorgfältig ausarbeite.

Dann bat er die Schwalbe, nun auch ihre Beobachtungen und Erlebnisse zum
besten zu geben.

»Die Welt,« fing die Schwalbe an, »ist unendlich groß. Sie besteht aus
Meeren und Ländern, aus Bergen und Tälern. Das Schönste in der Welt ist,
wie ein Pfeil die Luft zu durchmessen, von einem Land ins andere, Meere zu
überfliegen und seine Brust dem Sturme preiszugeben.«

»Ein gräßliches Vergnügen!« wimmerte der Maulwurf, und der Hahn und
der Uhu schüttelten ihre Köpfe. Der Uhu fragte nicht weiter. Es kam
ihm gar zu phantastisch vor, was die Schwalbe erzählte, gar zu
unwahrscheinlich und übertrieben. Jedenfalls würde er sich in seinem Buch
mehr an die beiden andern halten.

Der Uhu dankte den Dreien sehr für die nützlichen Mitteilungen, und
versprach jedem ein Exemplar des Buches, wenn es erscheinen würde. Er
sagte, daß die Ansichten der drei Freunde weit auseinander gingen, daß
aber, da alle drei ehrenwerte Leute seien, an ihrem Worte nicht zu zweifeln
sei. Er werde alles sorgfältig prüfen und aus allen Darstellungen
dasjenige nehmen, was ihm für die Kinder das Passendste scheine.

Nach einigen Monaten kam das Buch für die Schulkinder heraus. Lehrer
Storch las in der Schule daraus vor. Es hieß da:

Die Welt ist dunkel. Oft ist eine Sonne da, doch scheint sie nicht immer.
Wenn sie scheint, sehen sie nicht alle.

In der Welt haben die Tiere einen Kamm, manchmal aber einen schwarzen Pelz.
Die Welt ist unendlich groß, und alles ist mit einem Zaun umgeben. Sie ist
viereckig.

Das Schönste in der Welt ist der Misthaufen. Einige fliegen darüber weg
und geben ihre Brust dem Sturme preis, die meisten aber krähen und suchen
Würmer.

In der Welt sind enge, dunkle Gänge und darinnen verachtet man die andern
Tiere. In der Welt ist es sehr langweilig, manchmal auch lustig, besonders
wenn man Hühner hat, soviel man will und genug zu essen.

Viele Tiere sehen Flocken vom Himmel fallen, andere sehen sie nie.

In der Welt bringt jemand den Tieren Futter ... usw.

Als der Storch fertig vorgelesen hatte, mußten die Kinder es
durchbuchstabieren, und dann mußten sie es auswendig lernen.

Der Uhu hatte es sich lange überlegt, welche der verschiedenen Ansichten
der Tiere er bringen wolle, denn sie stimmten ja durchaus nicht überein.
Er wollte keinen seiner Freunde ärgern, indem er etwas wegließ, auch war
ihm alles gleich wertvoll und schien ihm unentbehrlich für sein Buch.

Zuletzt fand er einen Ausweg. Er machte Zettelchen, schrieb sämtliche
Beobachtungen von Maulwurf, Hahn und Schwalbe einzeln darauf, warf sie
dann in eine Schüssel, schüttelte sie tüchtig und fing an zu ziehen. Den
ersten Zettel, den er zog, gebrauchte er für das Buch, den zweiten nicht,
den dritten wieder für das Buch, den vierten nicht, und so weiter, bis er
den letzten gezogen hatte.

Das war gerecht und einfach und konnte ihm keinerlei Unannehmlichkeiten
zuziehen. Und so entstand das Buch.

Der Storch stattete dem Uhu einen Besuch ab und dankte ihm begeistert im
Namen der heranwachsenden Jugend für das interessante Werk.

[Illustration]



Die lieben Nachbarn


»Habt ihr es schon gehört, der Nachbar von nebenan will eine Stadtmaus
heiraten!« sagte eine Feldmaus zu ihren Besucherinnen. Sie glättete ihr
braunes Pelzlein und ringelte zierlich den Schwanz.

»Eine Stadtmaus? Doch nicht die Weiße mit den roten Augen, die neulich
hier auf Besuch war?«

»Gerade die!«

»Jetzt hört aber doch alles auf!« jammerte eine der drei, eine
fette braune Feldmaus. »Also die Weiße! Nun, der Nachbar kann sich
gratulieren!«

»Warum? Was wissen Sie von der weißen Maus?« schrien aufgeregt die
andern.

»Ich weiß nichts, und ich sage nichts; aber denken tue ich mein Teil.«

»Woher wissen Sie es, Frau Feldmausin?« fragten die drei und rückten
näher zusammen.

»Das darf ich nicht sagen. Aber die Person, die es mir mitteilte, ist
zuverlässig, durchaus zuverlässig. Wenn das unser Nachbar wüßte! Der
würde sich schwer hüten, so eine zu heiraten.«

»Man sollte ihn warnen,« riefen alle; »das ist beinahe unsere Pflicht!«

»Jawohl, es ist eigentlich unsere Pflicht!« Alle nickten mit den Köpfen
und sahen sich bedeutungsvoll an. Es glänzte unternehmungslustig in den
beerenschwarzen Äuglein. Und die vier machten sich eilig auf, und gingen
zum Nachbarn hinüber.

»Herr Nachbar, wir kommen in einer delikaten Angelegenheit.«

»Liebe Freundinnen, ihr kommt gewiß, um mir zu gratulieren. Es ist
ja kein Geheimnis mehr, gar nicht.« Die vier lächelten sauersüß und
wünschten Glück.

»Meine Braut ist reizend,« rief der Verliebte. Die vier nickten.

»Das ist sie, gewiß; dagegen ist nichts zu sagen.«

»Und tugendhaft,« betonte nochmals der Nachbar.

Die langen Schnurrbarthaare der Feldmäuse zitterten vor Erwartung.

»Jetzt!« sagte leise die eine, und stieß ihre Nachbarin an, damit sie
reden solle.

»Herr Nachbar,« begann die Fette und räusperte sich, »es ist leider
unsere Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Braut ...«

»Daß meine Braut?«

»Das Lob, tugendhaft zu sein, nicht ganz verdient.«

»So,« sagte der Nachbar, »was wissen Sie denn von ihr?« Die fette Maus
kam etwas aus der Fassung: Der Bräutigam blieb gar zu gelassen.

»Sie ist ... sie hatte ... kurz, man hat sie mit einer braunen Maus im
Mondschein spazieren sehen!« Erleichtert setzte sich die Feldmaus; es war
eben keine Kleinigkeit, einem Bräutigam so etwas zu sagen.

»So!« sagte der Nachbar.

»So! So, sagen Sie, Herr Nachbar? Und mit diesen Grundsätzen wollen Sie
in die Ehe treten? Bei so etwas bleiben Sie gelassen? Die beiden haben sich
nämlich auch geküßt!« Triumphierend sah die Feldmaus im Kreise herum.

Der Nachbar lachte. Da erhoben sich alle vier würdevoll.

»Wir haben unsere Pflicht getan,« sagten sie. »Das Weitere ist Ihre
Sache!« Steif wandten sie sich zum Gehen, ihre Schwänzchen fuhren
aufgeregt hin und her. Sie waren schwer enttäuscht. »Wir bedauern
gestört zu haben!«

»Gar nicht, aber gar nicht!« rief der Nachbar. »Die große, dunkelbraune
Maus bin ich nämlich selber gewesen. Übrigens lade ich Sie alle zur
Hochzeit ein.«

Und er öffnete die Türe und machte eine tiefe Verbeugung ...

[Illustration]



Wie der Binsenteich erforscht wurde


In einem Wald, der noch wenig bekannt war, wurde ein Teich entdeckt. Er war
viereckig, und seine Ufer waren mit Binsen bewachsen, deshalb wurde er von
seinen Erforschern der »Binsenteich« genannt. Mehr wußte man noch
nicht über den interessanten Ort. Bald beschloß der »Verein strebsamer
Amphibien«, drei wissenschaftlich gebildete Mitglieder auszurüsten und
hinzusenden in den unbekannten Wald.

[Illustration]

Es meldeten sich eine Kröte, eine Ringelnatter und ein Enterich. Letzterer
war zwar nicht Mitglied des Vereins, hatte aber doch schon öfters
Vorträge gehalten, und da er Fachmann in allem, was Tiefteicherforschung
hieß, war, so hatte man sein Anerbieten gern angenommen.

Die Expedition begann ihre Reise gemeinsam, beschloß aber bald, sich zu
trennen, um ja recht verschiedene und subjektive Resultate zu gewinnen. Die
Kröte sollte die Ufer und die Flora des Teiches als ihr zu erforschendes
Gebiet betrachten, die Ringelnatter die Fauna, der Enterich aber die
Tiefen, sowie die allgemeine Bodenbeschaffenheit usw. Sie trennten sich,
nachdem sie den Zeitpunkt der Rückreise bestimmt hatten.

Die Kröte hüpfte langsam vorwärts, ruhte sich von Zeit zu Zeit aus,
wartete, bis sich irgendein Insekt dicht vor ihre Nase setzte, und hüpfte,
wenn sie gegessen und verdaut hatte, weiter. Sie brauchte lange Zeit, bis
sie endlich beim Binsenteich ankam.

Am ersten Tag erholte sie sich von ihren Strapazen.

Am zweiten fragte sie eine Ameise, die vorüberlief, was es denn hier für
Blumen gäbe?

»Blumen?« fragte diese verwundert, »Blumen gibt es keine hier! Ich
wenigstens habe noch keine gefunden.«

»Schön, schön,« sagte die Kröte bedächtig, »da kann ich es mir
ja bequem machen.« Sie setzte sich in den Schatten eines großen
Klettenblattes und schlief ein. Am dritten Tage machte sie sich an die
Erforschung des Teiches und seiner Ufer. Sie hockte auf einem Stein, ließ
sich von der Sonne bescheinen und sah sich rings um. Aber sie sah nichts.
Es schien ihr ein Teich zu sein wie ein anderer. Als sie dies alles in ihr
Notizbuch eingetragen, schlief sie wieder ein und wachte nur des Abends
auf, um etwas Nahrung zu sich zu nehmen.

Die Ringelnatter war indessen auch nicht müßig gewesen. Sie war bald beim
Teich angekommen und schlüpfte nun eifrig, ihrer hehren Aufgabe eingedenk,
durch die Binsen.

Sie begegnete einer Wildente, die sich eben auf die Jagd begeben wollte,
und nahm diese sofort in ihre Dienste.

»Wie steht es hier mit der Fauna, meine liebe Ente?« fragte leutselig die
Ringelnatter.

»Ausgezeichnet,« berichtete diese, »ganz ausgezeichnet. Die Frösche
sind so zart wie nirgends sonst, auch Wasserschnecken gibt es in Menge,
ebenso Fischlein, und der Sand, den man zum Verdauen braucht, ist weiß und
fein. Vor Hunden und Menschen ist man durchaus sicher.«

Der Ringelnatter lief das Wasser im Maul zusammen.

»Wie wäre es, meine liebe Ente, wenn wir erst ein wenig jagen würden?«

[Illustration]

»Um der größeren Wahrheit meines Berichtes willen wäre das sogar
dringend notwendig.« Und die beiden begannen die Jagd. Lautlos glitt
die Natter am Ufer hin, erhaschte da einen armen Frosch, der sich an dem
schönen Sommermorgen seines Lebens freute, packte dort eine ahnungslose
Schnecke, oder ein unerfahrenes Fischlein, und bereicherte ihr Wissen auf
diese Weise rasch und angenehm.

Auch der Enterich war beim Teich angekommen. Als er sich von seinen
Kollegen getrennt hatte, fiel ihm ein, er könne doch seine Braut, eine
reizende schneeweiße Pekingente, mit auf die Reise nehmen, und kaum
war der Gedanke in ihm wach geworden, als er sich auch schon auf dem Weg
dorthin befand.

Die junge Ente war entzückt, daß sie an einer so interessanten und
hochwichtigen Expedition teilnehmen sollte, packte rasch das Nötige -- Öl
zum Schmieren ihrer Federn und einen Lappen zum Reinigen -- zusammen, und
machte sich mit ihrem Enterich auf den Weg.

[Illustration]

Als sie beim Teich angekommen waren, stürzten sie sich alle beide in das
Wasser, tauchten, schwammen, bespritzten einander, und ruderten zuletzt
friedlich Seite an Seite, sich mit den Schnäbeln zärtlich berührend
und die schwarzen Augen verliebt verdrehend. Dann suchten sie sich ihre
Mahlzeit, was nicht schwer war, da es von fetten Tieren aller Art wimmelte.
Nachher schliefen sie, und dann gingen sie in den Wald spazieren.

So trieben sie es den ganzen Tag, und fingen am nächsten Morgen von vorne
an. Daß der Enterich den Binsenteich erforschen sollte, hatten sie ganz
vergessen. Endlich fiel es ihnen ein, gerade am letzten Tag. Aber der
Enterich verließ sich auf alles, was er schon wußte und gelesen hatte,
und auf seine Gabe, zu improvisieren.

Darum machte er sich fröhlich und guter Dinge auf die Heimreise, und
traf an dem vereinbarten Ort mit der Kröte und der Ringelnatter zusammen.
Letztere war dick und fett geworden, konnte sich nur langsam fortbewegen
und litt an Verdauungsstörungen. Die Kröte aber sah ganz schlaftrunken
aus. ... Sie hatte sich das Datum ihrer Abreise aufgeschrieben, das Papier
an einen Baum geheftet, und eine junge Haselmaus gebeten, sie zu wecken,
wenn sie etwa schlafen sollte. Dann hatte sie weitergeschlafen.

Die drei fingen nun an, sich zu unterhalten über alles, was ihnen am Teich
aufgefallen war. Der Enterich sprach sehr geschickt, begeistert, erfüllt
von seiner Mission, ließ auch merken, daß ihm viel Neues und Wunderbares
aufgefallen und vorgekommen sei, und daß es manche Überraschungen geben
werde.

Die Ringelnatter fühlte sich etwas bedrückt. Es wollte ihr nun doch
scheinen, als ob die großen Hoffnungen, die der Verein strebsamer
Amphibien auf sie gesetzt, nicht so recht erfüllt würden. Sie durchlas
deshalb zu Hause sämtliche Bücher, die über Teichfauna handelten,
notierte sich mancherlei, und ging nun ziemlich getrost dem Augenblick
entgegen, wo sie in öffentlichem Vortrag dem Publikum ihre Entdeckungen
mitteilen sollte. Die Kröte aber machte sich keinerlei Gedanken.

Der wichtige Tag war gekommen. Dicht zusammengedrängt saßen die Zuhörer.
Erwartungsvoll wisperte und piepste und summte und quakte es. Vorne saßen
die Schnellschreiber mit gespitztem Stift. Auch ein ganzes Pensionat
junger Entlein war da, um ihren verehrten Lehrer, den Enterich, sprechen zu
hören. Die schwarzen Äuglein glänzten.

»Er wird himmlisch sprechen!« sagten sie.

Die Kröte betrat zuerst die Rednerbühne. Langsam und schwerfällig begann
sie: »Der von mir erforschte Teich ist viereckig. Es ist ein Teich wie
alle andern. Blumen wachsen keine dort.« Darauf sagte sie noch
einiges über ein paar Wasserpflanzen, die zufällig in der Nähe ihres
Klettenblattes gewachsen, dann verließ sie ihren Platz.

Der Beifall war sehr mäßig.

»Eigentlich ist das nichts Neues,« sagten die ganz gewöhnlichen Leute.
Die von der Wissenschaft schüttelten die Köpfe, sagten aber nichts.

Der Präsident des Vereins strebsamer Amphibien dankte ziemlich kühl im
Namen des Vereins.

Die Kröte setzte sich auf die erste Bank und schlief ein.

Darauf kam die Reihe des Sprechens an die Ringelnatter. Sie richtete sich
gerade auf, züngelte nach rechts, und begann ihren Vortrag. Sie sprach
sachlich und fachgemäß über alles, was sie in ihren Büchern gelesen,
brachte Daten und Zahlen, nannte die Länge des Teiches in Metern, und
konnte genaue Schilderungen machen über die Eßbarkeit sämtlicher im
Teich sich aufhaltenden Tiere.

Als sie geendet, klatschten die Zuschauer, und riefen Bravo.

»Recht interessant,« meinten die ganz gewöhnlichen Tiere.

»Kommt uns bekannt vor,« kritisierten die akademisch gebildeten, aber dem
Publikum sagten sie das natürlich nicht.

Nun erhob sich der Enterich. Er verneigte sich gegen das Publikum,
glättete eine widerspenstige Feder und begann:

»Tief versteckt im unerforschten Wald liegt ein Teich. Wie schlafend liegt
er da, Binsen flüstern an seinen Ufern, Ulmen rauschen darüber hin und
Seerosen träumen an seinen Wassern!«

»O Gott wie schön!« flüsterten die jungen Entenfräulein.

»Seine Ufer sind bevölkert mit uns gänzlich unbekannten Tieren. Sie sind
grün, weißbäuchig, hocken zum Teil auf Blättern und schwimmen zum Teil
im Wasser. Abends singen sie mit lauter Stimme merkwürdige Lieder.«

»Höchst interessant,« nickten die ganz gewöhnlichen Leute zufrieden.
Die Schnellschreiber schrieben mit Windeseile.

»Das Wasser selbst wimmelt von einer sonderbaren Art von Lebewesen. Sie
jagen blitzschnell dahin, glitzern wie Silber, schnellen oft in die Höhe,
um nach Insekten zu schnappen, und verstecken sich unter den Steinen.« Der
Enterich schwieg einen Augenblick, und das Publikum benützte die Pause, um
seinen Gefühlen Luft zu machen. Dann fuhr der Redner fort, die Ufer, die
Blumen und den Boden des Teiches zu schildern. Eine interessante Mitteilung
folgte der anderen, das entzückte Publikum meinte im Walde zu sein und die
neu entdeckten Tiere, die wunderbaren Blumen zu sehen, das Liebesgeflüster
der Insekten zu hören, sie glaubten, hinunterzutauchen in die Tiefen und
die seltsamen Gebilde zu bewundern, die auf dem Boden des Binsenteiches
ruhten, und brachen, als der Redner geendet, in unermeßlichen Jubel aus.

Sämtliche jungen Enten weinten vor Freude. Das ganze Komitee des Vereins
strebsamer Amphibien drängte sich um den Enterich und machte ihn zum
Ehrenmitglied. Bescheiden dankte der also Gefeierte, verbeugte sich und
verließ mit seiner Braut den Versammlungsort.

Kröte und Ringelnatter sahen ihm voll Neid nach.

»Merkwürdig, was der alles gesehen hat,« sagte die Kröte, »es muß auf
der anderen Seite des Teiches gewesen sein, denn ich habe nichts bemerkt!«

»Ich auch nicht«, dachte die Ringelnatter, aber sie war klüger als die
Kröte und sagte es nicht laut.

[Illustration]



Das Begräbnis


Eine sehr angesehene Maus war tot und sollte begraben werden. Um das
Lager des Verstorbenen war die Familie versammelt, und wartete auf die
Eingeladenen. Zwei Mäuse standen abseits, eine graue und eine weiße.
Die Weiße hatte einst die tote Maus geliebt, und die graue war von dem
Verstorbenen geliebt und verlassen worden.

»Er hat die Seinen genug gequält,« sagte sie; »ich habe jahrelang
zugesehen, und seine Witwe wird ihm nicht manche Träne nachweinen.«

»Sie war auch darnach,« sagte giftig die Weiße; »ich habe sie in
ihrer Jugend gekannt. Gefallsüchtig und faul und ... Guten Abend, lieber
Freund! Es freut mich, Sie zu sehen, wenn auch der Anlaß ein trauriger
ist.«

»Ein sehr trauriger, liebe Cousine. Wir alle verlieren viel an ihm. Die
ganze Gesellschaft trauert mit der Familie.« Der Vetter der weißen Maus
trat beiseite, und sprach mit einem Neueingetretenen.

»Sehen Sie dort die weiße Maus,« sagte der. »Sie hat in ihrer Jugend
den Verstorbenen geliebt und trauert nun um ihn, als wäre sie seine
Witwe.«

»Vielleicht mehr als die Witwe selbst,« meinte bedeutungsvoll der
Angeredete; »ich könnte Ihnen Dinge erzählen, an denen der Tote keine
Freude gehabt hätte!«

»Was Sie nicht sagen.«

»Ein ander Mal; hier könnte man uns hören.«

Eine kräftige braune Maus trat zu der Witwe. »Im Namen sämtlicher Mäuse
unserer Gesellschaft spreche ich Ihnen mein tiefstes Beileid aus. Wir alle
trauern mit Ihnen. Da ist keiner und keine, die nicht an Ihrem Schmerz
Anteil nehme, und die nicht die Hochherzigkeit, die Freigebigkeit und die
Güte des Verstorbenen priese.«

»Der und freigebig!« sagte verächtlich die graue Maus zur weißen. »Ja,
wenn es alle wußten und ihn dafür lobten, da gab er; aber frag' die Maus,
seine Frau, die könnte dir erzählen. Ein Geizhals war er, ein gemeiner.«

»Er wird auch nicht allein schuld sein,« sagte aufgeregt die Maus, die
ihn unglücklich geliebt hatte. »Da hätte ich seine Frau sein sollen! Ich
hätte anders sparen und zu seiner Sache sehen wollen! Die Äpfel ließ sie
im Keller verfaulen und die Würmer fraßen den halben Weizen! Begreifst
du überhaupt, daß er sie nahm? Aus einer solchen Familie? Arm! Und nicht
einmal hübsch!«

»Nicht hübsch! Sie war doch sehr hübsch!«

»Der Geschmack ist verschieden,« sagte schnippisch die weiße Maus.

»Ja leider,« wisperte die Graue.

»Ich möchte eigentlich wissen, woher er die Mittel hatte, so großartig
zu leben,« sagte der Vetter zu seinem Nachbarn; »er war doch nicht
eigentlich reich.«

»Oho! Reich war er schon! Ganze Haufen Weizen lagen da und Kerzen und
Speck. Wie er dazu kam, ist freilich eine andere Sache.«

»So, so! Aha! Ja, ich habe auch schon etwas munkeln hören.«

Mehr und immer mehr Trauernde waren gekommen. Arme Mäuse waren keine da.
Aber viele Mäusevereinsvorsteher. Sie alle lobten den Verstorbenen, seinen
wohlwollenden Sinn, seine Freigebigkeit. Die junge schöne Maus, die dort
am Lager des Toten stand, hörte gar nicht mehr, was die vielen redeten.
Alle hatten dasselbe gesagt, und allen hatten sie dasselbe geantwortet.

»Nun kann ich von unseren Vorräten nehmen, soviel ich will; es hat mir
keiner mehr darein zu reden!« dachte sie. »Und geben kann ich davon, wem
ich will!« Sie versank in Luftschlössern. Auch die kräftige braune Maus,
die so schön an der Bahre gesprochen hatte, machte solche.

»Vielleicht wäre es ganz klug, wenn ich die Witwe heiratete. Dann ist all
der Weizen mein.« Und die braune Maus drückte die Pfoten der verwitweten
Maus und sah ihr mitleidig und bedeutungsvoll in die Augen.

»Verfügen Sie ganz über mich.«

»Mit dem hätte ich ein anderes Leben führen können,« dachte die
Witwe und fragte sich, wann die braune Maus wohl kommen werde, um sie zu
trösten.

»Vielleicht gleich nach dem Begräbnis. Ich wollte, es wäre schon
vorbei.«

Die reiche Maus wurde begraben. Der Verstorbene lag nun still da und konnte
alles das nicht mehr tun, was er bei Lebzeiten so gerne getan hatte: Seine
Frau ärgern, seinen Freunden sagen, er könne ihnen -- leider! -- nicht
helfen, vor seinem Weizenhaufen sitzen und sich freuen, daß er ihn
gestohlen, die armen Mäuse anfahren, wenn sie bettelten, und den Reichen
geben, wenn es nachher im Mäuse-Tagblatt stand. -- Das alles konnte die
tote Maus nicht mehr. -- Der Mäuseverein-Vorsteher sprach aber sehr schön
an des Verstorbenen Grab. Die weiße Maus, die ihn in ihrer Jugend geliebt
hatte, weinte, aber freute sich, daß die Witwe, die sie ihr ganzes Leben
lang beneidet, ihn nun auch nicht mehr habe.

Die braune kräftige Maus freute sich, daß der Verstorbene solche Haufen
Weizen hinterlassen, und ihm nun durch seine Witwe Gelegenheit gebe, die
Haufen zu genießen.

Die Witwe sogar trauerte dankbar. Dankbar dafür, daß er nun tot war.
Und zierlich führte sie ihr Schwänzchen an die Augen -- sie waren ihr
wahrhaftig feucht geworden.

[Illustration]



Die Ratgeber


Trübselig saß eine Henne im Sand, und blinzelte müde mit den runden
Augen. Sie fühlte sich krank, mochte nicht mehr Eier legen, auch nicht
spazieren, und nahm die fette Kellerassel, die der Hahn ihr bot, nicht an.

Er stand vor ihr, schön und stolz, und schüttelte seinen blutroten Kamm.

»Du hast dich überfressen,« sagte er, »faste, und morgen bist du wieder
gesund.« Er muß es wissen, dachte die Henne, denn er ist der Hahn.

»Wie du meinst,« sagte sie ergeben. Sie hatte keinen Appetit, daher ließ
sie die Assel sich vor dem Schnabel vorüberspazieren. Der Hahn stolzierte
der Wiese zu.

Die alte Pekingente, bei der sich jung und alt Rat und Weisheit holte,
hörte von dem Hahn, daß seine Lieblingshenne krank sei, und kam eilig
angewatschelt, den vom Alter braunen Schnabel in die Brustfedern gedrückt.

Sie sah das Huhn durchdringend an.

»Öffne den Schnabel.« Das Huhn riß ihn auf. »Wackle mit dem Schwanz.«
Das Huhn wackelte. »Plustere dich.« Das Huhn plusterte sich. »Du hast
den Pips,« sagte die Ente, deren Bauch bis auf die Erde hing, bestimmt.
»Äußerlich reibst du den Hals mit frischen Schnecken ein, innerlich
trinkst du angemachtes Ameisenwasser. Tue, was ich dir sage, und morgen
bist du wieder gesund.«

»Wie du meinst, Entenmutter,« sagte das Huhn. Es war überzeugt, daß die
Ente alles wußte, denn alle glaubten an sie. Es machte sich auf die Suche
nach Ameisen und Schnecken, mußte aber oft in die Furchen sitzen, denn es
war recht schwach. Die Alte wackelte schnatternd davon.

Die Pute des Nachbarn, die ebenso dumm als abergläubisch war, trippelte
heran, gluckte und sprach dem Huhn von einem unfehlbaren Sympathiemittel,
an das sie unverbrüchlich glaubte.

»Suche drei Federn des Hahns, die er an einem Sonntag verloren hat, nimm
die Schale von einem Erstlingsei, auf das die Henne nicht stolz war, und
einen Engerling, der noch nichts im Magen hat, verbrenne das alles und
laß den Tau darauf fallen. Die Asche wird dich heilen, so wahr ich schön
bin.« Sie schritt gespreizt, sich verneigend und immerfort glucksend,
davon. Das Huhn hatte seine rotgeränderten Augen aufgerissen und sich bei
der Pute bedankt. Es glaubte an ihre Kunst, und fing mühsam an, die Erde
nach Engerlingen zu durchwühlen.

Da kam zufällig die Hauskatze daher, die mit dem Huhn auf gutem Fuße
stand, und fragte, was es da mache.

»Dummes Zeug,« sagte sie, als die Henne sie über ihre Bestrebungen
aufgeklärt, »das ist alles Narretei. Daran glaubt kein kluges Huhn. Nein,
in Honig gekochter Mäusedreck ist gut für dich, der hilft über Nacht.«
Die gutmütige Katze strich sich den Schnurrbart und schob das entkräftete
Huhn der Scheune zu. »Dort finden wir, was wir suchen,« sagte sie.

Aber an dem Scheunentor stand der Hund und lachte Huhn und Katze aus, als
er hörte, was sie wollten.

»Was weiß die Katze! Die versteht nichts von Medizin,« sagte er
verächtlich. »Ich hole dir den Doktor, der hilft dir sicher.« Böse lief
die Katze davon, und der Hund geleitete die Kranke nach Hause.

»Wie du meinst,« sagte die Henne mit ihrer letzten Kraft. Im Hühnerhof
streckte die Bedauernswerte beide Beine von sich und atmete mühsam und
stoßweise.

»Sie muß besser genährt werden,« sagte eine gefräßige,
grünschillernde Ente, »gebt ihr doch zu essen.« Sie stopfte so viele
Regenwürmer, Käfer und Erde in den Schnabel des Huhnes, als hineingehen
wollte. Das gute Tier behielt den Schnabel gleich offen, damit die Ente
weniger Mühe habe. Die mußte es verstehen, einen Kranken zu nähren,
denn sie fraß selber den ganzen Tag. Alle Hühner, Puten, Perlhühner und
Truthähne standen im Kreis um das Huhn herum. Jedes tat sein Bestes mit
guten Räten. »Wie du meinst,« sagte das Huhn zu einem jeden. Zuletzt
konnte sie auch das nicht mehr sagen.

Da kollerte der Truthahn, blies sich auf, wurde rot und trommelte: »Fieber
hat sie. Ihr Leib ist zu heiß, sie hat zu viel Federn,« und er und seine
Henne ließen es sich angelegen sein, dem Huhn die Brustfedern auszurupfen.
Es zitterte heftig, wehrte sich aber nicht und sagte nichts. Sie mußten ja
wissen, was sie taten.

Da kam der Hund mit dem Doktor.

Er fühlte an der Kranken herum, sah ihr in den Schnabel, untersuchte ihr
die Augen, sah nach, ob es ihr am Vermögen zum Legen fehle und wollte eben
seine Verordnungen zum besten geben.

[Illustration]

Da wurde das geduldige Huhn plötzlich wütend. Es hatte genug. Es schrie
und gackerte gellend und heiser, rannte, als hätte es den Verstand
verloren, im Kreise herum, sprang in die Höhe, schlug sich den Kopf an die
Baumstämme, tobte und wütete, daß alle die Umstehenden entsetzt und in
großer Angst zurückwichen.

»Sie ist verrückt geworden,« dachte der Hahn und ergab sich in das
Schicksal, eine andere Henne zu seinem Lieblingshuhn ernennen zu müssen.

»Warum hat sie nicht getan, was ich ihr riet,« schnatterte die alte Ente
erbost. Sie vertrug alles, nur nicht, daß man ihren Rat mißachtete.

»Geschieht ihr recht,« brummte der Hund, »warum holt sie den Doktor
nicht und glaubt jeder dummen Katze.«

»Hätte sie Sympathie angewendet,« sagte die Pute leise zu einem
Perlhuhn. »Sie wäre munter wie ein Fisch im Wasser.«

»Geschieht ihr recht, warum nahm sie alle die fetten Kellerasseln, die ihr
der Hahn bot, und ließ uns keine übrig,« nickten zwei verrupfte Hühner,
die keinem Hahn der Welt mehr gefallen konnten, aber doch gern Leckerbissen
aßen.

»Jetzt gibt's Platz für mich,« dachte triumphierend das jüngste Huhn
und machte sich in die Nähe des Hahns.

Alle sahen auf das Huhn, das noch immer wie rasend herumtobte, endlich zur
Erde fiel und sich in den Stall schleppen ließ.

Dort verfiel es in einen tiefen Schlaf, schwitzte und wachte bis zum Morgen
nicht auf, denn es wagte sich niemand mit Ratschlägen an das Verrückte
heran. Am nächsten Tag war es wieder gesund und sagte guten Morgen.



Das künstliche Auge


Es war einmal einer, der ein künstliches Auge hatte. Das andere war ein
gewöhnliches Auge, wie es jeder Mensch besitzt.

Niemand begriff, warum der Mann Dinge sah, die kein anderer sehen konnte,
und warum er oft behauptete, es sei gar nichts da, wenn es alle anderen
sahen.

Es kam daher, weil er einmal mit dem natürlichen Auge die Dinge
betrachtete, und ein ander Mal mit dem künstlichen Auge. Öffnete er nur
letzteres, so verzerrte sich ihm alles, was er sah, und wechselte Form und
Farbe.

»Maulwürfe!« höhnte er die Leute, die kopfschüttelnd behaupteten, sie
begriffen gar nicht, was er sehe. Oder er lachte sie aus.

»Sie bewundern wieder, was nicht da ist!« sagte er achselzuckend.

Der Mann ging über Land. Es war ein anderer bei ihm, ein Maler mit
gewöhnlichen Augen. Der mit dem künstlichen Auge hatte eine mitleidige
Verachtung für ihn, der Maler fühlte sie, und es war ihm unbehaglich.

»Ewig diese grünen Bäume,« murrte der Mann, dessen künstliches Auge
noch schlief. »Es wird nachgerade langweilig! Grün! Solche altmodische
Farbe!« Da erwachte sein Auge.

»Donnerwetter! Sie sind ja gar nicht grün! Da ist ja alles Farbe! Glut,
Feuer! Fort mit den grünen Bäumen!«

Zögernd widersprach der Maler.

»Sie sind aber doch grün.«

»So, sind sie grün?« höhnte der andere, »weil ihr Blindschleichen sie
grün seht, sind sie grün, nicht wahr?«

Dem Hohn gegenüber sind die Leute feig. Darum schämte sich der Maler und
bekehrte sich rasch.

»Es ist wahr, sie sind rot!« sagte er zaghaft. Er sah sie zwar nicht
eigentlich rot, aber es schien ihm doch, als ob sie einen rötlichen
Schimmer hätten. Und bald kamen sie ihm rot vor, dunkelrot.

Darauf malte er ein Bild mit Bäumen, die wie in Blut getaucht aussahen,
und den mächtigen Strom, der sein Bild quer durchschnitt, machte er
ebenfalls rot. Auch das Gras, aber dieses mehr bläulich-rot!

Im Vordergrund krochen drei Schnecken, deren Fühlhörner sich berührten.

Der Maler wußte wohl, daß das Publikum sein himbeerfarbenes Bild nicht
ohne weiteres annehmen würde. Er nannte es daher: Seelenharmonie. Das
würde den Leuten zu denken geben.

Das Publikum stand vor des Malers Bild und lachte. Darauf schalt es. Dann
versuchte es die Seelenharmonie zu begreifen. Zuletzt schämte es sich,
daß es sie nicht begriff, und als es so weit war, hatte der Maler
gewonnenes Spiel. Alle Welt bewunderte die »Seelenharmonie«, und das
Museum der Stadt kaufte sie. Der Maler schrieb sich die Sache hinter die
Ohren.

Wieder ging der Mann mit dem Maler spazieren. Sein natürliches Auge
schlief, und nur das künstliche wachte. Er betrachtete den Wald.

»Hübsch, dieser Silberton,« sagte er daher. Diesmal versuchte es der
Maler nicht einmal, seinen eigenen Augen zu glauben. Er sah den Wald sofort
im Silberton, ging nach Hause und schuf ein Bild. Grau alles, einförmig,
nebelhaft, verschwommen. Im Vordergrund ein schmutzig grüner Sumpf, auf
dem eine gelbe Dahlie schwamm. »Toter Haß« hieß das Bild im Katalog.

Drei volle Tage brauchte das Publikum, bis es sich die rote Harmonie
abgewöhnt hatte, dann aber hob es mit Begeisterung den »Toten Haß« auf
den Schild. Und wieder nach drei Tagen sprach die Stadt von nichts anderem.
Der Maler trug einen schweren Geldsack auf die Bank.

Zum dritten Mal gingen die zwei über Land. Der Mann schloß seine beiden
Augen und spitzte dafür die Ohren.

»Hören muß man die Schönheit, nicht sehen!« rief er in Ekstase, »gar
nichts soll auf der Leinwand sein, damit man voll genieße, empfinde,
fühle!«

Der Maler malte ein Bild, und als er fertig war, sah die Leinwand aus, als
wäre sie leer.

»Ah!« rief der Mann, »ausgezeichnet! Feuchtes Holz, Moos, faules Holz!
Mord! Kühle Schauer zittern über meine Haut!« Er schloß die Augen.

Das Bild wurde zwischen zwei spitzen, schwarzen Bäumen aufgehängt,
Klapperschlangen wandten sich um die Stämme. Graue Schleier fielen in
geraden Falten über die Leinwand. »Mord« stand in langen verzerrten
Buchstaben auf dem Rahmen. Er hatte die Form eines Galgens.

Das Publikum kam. Keiner wagte laut zu atmen oder gar sich zu schneuzen.
Man empfand das Bild, fühlte es, nahm es auf.

»Ah!« seufzten alle. Ihre Seelen gingen auf den Fußspitzen. Ohne
Gänsehaut ging keiner aus dem Saal.

Der Mann und der Maler saßen auf einer der Ruhebänke. Der Mann mit dem
künstlichen Auge hielt sein natürliches Auge geschlossen, und der Maler
alle beide.

»Wie schwer er an seinem Bilde trägt,« sagten die Leute und betrachteten
sein blasses Gesicht.

Da kam ein Fremder zur Tür herein, mit blauen Augen und klarem Blick.
Erstaunt betrachtete er den Maler, das Publikum und das Bild. Dann lachte
er, laut und herzlich. Von dem Lachen zerrissen die Schleier vor dem Bild,
und man sah plötzlich, daß die Leinwand leer war, leer und öde. Da
fingen die Leute an sich zu räuspern, zu schneuzen, zu schwatzen und zu
husten. Man konnte ordentlich hören, wie ihnen die Augen aufgingen.

Sie scharten sich um den Maler. »Hinaus!« schrie die Menge zornig.

Der Mann mit dem künstlichen Auge war schon fort. »Warte es ab,« sagte
er zu ihm, »deine Zeit wird wieder kommen.« Da verkroch sich das Auge so,
daß gar nichts mehr von ihm zu sehen war. --



Die Richter


»Nein,« sagte die Maus, deren Großmutter eine weiße Maus gewesen, »das
glaube ich nicht. So schlecht ist niemand.«

»Ich will ja auch nichts gesagt haben. Ich glaube es selber nicht.
Bestimmt kann es ja niemand behaupten ...« sagte der Maulwurf. »Aber
wissen Sie ...« Die Maus, deren Großmutter eine weiße Maus gewesen,
und die darum meinte, sie sei auch eine weiße Maus, zitterte mit den
Schnurrbarthaaren, so begierig war sie zu erfahren, was denn eigentlich
vorgefallen sei ...

»Ja wissen Sie.« Der Maulwurf strich sich über das behagliche Bäuchlein
und glättete seinen schwarzen Pelz, »man hat mir gesagt ... man hat sie
zusammen gesehen ...«

Aha. Eine Sie und ein Er. Die Maus mit der weißen Großmutter ringelte das
Schwänzchen. Es stand ganz steif in die Höhe. Vorne strich sie sich
sanft und bescheiden über das Schnäuzlein und schloß halb die glänzend
schwarzen Augen. »Ich bin eigentlich keine Freundin von derartigem. Sie
wissen, meine Großmutter ...« Der Maulwurf verbeugte sich.

»Ja, natürlich, ich weiß. Ich würde es auch gar nicht wagen, so etwas
weiter zu sagen, aber ... man hat sie zusammen gesehen. Es läßt sich
nicht leugnen. Sie waren in der Speisekammer.« Des Maulwurfs blinde
Äuglein blinzelten.

»Pfui,« sagte die Maus im Tone der weißen Großmutter. »Man sah sie im
Keller ...«

»Oh,« zirpte die Maus. Das Schwänzlein fiel erschöpft herunter. »Sie
haben zusammen an einer Kerze geknabbert.«

»Ah,« piepste die Enkelin der Seligen. »Und das alles, trotzdem ...«

»Was, trotzdem?«

»Trotzdem er für eine Mausin und ... neun Kinderchen, nackt und bloß,
ja, nackt und bloß, zu sorgen hat.«

»Es ist nicht möglich,« ächzte die Maus.

»Möglich und wahr.« Bestimmt sagte es der Maulwurf, und faltete seine
rosigen Patschchen über dem Leib. »Man muß mit ihr reden. So etwas
wollen wir nicht dulden. Ich will mich nicht heilig sprechen, aber so
etwas ... so etwas ...« Er schwieg.

»Sie haben recht,« sagte die Maus, und es schien ihr plötzlich, als ob
ihr Pelz heller würde und einen gewissen Glanz bekäme. »Man muß mit ihr
reden.«

»Ausgezeichnet,« nickte der Maulwurf beifällig, »das muß man. Sie
sollen wenigstens wissen, die Sünder, daß man weiß ...«

»Natürlich. Das wäre noch schöner, wenn sich zwei einfach lieben
könnten, ohne daß ... wie soll ich sagen ... einfach so ... ohne
weiteres ...« Der Maulwurf schwieg. Er war kein Redner.

Die Maus, deren ehrwürdige Großmutter noch weißer gewesen als je,
entschloß sich rasch.

»Ich rede mit ihr,« quietschte sie. Und sie ging stracks und redete mit
der Angeschuldigten.

»Es ist uns allen bekannt,« begann sie, »bekannt, daß ...«

»Bekannt, daß?« fragte die hübsche, braune Feldmaus. »Was?«

»Es fällt mir schwer zu sagen ... daß wir wissen ... daß Sie mit --
Sie wissen, wen ich meine -- zusammen in der Speisekammer gewesen sind, und
im Keller gewesen sind, und zusammen an einer Kerze genascht haben ... Ich
habe den Auftrag, Ihnen zu sagen, daß wir dieses sträfliche Verhältnis
nicht dulden wollen. Nein, wir wollen nicht, daß zwei unerlaubterweise und
so ohne weiters glücklich zusammen seien, und wir meinen ...«

»Was? Was wollen Sie eigentlich sagen? Was für ein Verhältnis? Der --
und ich?« Die Maus, die die schwere Aufgabe übernommen, der hübschen
Feldmaus mitzuteilen, daß sie sich nicht ungestraft einem sträflichen
Glück hingeben könne, saß auf ihren Hinterpfötchen, ringelte zierlich
das graue Schwänzchen, drehte den Schnurrbart und besah sich zufrieden.
Sie war weiß geworden, so weiß, wie ihre selige Großmutter nie gewesen.
Wahrhaftig.

Die braune Feldmaus aber hatte der Schlag getroffen vor Entrüstung über
die ungerechte Anklage.

»Ein Gottesgericht,« sagte nachher die weiße Maus zum Maulwurf. Sie
gingen und riefen den Totengräber, daß er seines Amtes walte.

[Illustration]



Schicksal dreier Freunde

(Ein Scherz)


In der Herberge »Zum harmlosen Haustier« waren unter anderen auch drei
Handwerksburschen eingekehrt, ein Floh, eine Laus und eine Wanze. Sie waren
aus südlichen Ländern gekommen und wollten es nun für einige Zeit mit
dem Norden versuchen.

Überhaupt, sie wollten die Welt kennen lernen. Da sie nun ungefähr alle
dasselbe Ziel hatten, so ziemlich dieselben politischen Ansichten und alle
drei italienisch verstanden, so verband sie bald eine feste Freundschaft.

Die Wanze entstammte behaglichen Verhältnissen. In einem reichen
Bauernhaus hatte sie das Licht der Welt erblickt, und sich auch -- einem
Vertrag gemäß, den die Familie seit Generationen besaß -- von dem Blut
der angesehenen Familie genährt, zu der gehörig sie sich betrachtete.

Es war mehr Neugier als Notwendigkeit, die sie bewog, ihren reichen
Brotkorb zu verlassen und aufs Ungewisse in die Welt hinauszureisen. Aber
warne einer die Jugend. Vater und Mutter Wanze konnten nichts anderes tun,
als ihren Sohn neu ausstatten, und ihm den einzigen weisen Spruch mitgeben,
den sie kannten: Laß dich nicht erwischen.

Bei der Laus standen die Sachen anders. Sie war hinterm Zaun geboren, unter
Zigeunern. Da war keine Seßhaftigkeit, kein Eigentum, kein Respekt vor
Mein und Dein. Die Köpfe der Leute gehörten jedem, der kam und sich
ansiedelte. Gefiel es einem nicht mehr auf diesem Kopf, so probierte man
es auf jenem, kurz, der Laus war das Zigeunertum so in Fleisch und Blut
übergegangen, daß sie es bei ihrem Stamm nicht mehr aushielt und sich
schleunigst auf Reisen begab. Ihr größter Feind war die Seife, und sie
war so darauf eingewöhnt, sie von weitem zu riechen, daß es ihr kaum je
geschah, sich auf einem Kopf niederzulassen, der mit Seife in Berührung
gekommen. Sie erwartete viel von der Zukunft; die größten Abenteuer und
die kühnsten Unternehmungen schreckten sie nicht ab. Ihre Devise war: Ich
verfolge meine Feinde.

Der Floh war Sozialdemokrat vom reinsten Wasser. Nicht nur, daß seine
Familie sich seit Generationen in Rot kleidete, nicht nur, daß sein Vater
auf dem Felde der Ehre gestorben, sondern seine Mutter hatte ihn zur
Welt gebracht, als sie eben der Rede eines berühmten Sozialistenführers
lauschte, und dessen kostbares Blut war seine erste Nahrung gewesen. So
glaubte er sich zu hohen Dingen ausersehen, und ging in die Welt hinaus mit
dem Feuer der Begeisterung.

Blut ist ein ganz besondrer Saft, stand auf seinem Gürtel eingestickt.

Diese drei also waren es, die sich im »Harmlosen Haustier« gefunden
hatten. Sie plauderten bis spät in die Nacht hinein und machten sich am
andern Morgen in aller Frühe auf, um Arbeit und ein Unterkommen zu suchen.
Eine Viertelmeile vor der Stadt machten sie Halt. Sie waren an einem
Kreuzweg angekommen und wollten sich da trennen. Vorher aber versprachen
sie, sich an einem bestimmten Tag wieder zusammenzufinden, um von da aus
gemeinsam weiter zu reisen, ihrer Heimat, Italien, zu.

Der Floh war der erste, der die zwei anderen verließ. Ein rüstiger
Wandrer, der eben vorüberging, diente ihm als Fortbewegungsmittel. Der
Floh hatte sich auf einen Stein gestellt, und war eins, zwei, drei, dem
Burschen auf die Schulter gesprungen. Es dauerte keine Minute, bis
des guten Mannes Hand tastend über den Rücken fuhr, woran die zwei
Zurückgebliebenen merkten, daß der Floh frühstückte.

Darauf machte sich die Wanze auf den Weg. Sie mußte ziemlich lange gehen,
ehe sie einen mit Stroh gefüllten Wagen traf, an dem sie hinaufkletterte
und sich verbarg. In dem Stroh waren Güter, die zur Eisenbahn geführt
werden sollten, und so kam die Wanze bequem in die große Stadt.

Die Laus, die als Letzte zurückblieb, wartete geduldig. Um die
Mittagsstunde kam ein Vagabund, der sich unter einer Linde am Weg
niederlegte und sein Mittagsschläfchen hielt. Die Laus bezog ihn und war
froh, auf diese Weise bis zur nächsten Stadt transportiert zu werden, von
wo aus sie nach Osten weiter reiste. --

Der Tag war da. Die Sonne schien warm auf die Linde, die am Wege stand, und
die neugierig war zu erfahren, wie es den drei Burschen wohl ergangen sei,
die sich versprochen hatten, unter ihrem Schatten wieder zusammenzutreffen.

Da sah man von ferne die Wanze daherkommen. Wohlgenährt und behäbig sah
sie aus. Aufs schönste parfümiert und poliert. Sie ließ sich an dem
kleinen Abhang nieder, der neben der Landstraße zum Sitzen einlud, und
wartete auf ihre Gefährten. Sie mußte lange warten, nichts ließ sich
sehen weit und breit.

Sie wollte schon aufbrechen, um im nächsten Dorf Einkehr zu halten, da
hörte sie ein lautes Summen, und ein Bienchen ließ sich neben ihr nieder,
das ihr mit einer Verbeugung einen Brief überreichte. Erstaunt nahm die
Wanze den Brief, öffnete ihn und las mit höchster Überraschung, was die
Laus schrieb:

»Liebe Freunde. Es ist mir leider unmöglich, heute an unserer geplanten
Zusammenkunft teilzunehmen. Meine Stellung erlaubt mir nicht, mich auch nur
einen Tag von hier zu entfernen, -- ich bin nämlich in Belgrad, Serbien --
denn es lauern zu viele darauf, sie einzunehmen.

Ich kam vor einem Jahr nach Belgrad auf dem gewöhnlichen Weg, Eisenbahn
vierter Klasse, mit einem Slovaken. Von da zog ich zu einem Soldaten, einem
Unteroffizier, später wurde ich ins Offizierskasino eingeführt durch
einen der Burschen, und nachher war es nicht mehr schwer, mich zu den
höchsten Stellen emporzuschwingen.

Kurz und gut: Ich war anwesend, als ein gewisses Telegramm vorgelesen
wurde, kurz vor der Ermordung des Königspaares. Ich merkte mir alles, was
geredet wurde, und verbarg es still in meinem Herzen. Nachdem ein neuer
König den Thron bestiegen, versuchte ich, in seine Nähe zu gelangen, und
ich erreichte es verhältnismäßig leicht. Ich wartete den Augenblick
ab, in dem der Herrscher vor seiner Privatschatulle saß und darin wühlen
wollte. Ich trat vor und sprach:

»Majestät,« sagte ich, »ich bin Mitwisser wichtiger Geheimnisse. Will
Majestät mir eine verbürgte und verbriefte Stellung als Ober-Hof-Laus
anweisen, so bewahre ich dies Geheimnis in meinem treuen Busen. Wenn nicht,
so habe ich Zeugen, um meine Aussage zu bestätigen. Sollte mir etwas
passieren, so sind meine Memoiren an sicherer Stelle niedergelegt.
Majestät wähle.«

Majestät wählte, und ich bekam die Stelle als Ober-Hof-Laus. Da
höchstdieselbe mir nicht ihr eigenes Haupt anbieten durfte -- die Serben
halten streng darauf, daß ihr König nur die besten Seifen gebrauche --
so konnte ich nach Belieben auswählen, wo ich meine Residenz aufschlagen
wollte. Seither lebe ich in Freuden und Herrlichkeit, und ihr werdet wohl
begreifen, daß ich keine Lust habe, mich weiter zu begeben. Ich teile euch
auch mit, daß ich meine Devise: Ich verfolge meine Feinde, umgeändert
habe in: Üb immer Treu und Redlichkeit, und euch ersuche, davon Vormerkung
nehmen zu wollen. Im übrigen bitte ich euch, mein teures Vaterland zu
grüßen, wenn ihr dorthin zurückkehrt.

  Euer getreuer

  Janos-Laus, Ritter des Georgienordens 1.

Starr vor Staunen hatte die Wanze gelesen. Dem ist es noch besser gegangen
als mir, dachte sie.

Denn auch sie war in recht angenehmer Stellung gewesen. Als sie in
Berlin ausgepackt wurde, befand sie sich in der Wohnung der ersten
Hof-Opern-Sängerin. Es schien der Wanze ein Ort zu sein, wo es sich leben
lasse. Sie kroch still in ein reich mit Spitzen besetztes Bett und hoffte,
die reizende, zarte Italienerin, die sich im Zimmer befand, möchte die
Besitzerin des Bettes sein. Und ihre Hoffnung betrog sie nicht.

Als sie in dunkler Nacht das süße Blut der Dame kostete, durchrieselte
sie ein langentbehrtes Gefühl. Italienerblut, das geliebte, belebte sie.
Sie vergaß der Vorsicht. Ein Lichtstrahl traf sie, und: Wanze, rief
eine helle Stimme in der Sprache ihrer Heimat, denn auch die Italienerin
grüßten durch das Tier italienische Erinnerungen. Die Diva setzte die
Wanze wieder sorgfältig unter die Matratze ins Dunkle. Dort blieb sie und
wurde dick und fett. Dennoch packte sie das Heimweh, so daß sie sich nun
auf der Reise nach der Heimat befand. --

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, und noch war kein Floh zu sehen. Die
Wanze wurde ungeduldig. Sie sah sich suchend um und bemerkte ein Stück
Zeitungspapier, in das ein reisender Handwerksbursche seine Wurst gewickelt
und weggeworfen haben mußte, denn es waren Fettflecke darauf. Die Wanze
begann aus Langerweile darin zu lesen. Ihre Augen wurden größer und
größer.

In dem Blatt stand gedruckt: Majestätsbeleidigung. Wieder wurde das
Verbrechen begangen, das in letzter Zeit unsere Polizei und
unsere Staatsanwälte ihrer kostbaren Zeit beraubt. Wir meinen die
Majestätsbeleidigung. Zum Glück trifft es diesmal nicht einen
Untertanen der Majestäten, sondern einen Italiener, aus bekannter,
sozialdemokratischer Familie, einen Floh, der seiner verdammenswerten
Gesinnung in den Worten Ausdruck gab: Blut ist ein ganz besondrer Saft, die
auf seinen Gürtel eingestickt waren. Besagter Floh konnte sich -- wie
es zuging, ist uns durchaus unbegreiflich -- bis in die Gesellschaft
einschleichen, welche die Ehre hatte, mit einer hohen Persönlichkeit den
Abend zu verbringen.

In gänzlich schamloser Weise rühmte sich der Angeklagte später bei
seinesgleichen, er habe das Blut des Kronprinzen getrunken, und -- darin
bestand eben die Ruchlosigkeit -- es habe ihm nicht besser geschmeckt als
anderes auch.

Für diese Beleidigung eines hohen Herrn wurde der Angeklagte zu vier
Jahren Zuchthaus verurteilt, was jeden treuen Untertanen des prinzlichen
Hauses mit Genugtuung erfüllen muß.

So las die Wanze, und sie konnte nicht im Zweifel sein, daß es sich um
ihren Freund handle. Schmerzlich bewegt von seinem Schicksal raffte sie
sich auf und begab sich auf die Heimreise.

Oft gedachte sie des Janos-Laus am serbischen Hof und des Flohes, der im
Gefängnis, seiner Überzeugung treu, schmachtete. Später hörte sie, daß
er in einem Anfall von Wahnsinn sich auf den Wärter gestürzt, und
daß dieser ihn einfach zerdrückt habe. So endete der hoffnungsvolle
Sprößling einer für die gute Sache begeisterten Familie.

[Illustration]



Der Goldfasan


Die Türe des Hühnerhofes knarrte. Man schob ein goldenes Etwas herein.
Es flatterte herum, kreischte, beruhigte sich und sah sich um. Es war ein
Goldfasan.

Er überblickte die Hühner und Enten, die ihn verwundert anstarrten,
senkte hochmütig die Augenlider, hob den Schnabel und sagte: »Ich bin
ein Goldfasan!« Dann sah er sich um, welchen Effekt seine Worte auf die
Hühner gemacht hatten.

»Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen!« sagte der Hahn im Namen
aller. »Ein aufgeblasener Kerl,« dachte er dabei.

»Ein recht gewöhnlicher Patron,« urteilte der Fasan über den Hahn. Er
ging langsam auf und ab, seine Schwanzfedern schleiften auf der Erde, und
seinen goldenen Kragen schob er unaufhörlich nach vorn, erst nach links
und dann nach rechts. Dann sah er sich wieder um, was die Hühner wohl dazu
sagten. Er konnte zufrieden sein.

»Ein ausnehmend vornehmer Vogel,« sagte die Gelbe.

»Das ist etwas anderes als unser Hahn,« gluckste die Graugesprenkelte.

»Du, sieht man, daß mein Kamm erfroren ist? Ist er blau?« fragte ein
großes, schwarzes Huhn mit riesigem Kamm.

»Nein,« sagte die Gelbe. Aber man sah es doch.

»Sieh, wie trübselig sich unser Hahn ausnimmt, den herrlichen, goldenen
Federn des Fasans gegenüber. Der muß reich sein.«

»Und vornehm!« sagte die Graugesprenkelte.

Ein sehr schönes, weißes Huhn mit großem, rotem Kamm spazierte am
Fasan vorbei. Es war des Hahns Lieblingshenne. Der Goldene machte seine
schönsten Bücklinge und schob den Kragen unaufhörlich nach vorne, daß
es gleißte und glänzte.

»Wie herrlich ist Ihr Gefieder, schöne Italienerin.«

»Bitte!« sagte sie und rauschte mit den Federn.

»Und welch herrliches Rot schmückt Ihren Kamm! Nie sah ich dergleichen!«
rief feurig der Goldfasan.

»Bitte!« gluckste verschämt das Huhn.

»Gehören Sie dem Hahn hier?« fragte der Goldfasan.

»Ja, bis jetzt!« sagte das Huhn. Des Goldfasans Kragen schnellte nach
vorn, er blies sich auf, er rasselte mit den Federn und schüttelte sich.
Er funkelte förmlich.

»Wenn ich Sie zu einem Gang durch die Wiesen einladen dürfte?« fragte
er.

»Ach bitte, ja!« gackerte schmelzend das Huhn. Sie gingen. Durch das hohe
Gras glänzte es golden und schimmerte es weiß. Der ganze Hühnerhof sah
den beiden nach.

»Es hört einfach alles auf,« sagte eine behäbige Henne mit zehn
schwarzen Kücken, »einfach alles!«

»Und begreifst du, daß er unter allen gerade die Weiße ausgewählt
hat? Das dumme Ding, fade wie Bohnenstroh?« fragte ein junges, schwarzes
Hühnchen.

»Aber schneeweiß!«

»Schneeweiß! Dem Hahn gefällt schwarz besser!«

»Was willst du denn mehr? Oder hätte der Goldene dort auch schwarz
schöner finden sollen?«

Der Hahn stand auf dem Mist und scharrte Körner heraus und Regenwürmer
für seine Hühner. Er krähte laut und schmetternd, daß man es über zwei
Wiesen hören konnte. Stolz überflogen seine Augen seine wohlgenährte und
wohlgehütete Schar.

»Hahn! Du solltest auch so glänzende Federn haben,« sagte eines der
Hühner und betrachtete geringschätzig die schöngebogenen, grünen
Sicheln des Hahns.

»Und einen bronzenen Rücken!« kritisierte ein zweites.

»Und einen goldenen Kragen!« piepste das junge Hühnchen.

»Ich bin, wie ich bin,« sagte der Hahn. »Wer fort will, kann gehen.«

»Sei nur nicht gleich so grob,« schalt das graugesprenkelte Huhn, das
vorhin dem Goldfasan zugehört hatte, als er mit dem weißen Huhn sprach,
»wir wollen uns das nicht gefallen lassen.«

Das schneeweiße Huhn kam zurück mit seinem Begleiter. Die ganze
Hühnergesellschaft umstand den glänzenden Vogel und bewunderte ihn.

Gravitätisch kam der Hahn geschritten.

»Fasan! Das weiße Huhn gehört zu mir. Du mußt mit mir darum kämpfen.«
Der Fasan war kein Feigling. Er blähte sich und stellte sich in Positur.

Lange standen sie so, Auge in Auge, den Hals gestreckt, die Sporen bereit.
Dann schossen sie aufeinander los und hackten sich mit den Schnäbeln. Und
plötzlich standen sie wieder unbeweglich einander gegenüber.

Goldene und grüne Federn flogen herum, und goldene und grüne Federn lagen
auf der Erde um die zwei Kämpfer.

Leise gackernd und glucksend standen die Hühner im Kreise herum. Die
Schneeweiße tat, als gehe sie die Sache nichts an. Sie zerhackte einen
Regenwurm und schielte dabei unter ihrem Kamm hervor nach Hahn und Fasan.

Plötzlich ertönte ein sonderbarer, krähender Schrei, der Hahn taumelte,
kreischte, flatterte und lag auf der Erde. Blut lief über die Federn des
Halses und färbte sie dunkelrot. Der Verwundete zuckte, schlug mit den
Flügeln und wurde still. Dann schnappte er nach Luft und war tot.

Es erhob sich ein großes Gegacker, ein Wehklagen und Jammern und Piepsen.

»Wer sucht uns nun die Käfer? Und die guten, zarten Regenwürmer? Wer
beschützt uns vor dem Habicht? Wer? Wer?«

»Ich bin nun euer Beschützer,« sagte der Goldfasan, und die Hühner
gaben sich zufrieden.

Das Schneeweiße stand neben ihm und strich zärtlich eine Feder glatt an
seinem goldenen Halskragen.

»Ich liebe dich ewig,« sagte der Goldfasan zu ihr. Das italienische Huhn
schloß die Augen vor Glück.

Am nächsten Tag war der Goldfasan verschwunden.

Die Hühner saßen ganz verstört auf dem Mist und sahen hinüber in
den Nachbarshof, wo unter Fasan und bronzenen Puten der Goldfasan
herumspazierte, ohne auch nur einmal den Hals nach der verlassenen Schar zu
drehen.

Die Schneeweiße flog auf den Zaun, sah sehnsüchtig hinüber und gluckste.

Der Fasan sah sie, senkte die Lider, hob den Schnabel und schob seinen
Kragen vor. Dann ging er mit seiner goldenen Gefährtin weiter.

Lautlos saß das arme Weiße auf dem Zaun. Dann streckte es den Kopf unter
die Flügel und rührte sich nicht mehr.

Dicht zusammengedrängt stand die verwaiste Hühnerschar. Dann sagte eine:
»Wenn wir doch unsern Hahn wieder hätten!«

»Ja,« sagte die Graugesprenkelte, »nun können wir unsere Regenwürmer
selber suchen!« Und eifrig begannen sie alle zu scharren.

[Illustration]



Vom Huhn, das etwas gelernt hatte


Ein schönes, fremdes Huhn hatte sich auf einen Hühnerhof verirrt und
suchte nach Nahrung.

Es hatte glänzende Federn und silberne Ringe an den Beinen. Es lebte mit
seiner Familie bei einer Künstlertruppe und verstand zu apportieren,
sich auf Kommando tot zu stellen und über sein eigenes Ei zu hüpfen,
rückwärts und vorwärts, und Purzelbäume zu machen. Und das war sein
Hauptkunststück. Jetzt stand es in einer Ecke und pickte Körner auf.

»Was ist das für ein auffallendes Geschöpf?« fragte die dicke, graue
Henne den Hahn.

»Sie hat ja silberne Ringe an den Füßen. Woher hat sie die?« forschte
die braun und weiße, die lange Federn an den Beinen hatte.

»Ich weiß es nicht,« sagte der Hahn, »aber sie gefällt mir.«

»Natürlich!« gluckste geringschätzig die graue. »Dir gefällt alles
Neue.«

»Das Alte auch,« sagte höflich der Hahn und verbeugte sich.

Inzwischen saßen die anderen Hühner um die Fremde herum und forschten sie
aus über Heimat und Familie.

»Ich trete in einem Zirkus auf. Ich habe allerlei gelernt,« erzählte
harmlos das Huhn, und beschrieb, was es für Kunststücke machen könne.
Da erhob sich ein ungeheures Gegacker. Ein paar der Hennen flohen, einige
gingen vorsichtig um die Fremde herum, um sie nicht zu berühren, einige
rannten nach ihren Kücken, um sie von ihr fern zu halten und ein paar
sahen sich um, was der Hahn dazu sage.

»Purzelbäume macht sie! Wie gräßlich!« gackerte ein mageres Huhn, das
als Eierlegerin berühmt war. »Das schickt sich ja aber gar nicht.«

»Warum nicht?« fragte das Huhn.

»Darum nicht. Es ist gegen die Natur.«

»Was haben meine Purzelbäume mit der Natur zu tun?«

»Es ist einfach gegen die Natur! Wo kämen die Kücken und die Hähne hin,
wenn alle Hühner etwas lernen wollten?«

»O, behüte, da ist keine Gefahr,« sagte das fremde, schwarze Huhn etwas
pikiert.

Da fing eine Rouen-Ente zu schnattern an und mit den Flügeln zu schlagen.
Sie war ein Muster von Tüchtigkeit, eine große Eierlegerin und Führerin
der Jugend, und genoß viel Ansehen.

»Darf man fragen: Gehören Sie zu einem Hahn?«

»Natürlich!« sagte die Fremde. »Und zu einem schönen,
ausländischen.«

»Haben Sie Kücken?«

»Das will ich meinen. Und sie haben alle schon ihre Flügelchen und
Schwanzfedern.«

»Und dabei treten Sie auf? Und machen den Zuschauern Kunststücke vor
und daheim piepsen ihre Jungen, haben nichts zu fressen, frieren und haben
keinen, der auf sie achtet. Eine ganz liederliche Mutter sind Sie, vor
Ihnen kann man ja gar keine Achtung haben und muß unsere jungen Hähne und
Entlein vor Ihnen warnen.« Das wurde aber dem fremden Huhn zu bunt.

»So! Und woher wissen Sie denn, daß ich meine Jungen vernachlässige?
Sehen Sie sich die Kücken einmal an. Aufgeweckt und lustig und klug sehen
sie in die Welt. Und fragen Sie meinen Hahn, mit wem er am liebsten auf der
Wiese spaziert, mit mir oder den anderen Hühnern?«

Die Rouen-Ente wollte dazwischen schnattern, aber die Schwarze kam ihr
zuvor.

»Und fragen Sie den Ihren, warum er immer neue Hühner haben muß. Die
seinen sind schön genug, man kann kaum schönere finden. Weil ihr Enten
und Hühner alle tötlich langweilig seid, und man es auf die Dauer mit
euch gar nicht aushalten kann, darum!«

Da drangen sämtliche Hühner und Enten auf das schwarze Huhn ein, und
zwickten es und rissen ihm die Federn aus und gackelten und kreischten.

»Laßt sie in Ruh,« krähte der Hahn. »Das, was sie sagt, ist wahr.«

»Wahr!« kreischten die Hühner. »Ist das nun unser Dank!«

»Und wie haben wir dich geliebt!« gackelte jammernd die Graue.

»Sie liebt ihren Hahn auch,« sagte der Hahn.

»Und wie eifrig haben wir dir Eier gelegt,« beklagten sich ein paar
andere.

»Das hat sie auch getan.«

»Und wie viele Kücken haben wir dir geschenkt,« prahlte eine große,
gelbe Henne mit sieben Jungen.

»Sie hat deren neun.«

»Ja,« lärmten die Hühner durcheinander, »aber wie werden sie aussehen!
Mager und verrupft und mit nackten Hälsen. Und zum Schluß frißt sie
Katze und Habicht, denn wer paßt auf sie auf?«

Da piepste es draußen vor dem Hühnerhof aus vielen kleinen Kehlen und
neun kugelrunde, glänzende, zierliche Kücken liefen vor dem Holzgitter
herum.

Als das schwarze Huhn sie sah, flog es mit lautem Freudengegacker auf sie
zu. Die Kücken rannten um das Huhn herum, flogen ihm auf Kopf und Hals,
krochen unter seine Flügel und wieder hervor und piepsten seelenvergnügt
und freuten sich.

Oben auf dem Zaun aber standen sämtliche Hühner des Hofes und unten
guckten die Enten durch das Gitter.

»Und wie gefallen euch meine Kücken?« rief das schwarze Huhn. Es bekam
keine Antwort, aber an dem Tag mußte der Hahn sämtliche Regenwürmer
selber essen. Er machte sich aber nichts daraus.



Er und Sie


Es war einmal ein Zaunkönig, der mit seinem Weibchen in Frieden und
Eintracht lebte. Alle Jahre bauten die beiden ihr Nest in einem Zaun, nicht
ganz oben, damit es nicht hinein regne, und nicht ganz unten, damit keine
Katze sie überraschen könne, sondern schön gerade in der Mitte. Jahr um
Jahr taten sie das und waren glücklich und zufrieden dabei.

Aber einmal -- kein Mensch wußte warum -- fiel es dem Zaunkönig ein, sich
einen andern Platz auszusuchen, um sich sein Nest zu bauen.

»Frau,« sagte er, »mir ist es verleidet, immer im Zaun herumzukriechen.
Bin ich ein König oder bin ich es nicht? Also! Wenn ich aber König bin,
so will ich auch hoch auf einem Baum nisten, wie es sich für einen König
schickt!«

»Aber, Männchen,« sagte erschrocken die Zaunkönigin, »was fällt dir
nur ein. So lange leben wir nun im Zaun und sind glücklich dabei, was
willst du denn Besseres?«

»Gerade weil wir so lange im Zaun saßen, soll es nun anders werden. Und
kurz und gut, ich will auf einer Tanne nisten, oder auf einer Pappel wie
der Rabe.«

»Mann!« rief die Zaunkönigin, »du wirst doch nicht! Auf einer Pappel,
wo Regen und Wind hindurchbläst, und der Sturm ....«

»Und kurz und gut, ich will auf einer Pappel nisten,« schrie der
Zaunkönig noch einmal, »und morgen fangen wir an unser Nest zu bauen.«

Das Weibchen schwieg. Es war klug und wußte wohl, daß es nichts
Gescheiteres tun konnte, aber daß die Sache schlimm ablaufen würde, das
wußte es ebenfalls im voraus.

Früh am Morgen saß der Zaunkönig schon auf dem höchsten Zweig
seines Zaunes und hielt Umschau. Er war stolz auf seinen Entschluß und
überzeugt, daß die Vögel ihn bewundern würden ob seines Mutes und
seines Unternehmungsgeistes.

Er wählte die allerhöchste Pappel aus unter den vielen, die da standen,
besichtigte deren Äste und Zweige und fand endlich eine passende,
geschützte Stelle, ganz oben, wo man das Land überblicken konnte. Erfreut
flog er heim zu seinem Weibchen.

»So, Frau,« rief er, »nun können wir anfangen! Ich habe gefunden,
was wir brauchen!« Seufzend band das Weibchen das Notwendigste in ein
Bündelchen, streichelte zärtlich mit dem Schnabel sein altes Nestlein und
folgte seinem Gemahl in die neue Heimat.

Als es sich auf dem Ast niederließ, den der Zaunkönig ausgesucht hatte,
wurde ihm ganz elend zu Mute. Es durfte gar nicht daran denken, was
geschehen könnte, wenn eines der zukünftigen Jungen da hinausfallen
würde. Weil es aber wußte, daß es nun zu spät sei, etwas zu sagen, so
war es wiederum ganz still.

Ein Rotkehlchen, das in der Nähe ihrer früheren Wohnung hauste, kam
angeflogen, um zu sehen, was Zaunkönigs denn so lange auf der Pappel zu
tun hätten.

»Wir bauen unser Nest,« sagte selbstbewußt der Zaunkönig.

»Was! Da oben auf der Pappel, wo der Regen herein kann und der Wind?«

»Schweig!« schrie der Zaunkönig, »das ist meine Sache und geht dich gar
nichts an!«

»Gar nichts,« sagte vergnügt das Rotkehlchen und freute sich, daß die
Sache schief ausgehen würde.

Darauf kam der Rabe geflogen. Er wohnte auf der nächsten Pappel.

»Ich gratuliere zu der neuen Wohnung,« krächzte er höhnisch, »du bist
auch der Rechte, um hier oben zu wohnen, du Zwerg!«

Die Federn des Zaunkönigs sträubten sich vor Zorn. »Lümmel!« schrie
er, »sieh du zu deinen Sachen und mach', daß du fortkommst.«

Aber der Rabe blieb sitzen und sah zu, wie das Paar Reiserchen
zusammentrug, feine Halme und zarte Moose, und dachte bei sich, daß der
Sturm sogar sein eigenes Nest, das doch aus fingerlangen und dicken Reisern
gebaut war, schüttelte. Endlich flog er davon.

Der Zaunkönig fuhr fort, mit Feuereifer zu bauen, und sein Weibchen half
ihm getreulich. Nachbarn kamen und fragten, was er denn da oben mache?

»Ich baue mein Nest,« sagte er jedesmal stolz, und die Vögel flogen weg
und unterhielten sich über den Größenwahn des Zaunkönigs.

Nach einigen Tagen war das Nest fertig bis auf ein paar weiche Federchen
und einige feste Grashalme, um es am Hauptzweig zu befestigen.

»Siehst du nun?« triumphierte der Zaunkönig.

Das Weibchen hätte sagen können, daß noch nicht aller Tage Abend sei,
aber es war ein sehr kluges Weibchen und sagte nichts.

In der Nacht aber fingen die Blätter der Pappel leise zu zittern an, die
schlanken Zweige bogen sich, Wolken ballten sich am Himmel zusammen,
und Blitze zuckten. Der Regen klatschte nieder auf die Pappel und
überschwemmte das neuerbaute Nestlein, der Wind zauste daran, und bei
jedem Blitzstrahl sahen der Zaunkönig und sein Weibchen, wie ein Stück
ihres mühsamen Werkes nach dem andern davonflog. Zuletzt wirbelte der
Sturm das ganze Nest in die Lüfte.

Naß bis auf die Haut saßen die armen kleinen Vögel auf ihrem Zweig. Sie
zitterten vor Kälte, die Hagelkörner trafen ihre zarten Körperchen, und
in Todesangst streckten sie ihre Köpfchen unter die Flügel.

Der Zaunkönig hatte beständig nach seinem Weibchen geschielt, ob es
nicht schelten werde, aber das gute, kleine Geschöpf mochte ihn nun nicht
höhnen, da das Unglück über ihn gekommen war. Es schwieg ganz still und
duckte sich so nahe an einen Ast, als es konnte.

Der Rabe auf der Pappel schrie aber in einem fort: »Siehst du wohl! Siehst
du wohl! Siehst du wohl!«

Am andern Morgen, als der Himmel wieder schön blau auf die Vögelchen
hinunterstrahlte, die Sonne schien und die Schmetterlinge herumflogen,
glättete der Zaunkönig seine Federn, schüttelte sich und flog ohne
weiteres seinem alten Wohnort zu.

»Es ist doch merkwürdig,« sagte er zu seiner Frau, als ob nichts
geschehen wäre, »wie wohl es einem daheim ist! Ich begreife gar nicht,
warum wir eigentlich fortgezogen sind!«

Das Weibchen zog ein widerspenstiges Federchen durch seinen Schnabel und
glättete es. Es sagte aber nichts, sondern sah den Zaunkönig nur von der
Seite an. Der sang seelenvergnügt in den Morgen hinein.

Am Abend kam Besuch, und man sprach von diesem und jenem. Auch von dem
Glück des königlichen Paares.

»Nachbarn,« sagte der Zaunkönig, »ich und mein Weibchen, wir haben
uns noch nie gezankt! Sie hat freilich einen harten Kopf und weiß was
sie will. Aber ich bin der Gescheitere, ich gebe nach. Gelt, Frau!« Der
Zaunkönig glaubte wahrhaftig, was er sagte.

»Natürlich,« sagte sie, denn sie war ein sehr kluges Weibchen. Der
Zaunkönig nickte zufrieden, er hatte gar keine andere Antwort erwartet!

[Illustration: Finis]


Gedruckt bei Oscar Brandstetter in Leipzig



[ Hinweise zur Transkription


Es wurden die Widmung von ihrer ursprünglichen Position am Buchanfang
sowie das Inhaltsverzeichnis von seiner ursprünglichen Position am
Buchende vor den Textanfang verschoben.

Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,

  Seite 2:
  "männichen" geändert in "männlichen"
  (so fallen alle männlichen Schafe über dich her)

  Seite 3:
  "Wie" geändert in "wie"
  (fragte es erstaunt, »wie kommt es)

  Seite 3:
  "Das" geändert in "das"
  (sagte das alte Schaf, »das will ich dir)

  Seite 5:
  "," geändert in "."
  (Ratte mit prachtvollem Schnurrbart. »Wir wollen)

  Seite 7:
  "Vergiß" geändert in "vergiß"
  (warnte die weiße Maus, »vergiß meinen)

  Seite 10:
  "," geändert in "."
  (rief wieder die Amsel. »Es wäre eine)

  Seite 10:
  "Meine" geändert in "meine"
  (rief das alte Huhn, »meine Tochter)

  Seite 11:
  "Im Brüten" geändert in "im Brüten"
  (ausüben muß: im Eierlegen, im Brüten, im treuen Führen)

  Seite 11:
  "Das" geändert in "das"
  (sagte die bronzene Pute; »das lernt es)

  Seite 18:
  "," geändert in "."
  (schrien die Schwarzen. »Fort mit dir!)

  Seite 19:
  "." geändert in ","
  (wenn ich etwas wissen möchte,« sagte das Lämmchen)

  Seite 19:
  "Ich" geändert in "ich"
  (rief das Lämmchen, »ich weiß so viel!)

  Seite 20:
  "»" eingefügt
  (»Sind Sie unschuldig, Frau Mutter?« fragte das Lämmlein.)

  Seite 20:
  "Ich" geändert in "ich"
  (sagte das Lämmlein, »ich will ja gerade heiraten)

  Seite 21:
  "Und" geändert in "und"
  (sagte vergnügt das Lämmchen, »und er hat mir)

  Seite 22:
  "den" geändert in "dem"
  (Elf oder zwölf Hühner saßen auf dem Mist)

  Seite 32:
  "." geändert in ","
  (du wirst es schon noch erfahren,« sagte die Schafs-Cousin)

  Seite 33:
  "." geändert in ","
  (»Das war aber schön von Ihnen, Herr Vater!«)

  Seite 35:
  "Er" geändert in "Es"
  (»Es tut mir leid,« rief der Regenwurm)

  Seite 35:
  "anders" geändert in "anderes"
  (daß er an nichts anderes denken konnte als daran)

  Seite 36:
  "," geändert in "."
  (rief das Eichhorn. »Nicht was mich gelüstet)

  Seite 42:
  "," eingefügt
  (denn sie liebte es nicht, wenn andere)

  Seite 47:
  "Ich" geändert in "ich"
  (schrie der Musiker, »ich habe Sie singen lassen)

  Seite 47:
  "," eingefügt
  (Eine Sekunde lang war alles starr; dann sprangen,)

  Seite 59:
  "Aber" geändert in "aber"
  (sagte sie zum Hahn, »aber der Jüngste.«)

  Seite 68:
  "Es" geändert in "es"
  (und räusperte sich, »es ist leider unsere Pflicht)

  Seite 78:
  "." geändert in ","
  (»Sehen Sie dort die weiße Maus,« sagte der)

  Seite 80:
  "«" eingefügt
  (dazu kam, ist freilich eine andere Sache.«)

  Seite 80:
  "." geändert in ","
  (anderes Leben führen können,« dachte die Witwe)

  Seite 107:
  "Fansan" geändert in "Fasan"
  (Der Fasan war kein Feigling.)

  Seite 114:
  "," eingefügt
  (rief er, »nun können wir anfangen!)

  Seite 116:
  "alle" geändert in "aller"
  (daß noch nicht aller Tage Abend sei)

  Seite 117:
  "!" geändert in ":"
  (schrie aber in einem fort: »Siehst du wohl!) ]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Amoralische Fabeln" ***

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