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Title: Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Author: Artsybashev, M. (Mikhail)
Language: German
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                            M. Artzibaschew
                               Millionen



                               Millionen
                         Der Tod des Iwan Lande


                             Zwei Novellen
                                  von
                            M. Artzibaschew

                     Einzig berechtigte Übertragung
                     von André Villard und S. Bugow

                             Zweite Auflage


                          München und Leipzig
                            bei Georg Müller
                                  1909



                                 Inhalt


                                             Seite
                     Millionen                   1
                     Der Tod des Iwan Lande    219



                               Millionen


                 Gediegenes Gold kann nicht für sie
                 gegeben werden, und Gold nicht
                 zugewogen werden als ihr Kaufpreis.

                                         Hiob 28, 15.


                                   I

Zwischen dem dunklen Himmel und dem Meer schwebte der Schein des Mondes.
Rund und klar stand er, gleichmäßig wie ein Rauchschleier, über dem
Horizont. In den Ästen der Gartenbäume schwankten und hüpften kleine
bunte Lampions, als wären sie ein Schwarm feuriger Kolibris, an
unsichtbaren Drahtfäden auf und nieder. Von der sinnlos beleuchteten
Bühne her, wo ein schwarzgekleideter Kapellmeister komisch wie ein
Hampelmann Arme und Frackschwänze herumschleuderte, als ob er in jedem
Augenblick davonfliegen wollte, wirbelten festgeprägte Geigentöne nach
allen Seiten, sprangen auf, lachten, sangen, und flogen in leichtem
kapriziösem Reigen durch die dunklen Bäume zum offenen, lichtbegossenen
Seestrand hinaus. Dort tanzten sie vor den Blicken des hellen Mondes,
unsichtbar und unbestimmbar in ihrem gespensterhaften Augenblicksleben.

Seine kraftvollen Arme auf dem kalten Marmor des Tischchens verschränkt,
blickte Mishujew in finsterem Schweigen zur Seite. Sah er auf die Bühne,
schien ihm seine Umgebung voll sinnlosen Lärms und kleinlicher Hast,
wenn er sich aber dem Meer zuwendete, dann war alles majestätisch-ruhig
und nachdenklich-frei, wie der hohe helle Mond selbst.

Sein welliger, blonder Bart und die massigen Schultern erweckten die
Vorstellung schwerer Kraft und harter Willensstärke, aber seine Augen
waren ungesund, eingefallen, als wenn sie den Tod in sich trugen.

Am benachbarten Tisch zechte eine kleine Gesellschaft: die Herren mit
Hüten, welche unternehmend auf den Seiten eingeknickt waren und
reizvolle Frauen mit auffallend schönen Gesichtern und unnatürlich
blaugeschminkten Augenlidern. Man lachte sehr laut, stieß gegenseitig
mit wespenschlanken Kelchen an und witzelte ohne Unterlaß. Bei jedem
Scherz erhoben sie ihre Stimmen und schauten sich nach Mishujew um,
wobei sie unwillkürlich ein glänzendes, erwartungsvoll suchendes
Aussehen annahmen. In der Nähe standen vornübergebeugt die Kellner,
hielten zärtlich ihre weißen Servietten unter dem Arm und wandten kein
Auge von Mishujew ab, als wären sie bereit, sich auf seinen ersten Wink
kopfüber ins Meer zu stürzen.

Mishujew sah alles das und bemerkte doch nichts. Früher hatte es ihn
zuweilen noch amüsiert, jetzt war es ihm nur zu ärgerlicher Gewohnheit
geworden, wie die Luft, von der man sich niemals trennen kann und die
man dabei selten notwendig hat.

»Theodor, warum siehst du heute so verärgert aus?« fragte ihn Maria
Sergejewna, während sie mit den Fingern schüchtern über seinen
gespannten Ellbogen fuhr.

Sie trug ein herausfordernd schönes Kleid, das ihre Füße nur ganz wenig
freiließ. Auf ihrem dunklen üppigen Haar schwankten die zarten Blumen
ihres Hutes, die traurig zu den angeschminkten Wangen, den müde
flimmernden Augen und den leidenschaftlich roten Lippen paßten.

Schwerfällig wie ein kranker Bulle schob ihr Mishujew seinen breiten
Kopf entgegen, blieb aber stumm.

Sie war noch immer so erregend schön, wie ehemals, und ebenso leuchtete
noch ihr ungewöhnlich gepflegter Körper durch die schwarzen Spitzen. Bei
ihrem Anblick überkam alle Männer die drängende Vorstellung von irgend
welchen unmöglichen, märchenhaften Genüssen. Doch in Mishujew war durch
die einfache Tatsache, daß sie ihren eigentlichen Namen -- Maria
Sergejewna -- verloren hatte und jetzt Mary hieß, und daß sie ihn nicht
mehr »Fedja« und »Sie« nannte, sondern mit »Theodor« und »Du«
anzusprechen begann, daß sie ihren Mann verließ, um mit ihm
zusammenzuleben, -- durch dies alles war in ihm die ehrfurchtsvolle
Leidenschaft, die er für sie noch bis in die letzte Zeit empfand,
ertötet worden. Von Zeit zu Zeit schlug kalter, unerklärlicher
Widerwillen in ihm hoch.

Selbst wenn Mishujew ihren nackten unterwürfigen Körper, der schüchterne
Liebkosungen heischte, mit bestialischer Gier zerquetschte und küßte,
hatte er nicht mehr das einstige Gefühl der Lust, sondern nur ein
schales, grausames Vergnügen, unnatürliche Lagen, die ihr Schmerzen,
Erniedrigungen brachten, zu erfinden.

Es schien, als rächte er irgend etwas an ihr, worunter er selbst
unaussprechliche Qualen litt.

Maria Sergejewna verstand den Grund, und so wurden ihre Augen schüchtern
und traurig, als wagten sie nicht, um Schonung zu bitten.

»Gehen wir,« sagte Mishujew kurz, während er die neugierigen Blicke der
Umsitzenden scharf auffing, und stand auf.

Sie erhob sich sofort eilig mit ihrer gewöhnlichen, anziehenden
Ungeschicklichkeit, die Mishujew früher fast zu Tränen gerührt hatte.
Bald verwickelte sie sich in die Spitzen des Rockes, bald ließ sie das
Taschentuch, dann den Pompadour fallen, und erschrak jedes Mal in
komischer Schüchternheit; schließlich ging sie neben ihm.

Sie stiegen an den Strand hinunter, wo allein die dunkle See und der
helle Mond herrschten, und setzten sich am äußersten Ende des Seestegs
auf eine Bank. Vor ihnen und zur Rechten und Linken und zu allen Seiten
breitete sich die See aus; in dem glänzenden Wasser wirbelte ohne Ruhe
eine Säule aus Mondenschein. Ein endloses Tonwogen aus Geräuschen,
Plätschern und dumpfen Schlägen gegen die Mole, in der die ganze Zeit
hindurch eine kristallene Stimme, die immer lauter klang und doch nicht
vernehmbar war, ertönte, schwebte ununterbrochen über der uferlosen,
stürmenden Meeresfläche und griff in rätselhafte, traurige Saiten; es
rief Erinnerungen und unfaßbare Verzweiflung in der innersten Tiefe der
Seele wach. Von Zeit zu Zeit trieb ein elastischer Wind heran, dann
prickelten unsichtbare Wassersplitter mit feinem kaltem Staub auf
Gesicht und Händen; Schauer durchdrangen die beiden.

Mishujew starrte auf die Mondlichtsäule, die sich im
melancholisch-dunklen Wasser drehte, und schwieg. Wie immer, wenn er des
Nachts in die Tiefe schaute, zitterte in ihm ganz still ein triebhaftes,
schwermütiges Gefühl. Es rührte sich kaum merklich und zwang ihn doch,
das zu vergessen, was um ihn war. Alles wurde leer und finster.

»Ich wollte mit dir sprechen, Theodor,« sagte Maria Sergejewna; vom
ersten Worte an tönte aus ihrer Stimme die Furcht heraus, daß er auf sie
zornig werden könnte, bevor er sie noch gehört hätte.

Mishujew schwieg; es schien, als vernähme er in dem Geräusch und dem
Klatschen der Wellen, die unter der Brücke verrollten, ihre Stimme gar
nicht. Am Ufer entlang, soweit es nur im Mondenlicht sichtbar war, legte
sich ein blanker Streifen Gischt und schmolz wie Schnee; hinter ihm
rückte bereits, prasselnd und schwellend, eine neue Welle heran.

Maria Sergejewna blickte mit Augen voll unsichtbarer Tränen auf
Mishujew, stand auf und zerrte krampfhaft am Taschentuch.

»Es ist nicht zum Ertragen!« sagte sie mit gepreßter, schwacher Stimme;
sie fühlte, wie sie ebenso unter der Erniedrigung als unter dem kalten
Wind erzitterte. »Weshalb quälst du mich?«

Ohne sie anzusehen, zuckte Mishujew hartnäckig mit den Achseln.

Maria Sergejewna schwieg; sie fuhr nur fort, am Taschentuch zu zerren
und am ganzen Körper zu zittern; wunderbar zart und elegant hob sie sich
auf dem Hintergrund der ungeheuren wogenden Fläche ab.

»Ich halte es nicht mehr aus ...,« sie sprach schnell und steigerte die
Stimme mehr und mehr; »du hast kein Recht, mich zu verachten ... hast
kein Recht, mich zu quälen und zu erniedrigen! Wenn ich auch deinen
Millionen gegenüber nicht standhalten konnte, wie du behauptest ...«

»Nichts behaupte ich,« erwiderte Mishujew finster und starrte unverwandt
in die Lichtsäule, die mit Milliarden tanzender blauer Sterne in den
Wellen glitzerte und am Horizont in ein geheimnisvoll helles, scharf vom
finsteren Himmel abgeschnittenes Märchenreich zerfloß.

Wieder schwieg Maria Sergejewna, von qualvoller Ratlosigkeit verwirrt
und zerdrückt. Ihr ganzes Wesen empfand, daß er es ihr gegenüber
behauptet hatte, trotzdem aber wollte in ihrer Erinnerung kein
beweisendes Wort auftauchen. Sie fühlte sich nur in kalter Leere
widerstandslos versinken; sie war so schwach und hilflos geworden, daß
sie unterging, ohne zu wissen, welch Wort noch gesagt werden könnte, wie
und gegen wen sie sich verteidigen müßte.

»Aber du glaubst es ... ich weiß ... und wenn es selbst wäre, so ... Du
hast es ja selbst gewollt ... nun gut, ja ... nicht standgehalten!
Wollte einmal aus dem Vollen leben ... meinetwegen ...!« Maria
Sergejewna drückte in voller Verzweiflung beide Hände an die Schläfen.
»Aber welchen Preis habe ich für diese Millionen bezahlt, sie haben mich
meiner Seele beraubt ... ich lernte es, mich als das verworfenste Ding
... Irgend was! Entweder ... oder ... oder ... Wie du willst, kann ich
aber nicht mehr weiter ... kann nicht mehr! Ich ...«

Sie verlor sich in ihren Worten; sie schaute nur mit zerbrochenem,
kraftlosem Blick in die furchtbare Finsternis des Wassers. Ihre Hände
flogen; ihre Lippen bebten.

»Wenn du dich selbst so einschätzst, -- -- so als das verworfenste Ding
-- -- -- welche Stellung soll ich dann zu dir nehmen?« fragte plötzlich
Mishujew, ohne seine glänzenden Augen vom Wasser abzuwenden.

»Ah!« schrie Maria Sergejewna ganz entgeistert auf, ließ den Pompadour
und das Taschentuch, die im Augenblick ins Meer gerissen wurden, fallen,
bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und ging schnell fort, fast
laufend; sie verwickelte sich in ihr langes Kleid, das der Wind sofort
erfaßt hatte. Die schlanke Frauengestalt schwankte schattengleich in dem
leeren, windigen Raum, der über der finsteren, unaufhörlich am Ufer
zerbrechenden Wasserfläche lag.

Mishujew begleitete mit seinen Blicken dieses winzig weiße Stückchen
Stoff, das sich über dem Kamm der schäumigen Wellen hoch emporzuheben
schien und dann plötzlich in der Schwärze der eingesunkenen kalten Tiefe
verschwand.

Etwas Warmes regte sich in seiner Seele.

Er ging ihr nach, ohne sich selbst in Gedanken darüber klar zu werden,
und holte sie bald ein.

Ihre kleinen, abfallenden Schultern waren eingezogen, und über ihnen
schimmerte die feine Linie des im Mondlicht erblaßten Halses. Als sie
seine Schritte hörte, blieb sie augenblicklich stehen, hob aber den Kopf
nicht an, sondern hielt wie vorher das Gesicht mit den Händen bedeckt
und den großen hellen Hut gesenkt; zart, niedlich und bis zu Tränen
bemitleidenswert.

»Nun, genug doch ... Mä...russja,« rief Mishujew, ihren früheren Namen
mit dem jetzigen verwechselnd in plötzlich erwachter inniger
Zärtlichkeit und legte den Arm um ihre Schultern. »Verzeihe mir ... Ich
wollte dich nicht kränken!«

Er erwartete, daß sie ihn launisch zurückstoßen, ihre Hände losreißen
würde und kühl und fremd bliebe, er empfand bange Furcht davor. Er
fühlte, daß er dann vollständig einsam wäre. Aber sie legte nur ihren
Kopf an seine Brust und schob ihr Gesicht mit unruhig fragendem Schimmer
in den Augen, die vom Mondenschein und Tränen geweitet waren, seinen
Lippen entgegen. In ihren feuchten Pupillen und in den Mundwinkeln, um
die ein leidendes Lächeln glitt, sah Mishujew den demütigen,
erfreut-vergebenden Ausdruck, wie ihn geprügelte und wieder geliebkoste
junge Hunde und kleine Kinder haben.

Im Augenblick war dieses Gefühl der Wärme und des Mitleids, das ihn
selbst angenehm berührt hatte, wieder verschwunden, als wäre es nie
gewesen; es hatte nur eine Kühle von Ärger und wachsender Erregung
zurückgelassen. Er küßte sie kalt auf die warmen, feuchten Lippen und
sagte, indem er ein wenig zurücktrat:

»Sei bitte nicht so launisch ... Das wird auf die Dauer langweilig ...
was willst du eigentlich ... ich begreife dich nicht!«

Er schwieg, blickte starr auf die Seite und fügte hinzu:

»Ist Zeit nach Hause zu gehen ...«

Sie lächelte verwirrt, als wollte sie sagen: verzeihe mir -- --
vielleicht hatte ich wirklich Unrecht, ich weiß es nicht -- -- mir
schien, daß du mich nicht liebst, -- -- daß du mich verachtest; -- --
und das ist ja unerträglich schwer ...

Sie geriet in Hast. Schweigend gingen sie nebeneinander her. Der weiße,
kühle Mond und das unaufhörlich rauschende Meer blieben hinter ihnen
zurück; ihnen entgegen flog schon ein Schwarm tanzender Töne. Doch immer
noch war etwas Fremdes zwischen den Beiden.

Als sie nach Hause fuhren, fühlte Mishujew an seinem Schenkel die
Berührung ihres elastischen Körpers, der unter trockenem, sprödem Stoff
verschwand, sah ihr feines wie mit lichtlosen Farben gemaltes Profil,
den Kopf, wie von einer unerträglichen Last gebeugt und fragte sich, was
zwischen ihnen wäre ... zwischen ihm, dem Manne, der sie so viele Jahre
hindurch verehrte, ohne daß er gewagt hätte, sich ihre Nacktheit, ihre
Liebkosungen in Gedanken vorzustellen, und ihr, der reizenden, gütigen
Frau, die ihren stillen Gatten so stark geliebt hatte, sich so einfach,
wie eine ältere Schwester, zu ihm selbst verhielt und sich ein so
keusches und reines Aussehen bewahrte, trotzdem sie verheiratet war.


                                   II

In heller Sonne erglänzte der Strand wie vergoldet, und selbst das Meer
am Ufer schäumig grün, in der Ferne blau, fast lilafarben, schien mit
goldenem Glanz überstreut zu sein, Sonne und Himmel atmeten, ferne Berge
verschwammen mit den Sommervillen, die außerhalb der Stadt wie
verstreutes Spielzeug im Grase auf ihren Abhängen lagen, in weißem
Glanz.

Das grellfarbige Publikum des Badeortes schob sich über die
Strandpromenade, bog breit wie ein Strom an dem ovalen Kurgarten um und
leuchtete so wandlungsreich bunt, daß es unmöglich war herauszufinden,
woher alle diese hellen Kleider, Hüte, Beine, Schultern und Gesichter
mit den lebhaften Augen kämen. Es sah aus, als vergrößere sich die Menge
ganz von selbst, wie ein schnell wachsendes Blumenbeet. Wirbelndes
Sprechen, Lachen und Klingen verflocht sich schrill über den Köpfen und
verband sich mit den Wellenschlägen an den Quadersteinen, dem schnellen
Gerassel der Equipagen und dem deutlichen Trommeln der Hufe zu einer
liebenswürdigen Musik.

Maria Sergejewna und Mishujew fuhren in einem leichten Jaltaer Wagen
über die Strandpromenade, und der weiße Schleier, der von Maria
Sergejewnas Hut herabwehte, schwirrte schnell an Pferdeköpfen vorbei,
zwischen würdevollen Kutschern und dem auseinanderfließenden Zuge von
Schirmen und Hüten.

Vor einem Laden, in dessen Schaufenstern kapriziöse Damenhüte wie
exotische Vögel und Blumen prangten, hielt der Wagen plötzlich an, als
wenn er an eine unsichtbare elastische Barriere gestoßen hätte. Leicht
und schnell, wie vom Wind getragen, sprang Maria Sergejewna vom Tritt
der Equipage direkt in die dunkle Tür des Ladens hinein.

Mishujew trat schwer, ohne sich seitlich umzusehen, auf das Trottoir und
trat hinter ihr ein.

Sofort stürzten einige höfliche Verkäufer und Verkäuferinnen mit
dienstbereiten Verbeugungen auf Maria Sergejewna zu, scharrten mit den
Stiefelsohlen und lächelten mit plötzlich belebten Mienen. Eine Minute
lang machte es den Eindruck, als drängte sich dort eine Schar
glücklicher, ergebener Menschen, die freudig eine lang ersehnte, gute
Freundin umringten. Wie von einem Wirbelsturm herausgerissen öffneten
sich im Nu Dutzende Kartonschachteln, und blaue, rote, bunte Bänder
flogen über Haufen weißer Hüte wie Blumen auf Schnee.

Es waren einfache Stoffhüte »Babyfasson« vorgelegt worden; Maria
Sergejewna wünschte sich einen auszusuchen. Sie glaubte, daß sie in
diesem Hut wie ein graziöses, mutwilliges Mädchen aussehen müßte.

Die Verkäuferinnen plapperten mit übertriebener Lebhaftigkeit, die
Verkäufer spreizten die Stimmen, um für Franzosen gehalten zu werden,
und durch die offene Ladentür drang das Getöse und die Farben der Sonne
hinein, und Maria Sergejewna wählte und suchte, während sie sich wie ein
Kind über das Spiel der Farben und Modelle freute. Sie glänzte mit den
Augen, lehnte ab, schwankte, lachte und war ununterbrochen in Bewegung.
Sie musterte ihre Figur im großen Spiegel und reckte sich mit dem ganzen
Körper, um ihr Profil sehen zu können. Und in jedem neuen Hut -- mit
blauen, roten, bunten Bändern -- auf dem schwarzen Haar schien ihr
matt-rosiges Gesichtchen noch schöner und jünger.

Mishujew saß inzwischen unbeweglich am Ladentisch, wie ein schwarzer
Fleck inmitten der lärmenden Menge, die schweren Hände auf den aufrecht
stehenden Spazierstock gestützt. Er sah schläfrig aus, wie ein nicht
ausgeruhter, kranker Mensch, der nichts mehr sieht, nichts hört -- nicht
Sonne, noch Lachen, noch weibliche Anmut, -- nichts, außer einer
unheilvollen Bewegung, die langsam, schweigsam sein Leben Schritt für
Schritt von innen heraus untergräbt, ohne daß er sich dagegen auflehnen
könnte.

Manchmal blieb sein Auge an dem niedlichen erregten Gesichtchen Maria
Sergejewnas haften, dann wendete er es wieder ab und stemmte den starren
Blick gegen den ersten besten Gegenstand, -- gegen die Tischecke, den
lackierten Stiefel eines Kommis oder die harten Schulterknochen einer
Verkäuferin, die wie selbstverständlich unter der koketten Seidenbluse
hervortraten.

»Theodor, schau mal her ... ich werde den hier nehmen. Ich glaube, er
steht mir gut, nicht? ... Oder den hier? ... Wie meinst du ... rate mir?
...« Maria Sergejewna fragte ihn; sie konnte die leichte Unruhe, die in
ihrer Stimme und ihrem Blick zitterte, nicht unterdrücken.

Ihr war froh und leicht gewesen. Die Szene vom Abend vorher hatte mit
einer leidenschaftlichen Versöhnung geendet; sie war fast ganz aus ihrer
Erinnerung geschwunden, verscheucht von Sonne, Lärm und dem Spiel des
Geldes, an dessen Hinauswerfen sie sich noch immer nicht gewöhnen
konnte.

Doch jetzt trübte das düstere Gesicht Mishujews ihre Freude. Es flößte
ihr Schrecken ein. Es erinnerte sie, daß Küsse und wollüstige
Zärtlichkeiten doch nur hinausschoben, was in ihr Leben eingedrungen
war, ohne es aufzulösen und zu vernichten.

... Sind wir damit wirklich noch nicht durch? Wird es wieder diese
widerwärtigen Szenen, die das Leben zur Last machen, geben? ... an der
äußersten Fläche ihrer Gedanken huschten die Fragen vorüber.

»Nun, welchen also? Sprich doch!« fragte sie nochmals, und schon klang
in ihrer Stimme die eigentümliche Nuance geheimer Bitten wieder, als
flehe sie ihn um Schonung an.

»Nimm alle,« antwortete Mishujew, der an etwas anderes dachte,
gleichgültig.

Sie lachte; alle Verkäufer und Verkäuferinnen lächelten entzückt. Einer
brüllte über den Einfall des Millionärs laut auf.

Mishujew sah ärgerlich die lachenden Gesichter an, er zog die
Augenbrauen zusammen. Sofort wurden alle ernst, und Mishujew, dem diese
augenblickliche, gefällige Veränderung der Mienen nicht entgangen war,
geriet in Empörung. Ein dringendes Verlangen, wie es ihn oft packte,
stieg ihm auch jetzt zu Kopf: sie anzubrüllen, jemand mit dem Fuß zu
treten, zu schlagen ...

-- -- So! Euch gefällt alles, wozu ich Lust habe? Schön! ... In seinem
Gehirn loderten tolle Worte auf, doch er blieb still und senkte nur
hilflos die Augen.

»Nein, warum bist du so ... Rate mir doch!« drängte Maria Sergejewna
kokett; Mishujew merkte, daß sie sich jetzt nur an ihn klammerte, damit
kein anderer herausspüre, was sie in ihm mit heißem Schrecken erriet.

Jetzt fühlte er Mitleid mit ihr; es erwärmte ihn. Doch in seiner Seele
wurde es noch trüber und hilfloser.

»Nimm den mit blauem Band ... Der steht dir am besten,« sagte er
klanglos.

»Wirklich!« Erfreut lächelte ihm Maria Sergejewna zu.

Sie hob beide Hände zum Kopf, und unter der weißen Bluse sah er
plötzlich ihren gekrümmten Rücken wie nackt; -- weich und erhaben.
Ein Verkäufer, der geknöpfte Lackschuhe trug, ließ einen
schüchtern-lüsternen Blick über sie gleiten, begegnete aber plötzlich
den Augen Mishujews. Im Augenblick klappte er zusammen, sein Gesichtchen
wurde schlaff und bedeckte sich mit einer Maske von Gefälligkeit und
Furcht.

-- Ungeziefer! -- dachte Mishujew mit jähem Anfall ekelnden Zornes und
sah dem Verkäufer starr in die Augen. Der schrumpfte sichtlich zusammen,
wurde dünner und kleiner. Fast eine Minute lang dauerte dieses
eigentümliche grausame Spiel, das Mishujew krankhafte Befriedigung
verschaffte. Er bemerkte, daß das Knie des Verkäufers, von einem zu
engen Beinkleid umschlossen, zitterte.

... Übrigens, dachte Mishujew mit der früheren trüben Schwermut weiter,
... wenn ich selber der Kommis wäre, so würde die da und ähnliche andere
ihm gehören, und ich müßte ihr wie ein Sklave verstohlene Blicke
zuwerfen.

Er wendete sich ab. Alles wurde ihm zuwider: dieses Gesindel, das vor
ihm auf dem Bauche rutschte, und diese Frau, die erst gestern von einem
rohen Wort verletzt war und ins Wasser gehen wollte, und sich heute
wieder von dem armseligen Vergnügen des Geldausgebens bis zur
Selbstvergessenheit fortreißen ließ.

»Bist du bald fertig? ... Gehen wir doch!« sagte er und erhob sich.

»Ja, ja, ich bin schon fertig. Ich habe mich schon entschlossen!«
beeilte sich Maria Sergejewna zu antworten. »Schicken Sie mir diesen ...
nein, nein, den da, ... den mit dem hellblauen!« warf sie hin, während
sie sich nach Mishujew umsah, der wie eine schwarze Masse in der hellen
Türöffnung stand.

»Gehen wir, bleiben wir ein wenig in den Anlagen,« sagte sie, als sie in
die Sonne heraustraten und auf allen Seiten von warmer, reiner Luft und
fröhlichem Lärm empfangen wurden.

»Gut,« Mishujew willigte vollkommen gleichgültig ein.

Sie hatten, den Equipagen ausweichend, schon die Straße überschritten,
als er laut angerufen wurde.

»Fjodor Iwanowitsch! warten Sie einen Augenblick!«

Am Trottoir hielt ein glänzendes Automobil, und hinter drei Damen, die
einem Strauß von Spitzen und Blumen glichen, streckte ein strahlender,
schneeweißer Herr einen hellgelben Handschuh hervor und winkte.

»Theodor, man ruft dich ... Parchomenko!« Maria Sergejewna berührte
Mishujew am Ärmel und nickte an seiner Stelle lächelnd dem schneeweißen
Herrn zu.

Parchomenko sprang von seinem Sitz herab, schwenkte jetzt seinen Hut
durch die Luft und eilte rasch auf Maria Sergejewna zu:

»Maria Sergejewna, Sie Zauberin! Und ich suche Sie in der ganzen Stadt.«

»Wirklich!«

Maria Sergejewnas kleines Händchen preßte sich kokett an seine Lippen.
Sie lachte.

Die Damen im Automobil nickten ihr mit den Hüten zu, der strahlende
Parchomenko lachte und verlegte allen den Weg, das Automobil spiegelte,
das Publikum sah sich nach ihnen um. Es schien, als hätte die ganze
Stadt, die Berge und Blumen begonnen, nur für sie zu leuchten, zu
glänzen und zu lachen. Ein schwindsüchtiger Pope, der mühsam seine
trübselig grün gewordene Sutane vorbeischleppte, blickte mit großen
glänzenden Augen auf sie hin und verschwand traurig; er löste sich
gleichsam in Glanz und Fröhlichkeit der Menge auf.

Ein junger Mann und zwei Damen gingen an der Gesellschaft vorbei. Sofort
fing der Herr eilig, als fürchtete er etwas Hochwichtiges zu versäumen,
an, seinen Damen zuzuflüstern, wobei er mit den Augen winkte:

»Das sind Mishujew und Parchomenko -- die Moskauer Millionäre! ...«

»Wo ist Mishujew? Welcher ist es?« Die Damen wandten sich voll Neugierde
um.

»Der dort mit der Dame steht ... der große Kerl ...,« der junge Mann
wies hastig hin, und zwei Paar aufgeregt neugierige Frauenaugen
richteten sich auf Mishujew.

Mishujew drehte sich herum, aber Parchomenko sah strahlend die Damen an.

»Sehen Sie, uns kennen hier schon alle Menschen, Fjodor Iwanowitsch!«

»Erlauben Sie bitte,« sagte jemand im Vorbeigehen; aus der gebrochenen
Stimme hörte Mishujew scharfen Haß hervor. Er sah sich um und erblickte
einen weißblonden jungen Mann, der unter einem schäbigen Jackett ein
blaues Hemd trug. Seine hellen und offenbar guten Augen schauten auf
Parchomenko mit einem im Grunde sanftmütigen Haß.

»Lassen Sie einen doch vorbeigehn,« wiederholte er noch leidender.

Parchomenko maß ihn mit einem raschen wegwerfenden Blick und trat
achtlos auf die Seite.

»Maria Sergejewna, wollen wir heute nach Suuk-Su fahren ... Gestern
haben wir es hin und zurück in zwei Stunden gemacht. Ehrenwort!
Wunderbar angenehm, mein Ehrenwort ... wie Vögel! ... Wir werden dort
Abendbrot essen und dann zurück! ... Bei Mondenschein hat es etwas
Bezauberndes, auf Ehrenwort!« schrie er ganz strahlend; offenbar bis in
die Zehenspitzen von der Freude über die eigene Existenz erfüllt.

Maria Sergejewna weigerte sich, mutwillig und kokett den neuen Hut
schüttelnd, der ihr in der Tat das Aussehen eines graziösen Mädchens
gab.

»Wir waren erst vorgestern dort!«

»Ja, aber im Auto ist es etwas ganz anderes. Über die Berge weg! Sie
können sich gar nicht vorstellen, wie leicht man von einem Berg auf den
anderen fliegt ... Ja, geradezu die Empfindung, als fliege man im Traum
... auf Ehrenwort!«

»Nun gut ... später. Jetzt will ich spazieren gehen. Gehen wir! Das Meer
ist heute wunderschön.«

Die drei Damen Parchomenkos, alles üppig blonde, phlegmatische
Schönheiten, stiegen lachend und wie im Spiele aus dem Automobil.

»Fjodor Iwanowitsch, warum sind Sie denn heute so mürrisch?« Parchomenko
strotzte vor Freude.

»Er ist jetzt immer mißgestimmt,« antwortete Maria Sergejewna für ihn,
als wäre sie selbst daran schuld, und berührte Mishujews Gesicht mit
einem schüchternen Blick.

»Sie sollten ihn doch dazu verleiten, ein Auto zu kaufen, -- das bringt
ihn augenblicklich in andre Stimmung. Aufblühen wird er,« lachte laut
Parchomenko. »Mit dem Auto kuriere ich mich jetzt in allen Nöten.
Ehrenwort, -- kein Scherz!«

Die Damen gingen zu viert voran, allgemeines Aufsehen erregend.
Parchomenko rannte neben ihnen her, steckte sie mit seiner lärmenden
Freude und Sicherheit an, wobei er ihnen fortgesetzt vor die Füße lief;
nur Mishujew schritt schwer hinterdrein. Während sie mitten durch die
festlich gekleidete Menge, die wie ein sonnendurchwärmter Bienenschwarm
summte, gingen, blickte Mishujew aufmerksam und lange in die Gesichter,
die ihnen entgegenkamen, als suchte er aus ihnen etwas herauszulesen.

Sie begegneten wieder dem schwindsüchtigen Popen und dem weißblonden
Menschen im blauen Hemd. Diesmal ging ein hochgewachsener, hagerer,
ernster Mann neben ihm. Mishujew kannte ihn; nun erinnerte er sich auch
an den blonden. Der Ernste war ein bekannter Schriftsteller, der andere
ein junger, schwindsüchtiger Dichter.

Der Schriftsteller warf einen flüchtigen, unfreundlichen Blick über die
Gesellschaft und wandte sich ab. Der Dichter sagte ein paar Worte zu
ihm, und in dieser Stimme wie in dem zornigen Blick des anderen lag ein
spöttisch-feindseliger Zug gegen Mishujew, Parchomenko und ihre
gutgepflegten, schönen Damen.

Bald von der Sonne überstrahlt, bald im Schatten der Schirme, zogen in
bunter Reihenfolge männliche und weibliche, hübsche und häßliche
Gesichter vorüber. Ein lebendiger Kaleidoskop, der sich in jedem
Augenblick veränderte, rollte vor ihren Augen ab, und Mishujew verfolgte
mit gewohnheitsmäßiger, krankhafter Unruhe dieses einförmige,
eigentümliche Spiel: er sah, wie alle die gleichgültigen menschlichen
Augen, die flüchtig über die herankommenden Gesichter glitten, plötzlich
auf ihm haften blieben und den Ausdruck stumpfer Neugierde annahmen. Das
war alles so gewohnt und eintönig, daß es Mishujew mitunter vorkam, als
habe die ganze festliche Menge nur ein einziges -- ein flaches Gesicht,
das ihm über alle Maßen widerwärtig war.

Die Damen und Parchomenko lachten laut auf, Mishujew ging hinter ihnen,
und das Gefühl der Einsamkeit, die ihm längst zur Gewohnheit geworden
war, lief unablässig neben ihm her. Er wünschte, fortzugehen, wo nichts
und niemand um ihn wäre -- weder Sonne, noch Menschen, noch Lärm. Dort
stehen bleiben und lange, sehr lange ganz still für sich stehen. -- --

Der freudestrahlende Parchomenko wandte sich um und rief ihm etwas zu.
Irgend eine Abgeschmacktheit, ohne Sinn und Witz, aber sonderbar
aufdringlich durch das zur Schau getragene Selbstbewußtsein, daß alles,
was er sprach, schön und äußerst interessant sein müßte.

-- -- -- Dieser glückliche Trottel -- dachte Mishujew, während er auf
seine Füße hinunterschaute; plötzlich regte sich stumpfer Neid in ihm.
Wollte man diese Empfindung in Worte übersetzen, so wäre der Unsinn
herausgekommen: -- ach, wenn ich doch solch ein Idiot wäre! Dann könnte
ich ebenfalls glücklich sein wie er, mit meinen Automobilen, Millionen,
Maitressen, mit all den Menschen, die mich selbst gar nicht bemerken,
sondern nur das, was nicht meine Person ausmacht, die mich fürchten,
hassen, an mir kleben bleiben.

»Hier kommt auch unser General!« rief Parchomenko. »General, kommen Sie
doch her! Ohne Sie ist es langweilig!«

Ein alter General mit breiten roten Streifen und einem verschrumpften,
rosigen Gesichtchen auf einem Hals, dünn wie bei einem Küchlein, den der
schmale, graue Backenbart nicht zu verdecken vermochte, lief, die Füße
nachschleppend, auf sie zu. Er begann, den Damen mit freudestrahlendem
Gesicht und kraftloser, greisenhafter Koketterie die Hände zu küssen.
Man sah ihm an, daß er im voraus fürchtete, fortgejagt zu werden.

Parchomenko zeigte eine Freude, als wäre ihm ein amüsantes Spielzeug
gebracht worden.

»Nun, wie ist's, General, hat der Dampfer von gestern viel hübsche
Frauen gebracht? Hat Ihr Herz oft gezuckt?« er lachte laut und drehte
sich vor den Damen, die auf der Bank Platz genommen hatten, auf den
Stiefelabsätzen herum.

»Wußten Sie schon, Maria Sergejewna,« wandte sich Parchomenko zu ihr,
und man sah seinem rosigen Gesicht an, daß er im Begriff war, etwas
ungemein Geistreiches zum Besten zu geben, »der General geht jeden Abend
zur Landungsbrücke; er will der Unvorsichtigen nachstellen, die sich ihm
anvertrauen würde ... Er ist ein Don-Juan, wie er im Buche steht. Auf
Ehrenwort, -- ohne Spaß!«

»So, General -- und ich wußte gar nicht, daß Sie so gefährlich sind!«

Eine der blonden Damen Parchomenkos redete ihn gedehnt mit voller,
schmachtender Stimme an.

»Oh, Sie kennen ihn eben nicht!« Parchomenko verschluckte sich vor
Entzücken; »jeden Abend läuft er hin. Nur wird er von diesen
hartherzigen Damen leider so unhöflich wie möglich behandelt: er sucht
an jedem Abend für sie Wohnungen, er schleppt ihre Sachen, er zahlt die
Droschkenkutscher, und am nächsten Tag laufen sie, -- Gott sei's
geklagt! -- mit irgend einem Fähnrich über die Boulevards, und der
General wandelt wieder zum Dampfer hin! Auf Ehrenwort, -- -- -- ohne
Spaß!«

»Was Sie sagen!« Die üppige Blonde tat äußerst erstaunt.

»Sie müssen stets etwas ausdenken, Pawel Alexejewitsch!« verteidigte
sich der General und errötete.

»Ja, reden Sie nur! Ich etwas ausdenken! Und wer hat Sie vor drei Tagen
in Dschalita mit einer Gymnasiastin erwischt? wie, -- was?«

»Aber, bei Gott ist es wahr, Pawel Alexejewitsch ... das war meine
Tochter Njurotschka! was wollen Sie, bei Gott! ...« sein Gesicht wurde
noch röter.

»Eine Tochter? Wir kennen sie schon -- -- diese Töchter!«

»Nein, wirklich, meine Tochter ... Njurotschka!«

»Daß sie Njurotschka heißt, glaube ich schon! Und daß ...« Parchomenko
hielt sofort wieder ein und kniff die Augen zusammen; offenbar bereitete
er einen recht pikanten Witz vor. »Übrigens ist es schon glaublich, daß
Sie nur noch väterliche Gefühle hegen können. Sehr möglich!«

Die Damen lachten, ihre Blicke etwas gesenkt, mit jenem eigentümlichen
über die Lippen gleitenden halben Lächeln, in dem noch ein besonderes
weibliches Geheimnis zu lauern scheint.

Der General kicherte ebenfalls, doch in seinem freundlichen Gesichtchen
zeigte sich ein schmerzlicher Zug, als könnte seine Njurotschka dadurch
verletzt sein. Einen Augenblick wollte er sich einfach umdrehen und
fortgehen, wagte es aber nicht und kicherte nur krampfhaft weiter.

»Dats ist wunderbar, dats ist wunderbar,« murmelte er, während seine
Äuglein ratlos umherliefen.

»General,« plötzlich leuchtete Parchomenko noch intensiver auf, »warum
sagen Sie immer >dats< und nicht >dashattenlangeEs gibt
Phi--lo--sophen ... es gibt Männer der Ar--beit ... und es gibt
Lieblinge des Schicksals! ...<«

»Sie, Fjodor Iwanowitsch, hat er sicherlich den Lieblingen des
Schicksals zugeteilt,« lächelte einschmeichelnd der General und
trippelte kurz mit den Füßchen.

»T--ja ... Ein Mann der Arbeit konnte ich jedenfalls schwerlich genannt
werden.«

»Und ein Philosoph?« bemerkte das Mädchen neckisch, wurde aber sofort
verwirrt.

Mishujew lachte und fühlte wieder den Wunsch, sie zu umarmen und zu
küssen, unbedingt auf die Backe und so mit vollem Klang!

Aber das Mädchen senkte wieder den Blick. Immer noch drückte ihr ganzes
schlankes Figürchen leise Trauer aus.

»Ja, ja ...« Mishujew beeilte sich zu antworten. Ihn hielt der launische
Wunsch fest, daß sie nicht wieder schweigsam und traurig werden dürfe.

»Wir hatten auch einen Lehrer der Geographie. Hoch gewachsen, hager wie
ein Stock; wir nannten ihn nur >die Makkaroniröhre<. Der erklärte uns
immer das Sonnensystem mit verteilten Rollen: er selbst war die Sonne,
ich stellte gewöhnlich die Erde vor, ein kleiner Judenjunge -- den Mond
usw. Die Sonne hockte auf den Fußspitzen in der Mitte der Klasse und
drehte sich langsam um sich selbst, die Erde lief um die Sonne im
Kreise, der Mond sauste aus allen Leibeskräften um die Erde herum ...
Anfangs ging alles gut, aber bald kamen wir durcheinander, und es trat
eine Weltkatastrophe ein: der Mond rannte in die Erde hinein, Mars stieß
Jupiter mit dem Kopf vor den Bauch, und dieser majestätische Planet
setzte sich plötzlich auf die Sonne und verursachte ein vollkommenes
Chaos!«

Das Mädchen warf den Kopf in den Nacken, und ihr Lachen klirrte so
sorgenlos heiter durch die Luft, daß Mishujews Herz vor Freuden
mitklang. Er wünschte, daß sie weiter lache und begann von allem
möglichen zu plaudern, wie es ihm gerade in den Kopf kam, und obgleich
das, was er erzählte, äußerst unbedeutend war, brachte er es dennoch mit
solcher Komik heraus, daß es allen außerordentlich lustig schien. Das
Mädchen lachte nun ununterbrochen, warf den Kopf zurück und zeigte ihr
reizendes Kinn. Dem General traten vor lauter Lachen Tränen in die
Augen, und alle Passanten sahen sich nach den lärmenden Drei um.

»Ich hatte einen bekannten Diakon, in Ssamara ... Er war ein toller
Säufer! Kommt da jemand irgend einer heiligen Handlung wegen zu ihm. Da
tritt ihm die Diakonin entgegen und erklärt geheimnisvoll: Vater Diakon
könne jetzt nicht empfangen! ... -- Warum denn, -- ist er voll des
Spiritus ...? -- Jawohl, ja -- -- ganz voll! -- -- -- Ah, so! und der
Besucher entfernte sich teilnehmend.«

»Voll des Spiritus!« Das Mädchen lachte und blickte Mishujew nun wieder
gerade ins Gesicht, mit einem Ausdruck, als erwartete sie von ihm noch
eine Geschichte, die am allerlustigsten wäre.

Der General aber schleppte sich hinterher, hinkte und schwieg. Er war
mit einem Mal verstummt, und in seinem gerunzelten Gesicht spiegelte
sich irgend eine Unstimmigkeit wieder. Er erschrak über die unerwartete
Fröhlichkeit und Einfachheit Mishujews. In seinem Innern zu allertiefst
seiner Seele begann sich trübe Befürchtung zu regen. Er hatte ihr noch
keine Form gegeben; es war nur die schüchterne und ohnmächtige,
vogelartige Angst um sein reines, zartes Mädchen.

Diese reichen Herrschaften ... zuckte es durch seinen Kopf: für den da
wäre es nur eine Kleinigkeit ...

Die Vorstellung davon, was Mishujew mit seinem kleinen Mädchen anstellen
könnte, malte sich immer deutlicher vor ihm aus, war aber so grauenhaft,
daß der General sich fürchtete, sie in Gedanken festzuhalten.

»Njurotschka! ... Es ist wohl schon Zeit -- nach Hause ...« rief er sie
ungeschickt an.

Das Mädchen sah sich verwundert um.

»Es ist noch früh, Papachen!«

Der General murmelte etwas verwirrt vor sich hin. Sein Gesichtchen war
gerötet, die Äuglein liefen ganz sinnlos umher. Mishujew sah sich
ebenfalls nach ihm um und begriff instinktiv die feinsten Windungen
seines Denkens. Etwas Bitteres, Altgewöhntes regte sich in ihm. Zuerst
war es schmerzlich, aber gleich stieg irgendwoher, aus dunkelster Tiefe,
der scharfe versteckte Gedanke auf: Geld geben, auf die Hochschulkurse
bringen ... In gebrochenen, aber blitzgrellen Zickzacklinien wand sich
ihr blendender, junger, zum ersten Male entblößter Körper durch seine
Vorstellung; zitternde, naive Ausbrüche noch unerfahrener Wollust ...
Und dann die tolle, feurige Hingabe. -- Unwillkürlich blickte er das
Mädchen von der Seite an, und sie schien bereits nackt vor ihm zu
stehen; er sah ihre runden, bloßen Arme, die kleine, elastische Brust,
die weichen Haarlocken auf ihrer runden Schulter. Etwas schlug, wie eine
heiße Welle, an seinen Kopf, aber er kam sofort wieder zu sich.

Das Mädchen schaute auf und fragte etwas.

»Ja,« antwortete Mishujew. Er fühlte eine große Freude, daß diese
alpdrucksartige Vision verschwunden war. Er hatte den leidenschaftlichen
Wunsch, die Befürchtung des Generals, die er erriet, zu verscheuchen,
wieder schlicht, ebenmäßig, freundlich zu werden.

Er hat ja recht, wenn er mich fürchtet, dachte er schwermütig. Aber auch
ich habe keine Schuld ... so würde jeder andere an meiner Stelle
handeln. Was soll man tun ...

Mit großer Anstrengung gelang es Mishujew, die wieder heranrückenden,
gierigen und beherrschenden Gedanken beiseite zu drängen; doch wurde ihm
traurig, hoffnungslos traurig zumute, als befände er sich einer Macht
gegenüber, die stärker ist, als sein Widerstand.

Und Wort für Wort kam er, von diesem traurigen Bewußtsein und dem warmen
Gefühl für das reine zarte Mädchen ergriffen, auf sein Leben zu
sprechen.

»Wie glücklich Sie sind,« plapperte naiv Njurotschka. »Überallhin können
Sie reisen, alles sehen, erfahren! Wir sind jetzt zum ersten Mal in
Jalta und fühlen uns schon wie im Paradies!«

»Darin liegt ja gar nicht das Glück,« erwiderte Mishujew traurig: »leben
kann man überall; Menschen leben am Nordpol wie in Kamschatka, in der
Sahara und den Pinski-Sümpfen ... Und selbst, die dort leben, können
sich dazu erheben, sich eine eigene Poesie zu schaffen. Leben kann man
auch ohne Palmen, ohne Wärme, ohne große Städte. Das ist alles Unsinn
... reine Formsache. Nur eins kann der Mensch nicht entbehren --
Menschen. In der Einsamkeit wird der Mensch stumpf, schwach, wird
ohnmächtig und unnütz ...«

»Und mir scheint, ich könnte auch in einer Wüste leben, wenn nur Blumen,
die duften und Vögel und das Meer ...«

»Das scheint nur so,« lächelte Mishujew, »uns Menschen sind komplizierte
und tiefe Gefühle gegeben ... Und um sie mit Leben zu erfüllen, ist eine
Umgebung erforderlich, die ebenso kompliziert, fein und tief wäre. In
Himmel, Bäumen und Meer allein kann sich eine Menschenseele nicht
auslösen. Man kann noch soviel reisen und sehen ...«

»Ja. Aber Sie haben doch immer Menschen um sich soviel Sie wollen ...
Sie können doch soviel Gutes tun,« bemerkte Njurotschka schüchtern. Und
ehe er noch etwas erwiderte, fühlte sie, wie sich ihr Herz leise
zusammenzog.

Mishujew verzog seine Mundwinkel ein wenig; dadurch machte er auf sie
plötzlich einen überaus plumpen, krankhaften Eindruck.

»Ah!« sagte er bitter, von einer plötzlichen heißen Aufwallung
fortgerissen: »Gutes! wenn aber jeder, der zu einem kommt, nur um dieses
Guten willen kommt ...«

»Aber nicht jeder!« erwiderte das Mädchen mit eigentümlich
mitleidsvoller Hast.

Mishujew schwieg. In seiner Seele ging etwas Sonderbares vor: er war auf
sich äußerst ärgerlich, daß er so redete, daß er irgend einem Mädchen
gegenüber seine Seele entblößte; ein kühler Stolz preßte seine Lippen,
und dennoch wollte er sich gerne, ohne daß die rechte Gelegenheit war,
einfach aussprechen. Dieser Wunsch siegte.

»Vielleicht wirklich nicht jeder,« sagte er mit Überwindung. »Aber wenn
die meisten Menschen nur kommen, um Geld zu holen, so scheint es immer,
daß einer, der einfach, ohne Hintergedanken, mit offenem Herzen kommt,
sich nur verstellt, und im Innern seiner Seele dasselbe will. Daß auch
er nicht gekommen wäre, wenn er nicht Geld finden würde. Und da wird man
im Voraus argwöhnisch ... Manchmal überläuft einen solche Bitterkeit,
daß man alles von sich abstößt, grob und brutal wird ... Das ist
entsetzlich, wirklich!«

Etwas zitterte wieder in Mishujews Stimme, er kniff die Lippen ein und
verstummte. Wieder wurde es still und das Getöse des Meeres schien dem
Mädchen einsam und traurig. Sie wurde nachdenklich, und tausende zarte,
liebevolle Worte schwirrten durch ihren Kopf. Eine mütterliche
Zärtlichkeit erfüllte ihre mädchenhafte, naive Seele, sie wünschte ihn
zu liebkosen, zu trösten.

Der General schaute verwundert von hinten auf die riesige gebückte
Gestalt Mishujews. Anfangs glaubte er ihm nicht, er wurde sogar von
stärkerem trüben Schrecken erfaßt: ihm kam es vor, als wollte sich
Mishujew gerade in Njurotschkas Augen als Unglücklichen aufspielen. Aber
später schämte er sich dieses Gedankens und bedauerte Mishujew auf seine
besondere Greisenart -- mit väterlicher Zärtlichkeit:

»Mir scheint ...« begann das Mädchen leise.

Doch die Stimmung war bei ihm schon verflogen. Das kühle Denken bekam
Oberhand. Mishujew tat seine Offenherzigkeit vor solchen im Grunde
belanglosen Leuten, wie irgend einem General a. D. und seiner Tochter,
einer Gymnasiastin, die er sich einfach kaufen konnte, leid. Zwar wurde
ihm dieses Gefühl selbst peinlich und er wurde sich seiner Grobheit
bewußt; er zeigte sich aber trotzdem plötzlich hochmütig und kühl.

»Nein, das sind alles Bagatellen ...« fiel er ihr kühl ins Wort und fing
unvermittelt an, von etwas Unnötigem und Uninteressantem zu sprechen.

Njurotschka blickte ihn rasch an, aber Mishujews Gesicht blieb
regungslos und reserviert. Sie wurde plötzlich blaß, richtete sich mit
einem Male auf und starrte vor sich hin, während ihre Finger unter der
trüben, schmerzlichen Empfindung, verletzt zu sein, erzitterten.
Gleichsam, als wäre sie von jemandem entkleidet und verhöhnt worden, sie
und alles, was sie mit reiner, inniger Zärtlichkeit in sich entdeckt
hatte.

Der General versuchte Mishujew zu trösten, aber er benahm sich
ungeschickt, so daß er selbst verwirrt wurde und nur irgend welchen
Unsinn murmelte.

Als sie ans Ende der Promenade gekommen waren, hatten alle das Gefühl
peinlicher Öde; sie verstanden, daß es Zeit sei, auseinander zu gehen.
Der General fiel vollständig zusammen. Er wußte nicht, wie er ihrem
Zusammensein ein Ende machen sollte, wurde unschlüssig, trippelte mit
den Füßen und redete blödes Zeug über den Abend, das Meer, das Jaltaer
Leben. Mishujew schwieg und antwortete nur einige Male ohne
aufzublicken:

»Ja, das ist richtig ...«

»Sehen Sie mal, Fjodor Iwanowitsch ...« begann wieder der General, aber
gerade da zupfte ihn die Tochter am Ärmel und sagte, mit abgewendetem
Blick, leise, aber fest:

»Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, Papachen ... Mir ist kalt.«

»Sofort, sofort, Kindlein,« beeilte sich erfreut der General. -- »Nun,
auf Wiedersehen, Fjodor Iwanowitsch, auf Wiedersehen.«

Er drückte lange die Hand Mishujews; er konnte sich nicht entschließen,
fortzugehen. Er hatte das Gefühl, daß noch etwas fehle. Njurotschka
wartete schweigend, blaß und traurig. Ihr taten alle leid -- sie selbst,
der Vater, und Mishujew und das Helle und Schöne, das gekommen und
wieder vergangen war. Es war ein Gefühl des Mitleids und der schweren
Verletzung, das ihr fast Tränen herauspreßte.

Sie lachte nur beim Abschied, über irgend eine Bemerkung des Vaters,
schwach und abgerissen, auf, warf aber doch das Köpfchen in den Nacken
und zeigte ihr reines zartes Kinn.

In der letzten Minute rührte sich in ihr eine warme Empfindung und sie
sagte mit klingender Stimme:

»Fjodor Iwanowitsch, darf ich Sie bitten, mit zu uns heranzukommen.«

»Danke schön,« erwiderte Mishujew kühl.

Das Mädchen errötete und ihre Augen wurden traurig, ratlos.

Den ganzen Weg schwieg sie und hörte darauf, wie der Kies surrend unter
ihren Füßen knirschte. Ihre Seele war von einem verwirrten Gefühl
erfüllt, als wäre irgend ein Glück abgerissen; ihr Mitleid mit Mishujew
wurde noch stärker.


                                   IV

Die Nacht trennte das Meer von der Erde. Hinter der grell beleuchteten
steinernen Brüstung der Strandpromenade stand die dichte Finsternis wie
eine Mauer; ein unbegreifliches, unaufhörliches Leben schien sich in ihr
versteckt zu halten. In dem unsichtbaren freien Raum bewegte sich etwas,
stieß schwere Seufzer aus, plätscherte, als ob es schluchzte, schwoll
an, flaute ab, und schwoll dann wieder irgendwo in der schwarzen Ferne,
die mit dem schwarzen Himmel zusammenfloß, von neuem an. Dort in der
Finsternis, vor den menschlichen Augen verborgen, tobte unaufhörlich ein
ewiger geheimnisvoller Kampf, als arbeiteten Millionen Wesen unter dem
Schutz der kurzen Nacht daran ihr grausames düstres Werk zu vollenden.
Die Strandpromenade, die von den blassen Lampen der Laternen mit totem
Licht begossen wurde, war von durchsichtiger aufhorchender Leere
umgeben. Die Bäume verschwammen zu einer dunklen eintönigen Masse, und
nur dicht neben den Lampen schimmerten hell, aber leichengrün einzelne
erstarrte Blätter. Von Zeit zu Zeit wuchsen irgendwo einsame Schritte
deutlich heran, im Lichtkreise zeichnete sich scharf ein schwarzer
Schatten ab, wuchs, dehnte sich aus, bog sich über die Brüstung zum Meer
hinab und verschwand in der Finsternis ebenso schnell, die deutlich
verhallenden Schritte in die Ferne tragend.

Mishujew ging allein; sein Kopf schien ihm unendlich groß und sein Herz
leer.

Das rastlose Meer lärmte in ewiger Trauer; über den Bergen funkelten
große Sterne, und die Seele Mishujews erfüllte ein Gefühl, als stehe er
über einer Welt, in der alles längst abgestorben war, jedes Leben für
immer geendet hatte, und das Auge nur tote Schneefelder und ferne
Sterne, die von der Kälte ewigen Schweigens angeschmiedet sind,
erblickt.

Tote Trübsal weinte leise in seinem Herzen; es war für ihn ganz gleich,
wohin er in der Leere und dem Schweigen der Nacht gehen sollte. Warme
Erinnerung lebte noch in ihm, und in den Ohren gellte, wie aus weiter
Ferne, klingendes Lachen. Blonde Haare, feuchte Augen, das weiche, reine
Kinn eines in den Nacken geworfenen Köpfchens huschten durch sein
Gedächtnis. Aber die Gedanken flogen schnell, wie Wolken am Mond in
grauer Winternacht, vorüber. Weder Ziel noch Anfang oder Ende hatten
sie, und trübselig war ihre dunstige rasende Geschwindigkeit.

Langsam und schwer, wie ein Mensch, der ernstlich krank ist, ging
Mishujew bis ans Ende der Promenade, blieb stehen, ging zurück, und er
wäre nicht imstande gewesen, mit Worten auszudrücken, worüber er in
dieser Zeit dachte. Es gab keine bestimmten Worte, es gab keine
Personen, denen gegenüber er seinen Wunsch, sich aufzulehnen, äußern
konnte. Aber seine kranke Seele, die das Bewußtsein eines
unüberwindlichen Unrechtes, das sie bisher noch nicht begriffen hatte,
niederdrückte, verlangte nach etwas.

Eine stürmische Bewegung, grell und lebendig, wie menschliche Liebe und
menschliche Freude, schlug vor seinem Blick empor. Aber rings umher
blieb alles leer; ihm schien es, daß nicht nur auf dem breiten Kai,
sondern in seinem eigenen Leben nur seine schweren Schritte
widerhallten, als zählten sie, ohne Zweck und Grund Stufen eines toten
Weges, der für niemanden von Nutzen ist.

»-- -- Es ist Zeit, zu sterben!« dachte Mishujew plötzlich mit
verzerrtem Lächeln.

In einem Augenblick wurde es ihm leicht und frei ums Herz, als hätte
dieses Wort die Hülle alles Schweren und Düsteren abgestreift; und nun
stellte es sich heraus, daß nichts dahinter war -- -- -- als vollkommene
Leere. Das Gefühl der Leichtigkeit und Raumlosigkeit erfüllte für einen
Augenblick seinen Körper und machte ihn ebenso leer und frei, band ihn
von Mishujew, dem schwergewordenen, düsteren, abgelebten Menschen los.
Aber dieses Gefühl kam nur für einen Augenblick und erlosch, wie ein
Funke in Finsternis und Wind.

Wenn allein der Tod übrig bleibt, so ist Alles wahr: dann ist es
richtig, daß sein Leben in der Tat widerwärtig und sinnlos ist; er
braucht nicht weiterzuleben.

Plötzlich wurde es ihm so schwer zumute, daß er wünschte, weinen und
sich auf die Erde werfen zu können, mit dem Gesicht nach unten, und so
liegen zu bleiben.

Aber was ist denn geschehen? Bin ich krank? fragte er sich voller
Verzweiflung. Er erstickte fast unter einem furchtbaren Druck und
begriff nicht warum. -- Ich besitze alles, was einem Menschen nötig ist;
sogar viel mehr. Tausende Menschen träumen davon, ein Hundertstel von
dem zu haben, was ich besitze ... träumen davon, wie von einem
unerreichbaren Glück! Von all meinem Leid wird jeder Mensch nur sagen,
daß ich an meinem eigenen Fett ersticke. Was fehlt mir denn. Ich habe
alles ...

Und in grellen Streifen zogen im Augenblick Reihen herrlicher Frauen,
Theater, Meere, Städte, Bilder, Automobile, Pferde ... eine ganze Welt,
voll Farben, Licht und Bewegung, das Luxuriöseste, Schönste,
Angenehmste, was die Welt hervorbringen kann, ... an Mishujews Augen
vorüber. Aber sein eigenes Gesicht blieb krank und schwermütig zurück.
Alles entfernte sich, verblaßte, wurde plötzlich eintönig und ärmlich,
wie verblichenes Flitterzeug.

Nicht das, nicht das ist es ... doch was denn? -- Er richtete seine
Frage irgend wohin ins Innere seiner schweigenden Seele. Plötzlich
durchschüttelte eine Flut gegenstandsloser, unnützer Bitternis seinen
ganzen mächtigen Körper; er fiel durch eine Spanne übermenschlicher
Leidempfindung, die einen unendlichen Augenblick dauerte, in ein leeres
kaltes Loch hinein, wo nichts mehr war als die äußerste Abspannung.

Schweigsam ging Mishujew bis an das Ende der Straße, und sank in seinem
ganzen Wesen mit jedem Schritt mehr und mehr zusammen. Mit einem Male
fiel ihm ein, wie oft er schon von einem Ende bis zum anderen gegangen
war; er kehrte um. Und als sich aus den Scheiben eines Restaurants
grelle Lichter über seinen Weg schoben, überschritt er die Straße und
öffnete mechanisch die große schwere Tür.

Man muß etwas zu sich nehmen ... ich bin einfach schlaff geworden,
dachte er gleichgültig.

Hinter der blendenden Spiegelfläche des Fensters erglänzten lebende
Lichter, schwankten schwarze Silhouetten, schimmerten die scharf
geschnittenen grünen Blätter der Zimmerpflanzen; weiße Tischtücher
strahlten wie Bergschnee.

Sowie Mishujew die Tür geöffnet hatte und der Portier von seinen
massigen Schultern den Überzieher abnahm, schlug ihm von allen Seiten
verworrener Stimmenlärm, Gelächter und funkelndes Gläserklirren
entgegen, es betäubte ihn nach der Stille der Nacht. Er wurde sofort
erkannt. Bald hier bald dort tönte durch Gepolter, Klang und Getöse sein
Name, eilig und fast warnend ausgesprochen. Einige Frauengesichter
begleiteten ihn mit neugierigen Blicken, während er sich langsam
zwischen den Tischen vorwärts schob. Neben dem Buffet rief ihn ein
Bekannter, der Moskauer Schriftsteller Opalow, an.

»Fjodor Iwanowitsch!« Er schien erfreut und erhob sich eilig; sein
Gesicht, mit feinen Gesichtszügen und Augen, schmal und eigenartig, wie
bei einer japanischen Puppe, fing mit dem Ausdruck lebhaftester Freude
und völliger Zutraulichkeit zu lächeln an. »Fjodor Iwanowitsch, setzen
Sie sich zu uns heran! ... Kellner, einen Stuhl her!«

Am Tisch saßen drei Herren: die zwei Schriftsteller, denen Mishujew am
selben Tage auf der Promenade begegnet war, und ein aufgedunsener,
kahlköpfiger, etwas unsauberer Mensch in Leinwandhosen, die für seine
Beine zu eng waren, mit einer auffallenden entweder amerikanischen oder
einfach clownmäßigen Weste.

»Sie sind wohl noch nicht bekannt?« fragte Opalow, als sich alle langsam
Mishujew entgegen neigten: »Tschetyrjow, ... Marussin, ... Podgurski
...«

»Ehemaliger Schriftsteller!« fügte der aufgedunsene Herr hinzu mit einer
Stimme, die die eines Hansnarren -- vielleicht aber auch seine
gewöhnliche sein konnte.

Mishujew nannte kurz und flüchtig seinen Namen. Es war ihm stets
unangenehm, sich mit seinem Namen vorzustellen: es kam ihm kindisch vor,
einen Namen herzusagen, den alle gewöhnlich schon vorher wußten; sich
aber gar nicht vorzustellen, wäre auch nicht angegangen. Das erregte
ihn.

»Sie kennt ja jeder, Fjodor Iwanowitsch!« lachte Opalow; es war schwer
zu unterscheiden, ob er es gutmütig oder mit gehässiger Ironie meinte.

Mishujew lächelte mißmutig, und dieses schiefe Lächeln fiel ihm selbst
unangenehm auf: es konnte den Eindruck erwecken, als gebe er zu, daß ihn
alle kennen oder als leugne er es oder auch als heuchle er eine
Verneinung. Er fühlte, daß ihm Einfachheit fehlte und daß es allen
aufgefallen war. Es verstimmte ihn wieder.

Der Kellner brachte eilig einen Stuhl und Mishujew ließ sich nieder,
kreuzte sofort seine massigen Arme auf dem Tischtuch und starrte mit
schwerem Seitenblick auf das Nachbartischchen, wo drei beleibte,
aufgeputzte Damen und zwei glänzende, fesche Offiziere saßen. Für eine
Minute entstand peinliches Schweigen. Opalow blickte Mishujew
freundlich, aber so neugierig in die Augen, als wenn sich plötzlich ein
Eisbär neben ihn gesetzt hätte. Der zottige Podgurski, der wie ein
Bündel schmutziger Wäsche, in enge Höschen und ein Jackettchen aus
Segeltuch gepreßt, aussah, schaute ebenfalls neugierig auf ihn; in
seinen winzigen, scharfen Äuglein leuchtete ein freches, gieriges
Feuerchen. Tschetyrjow und Marussin tranken schweigsam ihr Bier und
schienen Mishujew nicht zu bemerken. Mishujew sah mit einem flüchtigen
Blick, daß Marussins weiche, schwache Hände die ganze Zeit hindurch
krankhaft zitterten, und er erinnerte sich, gehört zu haben, daß
Marussin an der Schwindsucht litt. Auch seine Augen fielen ihm auf:
etwas leicht Vergängliches und Durchsichtiges, wie ein Streifen zarten
Frühlingshimmels, sahen ihm daraus entgegen. Mishujew empfand, daß er
wahrscheinlich ein sehr unglücklicher, guter und reiner Mensch sein
müsse. Warmes Mitleid regte sich in ihm.

Bis an die Decke dröhnte das Restaurant von Rufen, Gläserklirren und
Gelächter. Manchmal fiel irgendwo mit trockenem Gepolter ein Stuhl um,
laut klingelte ein ungeduldiges Löffelchen an eine Glaskante und hoch
flatterten die feinen Töne der weiblichen Stimmen und ihr anrufendes
Lachen, das sich wie unter eigenem Kitzel verschluckte. Kellner mit
Servietten huschten vorüber, das Licht brach sich in den buntfarbigen
Kelchen und Flaschen und strahlte in den Schmucksachen auf glatter,
halboffener, weiblicher Haut. Nur durch die weiten Fenster blickte
unverwandt die schwarze Nacht herein.

»Warum sind Sie denn allein? Wo ist Maria Sergejewna?« fragte Opalow;
aus seiner Stimme konnte man heraushören, daß der Name Maria Sergejewnas
in ihm eine unfaßbare Vorstellung weiblicher Entblößung hervorrief.

Mishujew wußte, daß Maria Sergejewna auf alle Männer eine schmerzlich
erregende Wirkung ausübte, und daß man von ihr mit einer besonderen
Nuance im Tone sprach. Einst schmeichelte es ihm, er fühlte einen
eigentümlichen Reiz, zuzuschauen, wie fruchtlos alle Männer durch diese
Frau erregt wurden. Doch in der letzten Zeit fiel ihm darin etwas
Verletzendes und Unangenehmes auf; er erinnerte sich, daß man erst
begonnen hatte, mit ihr und über sie so zu sprechen, seitdem er zu ihr
in feste Beziehungen getreten war. Ebenso schön war sie auch früher
gewesen, aber damals umhüllte sie eine besondere Reinheit. Durch seine
Berührung war diese Reinheit abgestreift worden, vor allen Menschen
hatte er sie in der erniedrigenden und groben Gestalt eines allen
zugänglichen Weibchens entblößt.

»Sie ist nach Ssemeïd gefahren,« antwortete Mishujew ungern und mit
einem Blick nach der Seite.

»So! Ich war ihnen heute begegnet ... Mit Parchomenko?« Opalow war
entzückt, und wieder spürte Mishujew aus diesem Entzücken etwas
Besonderes heraus. Als hätte Opalow niemals daran gezweifelt, daß Maria
Sergejewna früher oder später in Parchomenkos Hände übergehen müßte;
jetzt aber wäre er zur Überzeugung gekommen, daß es sich schon
vorbereitete. Nach Opalows Meinung war Mishujew schon der Liebhaber a.
D.

»-- -- Anders kann er es sich gar nicht vorstellen,« dachte Mishujew.

»Parchomenko, das war jener? ...« erkundigte sich plötzlich Podgurski.

»Ganz recht -- der!« sagte Opalow, während seine eigentümlich
japanischen Augen glänzten.

»Kennen Sie ihn?« fragte Podgurski weiter. »Machen Sie mich bitte mit
ihm bekannt. Ich habe in einer geschäftlichen Angelegenheit mit ihm zu
tun.«

»Wollen Sie ihn anpumpen, -- -- -- auf Nimmerwiedergeben?« fragte Opalow
offensichtlich scherzend.

»Und wenn schon. Meinen Sie, er gibt nichts?«

»Ja, der würde Ihnen wohl nichts geben,« bemerkte Mishujew mechanisch.

»Und Sie, würden Sie etwas herausrücken?« wandte sich unerwartet
Podgurski an ihn und offenherzige Unverschämtheit klang aus seiner
Stimme.

Mishujew war eine Weile vor Überraschung sprachlos. »Vielleicht,«
lächelte er dann.

»So, dann geben Sie mir bitte fünfundzwanzig Rubel! Warum auch nicht?«

Mishujew lenkte seinen schweren Blick in Podgurskis Augen, dachte eine
Weile nach, lächelte dann wieder und reichte ihm einen 25-Rubelschein
über den Tisch. Ihm gefiel die Aufrichtigkeit, die in dieser Frechheit
lag.

Podgurski erwartete kaum etwas und war nicht einmal besonders gespannt,
ob Mishujew ihm Geld geben würde oder nicht, aber beim Anblick des
Geldes blitzten seine Äuglein noch frecher auf. Er nahm den Schein und
schob ihn wie selbstverständlich in die Tasche der halb amerikanischen,
halb clownartigen, vielleicht aber nur einfach schäbigen,
fettverschlissenen Weste, die auf seiner Brust hin- und herrutschte.

»Danke!«

Mishujew bemerkte, wie sich Marussins gute Mädchenaugen mit
zurückhaltendem Lächeln Podgurski zuwendeten, sich aber im Augenblick
wieder verschämt senkten, ohne sein Gesicht gestreift zu haben.
Tschetyrjow blickte schweigend über die Köpfe hinweg nach dem Innern des
Restaurants und schien überhaupt nichts zu sehen.

»Sie sind aber ein frecher Patron!« bemerkte Opalow; man konnte seinen
Augen ansehen, daß auch ihm der Gedanke an eine Anleihe gekommen war;
leider nur zu spät.

»Ach, ich spucke darauf!« erwiderte Podgurski unverfroren. »Ich bin ein
frecher Patron, Sie ein Feuilletonschreiber, er -- ein Millionär; -- was
dabei das Schlimmste ist, das steht noch lange nicht fest!«

Opalow hob mit komischer Miene seine eigentümlichen Augen, aus denen
stets beobachtende Neugierde blickte, zur Decke. Tschetyrjow und
Marussin lachten gutmütig, und dieses gutmütige Lächeln des
ungemütlichen Tschetyrjow überraschte Mishujew. Doch lächelte er selber
mit.

»Und wissen Sie, was ich Ihnen sagen möchte ...« begann Podgurski in
einem Ton, als wollte er allen eine freudige Nachricht bringen, »laden
Sie uns doch zum Sekt ein, Fjodor Iwanowitsch. Was? Warum denn nicht?«

Mishujew zuckte mit den mächtigen Achseln. Dieser durchtriebene Bursche,
der ihm gleich beim ersten Wort auf die Schultern stieg, und dazu noch
mit solcher Gradheit und Selbstverständlichkeit, fing an ihn zu
amüsieren.

»Meinetwegen, gut. Nur müssen Sie selbst alles anordnen,« sagte er.

»Schön, ausgezeichnet! ... Kellner!« Podgurski schrie laut, ohne darauf
zu achten, daß sich das ganze Restaurant nach ihrem Tisch umdrehte.

Der Geschäftsführer, ein schmächtiger Greis mit üppigem, grauem
Backenbart, der schon lange in der Nähe Mishujews wie ein Jagdhund auf
der Lauer gestanden hatte, trippelte rasch auf ihn zu, wobei er mit der
süßesten Miene seine winzigen Händchen rieb. Podgurski ging daran, ein
Souper zusammenzustellen. Er tat es so sicher, als hätte er sich sein
ganzes Leben lang mit nichts anderem als feinen, üppigen Diners
abgegeben. Mishujew schaute ihn sogar verwundert an. Podgurski, der
alles mit der Gewandtheit eines Taschenspielers fertig machte und alles
bemerkte, warf dazwischen:

»Gleich kommt der Millionär zum Vorschein! Sie denken, daß sie nur
allein essen und trinken können.«

»Und wissen Sie, was Millionäre denken?« fragte Mishujew hochmütig, ohne
daß ihm selbst sein Ton zum Bewußtsein kam.

»Aber gewiß doch! Alles weiß ich! Als ich ein berühmter Schriftsteller
war ...«

Alle brachen in Lachen aus. Aber Podgurski maß dem keine Bedeutung bei.

»... habe ich mir Millionäre angesehen, wie andere Hunde. Ich sehe sie
durch und durch, wie ein Gläschen Wodka!«

Es wurde Sekt gebracht. Mit ihm kam der Geruch von Eis und Feuchtigkeit,
als hätte man die Türen zu einem Keller geöffnet. Der alte
Geschäftsführer schüttelte höflich den Backenbart und strengte sich an,
in irgend einer Sache den rücksichtslosen Podgurski zur Vernunft zu
bringen. Der lebte auf: seine dünnen Haare erhoben sich, einzeln und in
Büscheln, seine Äuglein funkelten unverfroren und gierig, und die
widersinnige Weste streckte sich frech hervor. Er machte Witze, trank,
schrie, und man sah ihm an, daß er sich wenn nicht gerade glücklich, so
wenigstens satt und behaglich fühlte. Mishujew schaute auf ihn und
bemerkte mit intensivem Vergnügen, daß sich dieser Gentleman den Teufel
um Mishujew, um dessen Millionen, um Tschetyrjow, um irgend etwas in der
Welt kümmerte. Er hatte Sekt, Zigarren, seine Witze; alles andere kam
für ihn nur insofern in Betracht, als es zu ihm gehörte und ihn
fütterte.

Tschetyrjow und Marussin tranken nichts; sie aßen auch fast gar nichts.
Sie schwiegen die ganze Zeit, wechselten selten einzelne Worte
miteinander und hörten nur allem, was um sie vorging, so aufmerksam zu,
wie nur Künstler zuzuhören vermögen. Dabei schienen sie Mishujew
vollständig und mit Absicht zu übersehen. Ihn quälte es. Dafür wendete
aber Opalow kein Auge von ihm. Immer noch war er erwartungsvoll
neugierig. Die ganze Zeit gab er sich Mühe, das Gespräch mit Mishujew im
Fluß zu halten, machte Witze, warf treffsichere Bemerkungen ein, in
deren Spiel sein Wunsch, Mishujew zu gefallen, deutlich hervortrat.

Am Nebentisch saß eine starke, auffallend elegante Dame mit einem
kleinen Ausschnitt auf ihrem zarten, rosigen Rücken.

»Ist es Ihnen schon aufgefallen, Fjodor Iwanowitsch,« sagte Opalow, »daß
die nackte Frauenhaut in der Restaurantbeleuchtung stets naß erscheint?«

»Fehlgeschlagen!« schnitt Podgurski seine Worte autoritär ab; man sah
ihm sofort an, daß er das versteckte Bestreben Opalows, zu gefallen,
genau bemerkt hatte und es nun zu verspotten suchte. »Tüfteln Sie was
besseres aus. Das war billig. Warum gerade bei Restaurantsbeleuchtung?«

Die weiten, schwarzen Augen blinzelten rasch, doch Opalow gab sich den
Anschein, als verfechte er aufrichtig seine Bemerkung.

»Jawohl, gerade bei Restaurantsbeleuchtung ... Und, wissen Sie, das ist
auch ganz natürlich: das Licht in Restaurants ist immer von feuchten
Ausdünstungen durchtränkt ...«

»Sie schwitzen einfach!« sprach Podgurski mit unwiderruflicher
Entschiedenheit. »Aber das ist sicher: überall, wo es viele Frauen gibt,
da riecht es nach Puder, Parfüms und faulem Fleisch.«

»Was Sie sagen!« Mishujew lächelte.

»Ja, ja -- -- -- das mag vielleicht wahr sein,« bemerkte Tschetyrjow.

Als die Dame am Nebentisch sich erhob und ihre Federboa fallen ließ,
musterte Opalow mit einem Blick ihre ganze Gestalt und sagte zu
Podgurski, während er gleichzeitig Mishujew ansah:

»Nun, so sehen Sie hier: wenn eine Frau plötzlich eine Boa fallen läßt,
scheint ihr ganzer Rücken für einen Augenblick nackt!«

»Das ist nicht schlecht,« billigte Podgurski. »Sie sollten es nur
Parchomenko erzählen. Der gibt Ihnen Geld für so was.«

»Sie haben neulich, wie ich glaube, gesagt, daß Sie Parchomenko nicht
kennen,« bemerkte Marussin und wurde verwirrt.

»Wirklich? Ja, möglicherweise habe ich es behauptet. Dann habe ich
offenbar gelogen,« erwiderte kaltblütig Podgurski.

Marussin machte den Versuch, ihn anzublicken, begann aber zu blinzeln,
errötete etwas, und seine Verwirrung zeigte sich so naiv und aufrichtig,
als wäre er und nicht Podgurski beim Lügen ertappt worden.

Und wieder dachte Mishujew mit zarter Liebenswürdigkeit von ihm: was für
eine liebe Seele er ist!

»Ich kenne ihn schon lange, noch von Moskau her ...« erzählte Podgurski.
»Niemand kennt ihn vielleicht so gut wie ich ... Hier habe ich ihn!«

Podgurski streckte seine breite, verschwitzte Tatze aus. Und die
Bewegung dieser unsauberen Hand mit den schwarzen, stumpfen Nägeln war
so klettenartig und gierig, daß alle unwillkürlich auf sie blickten und
selbst Mishujew von einem peinlich bangen Gefühl überlaufen wurde.

»Als noch der alte Parchomenko lebte, hielt er den Sohn unter einem
strengen Regiment -- er prügelte ihn und gab ihm keinen Groschen ... Er
pflegte mit zwei Silberstücken à 20 Kopeken auf den Ladentisch zu
klopfen: hier nimm und schere dich fort ... Damals suchte dieser Paschka
überall nach Geld, gegen falsche Wechsel natürlich ... Dabei liefen wir
uns beide in den Weg. Ich kenne solche prächtige Affären von ihm! Ich
müßte nur noch _ein_ Schriftstückchen in die Hände kriegen, dann würde
ich bei ihm eine Erpressung anlegen, daß er wie ein Ferkel zu quietschen
anfängt!«

»Ist das wirklich notwendig?« fragte Marussin. Da er Podgurski nur mit
Überwindung ins Gesicht sehen konnte, blinzelte er wieder mit den Augen.

»Sie kennen den Kerl nicht, Nikolaj Nikolajewitsch! Das ist ein
furchtbares Insekt! Ein Reptil voll Gift! Wer es zertritt, dem werden
vierzig Sünden erlassen! Platt wie ein Gummischuh, und von einer
Niedertracht, daß es für drei Könige und vier Erzäbte ausreichen würde.
Was für eine Grausamkeit in dem Aas steckt! Er hat da irgendwo gelesen,
daß Kolonialoffiziere in Afrika Negerweiber auf Bretter nageln ließen
und auf sie aus Revolvern um die Wette schossen. Was meinen Sie nun --
das wurde seitdem sein Traum! Eine Frau zu kreuzigen. Und einmal tut er
es sicher noch ... Als sein Vater im Sterben lag und kein Wort mehr
herausbringen konnte, da fühlte sich dieser Paschka Parchomenko vor
allen Dingen als Erbe, -- er kam ins Schlafzimmer, griff den Sterbenden
beim Bart und zerrte daran: Geier, hier hast du eine Belohnung für dein
diebisches Leben! ... Und als er die Erbschaft in den Händen hatte,
wurde er selber schlimmer als der Alte. Geizig ist der Bursche, wie ein
Kettenhund! Dieses Dreckvieh. Millionäre existieren auf der Welt nur,
damit man auf ihre Kosten Sekt trinkt; aber dieses Aas taugt nicht
einmal zum Sekt!«

»Sie sind wohl fest davon überzeugt, daß Millionäre zu nichts anderem
taugen?« bemerkte Tschetyrjow.

Er fragte es anscheinend zum Scherz, aber alle, und auch Mishujew
selbst, fühlten sofort, daß es eine Herausforderung gegen ihn war.

»Und zu was sonst noch, zum Teufel?« antwortete frech Podgurski, der
Tschetyrjows Ton aufgegriffen hatte und offensichtlich einen Skandal
hervorrufen wollte.

Opalow blickte Mishujew versöhnlich in die Augen.

»Und welche Meinung haben Sie von Parchomenko?« fiel er mit zu
natürlicher Stimme Podgurski ins Wort.

Mishujew sah ihn von oben herab an und antwortete nicht. Der Haß, der
handgreiflich in der Stimme Tschetyrjows, den er als Dichter liebte und
achtete, lag, berührte ihn schmerzlich und machte ihn traurig. Mit
drückender Ratlosigkeit fühlte er mit einem Mal, daß er von Feinden
umgeben war.

»Mir scheint,« sagte er, während er seine Hände, die auf der Tischplatte
ruhten, unverwandt betrachtete, »daß Sie im Irrtum sind: man kann
Millionär sein und dennoch zu etwas besserem taugen, als andere mit Sekt
zu tränken.«

Tschetyrjow schob ihm seinen hartnäckigen, haßerfüllten Blick entgegen
und lächelte kaum merklich. Mishujew zitterte und wurde rot.

»Sie scheinen sich gar verletzt zu fühlen,« warf Podgurski mit
doppelsinnigem Ausdruck ein.

»Ich fühle mich nicht verletzt,« erwiderte Mishujew und errötete noch
mehr. »Ich sagte das nicht, weil ich selbst Millionär bin ...
Parchomenko ist eine Ausnahme. Das ist ein degeneriertes Subjekt, wie es
in jedem Gesellschaftskreis vorkommen kann. Ich glaube allerdings, daß
ein Mensch so oder anders sein kann, ganz unabhängig von dem Geldgewicht
seiner Taschen.«

»Sicherlich!« rief Opalow wieder zu aufrichtig.

»Parchomenko ist kein degeneriertes Subjekt,« meinte Tschetyrjow kühl.
»In einem Milieu, wo alles auf Geld aufgebaut, wo alles um Geld käuflich
und verkäuflich ist, sind die Parchomenkos eine rein gesetzmäßige
Erscheinung. Gerade so muß ein richtiger Millionär sein. Und wenn es
andere gibt, so sind die schon eher in ihrer Art degeneriert ...
Beispiele lebendigen Widersinns.«

Der Hauch der Feindseligkeit und des nahenden Streites wehte so deutlich
aus dieser Stimme, daß Marussin seinen Kopf anhob und rot wurde, und
Opalow auf seinem Stuhl zwischen Tschetyrjow und Mishujew in unbestimmte
Bewegung geriet.

»Warum gleich?« fragte Mishujew; ein trauriger Klang lag in seinen
Worten. »Ich, z. B. ...«

»Nicht von Ihnen rede ich,« erwiderte Tschetyrjow achtlos.

»Und wenn es selbst von mir wäre.« Mishujew sprach leise, ohne die Augen
zu bewegen.

»Von Anwesenden wird nicht gesprochen!« mischte sich Opalow ein. »Das
haben Sie wohl vergessen, Fjodor Iwanowitsch!«

Mishujew senkte den Blick noch tiefer und erwiderte noch leiser: »Nein,
warum denn nicht ... Mir wäre es äußerst interessant zu erfahren, wie
... Ssergej Maximowitsch, den ich als Dichter liebe und schätze, darüber
denkt ...«

Tschetyrjow wurde plötzlich ebenfalls rot. Und ohne ihn anzusehen,
verstand Mishujew, daß ihm sein Gegner nicht glaube und meinte, Mishujew
suche ihn nur umzustimmen. Das schien ihm noch kränkender. Ein Gefühl
der Scham über seine Offenherzigkeit und trauriger Ratlosigkeit überkam
ihn. Er hielt Tschetyrjow aus vollem Herzen für einen feinfühligen und
ergreifenden Dichter und konnte nicht verstehen, warum ihn dieser
nachdenkliche, wahrheitliebende Mensch, der ihn fast gar nicht kannte,
bereits haßte und kränken wollte.

Mit schmerzlicher Mühe überwand sich Mishujew und sagte ebenso leise wie
früher:

»Ich meine es ganz aufrichtig ...«

Ein warmer, bittender Klang zitterte in seinen Worten.

Marussin wurde gerührt, als er sah, wie ein so großer, starker,
lebenserfahrener Mensch sanftmütig zu Menschen spricht, die ihn von sich
fortstoßen. Ein leichter Ärger gegen Tschetyrjow regte sich in ihm.

»Ssergej Maximowitsch will wahrscheinlich ausführen,« sagte er errötend
und seine guten Augen aufschlagend, »daß die Anhäufung von
Riesenvermögen in den Händen eines einzelnen Menschen ... ein Unsinn
wäre ...«

»Na, da hätten wir ja ein Stück aus dem sozialdemokratischen Programm,«
bemerkte Podgurski spöttisch.

»Der Millionär selbst, wie er steht und geht, als lebender Mensch, ist
meines Erachtens ein Unsinn!« fiel ihm Tschetyrjow schroff ins Wort.

»Was haben Ihnen nur die unglückseligen Millionäre getan?« Opalow
versuchte wieder, das Gespräch in ein friedlicheres Fahrwasser zu
bringen.

Aber diese Einmischung erregte Mishujew. Er las in den neugierigen Augen
Opalows verstecktes Vergnügen.

»Nein, ich möchte Sie bitten, Ssergej Maximowitsch, sich eingehender
auszusprechen,« sagte er kühl aber zwingend.

Opalow blinzelte unsicher und lächelte ungeschickt.

»Wie habe ich mich noch auszusprechen!« erwiderte Tschetyrjow düster.
»Was ich denke, das habe ich bereits gesagt. Ich halte das Leben von
Menschen, in deren Händen sich eine kolossale, ihnen nicht zukommende
Macht konzentriert, für sinnlos. Sie können sich doch unmöglich dem
Bewußtsein entziehen, daß sie an sich nicht eine Null, sondern noch
etwas Tieferes sind ... daß sie ohne ihre Millionen für niemanden mehr
nötig sind. Und da ergibt sich dann als logische Notwendigkeit für sie,
sich entweder in volles Nichts zurückzuziehen oder diese Macht
auszunützen. Wie aber kann sie ausgenützt werden? Was kann Geld, vieles
Geld, verschaffen? Ausschweifungen, Gewalt, Luxus ... Es wäre unter
solchen Umständen recht sonderbar, wenn man annehmen wollte, daß ein
Mensch allem dem leicht entsagen würde, was sich ihm so gefällig und
bequem in den Weg stellt. Der Reiche gefällt sich in Ausschweifungen,
Vergewaltigungen, ... im Despotismus ...«

»Aber doch nicht darin allein ... Z. B. Tretjakow[1] ...« warf Mishujew
leise hin.

»Was war denn Tretjakow,« schnitt ihm Tschetyrjow schroff das Wort ab.
»Ein gleicher Despot wie andere. Ein Mensch, der sein ganzes Leben
darauf verwendet hat, einen Druck auf die Kunst in der ihm genehmen
Richtung auszuüben. Der eine neue Strömung widerwärtigster Tendenzkunst
in Rußland ins Leben rief und die gesunde, normale Entwicklung unserer
Kunst für ein Dutzend Jahre aufgehalten hat ...«

Die schwache aber scharfe Stimme Tschetyrjows konnte nur mit Anstrengung
gegen den Restaurantslärm ankämpfen, sie klang angestrengt und böse.

[Fußnote 1: Tretjakow, ein reicher Moskauer Kaufmann, legte eine
Gemäldegallerie an, die als eine der größten und besten in Rußland gilt
und dem Publikum frei zugänglich ist.

                                                           Die Übers.]

»Eins von beiden: entweder muß der Millionär, wenn er die Richtung
einschlägt, die seiner Lage angemessen ist, ein Mitfresser werden, muß
Leben vernichten, indem er ihm allen Saft aussaugt, um selbst
anzuschwellen, wie ein Wurm auf dem Aas, oder er muß das bleiben, was er
zunächst ist: ein bedeutungsloses Anhängsel seiner Millionen ...«

»Kann denn aber der Millionär nicht selbst ein talentierter Mensch sein,
ein Dichter, Maler, Bildhauer?« fragte Opalow.

»Gewiß kann er es!« Tschetyrjow zuckte kurz die Achseln. »Aber damit
sich das Talent entwickelt, damit es aus sich etwas Größeres macht, sind
Kampf und Leiden notwendig ... Was kann einem Menschen Leiden schaffen,
dem das Leben ohne jede Mühe die verfeinertsten Genüsse ins Haus wirft.
Unsinn ist das!«

»Fjodor Iwanowitsch!« Höflich fiel ihm der alte Geschäftsführer, der
lautlos herangetreten war, in die Rede: »Sie werden ans Telefon
gebeten.«

Tschetyrjow verstummte plötzlich, und seine Augen wurden sonderbar
eingezogen, als wenn er in sich seine wütende Rede in Gedanken weiter
hielt.

»Wie?« fragte Mishujew, der nicht gleich verstanden hatte, um was es
sich handelt.

Sein Gesicht war blaß und traurig; ein schmerzlicher Ausdruck lag um
seine traurigen Augen.

»Der Herr Parchomenko bitten Sie ans Telefon.«

»Ja, bei manchem mögen Sie vielleicht recht haben,« sagte Mishujew, ohne
Tschetyrjow anzublicken, »und ich verstehe Sie sehr gut, aber ... brutal
ist es, wissen Sie! ... Entschuldigen Sie, meine Herren, ich komme
gleich ...« schnitt sich selbst das Wort ab und folgte dem Kellner.

Wieder begleiteten ihn neugierige Blicke, während er sich zwischen den
Tischen durchschob.

Parchomenko forderte ihn auf, in ein Restaurant außerhalb der Stadt zu
kommen; auch eine Chansonettensängerin Emma, die Mishujew ebenfalls
flüchtig kannte, sollte dort sein.

»Und Maria Sergejewna?« fragte Mishujew mechanisch.

»Maria Sergejewna ist nach Hause gefahren,« antwortete der unsichtbare
Parchomenko.

»Schön,« antwortete Mishujew ebenso mechanisch.

In der Telefonzelle war es schwül und finster. Mishujew schloß die Augen
und lehnte sich gegen die Wand. In seinen Ohren klang noch immer die
schwache, haßerfüllte Stimme.

»Ja ... vielleicht hat er wirklich recht ... Aber weshalb dieser Haß!
... Warum sieht er das nicht ein? ...«

Mishujew führte seinen Gedanken nicht zu Ende. Er fühlte, wie sich sein
Herz schmerzlich und trübe zusammenpreßte.

Als er zum Tisch zurückkehrte, waren Tschetyrjow und Marussin schon
dabei, sich zu verabschieden.

... Zwischen ihm und Millionen Menschen werden immer Millionen Rubel
stehen, und: entweder muß er ein Einsamer oder eine Bestie werden. Ein
Widersinn, der in sich selbst sein Verderben trägt ...

Als Tschetyrjow Mishujew erblickte, brach er sein Gespräch kurz ab und
sah ihm mit kühler, herausfordernder Entschlossenheit entgegen.

»Sie gehen schon fort?« Mishujew zwang sich die Frage ab.

»Ja.«

»Vielleicht sehen wir uns noch wieder?« fragte er weiter, während er
zwei Hände drückte. Die eine zitterte in Erregung, die andere vor
Spannung und Krankheit.

»Vielleicht,« antwortete Tschetyrjow kühl, und aus dieser Antwort wehte
sein unversöhnlicher Haß noch härter und kälter heraus.

Mit unbegreiflicher Erwartung blickte Mishujew in das Gesicht Marussins.
Aber es war verwirrt, und die guten, offenen Augen blickten fremd in die
Ferne.

Eine furchtbare Gefühlsaufwallung schnürte Mishujew die Kehle zusammen.
Es war Qual und Schmerz und plötzliches, glühendes Verlangen, etwas
entsetzlich Böses zu tun, ihnen zu zeigen, daß er dennoch stärker ist
als sie und sie wie Unkraut auf dem Wege zertreten, verkrüppeln kann.
Aber der Drang verlor sich ebenso schnell wie er herangebraust war, und
als Mishujew den Fortgehenden nachblickte, war sein Gesicht nur blaß und
eigentümlich, wie bei einem Menschen, der den Tod in sich trägt.


                                   V

Den Busen vorgestreckt, den Rock über den Knieen gerafft und wie zur
Attacke geschwenkt, sprang ein Weib mit feschem und elastischem
Changieren der Füße, die Schultern entblößt und den Hut frech aufs Ohr
gerückt, in das Zimmer hinein.

Es wurde schon lange getrunken. Wein, Zigarrenrauch, die von
elektrischem Licht, Ausdünstungen und Likörs durchsättigte Luft hatten
die Männer so furchtbar erregt, daß das Weib zur Notwendigkeit wurde.
Man brauchte eine Stelle, auf die man die übermäßige Spannung der
schlaflosen tollen Nacht entladen konnte.

Beim Eintritt des Weibes brauste eine hinreißende, fast wahnsinnige
Bewegung auf, Parchomenko stürzte ihr, rot, mit blutunterlaufenen Augen
und feuchtem Schnurrbart, entgegen, warf einen Stuhl zur Seite, packte
sie an der schlanken, dünnen Taille, die in ein durchbrochenes Mieder
gespannt war, hob sie in die Luft und stellte sie im Fluge auf den
Tisch. Eine Flasche fiel um, und ein Glas ging in Scherben.

»Au! Sie schmeißen mich um!« schrie sie, und ihre unaufrichtige,
gewohnheitsmäßig erregte Stimme peitschte die sinnlose Fröhlichkeit noch
höher.

»Hurra!« rief Parchomenko, »es lebe die Schönheit! Gebt ihr Wein ... Sie
soll nachholen, was sie versäumt hat.«

Alle drängten sich in dichtem, engem Haufen auf das Weib. Die Augen
verspritzten scharfe Funken, die Finger haschten gierig nach ihren
ausgeprägten Schenkeln, den elastischen Beinen und den runden,
entblößten Armen. Parchomenko führte ein Kelchglas mit gelbem Sekt an
ihre lachenden scharlachroten Lippen; Opalow, dessen weiße Backen
dunkelrote Flecken bekamen, küßte sie oberhalb des Handschuhs auf den
bloßen Arm; ein dicker Börsianer, mit feuchtem Mund, der fast bis an das
Kinn aufgerissen war, schmatzte und gluckste, wie ein feistes, sattes
Tier im Augenblick der Begattung. Es schien, als ständen sie alle auf
dem Punkt, sich auf dieses nackte, schmackhafte Fleisch, das hinter den
schwarzen Spitzen hervorlugte, zu stürzen und es mit Winseln und Beißen
zu zerfleischen.

Nur Podgurski trank gleichgültig seinen Likör, und Mishujew lastete, wie
immer schwer und düster, auf dem Divan und schaute mit schläfrigen,
großen Augen um sich.

Die anderen trugen das Weib auf den Divan und ließen es dort
niederfallen, wobei sie ihm wahrscheinlich Schmerzen verursachten; aber
die Frau lachte nur laut auf, schlug mit den Spitzen ihrer schamlosen
Finger auf die Hände, die nach ihrem Körper griffen, und schrie herrisch
und gleichzeitig unaufrichtig:

»Regen Sie sich nicht zu sehr auf! Nicht aufregen, meine Herren! ...
Hände weg! Sekt her! ... Ich will heute betrunken sein! ... Ich bin
vergnügt ... Wenn Sie nur dabei gewesen wären, wie mich heute das
Publikum aufnahm! Ein Triumph!«

Und unvermittelt sang sie laut ein Stück aus einem feschen Chanson.

Opalow reichte ihr Wein und ließ dabei plötzlich eine elektrische
Taschenlampe unter dem Kelch aufleuchten. Hellgoldene Funken
durchzuckten den gelben Saft; der Sekt lachte wie lebendig. Es war sehr
hübsch; die gelben Funken gaben den schwarzen, lachenden Frauenaugen, in
denen sie sich widerspiegelten, ein wildes, phantastisches Gepräge.

»Ah, wie wunderbar! Noch einmal, noch mal, Schatz!« schrie sie lachend.

Opalow wollte das Licht noch einmal andrücken, aber Parchomenko riß ihm
die Lampe aus der Hand und richtete ihr den grellen, weißen Strahl
direkt in die Augen. Sie wurden gelb und durchleuchtend wie bei einer
Katze. Das Frauenzimmer kniff zuerst vor Schmerz die Augen zusammen,
dann lachte sie. Und doch bemerkten alle die armselige, naive Schminke
über den Wimpern und versteckte bemitleidenswerte Fältchen in den
Augenwinkeln dieses jungen Weibes, das doch schon am Verwelken war.
Sogar Podgurski und Opalow empfanden etwas wie Scham und Mitleid.
Parchomenko verwickelte sich mit dem Fuß, scheinbar zufällig, in ihren
Spitzenüberwurf, der auf dem Boden lag, zog den Fuß an und riß ihn
entzwei.

»Um Gottes willen, was machen Sie!« rief das Weib; Mishujew hörte den
demütigen Schreck in ihrer Stimme.

Parchomenko tat, als wäre er beinahe gefallen und zerriß die Spitzen,
jetzt schon offenbar absichtlich, noch weiter, sodaß ihr rundes Bein im
engen, schwarzen Strumpf sichtbar wurde. Sein Gesicht mit dem schwarzen
Schnurrbart zog sich in einer grausamen Bewegung zusammen; seine Mienen
bekamen einen katzenartigen Ausdruck.

»Aber halten Sie doch!« rief das Weib wieder; in ihren untermalten Augen
zuckte erschrockene Wut.

Opalow hatte ein peinliches Gefühl und trat neben beiden mit
unnatürlichem, unsicherem Lächeln auf seinem eigenartigen, japanischen
Puppengesicht von einem Fuß auf den andern. Podgurski schien dem Vorgang
ganz gleichgültig zuzusehen, aber gerade in dem Augenblick, als sich
Mishujew mit Widerwillen einmischen wollte, sagte er plötzlich:

»Pawel Alexejewitsch ... lassen Sie das gefälligst!« Parchomenko
zitterte förmlich vor Entzücken. Er tat, als wollte er das Kleid ordnen
und knetete in Wirklichkeit mit verschwitzten Händen ihre runden Knie,
wobei er das Spitzenwerk so hoch raffte, daß ein Streifen ihres nackten,
rosigen Körpers zum Vorschein kam ... Das Weib riß sich los und lachte
hysterisch. Aber durch das Lachen klangen einfache, naive Tränen. Ihr
schönes, teures Kleid tat ihr leid.

»Lassen Sie das, was tun Sie denn!« wiederholte Podgurski.

»Lassen Sie sie in Ruhe, Pawel Alexejewitsch,« unterstützte ihn
Mishujew.

Aber Parchomenko hörte nichts oder wollte nichts hören. Sein rotes,
schwarzbärtiges Gesicht sah in der wütenden, wollüstigen Grausamkeit
fürchterlich aus.

»Haben Sie denn nicht gehört? Nehmen Sie die Hände weg, sage ich Ihnen!«
rief plötzlich Podgurski, nicht laut, aber drohend, und seine Stimme war
so eigentümlich, daß Mishujew sich verwundert umsah. Er erwartete, daß
Parchomenko antwortete. Aber der ließ augenblicklich von dem
Frauenzimmer ab; durch seinen Blick, der noch in grausamer Erregung
leuchtete, zuckte hastige Furcht.

»Wir bringen es gleich wieder in Ordnung,« sagte versöhnlich Opalow.
»Geben Sie mir ein paar Stecknadeln ...« Er wandte sich freundlich an
die Sängerin, die ihre Spitzenfetzen zusammenraffte.

»Sieh mal einer an, welch Edelmut!« murmelte Parchomenko frech und
gleichzeitig feige, während er wie ein Hund zur Seite wich und scheele
Blicke herüber warf. »Man darf sich nicht mehr ein bißchen amüsieren ...
wir haben noch ganz andere gehabt! ...«

»Alles hat seine Grenzen ...« bemerkte Mishujew kühl.

Parchomenko verstummte für einen Augenblick; er schien allen Halt
verloren zu haben. Bald wurde er aber wieder unnatürlich lebhaft und
wandte sich an die Sängerin. Er hatte verstanden, daß der Auftritt
niemandem gefallen hatte und war kleinlaut geworden.

»Ach was, Stecknadeln! ... Lassen Sie mich, Opalow ... Ich weiß ein
besseres Mittel.«

Zwei Hundertrubelscheine erschienen in seiner Hand, und er steckte sie
dem Weibe feierlich in den Ausschnitt, wobei er seine ganze Hand
zwischen ihren flaumweichen, üppigen Brüsten versenkte.

»Hier, Emmachen! Sei nicht böse!«

Emma wurde sofort still; dann begann in ihren Äuglein ein gieriges
Feuerlein zu funkeln; plötzlich küßte sie Parchomenko direkt auf den
schwarzen, feuchten Schnurrbart.

»Ach, wie bist du gut!« sagte sie, und es war schwer herauszuhören, ob
sie es aufrichtig meinte oder nicht.

»Ja, gut!« warf Podgurski dazwischen; »warum auch nicht, -- zuerst das
Kleid zerrissen, dann Geld gegeben! Ein Prachtkerl! ...«

Es sah gerade so aus, als wäre er auf dem Sprunge, sich auf Parchomenko
zu stürzen und ihm eine in die runde, selbstgefällige Fratze
hineinzuhauen.

»Eine schöne Art,« fuhr er wütend, angeekelt fort; »reißen, zerschlagen
und dann Geld herauswerfen! ... Jahrmarktswitze!«

Er sprach mit einem Nachdruck, als wünschte er nicht nur mit den Worten,
sondern auch mit jedem Laut seiner Stimme zu verletzen.

»Sie sollten es doch mal versuchen, den Kellnern die Schnauzen mit
Mostrich beschmieren ... Warum nicht, das wäre doch ebenso witzig ...
Oder mit der Stirn einen Spiegel einzurennen!«

Parchomenko lachte winselnd, und Mishujew sah zu seinem Erstaunen in
seinem Gesicht feige, ohnmächtige Wut, wie bei kleinen Kötern, die
beißen möchten, es aber nicht wagen.

Podgurski ließ nicht mehr von ihm ab. Bald riet er ihm, allein in vier
Galawagen spazieren zu fahren, dann schlug er ihm vor, ein Sektbad zu
nehmen oder sich zu feierlichen Ausfahrten auf der Straße eine Mauer
durchbrechen zu lassen, wie es ein Moskauer Kaufmann getan hatte.

Parchomenko lachte immer unnatürlicher; man sah ihm an, wie die Furcht
in ihm gegen ohnmächtigen Haß ankämpfte.

Opalow fragte Podgurski leise: »Mit welchem Zauber packen Sie ihn?«

»Ich habe keinen,« erwiderte Podgurski verächtlich und ernst. »Nur
glauben diese Herren, daß ihnen mit ihrem Geld alles erlaubt ist. Stoßen
sie dann einmal auf einen Menschen, der sich auf ihren Geldsack in
ausgesprochenstem Maße zu spucken erlaubt, so werden sie gleich zahm ...
Etwas anderes haben sie nicht anzubringen!«

Der dicke Börsianer bemühte sich mit lauter, jüdischer Delikatesse das
unangenehme Vorkommnis zu vertuschen. Er lenkte das Gespräch auf andere
Streiche von Millionären und erzählte ein paar passende Witze. Das
schlug ein. Das Gespräch wurde allgemein, und Parchomenko sagte ganz
fortgerissen, mit glänzenden Augen:

»Nein, das ist nichts ... Keiner hat das feine Gefühl ... Das ist alles
roh, platt! ... Ich habe eine neue Idee: wie wäre es, mal so ein halbes
Dutzend Ballettänzerinnen vor einen Landauer zu spannen ... So wie sie
sind, im Trikot und Gazeröckchen ... und dann durch die Morskaja zu
fahren. Das wäre doch elegant, das wäre schick!«

»Wie albern!« Emma tat ärgerlich. »Wer würde sich so blamieren lassen!«

»Ach was! Werft ein paar Tausend hin, und jeder Makler von der Börse
geht als Deichselpferd.«

Der Börsianer lachte laut; auf seinen feisten Lippen entstand ein
kleiner Speichelstrudel.

»Wissen Sie, das wäre wirklich originell!«

»Aber sicher!« rief Parchomenko voller Entzücken und Begeisterung.
»Denken Sie mal an: rosige Beinchen, die blauen Gazeröckchen gehen in
die Höhe, und die nackten Rücken! Man könnte ein wenig mit der Peitsche
antreiben! ... Nein, wissen Sie, mit ein bißchen Phantasie kann man ein
ganz anständiges Ding zustande bringen!«

Mishujew saß schwer auf dem Divan und trank fast nichts. Seine
ungesunden Augen bewahrten die ganze Zeit über denselben düsteren,
angewiderten Ausdruck. Je weiter, um so langweiliger und widerwärtiger
wurde ihm zumute. Seine Schwermut begann in ein scharfes, schneidendes
Gefühl überzugehen. Aber er saß und saß, ohne aufzustehen. Er hatte
Angst, allein zu bleiben, um nichts zu denken, nicht nach
Unbegreiflichem zu verlangen.

Das Schreien und Lachen betäubten ihn, jedes Wort und jede Bewegung
jedoch riefen in ihm neuen Ekel hervor. Da, dieses Kaufmannssöhnchen,
das bald einem Schaf, bald einem dicken Kater, der mit einer Maus
spielt, ähnlich sieht, das ein Glück darin findet, nackte
Ballettänzerinnen mit der Peitsche zu schlagen und eine elende
Kurortkokotte zu mißhandeln ... ein feister Börsianer, der fortwährend
schmatzte, als hätte er Rubel im Munde, die er wollüstig wiederkäut und
saugt ... Der wirklich talentvolle Opalow, der auf seiner feinen,
künstlerischen Seele mit Füßen herumtritt, um sich die Gunst des
Geldmagnaten zu verschaffen ... Und Mishujew dachte mit Entsetzen, daß
so die Menschen in Wirklichkeit sind und daß er unter ihnen noch viele
Jahre leben soll. Ihm kamen Marussin und Tschetyrjow in Erinnerung, und
er stellte sich mit kühler Trauer ihre fernen, unversöhnlichen Seelen,
die ein Eigenes in sich tragen, das er nicht verstehen kann, vor.
Schmerzlicher Zorn begann wieder in ihm aufzusteigen. Nur Podgurski
allein, der jetzt mit Likören und Zigarren beschäftigt war, erweckte in
ihm noch eine gewisse, vorüberfliegende Zuneigung.

... Wie dem auch sei, er fürchtete sich wenigstens nicht, diese arme
Emma in Schutz zu nehmen ...

Es war spät geworden. Man hatte schon über die Maßen getrunken, zur
Genüge geschrien und gelacht. Die Müdigkeit zeigte sich in der unruhigen
Aufregung. Emma wurde sehr rot und war stark verschwitzt. Ein erregender
Geruch ergoß sich von ihr, Parfüms und Puder. Die glatte, weiche Haut
auf den Schultern und der Brust schien feuchtglänzend und lockte an. Sie
selbst begann ebenfalls das Sehnen der Erwartung zu empfinden. Ihre
Augen, gelb wie die einer Katze, wurden feucht und schamlos. Sie setzte
sich den Männern auf den Schoß, tanzte Matshiche, kniff in die Arme,
schmiegte sich mit den nackten Schultern an die Lippen. Die Männer
wurden allmählich toll. Nur Mishujew und Podgurski, der unbeirrt seinen
Likör trank, blieben auf ihren Plätzen. Die anderen drängten sich an sie
heran, man konnte sehen, daß sie sehr bald einem von ihnen als Beute für
die zügelloseste, unverhüllteste Leidenschaft zufallen würde.

Alle empfanden klar die Nähe des Augenblicks, in dem das jetzt noch
verhüllte Weib durch einen von ihnen entkleidet würde; das Bewußtsein,
daß dieses Weib dazu bereit war, und die Begierde, der erste zu sein,
erregte die Männer so stark, daß ihre Beine zu zittern begannen.

Opalow konnte kaum sitzen bleiben. Er bückte sich tief zu ihr hinab, so
daß er den erregenden Geruch ihrer Achseln aufsaugen konnte; er war blaß
wie ein Kranker. Er wußte, daß sie einem andern und nicht ihm zufallen
würde, aber eine kleine, lüsterne Hoffnung verließ ihn nicht.

»Sie sind wahrhaft schön ... Einen solchen Bogen der Augenbrauen, solche
Nackenlinie, wie die Ihre, habe ich immer im Traum gesehen. Oh, wenn der
Traum zur Wirklichkeit würde!« sprach er leise, und durch das gemacht
ritterliche Bestreben, ihr zu zeigen, daß er sie »trotz allem« achtete,
klang armselig und elend der Wunsch heraus: gib dich mir hin! so tue es
doch! ... Für dich hat es ja nichts zu sagen, dich einmal so -- einfach
-- hinzugeben ... mir allein! ... Gib dich mir hin!

Durch den Lärm und das Geschrei hörte Mishujew sein bebendes Flüstern.
Offensichtlich gefiel Opalow dem Weib, aber obgleich sie lachte und ihn
durch augenblickliche Berührung ihrer nackten Arme und glühenden Beine
in Erregung brachte, verfolgten ihre Katzenaugen unablässig Parchomenko
und den Börsianer. Mishujew blickte sie traurig an; sie war ihm ebenso
zuwider wie die Männer: ihren kräftigen weiblichen Körper zog es ganz
deutlich zu Opalow hin, und ihr Zusammensein wäre, trotzdem sie schon
lange Kokotte war, sicher licht und kraftvoll gewesen. Und doch hatte
sie nicht den Mut, ihrem Verlangen nachzugeben; sie wartete wie eine
Sklavin, bis jemandem beliebte, sie _en passant_ zu sich zu nehmen und
durch seine gleichgültige Gier zu besudeln.

Die elenden, elenden Menschen! dachte Mishujew, aus irgend einem Grunde
fühlte er in diesem Augenblick sich selbst als Elendesten und
Einsamsten.

»Sie wissen, in meiner Novelle >Feuer< habe ich eine Frau geschildert,
die Ihnen ähnlich ist ...« flüsterte Opalow, während sich sein Gesicht
mit roten Flecken bedeckte.

»Spucken Sie nur gleich darauf, mein Lieber,« fiel ihm plötzlich
Podgurski ins Wort, »nichts, aber gar nichts werden sie davon haben.
Dies Gericht ist nicht für uns beide!«

Opalow zitterte und wurde verwirrt, als wäre er ertappt worden. Seine
Aufregung war augenblicklich verschwunden, aber um das peinliche Gefühl
zu verbergen, versuchte er, einen unverfrorenen Ton anzuschlagen:

»Aber vielleicht doch! Was, Emmchen? Man kann doch nie wissen, nicht
wahr?«

Er fragte zum Scherz, aber gegen seinen Willen blieben seine Blicke eine
Weile mit geheimer Frage an ihren Augen hängen. Sie lachte und warf sich
zurück, ihre Augen verschleierten sich, während sich ihr offener,
flaumweicher Busen und die kräftigen, gewölbten Schenkel in geheimer
Lust ausreckten. Doch gleich sorgte sie sich, daß es Parchomenko nicht
merke und blickte zu ihm hinüber.

Der aber schien wirklich alle ihre verborgenen Gefühle und Wünsche
abzulesen. Die frühere Grausamkeit huschte über sein schwarzbärtiges
Gesicht. Einige Augenblicke sah er sie scharf an, wobei sein einer
Augenwinkel zitterte; plötzlich leuchtete er in brutalem Entzücken auf.

»Hören Sie, meine Herren!« rief er, auf den Stuhl springend, »wir sind
unserer drei ...«

»Fünf!« korrigierte ihn spöttisch Podgurski.

»Und nur ein Weib! Alle auf die eine -- das wäre eine Barbarei! Ich
schlage vor, Emma zu verlosen!«

»Pfui!« Emma tat entsetzt.

»Oder nein ... nicht verlosen! ... Lieber, wissen Sie was: eine
amerikanische Auktion machen! Das wird amüsant! Wer höher bietet! ...
Hier -- für eine >Liebes- und Freudennachtzu<. Für mich gäbe es darin kein >zu<, wenn ich mich
einmal zusammennehme und alles, was mich quälte, Opalow erzählte. Aber
Sie sehen da gleich ein, >zu<. Ihnen kommt es vor, als lassen Sie sich
herab, indem Sie mit mir offen reden. Sie schämen sich wohl gar Ihrer
Offenheit? Ist doch wahr, nicht?«

Der Ton Podgurskis wurde dreist, und unbegreifliche Gehässigkeit klang
jetzt heraus.

»Sie merken es vielleicht selbst gar nicht!« sagte er triumphierend.

»Da sehen Sie es,« erwiderte Mishujew ernst und schob die breiten
Achseln in die Höhe. »Bei jedem andern hätten Sie das gar nicht bemerkt,
mir aber können Sie es nicht verzeihen ... Sie hören mir zu und denken
sicherlich, daß ich posiere oder mir in origineller Dummheit gefalle ...
werde am eigenen Fett ersticken ...«

Podgurski wurde unwillkürlich verwirrt und lachte.

»Das kann ich nicht bestreiten. Etwas wird wohl daran sein ...«

»Ja,« Mishujew nickte traurig mit dem Kopf, »Sie wollen nicht einsehen,
daß ich von ganzem Herzen froh bin, mit Ihnen zu reden, weil es mir
vorkommt, daß gerade Ihr Benehmen, -- wie es auch sei, ob gut oder
schlecht --, von meinen Millionen unabhängig ...«

»Das glaube ich auch!« Podgurski verbrauchte gegen seinen Willen in
diesen Worten zu viel Edelmut.

Sofort verstummten beide, weil sie den falschen Ton heraushörten.
Mishujew wurde finster, ohnmächtig; Podgurski ärgerlich.

»Einfach verrückt!« dachte der, und der falsche Ton empörte ihn nicht
mehr seinetwegen, sondern machte ihn auf Mishujew wütend.

Durch das geöffnete Fenster war die dunkle, wogende See sichtbar; vom
Ufer klangen dumpfe Hufschläge und ferne Musik herauf. Podgurski fühlte,
daß er sofort weitersprechen müßte, fand aber im Augenblick keine Worte.
Das Schweigen dauerte an, es wurde immer schwerer, das Gespräch wieder
aufzunehmen. Gleichsam als wäre etwas vollständig abgerissen. Ihre
Stimmung wurde so schwerfällig, wie wenn etwas, woran es ihrer Seele
ohnehin mangelt, nutzlos und unsinnig vergeudet worden wäre. Mishujew
seufzte schwer und bewegte die schweren Arme, die er auf der Tischplatte
gekreuzt hielt.

»Nun, ich werde gehen ...« sagte er.

»Wohin? Bleiben Sie noch.«

»Nein, ich habe Kopfschmerzen. Auf Wiedersehen!«

Podgurski zuckte unmerklich verdrossen die Achseln.

Uff, Teufel, wie schwerfällig der Kerl ist, dachte er.

In diesem Augenblick sah er das Portefeuille mit Geld, das Mishujew auf
dem Tisch vergessen hatte. Er wollte ihn rufen, aber etwas hielt ihn
zurück.

Mishujew trat auf die Straße hinaus und schlenderte langsam dem Park zu.
Etwas Eigentümliches war in seinem Gedächtnis zurückgeblieben und machte
ihn unruhig: war es das schwere, mißlungene Gespräch mit irgend einem
geriebenen Burschen oder eine huschende Bewegung hinter seinem Rücken
als er aus dem Restaurant trat?

Was war es doch?

Plötzlich erinnerte er sich, daß er sein Portefeuille vergessen hatte.
Noch bevor es ihm ganz zu Bewußtsein kam, fühlte er, daß etwas
Scheußliches geschehen war. Ein trüber Gedanke kam ihm, eine Weile
versuchte er schneller zu gehen, aber dann setzte sich in ihm der
Gedanke fest, daß Podgurski das Geld stehlen werde. Das war ihm
peinlich. Er machte Kehrt und trat wieder ins Restaurant ein.

Podgurski stieß beinahe mit ihm zusammen. Ein Blick auf sein etwas
verwirrtes und doch freches Gesicht, dessen Augen feindselig zur
Verteidigung bereit waren, genügte, um den Verdacht Mishujews zu
bestätigen.

Eine Weile blickten sie sich gegenseitig in die Augen. Dann sprach
Mishujew ungeschickt:

»Ich habe mein Portefeuille liegen lassen.«

Podgurski zwinkerte mit den Augen, riß die Lider hoch, sein ganzer
Körper geriet in Bewegung, als wäre er sofort bereit, sich ins Suchen zu
stürzen.

»Wirklich? Ich habe es nicht gesehen. Kellner!«

»Nicht nötig ...« erwiderte Mishujew leise.

»Warum nicht nötig ... es muß sich doch finden ...« Podgurski geriet in
nervöse Hast; sein Gesicht bekam das Aussehen eines gefangenen Fuchses,
der doch noch in jedem Augenblick zuschnappen will.

Mishujew sah ihm fest in die Augen.

»Für mich macht es doch nicht viel aus ...« sagte er unsicher.

Er wünschte nur, Podgurski möge begreifen, daß er ihm wegen dieses
verfluchten Geldes nicht zürnen würde, und es ihm offen gestehen.

Aber das Gesicht Podgurskis wurde noch wütender, sogar seine Zähne
kamen, wie zum Beißen bereit, zum Vorschein.

»Was wollen Sie damit sagen? ... Ich sag Ihnen doch, ich habe nichts
gesehen! ...«

Mishujew überflog ihn mit einem kurzen Blick, lächelte knapp und ging
plötzlich mit einer wegwerfenden Handbewegung fort.


                                  VIII

Als Mishujew nach Hause kam, sich an den Schreibtisch setzte und
gewohnheitsmäßig nach einem Haufen Briefe und Telegramme greifen wollte,
trat Maria Sergejewna frisch und leuchtend ein. Mit ihr schien eine
ganze Wolke Bergluft, Blumenduft und Meeresgeruch in das Zimmer zu
strömen. Und an ihrem Gesicht, das grundlos lächelte, an ihren Augen,
die schlüpfrig glänzten, merkte er, daß sie schon jetzt, bevor sie ein
Wort gesprochen hatte, log. Log und sich fürchtete; eine Furcht, die nur
schöne Frauen kennen. Das feine und durchsichtige Spiel von Schönheit,
Hilflosigkeit und Lüge verleiht ihnen einen erregenden, unfaßbar
geheimnisvollen Schimmer.

Sie rief seinen Namen, lief, etwas zu leicht und lebhaft, auf ihn zu und
legte ihre warmen Hände auf seine breiten Schultern.

»Du bist schon nach Hause gekommen! ... Liebster, wie ich mich nach dir
gesehnt habe!«

Mishujew sah ihr fest in die Augen, durch die dunkle Funken huschten,
und wurde ernst. Stechende, krankhafte Verdächtigungen stiegen im
Augenblick in ihm auf; er fühlte sich sofort matt und unsicher.

»Wenn du nur eine Ahnung hättest, wie nett es dort war! Wir fuhren die
Chaussee nach Sympheropol herunter, weit -- weit! Den ganzen Weg lang
trieben wir Kindereien, sangen, lachten ... Nachher soupierten wir in
Gurjew!«

Mishujew sah sie schweigend, aufmerksam an, und unter seinem schweren
Blick rötete sich das zarte Gesichtchen kaum merklich, das Figürchen
wurde geschmeidiger, wie bei einer Katze, die Pupillen leuchtend von
unsicherem, falschem Licht.

»Nein, wirklich ... Du bist doch nicht böse, Theodor, daß ich mich so
herumtreibe?« sie guckte ihm in die Augen. »Ich habe dich wirklich
vernachlässigt! ... Warum bist du auch nicht mit uns gefahren? Es war so
schön! ... Und ohne dich ist es doch nicht das richtige!«

Sie wollte ihn küssen, bog ihren ganzen biegsamen Körper herüber und
berührte ihn wie absichtlich mit ihrer elastischen Brust.

Mishujew rückte erregt zurück.

»Höre, Mary, heuchle gefälligst nicht!« sagte er ungeschickt.

»Was denn?« Maria Sergejewna machte große, aufrichtige Augen. Aber aus
ihnen lugte noch durchsichtiger und heller die feige weibliche Lüge
hervor.

»Ich sehe doch, daß mit dir etwas passiert ist,« sagte Mishujew mit
Überwindung. »Also brauchst du nicht zu lügen ... Sage geradeheraus, was
du hast ... Das ist besser.«

Maria Sergejewna stieß ein falsches Lachen aus und schmiegte sich mit
ihrem ganzen Körper, dem Busen, den Armen, Beinen, den kitzelnden Haaren
an ihn; sie hoffte offenbar, ihn durch den Rausch ihres Duftes, ihrer
Wärme und Elastizität umzustimmen.

Mishujews Körper wurde durch diese unwahre Liebkosung statt der
sonstigen Erregung von unerträglicher, physischer Wut gepackt.

»Aber laß das doch, sag ich dir! ...« er schob grob seine Schultern vor
ihre Umarmung.

»Wie sonderbar du heute bist ... was regst du dich denn auf!« Maria
Sergejewna tat verwundert und machte fast mit Gewalt den Versuch, ihn zu
umarmen. Aber Mishujew stieß sie so grob zurück, daß es sie
augenscheinlich schmerzte, denn ihr hübsches Gesicht wurde für eine
Weile von einem erschrockenen Ausdruck überzogen. »Bei Gott ...« rief
sie nochmals.

»So erzähle endlich!« schrie er wütend.

Die kleine Frau erschrak und trat zur Seite, aber auch von weitem
blickten ihn immer noch ihre durchsichtigen, unwahren Augen an.

»Ach nichts! ... Kleinigkeiten ... Ich wollte es dir anfangs gar nicht
erzählen ...«

Eine Kältewelle rieselte über Mishujews Kopfhaut. Er fühlte, daß er
unter einem tollen Wutausbruch das Bewußtsein verlieren würde, wenn sie
nicht sofort mit der Sprache herausrückte; es mußte etwas Furchtbares
geschehen.

Sie schien es selbst zu fühlen, denn sie kam vorsichtig auf ihn zu und
legte ihre Fingerspitzen wie tastend auf seinen festen Ellenbogen.

»Siehst du ... du darfst aber nicht böse sein ... Es war nichts weiter
... Wir soupierten in Gurjew auf dem Balkon, du weißt, so über dem Meer
... dort ist es wunderschön, und ...«

Sie zog die Erzählung in die Länge, während sie sich immer noch
vorsichtig mit den Fingern auf seinen Ellenbogen stützte; Mishujew
fühlte, wie diese niedlichen Fingerspitzen leise zitterten.

Die Sicherheit, daß etwas Gemeines, nicht Gutzumachendes geschehen sei,
wuchs mit Blitzesschnelle in seinem Gehirn.

»So erzähle endlich!« brüllte er in einer Aufwallung von Zorn und
Schmerz so laut, daß seine Stimme durch die ganze Wohnung dröhnte.

Maria Sergejewna sank beinahe in sich zusammen, ihre Augen wurden ganz
rund, wie bei einer aufgeschreckten Katze.

»Siehst du ...« stammelte sie hastig, halb die Worte verschluckend, ohne
sich vom Fleck zu rühren. »Ich habe dort Wassja ... habe meinen Mann ...
getroffen ... er bat mich, ich möchte zu ihm hereinkommen, er wollte mit
mir sprechen ... Ich hätte es nicht tun dürfen, nicht wahr?« Sie fragte
unerwartet; es war deutlich zu erkennen, daß sie selber wußte, sie hätte
es nicht tun sollen, und mit dieser Frage nur von neuem log.

Mishujew schwieg und atmete schwer.

Maria Sergejewna trat vorsichtig näher und berührte wieder seine Hand.

»Bist du mir böse?« Aus dem Ton klang klar heraus, daß sie seinen Zorn
voraussah und nun bemüht war, sich naiv zu zeigen.

Toll vor Wut erhob sich plötzlich Mishujew und schleuderte sie
schweigend von sich. Maria Sergejewna fiel beinahe über ein Fauteuil;
doch krallte sie sich fest und geschmeidig, wie eine fallende Katze
ausgereckt, noch rechtzeitig in die Armlehne.

»Was hast du? ...« begann sie mit blassen Lippen.

»Erkläre mir gefälligst,« Mishujew sprach mit unheimlich zurückhaltender
Stimme, während er sie mit kühlem Haß betrachtete. »Meinst du im Ernst,
daß es für mich möglich ist, darüber nicht zu zürnen? ... Wozu heuchelst
du?«

»Aber was habe ich denn Schlimmes getan?« stammelte, jetzt in
aufrichtiger Hilflosigkeit, Maria Sergejewna.

»Was? Hier, --« Mishujew schwieg eine Weile still und suchte nach dem
passenden Wort, in dem schmerzlichen Gefühl, daß er das Richtige nicht
finden würde und ein anderes nehmen müßte: »Hier hast du es: eins von
beiden, entweder du gestehst mir offen, daß ich für dich nichts bin, daß
du zu mir nur als Maitresse kamst, während du ... oder ...«

Mishujew sprach nicht zu Ende. Plötzlich tat er sich selbst leid: er
hatte diese Frau so innig geliebt, er opferte ihr einen Menschen, der
ihm teuer war, handelte gemein und schmutzig, log, betrog, immer in dem
Glauben, daß sie dafür ihm wenigstens nahe sein würde. Durch diese
unveränderlich wiederkehrenden Begegnungen mit ihrem Mann war es schon
oft zu qualvollen, erniedrigenden Eifersuchtsszenen gekommen. Er hatte
ihr einmal sogar gestanden, daß ihn der Gedanke folterte, sie habe ihm
nur seines Geldes wegen nachgegeben ... Jetzt sah er mit einem Mal, daß
dem wirklich so war: sie hatte ihn nicht geliebt, sie liebte den andern,
sie ist bereit, sich ihm wieder hinzugeben; ihn, Mishujew, belügt und
betrügt sie, wie einen Narren, aus lauter Furcht. Er fühlte sich
lächerlich; in einer dummen und erbärmlichen Situation.

»So würde nicht die niedrigste Dirne handeln!«

In diesen Worten klang ein ganzer Schwall toller, grober Worte zusammen.
Ihn packte ein unbändiges Verlangen: sie zu schlagen, sie irgendwie bis
zum äußersten brutal zu behandeln, um ihr zu zeigen, daß sie, da sie nun
einmal des Geldes wegen zu ihm gekommen war, auch sein Eigentum geworden
ist, mit dem er ganz nach Gefallen handeln kann.

Aber als er in ihrem Gesicht ohnmächtige, sklavische Furcht erblickte,
ergriff ihn plötzlich ein so drückendes, peinigendes Gefühl, daß er sich
schwer am Tisch niederließ, mit den Händen an den Kopf faßte und nur
noch einen Wunsch hatte, nichts mehr zu hören und zu denken.

Einige Minuten lang dauerte das Schweigen. Mishujew saß immer noch
unbeweglich am Tisch, und sein großer Kopf, der hilflos auf den Händen
gestützt lag, erschien arm und bemitleidenswert.

Maria Sergejewna stand lange auf einem Fleck und sah ihn schüchtern an.
Dann leuchtete mild und rührend weibliches Mitleid in ihren Augen auf.
Sie bewegte sich leise, trat schüchtern auf ihn zu, blieb stehen;
Mishujew konnte den schnellen, ungleichmäßigen Schlag ihres Herzens
hören.

Zarte, warme Finger berührten leise wie ein Atemzug seine Haare.


                                   IX

Ähnliche Szenen hatte es auch früher schon mehr als einmal gegeben, aber
in ihrer Wiederholung wuchsen sie unheimlich an. Jede neue wurde immer
sinnloser und abstoßender als die vorhergehende. Maria Sergejewna konnte
es nicht verstehen: manchmal erschien ihr Mishujew wie wahnsinnig,
manchmal aber warf sie sich mit brennender Reue allerhand Verbrechen,
die sie niemals in ruhigem Zustand anerkannt hätte, vor. Sie sah, daß
irgend ein unabwendbares Unglück an sie heranrückte, wußte aber nicht,
wie sie den Alb überwinden sollte und litt ohnmächtig und jammervoll
unter ihm.

Am allerentsetzlichsten war der Verlust an Selbstachtung und der
Schmutz, den diese widerwärtigen Szenen hervorriefen. Sie erniedrigten
sie und brachten sie in eine gewisse Abhängigkeit von ihrer Umgebung,
selbst von den Dienstboten. Von allen Seiten sahen Augen und lauschten
Ohren neugieriger, fremder Menschen, denen es gleich war, ob sie litten
oder Dummheiten trieben, für die aber das Ganze ein amüsantes Schauspiel
war. Sie mußten ihre Stimmen dämpfen, rasch die ätzenden Tränen
verbergen, den schmerzverzogenen Gesichtern unwahre Mienen aufzwingen
und sich unglücklicher als der elendeste Knecht fühlen.

In den letzten Tagen pflegten solche Szenen nur noch mit hysterischen
Anfällen und völliger Erschöpfung zu enden. Es schien, daß sie von Zeit
zu Zeit alles Schöne und Kultivierte verließ; in wilder Wut schlugen
sich zwei Halbverrückte herum, die selbst nicht mehr wußten, was und
wozu sie einander ins Gesicht schrien, und die nur darüber nachdachten,
wie einer den anderen schmerzhaft zu kränken und zu verletzen vermöchte.

Mitunter überkam sie völlige Verzweiflung, und sie wünschten ein Ende,
nur ein Ende zu machen. Aber in dem Augenblick, wenn Schmerz und Wut bis
zum äußersten angeschwollen waren, fielen sie plötzlich zusammen, die
Nerven gaben nach, es gab Tränen, gegenseitige Nachgiebigkeit, dann eine
krankhafte, unerwartete Erregung, die sie beide in einem brennenden,
wollüstigen Anfall zueinander trieb. Es kam ihnen wieder zum Bewußtsein,
wie unsinnig das Vorgefallene war, und gleichzeitig überfiel sie
hoffnungslose, qualvolle Reue.

»Wir sind verrückt!« sagte Maria Sergejewna verzweifelt und schmiegte
sich weinend an Mishujew, als suchte sie bei ihm Schutz. Er litt es
schweigend; vor seinen Augen sah er den schwarzen Abgrund des
unvermeidlichen Endes.

In derselben Weise war der heftige Auftritt auch an diesem Tage
verlaufen.

Maria Sergejewna lag, todmüde, weich und erhitzt, mit tränennassem
Gesicht und dunkelgewordenen Augen neben ihm. Das noch nicht befriedigte
Verlangen zog sie mit krankhaft verstärkter Macht zueinander. Da sagte
sie leise und treuherzig:

»Ich weiß, daß ich es deiner Ruhe wegen nicht tun sollte ... Aber glaube
mir doch! Er tat mir einfach leid; so unglücklich kam er mir vor. Krank!
... Wie man es nehmen will ... Schuld habe ich doch ihm gegenüber! ...«

Und dem ermüdeten, vielleicht auch nach der Aufregung klaren Gehirn
Mishujews schien es jetzt in der Tat ganz einfach und natürlich:

... Selbstredend hat sie ihm gegenüber Schuld ... Wie dem auch sei,
einst liebte sie ihn doch ...

Alle Verdächtigungen schienen ihm sinnlos, unbegründet, nichts als
unerträgliche Launen.

»Verzeihe mir ... ich bin tatsächlich verrückt ...« stammelte er, voll
schmerzlichen Mitleids, voll Liebe, Reue, Selbstverachtung und küßte das
nasse, heiße Gesichtchen.

Sie glaubte sofort, daß nunmehr alles in Ordnung sei, -- jetzt werden
sie sich aussprechen, und vom nächsten Tag an wird alles so glücklich
verlaufen wie noch nie zuvor. Sie überstürzte sich fast, um ihm alles zu
sagen:

»Ich weiß, du meinst, ich hätte dich nicht lieb und wäre nur deines
Geldes wegen zu dir gekommen ... Vielleicht hast du Grund, so zu denken
... Ich bin ein dummes, garstiges Ding, aber es ist doch nicht so:
wirklich, ich liebe dich mehr als mein Leben! ... Du hast mir schon
immer gefallen, schon lange ... Du bist so ... so groß, so stark, so
feinfühlig! ...«

Im Zimmer war es finster, und Maria Sergejewnas Gesicht schimmerte
trübe, weiß auf dem dunklen Divankissen. Ihre Augen taten sich weit wie
zwei Abgründe auf. Ihre Stimme klang zart und abgebrochen, wie die eines
gekränkten Kindes.

»Ich war immer froh, daß du dir deiner Macht bewußt bist und daß sich
alle dir unterwerfen. Natürlich machte es mir auch Vergnügen, daß du für
mich soviel hinauswerfen kannst, wie ich gar nicht wert bin ... Aber
reiche Menschen gab es doch so viel! Wenn ich nur wollte ... Aber du
bist größer, stärker als sie alle! ... Wir Frauen lieben im Manne die
Kraft und die Macht ...«

Mit Tränen der Zärtlichkeit und der Rührung küßte sie Mishujew; unter
ihren stillen, verliebten Worten war es um sie wohlig und
glückverheißend geworden. Sie flüsterte eilig und treuherzig, sie glühte
am ganzen Körper, sie war unterwürfig und hingebend! Ihm kam das stolze
Bewußtsein seiner Kraft, das Bewußtsein, daß sie ihn liebt und sich ihm
wie ihrer Sonne, für die allein sie existiert, hingibt.

»Ich bin ein dummes Ding, ich kann es nicht erklären,« flüsterte leise
Maria Sergejewna, »ich hatte ein so eintöniges, langweiliges Leben ...
es schien, als ob alles schon vorbei wäre und mir nichts mehr
bevorstände ... Da brachtest du etwas Kraftvolles hinein, ich war wie
wahnsinnig vor Glück geworden! ... Ich träumte von dir, lief dir wie ein
Backfisch nach.«

»Aber doch habe nicht ich es gebracht ...« bemerkte Mishujew mit dem
unbewußten Wunsch, noch weiter in sie zu dringen; seine Stimme
erzitterte im voraus in leichter Angst.

»Nein -- du! Du ... So wie du bist: groß, stark, mächtig wie ein König!
Aber das ist nicht das Wichtigste: wärest du arm, so hätte ich mich dir
ganz ebenso hingegeben ... Du bist mein Alles!« Maria Sergejewna
schmiegte ihren Körper mit rührender Schamhaftigkeit und doch schamlos
an den seinen.

Sie flüsterte noch etwas, während sie unter seiner Liebkosung wie eine
Blume aufblühte; Mishujew schien sein früheres Mißtrauen immer
unbegründeter.

-- Ich bin einfach nur ein Despot! dachte er.

Er wünschte nur, daß sie weiter spräche, noch mehr seine fürchtenden
Gedanken zerstreue, sie widerlege, es beweise.

»Ja, aber ... dein Mann war doch klüger und talentvoller als ich ... Was
bin ich denn im Grunde genommen ...«

Er fragte mit gedämpfter Stimme, als könne er dadurch seinen Wunsch
verbergen; er erschrak selbst vor diesem Verhör, wie wenn er über einen
Abgrund gleite. Er strengte sich an, sie zu überbieten, ihr den Gatten
von neuem in Erinnerung zu bringen, ihr zu beweisen, daß jener besser
sei als er.

»Wofür hast du mich im Grunde lieb gewonnen? ... Gewiß nicht, weil ich
gesund bin wie ein Bulle?« er sprach mit Absicht verletzend von sich; er
war ganz gespannt in der sehnsüchtigen Erwartung nach Widerlegungen,
nach leidenschaftlichen, erhebenden Worten.

Maria Sergejewna war durch seine letzte Frage tief beleidigt. Ihr ganzer
Körper sträubte sich dagegen, als wäre er plötzlich entblößt auf die
Straße geworfen worden; sie fing an zu beteuern, daß es nicht wahr sei.

»Aber, wie denn?«

Sie antwortete nicht gleich, fand nicht die richtigen Worte. Es war
finster, und Mishujew konnte den Ausdruck ihrer Augen nicht erkennen. Er
wartete und fühlte mit Entsetzen, wie ein schlüpfriger, fürchterlicher
Verdacht in dem Dunkel seiner Seele entstand und herumschlich.

Doch sie begann ihm auseinanderzusetzen, warum sie ihn für klüger,
besser, origineller als die anderen hielte. Sie bewies es
leidenschaftlich, aufgeregt, hastig. Aber er widersprach ihr immer
wieder und erklärte mit falscher, gehässiger Stimme, daß ihr Mann ein
hervorragender, prächtiger Mensch sei. Er schilderte ihn wahrheitsgetreu
und erniedrigte sich selbst dabei. Vor Maria Sergejewna tauchte
allmählich immer klarer und deutlicher die bekannte Gestalt auf; das
feinfühlige Gesicht des schönen, zärtlichen, eigenartigen Menschen, das
sie auch noch jetzt, ohne es zu wissen, liebte. Irgendwo in der Ferne
zeigten sich Erinnerungen an das erlebte Glück, an die ersten
Liebkosungen; sie riefen bis zur Unfaßbarkeit feine Trauer hervor. Sie
erschrak und begann zu streiten, ganz eigentümlich zu streiten, als ob
sie nicht Mishujew zu widerlegen suchte, sondern etwas anderes, das im
Innern ihrer selbst entstanden war. Das krankhaft angespannte Gehör
Mishujews erfaßte diesen eigentümlichen Klang der gebrochenen weiblichen
Stimme. Auch in seinem eigenen Flüstern änderte sich etwas: er stieß
seine Werte mit trockener, unbegreiflich gehässiger Hartnäckigkeit
hervor. Und mit einem Mal merkte Maria Sergejewna mit Entsetzen, daß es
ihr, sobald sie nicht mehr leugnen konnte, daß ihr Mann ein
hervorragender, guter Mensch ist, an den Beweisen fehlte, weshalb sie
Mishujew liebgewann.

Ohne Worte wurde es klar, daß sie ihren Mann liebte und ihn auch jetzt
noch nicht vergessen hatte, und daß sie nur von dem Drang nach neuem,
prunkvollem Leben, den sie bis jetzt mit solcher Beharrlichkeit, und,
wie sie glaubte, auch mit Aufrichtigkeit geleugnet hatte, fortgerissen
worden war.

Als sie dahin kam, verstummte sie plötzlich, ungeschickt, ratlos,
schwach, während sie sich angstvoll sagte, daß sie jede Sekunde dieses
Schweigens zugrunde richten müsse. Mishujew wartete, drückte noch immer
mit seiner schweren Schulter auf ihre weiche Brust und schob sein Bein
nicht von ihren runden, warmen Schenkeln zurück. Seine Augen starrten
unverwandt geradeaus in die Finsternis, sein ganzer Körper lag
abgestorben in der entsetzlichen Erwartung dessen, was er längst
vorausgesehen hatte. Eine unabwendbare, eisige Kälte stieg allmählich
von ihnen herauf und trennte sie voneinander. Sie versuchte, noch etwas
zu sagen, brachte es aber nicht fertig und brach plötzlich in
ohnmächtiges Weinen aus.

»Warum folterst du mich so! ... Ich weiß von nichts ... von nichts ...«

Mishujew schwieg und atmete schwer. Er fühlte, wie sein ganzer Körper,
sein Herz und Gehirn in schwarze Leere versanken.

Maria Sergejewna schluchzte auf und verstummte. Er schwieg und wartete
auf etwas. Ohne mit dem Weinen aufzuhören, hob sie schüchtern ihren
Blick. Da klatschte plötzlich eine scharfe Ohrfeige mit furchtbarer
Kraft über ihr Gesicht.

»Ah!« schrie Maria Sergejewna; sie verlor für einen Augenblick vor
Entsetzen und Schmerz fast die Besinnung.

»Luder!« sagte Mishujew heiser. Schwer und vierschrötig, in der
Finsternis unsichtbar, kroch er fort, wobei er sich bemühte, ihren
warmen, regungslosen Körper nicht zu berühren, und ging rasch, an die
Möbel stoßend, aus dem Zimmer.

»Ende!« sagte in ihm dumpf eine Stimme.

Inmitten seines Arbeitszimmers blieb er stehen und starrte mit weit
aufgerissenen Augen vor sich hin. Dort, hinten, suchte das gespannte Ohr
irgend einen Laut zu fassen, aber alles blieb still, wie ausgestorben.
Er fürchtete sich, auch nur einen Finger zu rühren, ihm schien, daß die
leiseste Bewegung den Tod mit sich bringen würde. Sein ganzes Wesen war
ein einziger, unsäglicher Schmerz. Entsetzliche Scham, tiefste
Vereinsamung und tödliches, herzzerreißendes Mitleid mit sich und mit
ihr verschlangen sich chaotisch mit kalter, böser Freude, als ob er
endlich an jemandem Rache nahm, indem er, ihm zum Trotz, sich selbst
vernichtet hatte.

»Ende!« sagte Mishujew mit sonderbarem Lächeln.

Er wollte dieses unsinnige Lächeln unterdrücken, aber es wuchs in die
Breite, wurde größer, zerrte an seinem Gesicht, er konnte die
klappernden Kiefer nicht ruhen lassen, und mit einem Mal zuckte sein
ganzes Gesicht in _einem_ furchtbaren, wahnsinnigen Krampf auf.


                                   X

Es war ein windiger Tag; die breite See, mit weißen Gischtkämmen
bedeckt, scharf blau in der Ferne und grell-grün in der Nähe, wogte
nicht, sondern schien sich zu drehen. Alles war scharf und buntfarbig:
die Schatten, das Sonnenlicht, die prächtigen Toiletten der Damen, die
auf dem Dampfer standen, die Borde und Taue des Schiffes. Der Wind
erfüllte alles mit launischer, gleißender Bewegung; die ganze Umgebung
wurde dadurch ungeheuer groß, die Menschen aber und das Städtchen, das
hinter der Bucht strahlte, fast spielzeugartig klein.

Auf die Abfahrt des Dampfers mußte sehr lange gewartet werden. Mishujew
wie Maria Sergejewna fühlten sich traurig, schwer und unbehaglich.

Grob rasselte der Krahn, während er schwere Kisten durch die Luft trug
und in den Kielraum versenkte. Über die Schiffsbrücke, zwischen Verdeck
und Ufer, strömte ungeduldig eine bunte Menge, unter der sich auffallend
viele Damen befanden. Vom Ufer schrie man zum Bord hinüber, vom Bord zum
Ufer, man warf sich gegenseitig Blumen zu, die von scharfen Windstößen
ins Wasser gerissen wurden. Die Damen hielten die Hutkrempen fest; die
Röcke flatterten bald auf, bald umschlangen sie die Kniee, zeigten die
weichen Umrisse der Füße und verliehen dadurch dem Ganzen einen
ungeduldigen, unsteten Charakter. Trotzdem sah es aus, als ob der
Dampfer nie mit der Aufladung der zahllosen Kisten fertig werden und
abfahren wird. Manchmal begann die Dampfhuppe ungestüm zu brüllen, und
ihr gewaltiger, schriller Seufzer übertönte alle Laute, schwoll höher
und höher an; erst als die Ohren bereits schmerzten und das Gebrüll ganz
unerträglich wurde, riß es plötzlich ab, schrie kurz auf und verstummte.
Eine seltsame Stille trat ein, lange hörte man in den fernen Bergen das
verhallende Echo. Dann erhob sich wieder scharfes, eiliges Gerede, und
ungeschlacht rasselte der Hebekrahn.

Mishujew stand am Bord und litt unter einer furchtbaren, drückenden
Last. Er fühlte, daß Maria Sergejewna ihn immer wieder anschaute, und
sah von der Seite ihre dunklen Augen, die sich anstrengten, ruhig und
lächelnd auszusehen, in denen aber durchsichtige Tränen standen.

Sie sagte nichts. Die Entscheidung war schon gestern getroffen; nach der
schweren, abscheulichen Unterredung gab es jetzt nichts mehr, worüber
sie sprechen konnten.

Nun schön ... Ende, -- mag es das Ende sein ... wiederholte sich Maria
Sergejewna lautlos, und nur ihre Hand im weißen Handschuh fuhr ohne
Grund über den blanken Messing des Schiffsbords. An dieser
ununterbrochenen, gespannten Bewegung konnte Mishujew verstehen, was sie
fühlte und dachte, was für auswegslose Trauer ihr kleines Herz zerriß.
Sie tat ihm leid; er fühlte eine unendliche Schuld gegen sie. Doch in
seiner Seele war es leer, und es war unmöglich, sich eine Rückkehr zu
dem früheren, zu den Zärtlichkeiten, dem gemeinsamen Leben und der
gegenseitigen Wärme, vorzustellen. Etwas war gerissen, zwischen ihnen
lag kalte Leere, und jetzt hatte er nur noch einen Wunsch: nichts mehr
in die Länge zu ziehen! Nur schneller alles zu enden!

Tja ... dachte Mishujew, unbeweglich auf die bunte Menge starrend. Sie
wird auch ohne mich fertig werden. Wird das bisherige festliche Leben
führen, nichts entbehren, nur Lust und Freude suchen.

Ihm schien, daß sie einen anderen Mann finden müsse, den sie so wie
einst ihn lieb gewinnen kann, der sie aber aufrichtig und mit dem Gefühl
des Dankes, mit warmer, inniger Achtung liebt. Doch aus irgend einem
Grunde konnte er sich diesen anderen nicht vorstellen; statt dessen
stieg vor ihm bald das schwarzbärtige, runde Gesicht Parchomenkos bald
die hängende Unterlippe des Börsianers auf.

Auch das ist möglich, dachte Mishujew -- sie hatte die reine,
aufrichtige Liebe zu ihrem Mann, sie tauschte sie gegen mich ein, weil
ich ihr neue Eindrücke, die Möglichkeit eines sorgenlosen, lustigen
Lebens gab. Jetzt wird es ihr schwer sein, zum früheren zurückzukehren
... sie muß in dem neuen Gleise bleiben ... Und sie wird fröhlich sein,
sich glücklich hingeben, lachen, sich schön kleiden ... Bis das Leben
selbst erblaßt und in Leere aufgeht ... Es ist doch schade! ... Aber ich
allein bin schuld ... Na, schön ... Ich werde leben, wie ich schon
gelebt ... es wird öde, widerwärtig, einsam zugehen! Leer ...

Die Messinghuppe fing zu brüllen an. Die Luft erzitterte, das Verdeck
zitterte, und eine Minute lang schien es, daß auch das Meer und der
Himmel unter dieser unmenschlichen Stimme, die in den Bergen
widerhallte, erbebten. Auf dem Verdeck schrie man, man bewegte sich und
schwenkte die Tücher.

Maria Sergejewna wurde blaß, und in ihren dunklen Augen drückte sich
unterwürfige Trauer aus. Mishujews Herz zog sich zusammen. Beide fühlten
in diesem letzten Augenblick die hoffnungslose, traurige Zärtlichkeit.

Man konnte den Moment nicht bemerken, in dem der Dampfer abstieß, nur
der trübe, grüne Wasserstreifen wurde plötzlich breit und wuchs zwischen
der nassen Steinumfassung der Mole und dem schwarzen Borde schnell an.

Mishujew stand auf dem Verdeck und schaute lange aus, um unter der Menge
die schlanke, winderfaßte Gestalt Maria Sergejewnas zu finden. Der
Dampfer fuhr mit voller Geschwindigkeit, und die Gischtkronen der freien
Wellen zeigten sich zwischen ihm und dem Ufer. Der Kai wurde immer
kleiner und kleiner, aber lange noch sah Mishujew die in der Richtung
des Dampfers hergehende, helle, weibliche Gestalt, deren Kleid der
sonndurchstrahlte Wind hin und her zerrte und hochhob.

Ihre Gesichtszüge konnte er nicht mehr erkennen ... nicht mehr sehen, ob
sie steht oder geht. Nur ein kleines, helles Fleckchen schmiegte sich an
die lange, graue Steinwand, mitten im Wind, den rollenden Wellen und dem
weißen Gischt, den der Wind von ihren Köpfen reißt.

Immer kleiner und kleiner. Und als das Städtchen, und der Kai, und das
kleine, weibliche Figürchen zu einem Panorama, das wie Spitzenwerk
durchleuchtet war, zusammenflossen, stach ein scharfer Schmerz tief in
sein Herz; er fühlte sich in der ganzen Welt allein.

Abgebrochen war das frühere Leben; es verschwand für immer in der blauen
Vergangenheit. Vor ihm breitete das leere, bewegliche Meer, hebend und
fallend, seinen windigen, kalten Raum aus.

-- -- Na, sei's so ... dachte Mishujew. Vielleicht ist es zum guten ...
Irgendwie werde ich schon damit fertig werden.

Auf dem Dampfer ging es lustig und farbig zu. Viele Frauen in schönen
Kleidern, mit Blumensträußen in der Hand, gaben ihm ein festliches
Aussehen, und als auf dem Vorderteil unerwartet Musik zu spielen begann,
glich das Ganze einem fröhlichen Ausflug. Die Fahrgäste teilten sich in
Gruppen, zwischen den Damen tauchte bald der Kapitän auf, der in seinem
schneeweißen Kittel halb wie ein Geck, halb wie ein Seemann aussah.
Scherze, Lachen, weibliche Ausrufe erschollen. Und hinter dem Schiff
schäumte das Meer und schwamm in die vergehende Ferne zurück.

Im blauen Nebel zogen grüne Ufer und rosige Berge vorbei. Auf einem
Felsvorsprung lag ein weißes Kloster hoch über dem Meer und schwebte
lange, wie eine Möve, in der Luft, bis es in der blauen Weite zerfloß.
Das Meer rollte und bewegte sich, die weißen Wellen hoben sich und
fielen nieder.

Unermüdlich schritt Mishujew auf dem Verdeck auf und ab, schaute auf das
verschwindende Ufer und sann nach. In seiner Seele klang und schmerzte
ein trauriges, hoffnungsloses Gefühl.

Wohin fahren? Wozu? dachte er, während sein Blick gleichgültig über Meer
und Ufer schweifte, die er schon so oft gesehen hatte -- hier, wie an
der Küste Italiens und in Ägypten -- und die ihm von der ergreifenden,
blauen Schönheit der Natur, die das Herz des Menschen frei wie einen
Vogel an einem hellen Sommertag macht, nichts mehr zu sagen wußten.

Nur fiel es ihm auf, wie eigentümlich die Möven kreischten, die den
Dampfer begleiteten.


                                   XI

Maria Sergejewna stand in der Mitte ihres Badezimmers, in dessen weißen
und grauen Fliesen sich das elektrische Licht brach und spiegelte, und
ein kräftiges Kammermädchen rieb sie stark und geschickt mit einem
nassen Schwamm ab. Der nackte, feuchte Körper glänzte in dem Licht, und
bei jeder Anstrengung des Mädchens gab das schlanke, elastische
Figürchen Maria Sergejewnas langsam nach und richtete sich wieder auf.
Die abgerundeten Brüste zitterten und schwankten, ihr stolzes Köpfchen
richtete sich bald auf, bald sank es mit der schweren, auf den Rücken
herabhängenden Frisur nieder, und man konnte glauben, daß das nackte
Weib nur von süßer, physischer Lust bewegt wird.

In Wirklichkeit faßte ihr kleines, in einem Klümpchen zusammengezogenes
Herz soviel Trauer, Kummer und qualvolle Ratlosigkeit, daß ihr schien,
als müßte sie sterben.

»Vielleicht ist es zu kalt, gnädige Frau?« fragte die Zofe, sobald sie
bemerkte, daß die abfallenden Schultern Maria Sergejewnas leise
erschauerten.

»Was?« Maria Sergejewna erschrak und sah die Zofe mit weit geöffneten,
traurigen Augen an.

»Ist das Wasser nicht zu kalt, gnädige Frau?« wiederholte das Mädchen.

»Nein, ... es geht ...«

Die Zofe tauchte den Schwamm in lauwarmes Wasser und fing wieder,
während sie an etwas anderes dachte, an, Maria Sergejewna geschickt und
gleichgültig den Rücken zu reiben.

Es peinigte Maria Sergejewna; es war ihr unerträglich, nackt dazustehen
und sich waschen zu lassen, während ihr das Herz in Stücke brach. Sie
wollte allein bleiben, sich ins Bett werfen und den Kopf in die Kissen
pressen. Sich niederlegen und absterben, für immer, nichts sehen, nichts
hören, nichts fühlen.

Aber die dressierte, gleichgültige Dienerschaft, die nur zu Aristokraten
in Dienst tritt, und vor der sich Maria Sergejewna immer noch fürchtete,
wie arme, einfache Menschen stets aristokratische Dienstboten scheuen,
war im Hause und umgab sie vom frühen Morgen an mit neugierig-kalten,
fast nachstellenden Augen. Sie wünschte, daß das, was am Tage zuvor
geschehen war, verborgen bliebe, es sollte niemand erfahren, daß sie
verlassen wurde, daß sie nur eine Maitresse ist, die man ins Gesicht
schlägt, daß man sie wie das niedrigste Frauenzimmer durch den Schmutz
schleifen konnte.

Von dem Augenblick an, da Mishujew, der nach einer schweren und
hoffnungslosen Auseinandersetzung begriff, daß sie das Band zwischen
sich zerrissen hatten, abgereist war, sorgte sich Maria Sergejewna mit
allen Kräften, daß niemand etwas von dem Vorgefallenen erfahre. Am
Dampfer bemühte sie sich, vergnügt auszusehen und zu lächeln; als sie
ihre unermeßliche Qual im Herzen nach Hause trug, zwang sie sich, vor
dem Diener die Herrin zu spielen; zu Hause strengte sie sich an, alles
wie gewöhnlich zu tun, sie fühlte sich als Sklavin dieser gemieteten
Leute, die sie nichts angingen.

Als ihr die Zofe höflich meldete, daß das Bad bereit sei, ging sie
sofort ins Badezimmer, kleidete sich aus und gab sich, nackt und
unglücklich, den unnötigen, schmerzlichen Bemühungen des Mädchens hin.

Schmerzlich zog sich das Herz der kleinen, nackten Frau, die, umgeben
von Licht und Wärme, von sanftem Wasser und warmer, dampf- und
parfumgesättigter Luft geliebkost, dastand, zusammen. Ein schweres
Gefühl der Einsamkeit lag in dem gehätschelten Körper. Ihr schien, daß
man sie verspottete.

»Genug, Klawdia, schon gut ...« sagte sie mit Überwindung; sie fühlte,
daß sie im nächsten Augenblick zusammenbrechen müßte.

»Aber die Dusche, gnädige Frau?« meinte höflich die Zofe, und ohne die
Antwort abzuwarten ging sie zu dem emaillierten Hahn, öffnete ihn und
fing sorgfältig an, den warmen Regen, der von oben herabfiel, mit der
Hand zu prüfen.

Maria Sergejewna, der die Tränen in die Augen kamen, stellte sich unter
die Dusche.

Erst als die Zofe ihr einen trockenen, weichen Mantel umhing und sie im
Schlafzimmer allein ließ, stürzte sie händeringend mit dem Gesicht auf
die Kissen.

Die lange zurückgehaltenen Tränen brachen in einer heißen Welle hervor;
sie weinte wie ein Kind, hilflos und still.

Ihr ganzes Leben ging an ihr vorüber, alle Leiden der Vergangenheit und
die finstere Zukunft, die grausame Täuschung und das Bewußtsein eines
entsetzlichen, nie wieder gutzumachenden Irrtums.

Seitdem sich ihr Leben von Grund auf geändert hatte, und die Gattin
eines stillen und zärtlichen Mannes, eine Frau mit einer kleinen, doch
sonnigen und einfachen Welt, verschwunden war, um einer unruhig schönen
Frau, die in Spitzen, Seide, Diamanten, Prunk und Bequemlichkeit
schwelgte, zu weichen, seit diesem Augenblick dachte Maria Sergejewna
kein einziges Mal an ihr früheres Leben. Das war etwas Lichtes, Liebes,
an dessen Verlust sie sich nicht ohne Schmerz erinnern konnte; der
Schmerz aber würde sie endgültig der letzten Rechtfertigung für ihre
Handlungsweise beraubt haben.

Es war eine furchtbare Tragödie gewesen, als ihr verlassener Mann, der
ihr einst unendlich teuer war, in den letzten Minuten fast an Tränen
erstickte und nur noch das eine stammeln konnte: »Mütterchen, Mütterchen
... willst du denn wirklich deinen Jungen verlassen! ... Was werde ich
ohne dich tun!« Ein schwerer chaotischer Kampf zerriß sie, ohne daß sie
ihn fassen konnte. Das Herz zerbrach vor Mitleid mit dem weinenden
erwachsenen Mann, der hilflos und nutzlos naive Worte wiederholte, die
sie noch vor kurzem bis zu Tränen gerührt hätten. Als er schluchzend
ausrief: »Was werde ich nur allein tun!« -- erinnerte sie sich
plötzlich, daß sie sich ihn früher ohne ihre Zärtlichkeit und Pflege gar
nicht vorstellen konnte. Im Augenblick sah sie seine Einsamkeit, seine
Trauer, seine Armut, während sie Luxus, Pracht und Glück genießen soll.
Und eine Minute lang kam ihr ihr Entschluß wie ein Wahnsinn vor.

Sie umarmte und küßte ihren Mann, sie trocknete mit der Hand seine
nassen lieben Augen, die von Gram und Tränen entzündet waren. Das Herz
sprang zwischen einer neuen farbenreichen Liebe, die ein ungekostetes
herrliches Leben verhieß, und dem Zartgefühl und grenzenlosen Mitleid
mit diesem weinenden Manne, der hilflos war, wie ein verlassenes Kind.

Maria Sergejewna hatte gefühlt, daß ihre Kräfte schwinden, daß die
Träume von einem neuen Leben, die wie ein Märchen glänzten, verblassen
und versinken. Um sich zu retten, um nicht alles beiseite zu werfen und
zu bleiben, nahm sie sich zusammen und stählte ihr Herz durch eine
Grausamkeit, die für sie selbst am schmerzlichsten war.

Als sie fortging und zum letzten Mal das bekannte Zimmer, die bekannte
Lampe, das Bett, in dem sie das Glücklichste ihres Lebens genossen
hatte, Skizzen, zu denen sie ihrem Manne einst Akt gestanden, die ihren
Stolz, einen Teil ihrer Seele bildeten, die ganze vertraute Umgebung mit
den Augen überflogen hatte, wurde ihr Herz von unerträglicher Qual
durchschnitten. Etwas Entsetzliches heftete sich an dieses Fortgehen,
aber sie nahm sich noch einmal, zum letztenmal, zusammen und ging
hinaus. Und er weinte nicht mehr, rief sie nicht mehr zurück, sondern
holte nur tief Atem und klammerte sich mit der Hand an ihren
zurückgelassenen alten Umhang, als wenn er fürchtete, daß ihm auch
dieses -- das Letzte -- noch genommen werden könnte. Diese eine Bewegung
war furchtbar gewesen und die Erinnerung daran war nicht drückend, nicht
qualvoll, sondern einfach grauenhaft, wie die an ein vollbrachtes
Verbrechen.

Um dieses Grauenhafte nicht in jeder Minute vor Augen zu sehen, stürzte
sich Maria Sergejewna in ein wirklich wahnwitzig leichtsinniges Leben.

Allmählich vergaß sie das Vergangene, wurde fröhlich, bekam Geschmack am
Luxus, gewöhnte sich daran. Theater, Bälle, Toiletten, der Verkehr mit
reichen Menschen umschwirrten sie wie ein Traum, und sie begann fast zu
glauben, daß sie glücklich sei.

Nur selten, wenn sie allein blieb, hörte sie auf, in ihrer Umgebung
unterzugehn, dann dachte sie daran, wie irgendwo in der Ferne, mit
nagender Trübsal, ein verlassener einsamer Mensch lebte.

-- -- Wie geht es ihm? Was mag er jetzt tun? -- dachte sie, wurde
traurig, fühlte sich beschämt, und lief wieder unter Menschen, fuhr
irgendwohin, lachte, kokettierte.

Jetzt aber war der Flitter wie Staub abgefallen, und klaffende Leere
zeigte sich darunter. Sie wurde ratlos, und in ihrem armen Köpfchen
wogte alles durcheinander, wohin gehen, was tun, an was das Herz hängen
-- alles war vorbei. Allein eine Maitresse war verlassen
zurückgeblieben, eine Frau ohne Namen, ohne Anspruch auf Achtung. Sie
hatte aufgehört, ein Mensch zu sein, und wurde zu einem Ding, einem
Lappen, den man abgenutzt auf die Straße werfen konnte.

Und mit Schauer des Entsetzens fühlte sie, daß es kein Zurück mehr gab,
daß sie nicht wieder so leben konnte, wie sie früher gelebt hatte. Daß
sie auf einem goldenen Wege stand und ihn weiter gehen mußte. Wohin?

-- -- Das ist die Vergeltung, die Vergeltung ... -- stammelte Maria
Sergejewna mechanisch.

Auf dem Tischchen neben dem Bett lag das Geld, das ihr Mishujew
zurückgelassen hatte, und mit Entsetzen sah sie es an, während sie wie
ein eingesperrtes Tier die Kissen mit den verzerrten feinen Fingern
zerkratzte.


                                  XII

Mishujew kam an einem regnerischen, schon herbstlichen Tage in Moskau
an; sowie er aus dem Wagen stieg, war er von widerwärtiger, kalter
Feuchtigkeit bis auf die Knochen durchdrungen.

Der ungeheuer weite, asphaltierte Platz vor dem Bahnhof gleißte wie ein
See, nasse Droschken schwammen darauf, und die Schritte kältezitternder,
durchfeuchteter Menschen klatschten eilig über ihn hin. In der Ferne,
hinter dem grauen Regenvorhang, schimmerten undeutlich zahllose Dächer,
Kirchenkuppeln und die trüben Flecken verwaschener Vorgärten. Ihm wurde
ganz eigentümlich traurig bei dem Gedanken, daß es hier schon Tage lang
keine Sonne, keinen blauen Himmel, keine fröhlichen Blumen mehr gegeben
hatte. Alles machte den Eindruck, als wären alle diese eiligen,
durchnäßten Leute bis zum äußersten lebensüberdrüssig; sie lebten nur,
weil sie sich längst mit dem Regen, dem grauen Himmel, der Kälte und
Nässe abgefunden hatten und sie nicht mehr beachteten. Wenn sie jetzt
davon gehört hätten, daß irgendwo in der Ferne gerade in diesem
Augenblick die Sonne grell leuchtete, das blaue Meer strahlte und das
bunte Gras lachte -- dann könnten sie einem solchen Glück gar nicht
glauben wollen; -- sie würden sich nur beeilen, weiter durch
klatschende, kalte Pfützen zu laufen. Aber Mishujew dachte darüber nicht
nach, weil er all das seit langem gewöhnt war; er war von dem goldenen
Frühling nicht entzückt und wurde durch den grauen Herbst nicht
mißgestimmt.

Er hatte niemanden von seiner Ankunft benachrichtigt, und so war er auch
nicht erwartet worden. Seine Sachen übergab er einem Dienstmann, nahm
sich eine Droschke und fuhr zitternd vor Feuchtigkeit in dem durchnäßten
Wagen nach Hause.

Schon aus der Ferne erkannte er das altbekannte silbergraue Haus, dessen
riesige Größe und groteske Verzierungen im Jugendstyl mit einem quer
herüberlaufenden kolossalen Schild: »Gebrüder Mishujew« sofort ins Auge
fiel. An dem Haustor, das einer Höhle ähnlich sah, spielte sich noch
immer das gleiche emsige Gewühl ab. Triefende Lastfuhrleute luden gelbe
Kisten, aus denen das feuchte Stroh hervorlugte, auf; gelb-schwarze
Wagen fuhren an und ab, erbittertes, hungriges Schimpfen hing armselig
in der wasserdurchweichten Luft. Und im Hause, in den weiten Zimmern,
die kalt wie der Platz draußen waren, durch meterhohe, trübe Fenster von
der Straße getrennt, leuchteten in trockenem Grün elektrische Lampen;
gebeugte Köpfe raschelten mechanisch, fast ganz regungslos zwischen
Papieren und klapperten mit den Rechenbrettern.

»Alles nach Strich und Faden --« dachte Mishujew, als ob er etwas Neues
erwartet hätte, und ging, nachdem er seine Sachen abgelegt, durch das
ganze Kontor. Und wie immer, wenn er in diese trockene, geschäftsmäßige
Atmosphäre geriet, wurde sein Gesicht auch jetzt hochmütig und kühl, als
zöge er zwischen sich und allem Anderen gewaltsame Grenzen.

Die Angestellten, die gut gekleidet und frisiert an den Tischen saßen,
erhoben sich eilig und schweigsam von ihren Plätzen und verbeugten sich
vor ihm. Mishujew nickte flüchtig mit dem Kopf. Viele von ihnen kannte
er garnicht; er hatte absolut keine Ahnung, ob er sie schon früher
einmal gesehen hatte. Allein der Prokurist, ein kahlköpfiger Greis mit
einem Gesicht, das halb wie ein zerknüllter Rubelschein, halb wie das
eines Heiligenbildes aussah, begrüßte ihn mit den Worten:

»Wünsche Glück zur Ankunft, Fjodor Iwanowitsch! ... Ihr Herr Bruder sind
im Arbeitszimmer, warten schon lange auf Sie. Ist Ihnen die Reise gut
bekommen?«

Mishujew lächelte unwillkürlich: er dachte, daß es doch eine ziemlich
bescheidene Reise war -- von Moskau nach der Krim und zurück --
erinnerte sich dann aber, daß für den alten Mann, der sein ganzes Leben
lang in diesem Kontor gesteckt hatte, schon ein solche Reise märchenhaft
bedeutend sein müßte.

»Danke schön. So, so,« sagte er kühl und doch liebenswürdig und ging
nach einem flüchtigen Händedruck weiter.

Sein Bruder, Stepan Iwanowitsch Mishujew, saß tief gebeugt über dem
großen, grabmalartigen Tisch und schrieb, während er mit seiner linken
Hand auf einem schweren Rechenbrett hantierte. Das blasse bläuliche
Licht vom Fenster glänzte matt auf seinem breiten kahlgewordenen
Schädel. Das ganze Zimmer war dunkel, schwer und langweilig wie ein
riesiges Einnahme- und Ausgabebuch, zwischen dessen Blättern ein Mensch
herumkrabbelt. Als Mishujew eintrat, erhob der Bruder die Augen, und er
sah die ihm bekannten, kühl-unzufriedenen Blicke. Unbehaglich berührte
ihn der Gesichtsausdruck dieses Menschen, der dem Eintretenden, ohne zu
wissen, wer es ist, bereits einen feindselig-geschäftlichen Blick
entgegenwirft. Als Stepan Iwanowitsch genauer hinsah, verzogen sich
seine Lippen geizig zu einem matten Lächeln.

»Ah, endlich gekommen!« sagte er und erhob sich.

Die Brüder küßten sich.

Stepan Iwanowitsch war ebenso groß und schwer wie sein Bruder, aber sein
Gesicht war gelb, ungesund, unter den Augen hingen ihm welke Beutel, und
seine Stimme war so schwach und blaß, als ob er bis auf den Tod ermüdet
wäre.

»Ich bin sehr froh, daß du gekommen bist,« begann Stepan Iwanowitsch,
als sie sich gegenüber saßen und Zigarren angezündet hatten, von denen
er sich niemals trennte: -- »Froh aus verschiedenen Gründen. Erstens
wünschte ich natürlich, dich zu sehen, dann ist deine Gegenwart
überhaupt nötig, weil es mit der Fabrik miserabel steht. Außerdem habe
ich noch eine persönliche Angelegenheit ... Aber darüber später!«

Stepan Iwanowitsch wandte für einen Moment den Blick ab und verzog die
Lippen wieder zu der geizigen Nachahmung eines Lächelns.

»Du hast wohl aus den Zeitungen gehört, daß die Fabrik nun die zweite
Woche still steht. Die Forderungen werden dir wahrscheinlich auch schon
bekannt sein?«

»Ja, ich weiß es ...« erwiderte Mishujew kurz.

»Und?«

Stepan Iwanowitsch richtete einen forschenden, kühlen Blick auf ihn;
Mishujew hatte unwillkürlich die Empfindung, daß hier nicht ein Bruder
mit dem Bruder spräche, sondern ein Chef mit irgend einem Mitinhaber der
Firma konferierte. Er wäre am liebsten nicht mehr auf diese
Angelegenheiten, über die schon lange ohne Erfolg und mit noch
geringerem Verständnis hin und her geredet wurde, eingegangen. Aber
Stepan Iwanowitsch wartete, und so antwortete er mit Selbstüberwindung:

»Hm. Ich finde sie in vielen Punkten ganz berechtigt.« Unwillkürlich
blinzelte er mit den Augen und wandte den Blick ab, weil er fühlte, wie
feindselig Stepan Iwanowitsch die Ohren spitzte. Der fuhr fort, den
Bruder forschend anzublicken und schwieg lange, als ob ihm die
Anstrengung viel Mühe kostete.

»... Schön. Und sage mir bitte, machst du es dir klar, daß uns diese
Forderungen bei der heutigen Marktlage ruinieren?«

»Davon spreche ich nicht,« erwiderte Mishujew widerwillig; -- »ich
stellte nur ihre Berechtigung fest und weiter nichts. Ob sie für uns
vorteilhaft sind oder nicht -- das ist etwas anderes.«

»Ja,« erwiderte Stepan Iwanowitsch trocken, »ganz etwas anderes; aber
ich glaube, gerade daran sollte man in erster Linie denken.«

Mishujew seufzte, als ob sich eine überaus verdrießliche Last auf ihn
wälzte, hielt sich aber zurück und sagte mit absichtlich nachgiebiger
Stimme:

»Ja, gewiß. Nur scheint es mir, daß auch die Frage nach der Berechtigung
dieser Forderungen nicht ganz nebensächlich ist. Eins von beiden:
entweder sind sie unberechtigt, dann kann man sie nur vom Standpunkt des
Kampfes aus betrachten, oder sie sind berechtigt; in diesem Fall müßten
wir doch auch an ihre Befriedigung denken.«

Er gab sich Mühe, ruhig zu bleiben; er hatte den festen Wunsch, jeden
Streit zu vermeiden, aber schon beim Sprechen fühlte er die bekannte
drückende Aufregung. Er sah, daß sein Bruder, wie immer, einzelne seiner
Worte heraushörte, von den anderen aber, gerade die, welche ihn selbst
am meisten erregten, als ganz unnötig und überflüssig außer acht ließ.

Stepan Iwanowitsch schwieg eine Weile und fuhr fort, ihn mit seinem
kalten, fremden Blick zu fixieren. Dann seufzte er, wandte die Augen ab,
klopfte mit den Fingern gegen die Tischkante und sagte mit gezwungener
Miene:

»Nun, gut. Wir werden später weiterreden. Du bist gewiß von der Reise
ermüdet. Hast du gefrühstückt?«

»Noch nicht.«

»Dann wollen wir zu mir hinaufgehen,« -- Stepan Iwanowitsch erhob sich
schwer von seinem Platz.

Die Wohnung, die er inne hatte, war klein. Es war eigentümlich
auffallend, daß in dem ganzen riesigen luxuriösen Haus nur ein
Winkelchen wirklich ihm, seiner Ruhe, seinem Schlaf und seinem Körper
gehörte. Überall sonst, oben, unten und an allen Seiten lebten und
wimmelten wie Bienen in den Zellen eines riesigen Stockes fremde,
unbekannte Menschen, von denen viele garnicht einmal wußten, wie dieser
Stepan Iwanowitsch Mishujew aussieht, und ob er in Wirklichkeit
existiert und nicht lediglich ein abstraktes Symbol darstellt.

Das Speisezimmer glänzte kühl in schwerer Eiche, und machte durch das
weiße Tischtuch, die weißen Gedecke und das weiße Licht, das aus den
Fenstern hereinströmte, einen eisigen, toten Eindruck.

»Nun, bist du gut gefahren?« fragte Stepan Iwanowitsch und bemühte sich
noch mehr, seine trockenen Lippen liebenswürdig zu verziehen und
möglichst sanft auszuschauen. Er liebte seinen Bruder und bemitleidete
ihn als kranken Phantasten.

»Nicht übel.«

»Und wo steckt deine Maria Sergejewna jetzt?« Stepan Iwanowitsch
lächelte, ohne Mishujew ins Gesicht zu sehen.

»Dort geblieben ... vorläufig ...« sagte Mishujew; plötzlich stach ihm
etwas schmerzlich durchs Herz. Irgendwo fern -- fern sah er die kleine
verlassene Frau, die er liebte, die ihn liebte und die jetzt aus irgend
einem Grunde von seinem Leben für immer getrennt war, ihm fremd wurde,
als hätten sie niemals einander geliebt und geliebkost und sich
aneinander mehr als an allem in der Welt gefreut.

In diesem Augenblick konnte Mishujew nicht begreifen, warum es dazu
kommen mußte. Alles, was ihm damals entsetzlich und unerträglich schien,
kam ihm jetzt kleinlich und hergesucht vor, schwebte vor seinem Auge wie
ein trüber, sinnwidriger Fleck. Aber doch fühlte er, daß es nicht anders
sein konnte. Er nahm sich zusammen und begann, während er sich
anstrengte, das Nagen an seinem Herzen nicht zu bemerken, vom Süden zu
erzählen und sich nach Moskau zu erkundigen.

Die beiden Brüder saßen sich, schwer und groß, gegenüber; sie schienen
auf den Boden und alles, was darunter wimmelte, mit furchtbarer Last zu
drücken. Das kühle weiße Licht glänzte grell auf dem Parkett und der
Emaille des Geschirrs; gelbblitzend funkelte der Wein; es sah aus, als
strahlte inmitten des grauen, nassen Tages in ihm allein die fröhliche
Sonne.

Es wurde wärmer, und das Gespräch kam leichter in Fluß. Mishujew kreuzte
die Arme auf dem Tischtuch, und Stepan Iwanowitsch lehnte sich zurück
und erzählte:

»Mir ist hier eine kleine unangenehme Geschichte passiert, und da du in
derartigen Dingen erfahrener bist als ich« -- Stepan Iwanowitsch
lächelte ungeschickt -- »so möchte ich dich um Rat bitten.«

Mishujew blickte ihn neugierig an.

»Siehst du, da war bei uns ein Mädchen als Kassiererin eingetreten, jung
und sehr hübsch. ... Du wirst sie sehen, weil ich dich bitten möchte, zu
ihr hinzufahren.«

Stepan Iwanowitsch zündete sich eine Zigarre an, runzelte die Beutel
unter seinen Augen: Und blinzelte durch den Rauch. Ihm war es offenbar
peinlich; er fühlte sich lächerlich.

Mishujew sah ihn mit lustiger Verwunderung an. Ein junges hübsches
Mädchen, keine Kokotte, keine Sängerin -- das ließ sich so schlecht mit
der Person Stepan Iwanowitschs in Einklang bringen, daß man glauben
konnte, er scherze nur.

»Und um was handelt es sich?« fragte Mishujew; er bemühte sich, dem
Bruder seine Verwunderung nicht merken zu lassen.

»Ja, um was es sich handelt ... bin mit ihr intim geworden, da hast du
alles! ...« sagte Stepan Iwanowitsch mit Mühe.

»Na, und?«

»Wie soll ich dir das auseinandersetzen ... Du weißt, ich habe mein
ganzes Leben lang gearbeitet und mich nicht mit Romanen abgegeben ...
kann aber nicht bestreiten, daß dieses Mädchen etwas neues in mein Leben
gebracht hat ...«

Ein junges hübsches Mädchen mit einem so reinen und weichen Kinn, daß
man es unwillkürlich zu berühren wünscht, um seine Wärme zu fühlen, trat
vor Mishujews Auge. Es lachte wahrscheinlich silberhell, gab sich
selbstvergessen mit seinem ganzen jungen Körper dem Manne hin und
bemerkte wohl garnicht, daß Stepan Iwanowitsch einen kahlen Schädel, ein
vertrocknetes Gesicht und eine geschäftsmäßige, einfarbige Seele hatte.
Vielleicht auch bemerkte sie das und bemühte sich, ihn zu erwärmen und
zu erfreuen, ihm ihr ganzes, junges, fröhliches Glück mitzuteilen.

»Sie scheint mich wirklich aufrichtig gern zu haben,« fuhr Stepan
Iwanowitsch fort, während er immer noch mit zusammengekniffenen Augen
durch die blauen Rauchwolken blinzelte. -- »Natürlich gab sie sich
sofort alle Mühe, aus mir einen Sozialdemokraten zu machen ...«

Stepan Iwanowitsch lachte unnatürlich, aber doch drang ein zärtlicher
Klang durch dieses trockene Lachen.

»Hm!« Mishujew mußte unwillkürlich lächeln, das kleine naive Mädchen tat
ihm leid.

»Nun, das wäre alles noch nicht so schlimm ... die Sache ist aber, daß
sie ... wie sagt man es gleich ... na, in gesegnet... daß sie schwanger
geworden ist.«

»Ah!« Mishujews Augen wurden weich und mitleidsvoll.

»Und ich sehe immer mehr, daß sie in meinem Leben einen Platz einnimmt,
mit dem ich rechnen muß ... Ich fange an, mich zu fürchten, mit ihr
herumzustreiten, fange an, nachzugeben, sie mischt sich in die Geschäfte
ein, wird ärgerlich, stellt Bedingungen ... Mit einem Wort, es ist Zeit,
ein Ende zu machen,« -- Stepan Iwanowitsch fiel sich selbst ins Wort,
und seine Augen, die aufzuleben schienen, wurden wieder kalt und trübe.

»Weshalb gleich ein Ende zu machen,« fragte Mishujew behutsam und weich:
-- »ist sie dir ennuyant geworden?«

»Ach was, ennuyant!« versetzte Stepan Iwanowitsch, während sein Gesicht
einen eigentümlichen Ausdruck annahm: »ich fühle im Gegenteil, daß ich
mich ohne sie ziemlich langweilen würde! ...«

Er verstummte unerwartet bei diesem trockenen geizigen Satz, aber
Mishujew hörte mit warmer Teilnahme Vieles und Tiefes aus ihm heraus.

»Um was kümmerst du dich dann? ... Lebe doch mit ihr nach wie vor.«

»Leider ist sie nicht so eine ... Sie wird verlangen, daß man sie vor
aller Welt öffentlich anerkennen soll ... Eine Maitresse wird die nicht
...«

»Dann tue es doch ... meinetwegen heirate ... vielleicht wirst du
glücklich!«

Mishujew lächelte unwillkürlich wieder.

Doch diesmal huschte über das Gesicht Stepan Iwanowitsch' nicht der
frühere sympathische verwirrte Ausdruck. Es blieb geschäftsmäßig und
kühl.

Mishujew aber stellte sich die niedliche Frau, die junge reine Mutter
vor, von der und von derem Kinde etwas wie Sonne und freudige Farben in
die Seelen eindringen würde. Die Gestalt Stepan Iwanowitschs, neu,
belebt und einfach, hob sich, von diesem Strahl beleuchtet, undeutlich
von ihm ab. Aber all das verschwand sofort wieder.

»Wenn ich heiraten wollte, so werde ich nicht eine Frau nehmen, die sich
auf den Schreibtisch setzt, einem einen Helm aus Geschäftspapieren macht
und lacht und weint zur gleichen Zeit ...«

Mishujew stellte sich seinen Bruder in einer papiernen Mütze vor und
lachte auf. Stepan Iwanowitsch zuckte linkisch mit den Schultern und
wandte sich zur Seite.

»Dir kommt es lächerlich vor, und mir ist es wirklich nicht zum Lachen
... Ich kann mir diese Dummheit nicht verzeihen ... Ich durfte es nicht
soweit kommen lassen ... Und so bin ich geradezu gezwungen, dich zu
bitten, zu ihr zu fahren und dich mit ihr auseinanderzusetzen. Kannst du
das tun?«

Mishujew zuckte kurz und traurig die Achseln. Ihm tat mit einem Male der
Bruder leid, in dessen dürre, tote Seele durch ein Wunder der goldene
Schein gedrungen war, den er jetzt selbst aus ihr herausreißen wollte.

Wozu? fragte sich Mishujew. -- Damit er wieder in seinem Kontor über
Rechnungen und Wechseln sitzt? ... Langwierig und langweilig lebt? ...
Gott weiß, warum und wozu ...

Aber er antwortete: »Natürlich kann ich das -- doch wozu? ... Vielleicht
ließe es sich irgendwie anders regeln? ... Muß es denn gerade so
geschehen? Und vielleicht ...«

Ein kurzer sonderbarer Krampf zuckte über das Gesicht Stepan
Iwanowitschs und Mishujew verstand mit einem Mal, was für ein
fruchtloser und qualvoller Kampf in des Bruders Seele vorgegangen war.
Er sah jetzt, daß jeder Widerstand überflüssig sei, wie in einer Leiche
kein Kampf des Lebens mehr vorhanden sein kann; ein kaltes trübseliges
Gefühl der Leere und Ohnmacht erfaßte ihn.

»Außerdem,« sagte plötzlich Stepan Iwanowitsch mit ersichtlicher Mühe --
»meinst du wirklich, daß ich das nicht begreife: Wäre ich nicht
Millionär und hätte ihr nicht die Möglichkeit Vergnügen gemacht, die
Seele eines Millionärs umzugestalten, und so weiter ... könnte sie mich
denn lieb gewinnen? Ich glaube, ich eigne mich kaum für etwas so wenig,
wie gerade für diese Beschäftigung!«

Stepan Iwanowitsch lächelte wieder, und an diesem wiederholten
verzerrten Lächeln sah Mishujew wieder, wie sehr seinen Bruder dieses
Gespräch quälte und niederdrückte.

»Warum gerade -- Millionär!« sagte er mit Mühe.

»Na, das läßt sich gewiß leicht verstehen ...« antwortete Stepan
Iwanowitsch, ohne aufzublicken.

Und nach kurzem Schweigen fügte er hinzu:

»Wollen wir von etwas anderem sprechen?« Eine schmerzliche Regung stieg
in der Seele Mishujews auf; ein alter Gedanke rührte sich in ihm. Das
Bild eines kleinen heiteren Weibes wurde trübe und zerfloß. Er seufzte
schwer, seine Augen blickten so vertieft und krank, wie bei Menschen,
die den Tod in sich tragen.


                                  XIII

Es war schon gegen Abend, als Mishujew ausfuhr; der erste Frühschnee,
der an einigen Stellen zu Wasser zerschmolz, an anderen, meist an Zäunen
und auf Grasstreifen wie zarte weiße Flecke hängen blieb, war gefallen.
Schnee und Wasser schienen in ihrer Vermischung tiefer und jünger; das
Wasser schwärzer, der Schnee weißer. In den Straßen lag der Hauch
junger, frischer Kühle, die Glocken auf allen, schon unsichtbaren
Kirchen begannen zum Nachtgebet zu läuten, als ob ganz Moskau mit
klangreicher Messingstimme dröhne und singe. Aus alledem strömte die
Empfindung von Stärke und Kraft wie eine freudige Welle in den Kopf
Mishujews, der von dem langen Gespräch mit dem Bruder abgespannt war.
Seine vorzüglichen Pferde fuhren ihn an den schwarzen Seen vorbei, die
sich weißgerändert an allen Straßen gebildet hatten und in denen Reflexe
goldener Feuerchen spielten, durch die Straßen, an deren Seiten
unaufhörlich eine fröhliche, belebte Menge entlang zog. Auch Mishujews
Herz weitete sich in fröhlicher ungeduldiger Erwartung.

Er sah Nikolajew mit seiner breitschultrigen energischen Gestalt vor
sich, der gemütvollen herzlichen Stimme und den widerspenstigen blonden
Locken. Er empfand die Freude der Begegnung im voraus; die lebhaften
Fragen und Antworten, dann das herzliche, »echte« Gespräch, in dem
vieles Schwere und Schmerzliche zum Ausdruck kommt und vergeht.
Mishujews Mienen wurden fröhlicher, er fühlte sich so groß und kräftig,
wie seit langem nicht mehr.

Aber es berührte ihn unangenehm, als er in dem Vorraum zu Nikolajews
Wohnung Überzieher und Hüte hängen sah und hinter der Tür zum Saal eine
glänzende weibliche Stimme, die die Arie aus einer Oper vortrug,
vernahm. Klavierbegleitung ertönte, durch die Türspalten zog ein Strahl
duftigen Zigarrenrauchs und weiblicher Parfüms heraus. Mishujew blieb
eine Weile stehen. Er hatte garnicht bedacht, daß Nikolajew in dieser
Zeit nur schwerlich allein anzutreffen war, und daß es möglicherweise
garnicht zu einem Wiedersehen mit herzlichen Gesprächen, deren Erwartung
ihn freudig erregte, kommen werde. Aber gerade da wurde die Tür
stürmisch aufgerissen und Nikolajew trat mit breiten Schritten, im
blauen Hemd und weiten Pluderhosen, wie ein echter Wolgaräuber, heraus.

»Fedja! Ah! Guten Tag, mein Täubchen! Wo hast du die ganze Zeit
gesteckt?« schrie er, daß es durch das ganze Haus dröhnte, und packte
ihn fest an der Hand. -- »Warum siehst du so grün aus?«

Sie umarmten sich, und Mishujew küßte seine festen guten Lippen mit
einem so rührenden Vergnügen, wie er es niemals gegenüber Frauen
empfunden hatte.

»Nun, du bleibst immer derselbe!« sagte er, Nikolajew verliebt ansehend.

Als sie in den Saal traten, fragte Mishujew leise:

»Bei dir ist viel Volk? ... Ich wollte mich ausplaudern, ohne daß uns
jemand stört ...«

»Spuck darauf!« antwortete Nikolajew mit einer breiten Handbewegung:
»Kümmere dich nicht darum! Davon stürmt mir jetzt eine Teufelsmenge
täglich das Haus! Ich habe mich schon daran gewöhnt ... Kann nichts
dagegen tun, Bruder, bin eine Berühmtheit geworden!«

»Nun, sei's Gott gedankt!« sagte Mishujew voller Freude und schaute von
der Höhe seiner massigen Gestalt, neben der der breitschultrige
Nikolajew elegant aussah, zärtlich auf ihn herab.

Mishujew trat in den Saal, bis aufs Tiefste durch die Nähe dieses guten,
lustigen händefuchtelnden Menschen erregt, der ihn, wenn er ihn liebte,
wirklich nur um seiner selbst willen liebte.

Vom Klavier her trat ihnen eine hochgewachsene Frau in schwarzem Kleid,
mit den grauen koketten Augen einer Schauspielerin entgegen.

»Hier, Lydia,« erklärte laut und fröhlich Nikolajew, »hier hast du
meinen Mishujew! ... Sieh mal, was für ein kolossaler Millionär!«

Mishujew lachte, und die schöne Frau mit den grauen Augen lachte
ebenfalls. Auch ihre Augen lachten mit, aber Mishujew gefiel dieses
Lachen nicht.

»Oh, es freut mich sehr,« sagte sie mit klangvoller Stimme und streckte
ihm ihren weißen üppigen Arm, der bis an die Ellenbogen entblößt war,
entgegen.

Dann stellte sie ihn ihren Gästen vor. Es waren viele, aber alle zeigten
Mishujew nur ein Gesicht: übertrieben freundlich, mit Zähnen, die durch
ihr Lächeln frei wurden und versteckter Neugierde in den Augen. Das war
eben jenes Gesicht, das Mishujew sein ganzes Leben lang verfolgte und
das er haßte. Diesmal aber war er von dem Wiedersehen mit Nikolajew so
freudig erregt, daß er gar nicht darauf achtete.

»Nun, Herrschaften,« sagte Nikolajew, mitten im Saal stehen bleibend.
»Ihr mögt hier jetzt singen, schreien, tanzen, was Ihr wollt ... und wir
beide, er und ich, werden ein wenig plaudern gehen. Lydia, dürfen wir?«

»Ach, mein Gott, gewiß doch!« Die Frau hob gleichzeitig mit ihren grauen
Augen in ausgesucht schöner Pose beide Arme in die Höhe. »Gehen Sie,
gehen Sie, ich lasse Ihnen Tee bringen.«

In Nikolajews Arbeitszimmer setzte sich Mishujew auf einen breiten
türkischen Diwan und sah sich freudig im ganzen Zimmer um. Es war noch
das alte: dieselben Bücher, Papiere, in Haufen überall aufgestapelt, auf
dem Boden, in den Schränken, auf dem Tisch, den man unter ihnen gar
nicht mehr sehen konnte. Und außer dem ledernen Diwan sprach nichts von
Komfort, der gerade im Arbeitszimmer eines berühmten Schriftstellers so
angebracht gewesen wäre. Mishujew erinnerte sich, daß dieselbe Unordnung
und Bummelei auch im Zimmer des allen unbekannten Studenten Nikolajew
geherrscht hatte. Auch Nikolajew selbst war ganz der frühere geblieben,
nur war er etwas dicker geworden.

Das Gespräch setzte so einfach und vom ersten Satze interessant ein, wie
alles, was Nikolajew anfing. Und als Mishujew fünf Minuten auf dem Divan
gesessen hatte, und dem durch das Zimmer schreitenden Nikolajew zärtlich
mit den Augen gefolgt war, da wußte der bereits alles: den Bruch mit
Maria Sergejewna wie den Zusammenstoß mit dem Bruder, die Reisen ins
Ausland mit ihren Hotels, Theatern und Museen, und die dumpfe, tote
Herzensangst, unter der Mishujew schon so lange litt.

»Ich verstehe dich nicht,« Nikolajew sprach zornig und gleichzeitig
liebevoll, während er mit breiten Schritten aus einer Zimmerecke in die
andere ging, »dasselbe erlebe ich auch ... Die Zeit ist schon längst
vorüber, in der Menschen ganz einfach zu mir kamen, nur weil ihnen das
gefiel, was ich tat und sprach. Jetzt wird jeder, der an mich
herantritt, im voraus von der Ehrfurcht und Achtung zu dem berühmten
Dichter erfüllt! Na, meinetwegen, das ist manchmal sogar angenehm. Es
ist eben ein Gesetz der menschlichen Natur -- der Mensch ist seiner
Natur nach ein Sklave, aber es werden sich noch immer Menschen finden,
die zu dir einfach mit offenem Herzen kommen.«

»Bei dir ist es etwas anderes,« erwiderte Mishujew ein wenig traurig,
»du bist berühmt, aber du bist vor allen Dingen ein Dichter, das heißt
ein Mensch, der die Menschen nur durch die Kraft seiner eigenen Seele
bezwingt und an sich lockt. Wenn ich wüßte, daß es in Rußland so viele
Jünglinge gibt, die es für ein besonderes Glück halten, gar nicht mal
mit mir zu sprechen, sondern mich allein nur sehen, mir scheint, ich
wäre ganz hingerissen von dieser jungen Welle. Dann würde ich vielleicht
glücklich sein ...«

»Dafür gibt es viele Menschen, denen du hilfst ...«

»Das ist nicht das richtige!« Mishujew schüttelte den schweren Kopf,
»ich schaffe doch nicht selbst dieses Geld, am Ende gehört es ihnen
doch, und dann -- -- ich weiß: Auch die, denen ich wenig Geld gebe,
hassen mich, und die, die viel bekommen, sind böse, daß es nicht mehr
ist; im Grunde sehen alle nur mit versteckter Feindseligkeit das Gute
an, das ich mir selbst durch mein Geld verschaffen kann. Ihnen kommt es
vor, als stehle, als vergeude ich ihr Gut, ihr Glück ...«

Ein tragischer Unterton erklang in Mishujews Stimme. Nikolajew blieb
mitten im Zimmer stehen und wurde nachdenklich. Sein Gesicht wurde ernst
und vertieft.

»Das ist vielleicht wahr, aber du hast dennoch Unrecht.« Er warf sein
Haar zurück, als hätte er etwas gefunden, was er beinahe verloren hatte.

Er erinnerte Mishujew, daß dieser seine Reichtümer, die ihm nun einmal
an die Hand gekommen waren, auch fest in seiner Hand verschließen
konnte. Ob ein Millionär, der die Arbeit von Massen anhäuft, eine
Daseinsberechtigung hat oder nicht, gleichviel, Millionäre existieren
und die Menschen sind nicht nur weit entfernt, sie zu töten; sie
unterwerfen sich ihnen sogar. In der Gewalt eines jeden Millionärs liegt
es, die größten Infamien zu begeben, oder aber Gutes zu tun. Mishujew
hat das letztere gewählt; das können vernunftbegabte Menschen unmöglich
mißverstehen.

Nikolajew belebte sich, während er redete, auf's äußerste, seine Augen
glänzten, er lächelte breit und freudig. Mishujew saß auf dem Divan, sah
ihn mit feuchten Augen an und fühlte, wie in ihm etwas warmes aufwuchs,
und die Hoffnung auf einen kommenden lichten Tag emporstieg. Er verlor
sein gewöhnliches gespannt ungesundes Aussehen und wurde so zutraulich,
wie ein gutmütiger Bär.

»Du hast in deiner Hand fast zehntausend Arbeiter,« sagte Nikolajew mit
einem glutenden Gefühl, das augenscheinlich seine ganze Seele
durchströmte, und bemühte sich unwillkürlich, mit seiner Stimme die
Klavierlaute und die stürmischen Koloraturen eines glänzenden Soprans,
die aus dem Saal herüber drangen, zu übertönen.

»Aber sie haben nicht dich allein zum Herrn; dein Bruder besitzt sie
ebensogut. Warum tat er denn nicht dasselbe wie du? ... Oder warum
handelst du nicht so wie er? Jede Kopeke, die du für die Arbeiter
hingibst, gibst du ihnen doch aus freien Stücken ... Zwingen kann dich
niemand! Und meinst du, der Arbeiter, der weiß es nicht? ... Die wissen
mehr, als wir beide!«

Mishujew schaute ihm naiv und vertrauensvoll ins Gesicht.

»Weißt du, als sich die Nachricht von deinem Selbstmord verbreitete,
wollten es die Arbeiter nicht glauben ... Mir selbst hat ein alter
Arbeiter mit Tränen gesagt: >Das ist nicht möglich ... ein solcher
Mensch nimmt sich nicht das Leben. Da will er sich eben vor Feinden
verborgen halten, und wenn es erst wieder an der Zeit ist, dann kommt er
hervor und zeigt sich!< -- -- -- Hier hast du es!« schrie unwillkürlich
Nikolajew aus, und seine Augen erglänzten in einer solchen Begeisterung,
als ob er etwas Großes und Heiliges vor sich stehen sah.

Mishujew fühlte, wie seine Hände und Füße vor tiefster Freude und einem
kaum erträglichen Glücksgefühl erzitterten. Er sah mit einem Male die
unübersehbare Menge dieser ruhigen, zermarterten, hungrigen Arbeiter vor
sich und erblickte ein ganzes Meer von Augen, die offen und
vertrauensvoll auf ihn schauten. Er sah auch sich selbst, aber nicht als
den schweren düsteren Menschen, der er stets war, sondern als
energischen, tatbereiten Mann, der fest und sicher auf sein Ziel
losgeht. Der scharfe Gedanke an ein untergegangenes persönliches Leben
traf ihn wie ein Nadelstich, aber der augenblickliche Schmerz versank
sofort in einer grellen Flut machtvoller Empfindungen.

»Ach, Bruder,« sagte er mit zitternder Stimme, »nicht umsonst dachte ich
soviel an dich und sehnte mich nach diesem Wiedersehen!«

Nikolajew, dessen Augen noch immer glänzten und der aussah, als ob er
auf etwas in sich lauschte, lächelte selig und froh.

Sie schwiegen lange, jeder von seinen starken Gedanken erfüllt. Hinter
der Tür zerfloß eine prächtige glanzvolle Stimme. Es schien gar nicht
eine Frau zu sein, die dort sang.

Beim Souper in dem hellen eleganten Speisezimmer, am Tische, der mit
glänzenden Flaschen und frischen Blumen vollbestellt war, saßen Mishujew
und Nikolajew so fröhlich und animiert wie noch nie. Alle anderen
schwiegen und hörten ihnen ehrfurchtsvoll zu.

Nikolajew erzählte Mishujew von seiner Idee, eine neue Zeitschrift zu
gründen, die die besten jungen Kräfte vereinigen sollte. Er schlug
Mishujew vor, für dieses Unternehmen Geld zu geben, und dieser war mit
Freude einverstanden.

Alles schien ihm jetzt herrlich, gut und voll Leben. Alles war von
Nikolajew reflektiert und belebt; er ließ von ihm kein Auge.

Nikolajews Frau, eine bekannte Sängerin, die Frau mit den grauen Augen,
nahm sich besonders der beiden an, machte sich in einem fort um
Nikolajew zu schaffen, als umschlinge sie ihn mit ihrer Zärtlichkeit,
Sorgfalt und Schönheit.

Sie scheint ihn wirklich aufrichtig zu lieben! dachte Mishujew und
empfand jetzt auch zu ihr warme freundschaftliche Zuneigung. Was für
Menschen versteht er, an sich zu ziehen? Nicht wie ich ... Er seufzte
mit bitterem innerem Lächeln.

»Und was meinen Sie, Ssergej Petrowitsch,« wandte sich ein Herr mit
gefälligem Ausdruck in seinen feuchten jüdischen Augen an Nikolajew,
»werden Sie Tschetyrjow zur Mitarbeit an Ihren >Lebenden Gedanken<
einladen?«

»Darüber wird besser später entschieden werden,« antwortete Nikolajew
flüchtig, aber über sein Gesicht glitt ein unangenehmer Schatten.

Mishujew fiel es auf, daß eine Minute lang Schweigen eintrat, und daß in
den großen Augen der Frau, die mit weißen Händen eine Schüssel reichte,
ein scharfer feindseliger Ausdruck aufzuckte.

»Fürchtet er wirklich Tschetyrjow,« dachte Mishujew mit grenzenlosem
Staunen.

Er wußte, daß Tschetyrjow von vielen höher geschätzt wurde als
Nikolajew, hätte aber niemals in Gedanken zugegeben, daß es für diesen
irgend eine Bedeutung haben könnte. Ihm war der Gedanke an Neid und
Feindseligkeit gegen einen Rivalen bei Nikolajew geradezu qualvoll, und
er versuchte, sich aus diesem Argwohn selbst einen Vorwurf zu machen.
Aber im selben Moment begegnete er dem Blick der grauen Augen, die
gierig und unruhig auf Nikolajew ruhten und dachte mechanisch:

Diese Frau liebt ja Nikolajew nur, weil er berühmt ist ...

Dieser unerwartete Gedanke schnitt ihn schmerzlich durch das Herz. Aber
die grauen Augen waren sofort wieder hell, zärtlich und eindringlich,
und Nikolajew scherzte wie früher, lachte und seine Reden klangen
dahinstürmend, wie immer. Mishujew konnte trotzdem die frühere Stimmung
nicht mehr wiederfinden, als ihn die Pferde durch die leer gewordenen
Straßen des schlafenden Moskau trugen. Mit finsteren Augen verfolgte er
die schwarzen, im Laternenlicht schwankenden Gestalten der
Prostituierten, die einsam an den Bürgersteigen standen; in seiner Seele
wälzte sich schwer und ungelenk ein kranker, unheimlicher Gedanke.


                                  XIV

Auf dem weißen Schnee als Hintergrund erschienen die untersetzten,
verräucherten Fabrikgebäude, die schwarzen Schornsteine und Zäune und
die Menge selbst, die sich wütend und zum Widerstand bereit auf dem
Fabrikhof und den benachbarten Straßen hin- und herschob, grauschwarz,
als ob sie sich im Schmutz gewälzt hätte.

Die Fabrik war in der Gewalt des Streikkomitees. Der Hof schien im
Gewimmel der dichten Menge von Köpfen, der roten aufgeregten Gesichter
und bewegten Arme, wie lebendig. Von der Direktion requirierte Truppen
und Polizisten hatten sich in regelmäßigen grauen und schwarzen Linien
an den beiden Straßenseiten aufgestellt; man sah schon von weitem, wie
die Pferde unruhig die Köpfe schüttelten und graugekleidete Offiziere
über den Schnee liefen.

Nur von der Moskwa her war noch ein Zugang freigeblieben, und von dort
zogen in unaufhörlichen, ungeordneten Haufen immer neue Arbeiter heran.

Mishujew, den man telephonisch gerufen hatte, kam in einer einspännigen
Droschke herbeigeeilt, und fuhr direkt in den Hof hinein. Er sah blaß
aus und seine Lippen zitterten. Er war ganz plötzlich geweckt worden, so
daß ihm keine Zeit geblieben war, zu überlegen, was er tun könne. Er
fühlte nur den energischen Willen, alles in Ordnung zu bringen, und den
Glauben, daß es ihm gelingen würde. Er verstand, daß er, wenn es
überhaupt möglich wäre, auf die Arbeiter einzuwirken, der einzige sei,
der in Betracht käme. Und zu dem Gefühl banger nervöser Aufregung
gesellte sich das sichere Bewußtsein, daß die Arbeiter ihm folgen
werden, und daß er die nahenden Greuel einer Zerstörung abwenden kann.

Schon in der Ferne hörte er das wachsende vielstimmige Brausen, das nur
durch einzelne scharfe Ausrufe unterbrochen wurde. Als das Pferd in
vollem Trabe ums Tor bog, betäubte ihn furchtbarer Lärm. Er sah eilig
über die schwarze Masse der Köpfe und die roten Mauern des Gebäudes, aus
dessen gesamten Fenstern Hände hervorgestreckt und geschwenkt wurden,
erhob sich in der Droschke, die unter seinem Gewicht knarrte, und ließ
sich dann wieder schwer niederfallen.

Bei seinem Erscheinen sank plötzlich der Lärm, und nur in den hinteren
Reihen ertönte noch dumpfes Murren und einzelne Ausrufe. Auch aus den
Direktionsfenstern wurde er bemerkt, und zwischen zwei Schutzleuten, die
auf den obersten Steinstufen standen, erschien, blaß und kopflos, der
Fabrikdirektor Schanz.

Eine plötzliche Welle riß Mishujew fort. Er ging rasch die Steinstufen
hinauf, nahm den Hut ab und schwenkte ihn. Es wurde still, eine Menge
roter, aufmerksamer, junger und alter Gesichter blickten ihn schweigend
von unten an. Man konnte nur noch hören, wie in den hinteren Reihen und
auf der Straße etwas aufbrauste und wie Wellenschlag auf- und
niederwogte.

»Meine Herren,« rief Mishujew laut und energisch, mit dem Gefühl, daß er
gehört werden würde, »ich bin soeben zurückgekehrt und kenne die
Angelegenheit nur in allgemeinen Zügen. Ich gehe sofort zu den
Verhandlungen mit den Mitinhabern und der Direktion, und ich bitte Sie,
bis zum Schluß dieser Verhandlungen nichts zu unternehmen. Glauben Sie
mir? Ja? Einverstanden?«

Noch bevor in der Menge dröhnende Zurufe des Einverständnisses
erschollen, winkte jemand im dritten Stock der Fabrik mit etwas Weißem,
und Mishujew begriff instinktiv, noch ehe er genauer sehen konnte, wer
es war, daß er dadurch gegrüßt werden sollte. Sein Herz wurde warm und
freudig, voll stürmischen Verlangens, alles zu ordnen.

Ihretwegen.

Er ging schnell ins Haus ... in den Ohren trug er die tausendstimmigen
Zurufe der veränderten freudigen Gesichter.

Als er in das Kontor eintrat, fiel ihm zunächst das kahle, mürrische
Gesicht Stepan Iwanowitschs auf, der am Tisch saß. In seinen Mienen lag
eine eigentümliche Mischung von Feindseligkeit, Verdruß und Hohn. Er sah
den Bruder fast gar nicht an. Mishujew dagegen fesselten seine Mienen.
Er bemerkte die anderen kaum und ging direkt auf den Bruder zu. Stepan
Iwanowitsch hob kühl die Augen.

»Na, was sagst du jetzt?« fragte er mit dünner Stimme.

»Was ich sage?« erwiderte Mishujew voll Energie, »ich denke, daß sich
alles in Stand bringen läßt, und wenn Sie mir freie Hand geben wollen,
nimmt die Fabrik noch heute nachmittag die Arbeit auf!«

Er blickte dem Bruder hell und freimütig in die Augen, aber die Blicke
Stepan Iwanowitschs blieben kühl, fast böse.

»Natürlich,« erwiderte er unaufrichtig, »falls wir uns bis nachmittag
ruinieren werden, nimmt die Fabrik die Arbeit auf ... für drei Tage.«

Mishujew sah sich um. Die fünf Menschen, die hier im Zimmer waren,
blickten ihn schweigend an, und auf allen Gesichtern lag der gleiche
feindselige, etwas zu entschlossene Ausdruck. Er fühlte sich einsam
unter ihnen, und das rief in ihm eine eigene, hartnäckige Erregung
hervor.

Jetzt sind wir Feinde! dachte er mit einem flüchtigen Blick auf den
Bruder. Nun schön ... wollen sehen, wer die Oberhand bekommt.

»Warum ruiniert?« Er warf den Kopf in den Nacken. »Willst du mir weiß
machen, daß die Zulage von zwanzig Prozent unsere Millionen-Dividende
aufzehren wird? Das wäre doch zu viel, Bruder!«

Mishujew machte eine bittere Handbewegung.

Es war ihm schwer, im Bruder, den er immer geliebt und bemitleidet hatte
einen Feind sehen zu müssen.

»Nicht um die zwanzig Prozent handelt es sich hier,« erwiderte Stepan
Iwanowitsch trocken, ohne aufzublicken. »Zwanzig Prozent werden die
Fabrik nicht ruinieren, obgleich sie sie bei der jetzigen Situation
schwer genug belasten. Aber wo haben wir die Garantien, daß auf die
zwanzig nicht vierzig, fünfzig folgen sollen? Meinst du denn wirklich,
daß sie gerade zwanzig Prozent Aufschlag nötig haben? Das ist doch
lächerlich!« Stepan Iwanowitsch verzog das Gesicht zu einer wütenden
Grimasse. »Diese zwanzig Kopeken auf den Rubel bedeuten für sie nur eine
Flasche Wodka mehr. Nicht an den zwanzig Kopeken liegt es, sondern an
der unversöhnlichen Begehrlichkeit dieser Leute, die glauben, daß wir
die Mitesser sind, daß im Grunde die ganze Fabrik und das ganze Kapital
hundert Prozent und nicht zwanzig oder vierzig, ihnen gehört, und daß
sie das, das Ihre, herausreißen, und uns zum Teufel, auf die Straße
jagen könnten!«

Die Stimme Stepan Iwanowitsch stieg dünn und böse in die Höhe, und
wimmerte im letzten Ton schrill wie Hundewinseln. Mishujew blickte ihn
ratlos und empört an.

»Woher nimmst du das Recht, so zu reden,« sagte er leise, »die Leute
sterben vor Hunger, schinden sich in schwerer Arbeit ab, wie du sie
keine zwei Tage lang ertragen könntest, und du sprichst noch von
Trinken, von Flaschen Wodka. Genug doch, Bruder! ... Ich dagegen
behaupte, daß sie, wenn wir ihnen jetzt geben, was unumgänglich nötig
ist, an die Arbeit gehen und von mehr gar nicht träumen werden. Weil sie
noch besser als wir verstehen, daß wir nicht diese Ungleichheit
geschaffen haben; nicht gegen unsere Person richtet sich ihr Haß.«

Stepan Iwanowitsch schüttelte in wütender Erregung seinen Kopf, als ob
er nur Dummheiten hörte, schwieg aber. Dieses Schweigen, dieser
hartnäckige trockene Widerstand gegen das, was Mishujew so einfach und
richtig schien, erhitzte diesen noch mehr.

»Na, schön ... Gib ihnen nichts, wirf ihren Ausschuß die Treppe hinunter
... Laß sie deine Fabrik bis auf den letzten Ziegelstein in Grund und
Boden reißen! Mag es dazu kommen, ich werde froh sein, wenn dieser Fluch
von der Erdoberfläche verschwindet!«

Stepan Iwanowitsch verzog sein Gesicht zu einem Lächeln, und dieses
Lächeln war so böse und verächtlich, daß Mishujew erblaßte.

»Das sind alles Redensarten ...« Stepan Iwanowitsch ließ jedes Wort
geizig durch die Zähne gleiten. »Zerstören werden es die Truppen nicht
lassen, und diesen >Fluch< hast du, Gott sei Dank, nicht weniger
ausgenützt als ich! Ach!«

»Truppen?« fragte Mishujew dumpf. Er empfand gegen den Bruder
furchtbaren Haß und fühlte deutlich, daß der ihn ebenso haßte, »wir
werden auf hungrige und in ihrem Rechte befindliche Menschen schießen
lassen? Verstehst du denn, was du da sprichst?«

»Ich verstehe alles. Nicht ich habe Fabriken, nicht ich habe Arbeiter
geschaffen. Ich bin sehr froh, daß es einmal weder das eine, noch das
andere geben wird. Aber vorläufig gehört die Fabrik uns und nicht ihnen,
und wenn sie nur ein Steinchen anrühren, werde ich sie wie tolle Hunde
niederknallen lassen! Jawohl!«

Und Stepan Iwanowitsch erhob sich, groß und schwer wie ein Stein. Auf
seinem breiten Schädel schimmerte trübe das blasse Licht des
Wintertages.

»Und ich werde das nicht zugeben!« schrie Mishujew heißer, »wenn du
schießen läßt, so stelle ich mich zu ihnen. Ich will sehen, ob du dann
noch den Mut dazu findest!«

Stepan Iwanowitsch wandte sich ab.

»Das ist deine Sache!« sagte er dumpf und trat ans Fenster.

Mishujew stand lange auf demselben Fleck und fühlte, wie qualvoll seine
Hände und Füße zitterten und sein Herz schlug.

»Fjodor Iwanowitsch,« sprach ungewöhnlich weich und einschmeichelnd
Schanz, und Mishujew erblickte neben sich sein spitziges
Fuchsgesichtchen. »Mir scheint, Sie regen sich zu sehr auf und
übertreiben die Sachlage. Schließlich verstehen wir doch alle, daß wir
ohne Konzessionen nicht auskommen werden. Stepan Iwanowitsch wird das
sicherlich auch zugeben ... Gewiß doch. Nur kommt es auf den Umfang der
Zugeständnisse an. Soweit ich aus unseren früheren Beratungen ersehen
konnte, treten Sie für die völlige Annahme aller Forderungen ein. Das
ist doch wirklich unausführbar, Fjodor Iwanowitsch!«

Schanz berührte zärtlich Mishujews Ellenbogen und suchte seine Augen mit
einem unaufrichtig-freundlichen Blick. Mishujew wandte sich ab.

»Sehen Sie gefälligst hier,« fuhr Schanz bescheiden und beharrlich fort,
als hätte er die Bewegung Mishujews nicht bemerkt, und lud ihn mit einer
leichten Handbewegung ein, an den Tisch zu treten. »Ich möchte Sie nur
mit einigen Zahlen bekannt machen, und Sie werden selbst sehen, was
möglich ist, und was nicht.«

Seine zärtliche klebrige Stimme war so beharrlich, daß Mishujew sich
ungewollt am Tisch niederließ und anfing, düster und aufmerksam
zuzuhören.

»Hier, wir wollen von den bestehenden Lohnsätzen ausgehen ...« sprach
Schanz mit einschmeichelndem Ausdruck in der Stimme weiter, und machte
sich äußerst geschickt ans Werk, Fjodor Iwanowitsch ein kompliziertes
trockenes System auseinanderzusetzen. Er begann damit, ihm
auseinanderzusetzen, daß die Lage der Arbeiter in ihrer Fabrik viel
besser sei, als in der ganzen Gegend sonst. Sehr gewandt und zur
richtigen Zeit erwähnte er den großen Aufwand für Schulen, Krankenhäuser
und ein Theater, und die gute, fast mustergültige Einrichtung des
Konsumvereinsladens. Dann gab er eine Übersicht der Marktlage, und
zeigte die riesigen Verluste, die die Fabrik bereits beim vorigen Streik
erlitten hatte.

»Und dabei wollen die Arbeiter noch nicht einsehen, daß dieser Streik
nicht durch uns, sondern durch die Politik der Regierung
heraufbeschworen worden ist,« bemerkte er wie nebenbei, mit den Spitzen
der kalten, knochigen Finger gestikulierend.

Dann öffnete er einen ganzen Haufen peinlich saubere Bücher, aus denen
ersichtlich war, daß die Einführung neuer Maschinen die Arbeit
verkürzte, die Produktion vergrößerte und lediglich dadurch schon den
Lohn fast um die Hälfte steigerte. Wäre vor einem Halbjahr die Forderung
der Lohnerhöhung erhoben worden und hätte die Fabrik Konzessionen
bewilligt, so würden die Arbeiter auch in diesem Falle um dreißig
Prozent weniger als jetzt verdient haben. Auf diese Weise beeilen sie
sich, mit neuen Lohnforderungen, die nicht im geringsten durch die
wirkliche Geschäftslage gerechtfertigt sind, aufzutreten und verhindern
dadurch die Fabrikverwaltung, neue Erweiterungen des Etablissements
vorzunehmen, die doch zur Verbesserung ihrer eigenen Lage führen müßten
...

Und vor Mishujews Augen begann sich nebelhaft das riesige Bild eines
Zauberkreises zu entfalten. Er sah in endlosen Reihen Fabrikdächer,
Millionen Schornsteine, die die ganze Erdkugel bedeckten, Milliarden
Arbeiter, die in hungrigen Haufen von einem Ende der Welt bis ans andere
drängten. Und es wurde ihm klar, daß sie auch, wenn sie sich ruinierten,
wenn sie an die Arbeiter alles weggeben würden, doch nichts ändern
könnten. Nur ein Glied dieser fürchterlichen Kette wäre zerrissen, nur
ihre Fabrik gesprengt; es würde Arbeitslosigkeit eintreten, die
hungrigen Massen auf andere Fabriken abströmen und dort wieder den Lohn
durch ihre Unterbietung herabdrücken.

Direktor Schanz sprach ununterbrochen fort und wand schnell und
geschickt immer neue Glieder seiner furchtbaren Logik ineinander. Die
Spitzen seiner toten Finger bewegten sich wie die Fühlfäden einer Spinne
vor Mishujew, und voller Entsetzen fühlte dieser, daß er nichts tun,
nichts erwidern konnte, daß er sich folglich damit einverstanden
erklären muß, wogegen sich seine ganze Seele sträubte.

Wie hinter einem Nebelschleier sah er, daß der Ursprung dieses
Widerspruchs in ihm selbst lag: es gab trotz allem eine mögliche,
unbedingte Lösung -- nämlich, das, was er für wahr hielt, durchzusetzen,
und wenn er auch dadurch ruiniert werden würde! Dann mußte er eben zu
Grunde gehen. Was weiter kam -- das war eine andere Sache. Andere müßten
finden, wie dann zu handeln wäre; seine Sache blieb es allein, die
Wahrheit bis zum letzten Ende durchzusetzen.

Aber Nebel umhüllte diesen einfachen und klaren Gedanken: seit vielen
Jahren war er gewöhnt, in der Genauigkeit der Zahlen ein unumstößliches
Gesetz, eine Art neuer Wahrheit zu erblicken. Auch jetzt ließ sich sein
klares und festes Denken durch die eiserne Logik verwirren, wurde
schwach und unstet. Er bemerkte selbst nicht, wie er nicht mehr um
Gerechtigkeit und Wahrheit stritt, sondern nur noch um die Frage, ob es
richtig sei, zehn Prozent zu bewilligen und nicht zwanzig.

Hinter den Fenstern brauste und murrte es, wie ein ferner Wasserfall,
und erschütterte die trüben Fensterscheiben, von Zeit zu Zeit schlugen
scharfe, laue Ausrufe herauf.

Schanz sprach und sprach noch immer und warf ohne Aufhören mit Zahlen um
sich, als streute er aus einem unerschöpflichen Sack böse,
unüberwindliche Zwerge, die Hände und Füße fesselten, in den Kopf
eindrangen und dort der Macht der Tatsachen gegenüber das schwere Gefühl
völliger Ohnmacht hervorriefen.

»Begreife nur,« mischte sich Stepan Iwanowitsch, jetzt schon in
ruhigerem Ton, ein: »hier kann es keinen Mittelweg geben. Auf zehn
Prozent werden sie nicht eingehen. Es wurde von dreißig Prozent
gesprochen, zehn sind heruntergelassen worden, der Ausschuß gab nach,
aber nun noch auf zehn ... Nein! ...«

Mishujew hob seine trüben, müden Augen auf.

»Man muß entweder alles bewilligen,« sagte Stepan Iwanowitsch, gegen den
Tisch gestützt, »oder nichts ... Nichts, damit wir nach der
unvermeidlichen Katastrophe die Möglichkeit in der Hand behalten, sie
aus freien Stücken durch eine selbständige Zulage zu beruhigen ...«

»Und bis dahin?« fragte erblassend Mishujew.

»Und bis dahin ...«

Stepan Iwanowitsch wandte rasch die Augen ab und knackte mit den
gekreuzten Fingern.

»Nein!« rief Mishujew und richtete sich in seiner riesigen Größe auf.
»Ich kann es nicht, kann es auf keinen Fall zulassen, daß man die Leute
erschießt, nur weil sie hungrig sind, weil ihre Interessen nicht unsere
Interessen sind ...«

»Dann gehe du zu ihnen und schlage ihnen deine Bedingungen vor,« Stepan
Iwanowitsch schlug die Arme auseinander.

Mishujew stand schweigend mit zu Boden gesenktem Blick auf. Ihn packte
leidenschaftlich der Wunsch, daß Nikolajew hier wäre. Es schien ihm, daß
sie zu zweit imstande sein müßten, diesen Zauberkreis zu zerreißen.

»Ich werde auch in der Tat gehen ... lieber so schon, als ...« seine
Stimme riß schmerzlich ab.

»Hm, wie du willst ...« Stepan Iwanowitsch schlug wieder die Arme
auseinander. »Vielleicht gelingt es dir auch ... Aber ich muß dich
warnen, du setzt dich einer großen Gefahr aus ...«

»Wodurch?«

»Du wirst ihre ganze Wut auf dich lenken. Dieselben Arbeiter, für welche
du dich so sehr ins Zeug legst, werden in einem Augenblick alle deine
Bemühungen vergessen haben. Und zeigst du dich gegen sie, werden sie
dich mehr als jeden anderen hassen, gerade für alles, was du bisher
ihretwegen getan hast, und dafür, daß sie an dich glaubten!«

Mishujew sah ihn schweigend an.

»Höre, Fedja,« sagte Stepan Iwanowitsch zärtlich, »meinst du wirklich,
daß mir das Ganze nicht selber nahegeht? Aber du setzt dich der größten
Gefahr aus ... laß es ... ich bitte dich!«

Mishujew stand lange regungslos auf der Stelle, dann drehte er sich
rasch um und ging hinaus. Er fühlte, wenn er nicht zu ihnen hinausginge
... ihm war, als hörte er Gewehrsalven, Aufschreie, sah Blut. Er warf
den schweren Kopf in den Nacken und trat, voll eines dumpfen, toten
Gefühls in der Brust, als ob er allein ein schweres Kreuz auf sich
nähme, auf die Steinstufen heraus.

Lärm und weißes Licht umbrausten ihn. Tausende Gesichter wandten sich
erwartungsvoll ihm zu; viele fast froh. Er fing an zu sprechen.

Alles, was dann geschah, kam wie ein plötzlich ausbrechender Taifun
heran. Er hörte seine ersten Worte fast gar nicht, bemerkte aber sofort,
wie schnell sich die Gesichter um ihn veränderten. Im Augenblick war der
Ausdruck des Vertrauens und der Freude verschwunden; die Mienen wurden
ganz andere. Mishujew fühlte es; er wurde plötzlich inmitten dieser
ungeheuren Menge einsam. Wurde einsam und allen fremd. Er versuchte
noch, sich aus der Leere, in die er geriet, aufzuraffen, aber seine
Worte hatten schon die Kraft verloren. Das Band, das so aufrichtig und
fest schien, zerriß in einem Augenblick, als wenn es niemals existiert
hätte. Und vor Mishujew standen nur noch Feinde.

Später erinnerte er sich noch, daß ihm ein Drechsler, ein ihm bekannter
kleiner, schwarzer Mann mit durchbohrenden Augen, zu erwidern begann:

»Genug der Lügen!« schrie er. »Sie haben jetzt Ihr wahres Gesicht
gezeigt ... Sie sind auch so einer, für den zuerst seine Millionen Rubel
kommen, und dann wieder seine Millionen Rubel, und dann erst die
Millionen Menschen, die von Ihnen nichts als ihr Recht gewollt haben.
Wir verlangen das unsere! ... Schießt auf uns, schießt ... tut Eure
Sache! ... Henker!«

Totenblaß versuchte Mishujew zu sprechen, fand aber keine Worte mehr;
plötzlich packte ihn ein Angstgefühl, wie wenn man im Traum in einen
entsetzlichen Abgrund fällt.

Jemand riß ihn am Arm, er stieß ihn instinktmäßig von sich und wollte
die Stimme erheben, aber diese Bewegung wurde als Drohung aufgefaßt. Man
packte ihn noch stärker am Arm, dann an der Brust, ein Schneeball flog
ihm scharf ins Auge, und unter furchtbarem Gebrüll verschwand er,
kopfüber und totenbleich in der Menge. Instinktmäßig riß er seine rechte
Hand los und schlug aus seiner ganzen Riesenkraft jemand über den
Schädel. Für einen Augenblick öffnete sich vor ihm leerer Raum, und er
sah rotköpfige Kosacken in den Hof einreiten und Nagaiken in der Luft
schwirren. Von furchtbarem Entsetzen gepackt, stürzte er ihnen entgegen,
aber von hinten fiel man über ihn her, und er sank nieder, den schwarzen
Drechsler mit dem zerschlagenen, roten Kopf nach sich ziehend.


                                   XV

Die Morgenröte stieg strahlend, freudig aus dem Meer empor und umschlang
immer greller den blauen, eben erwachten Himmel, der im Feuer eiliger
Wölkchen aufloderte.

Die weite Wasserfläche ruhte noch. Klare, grüne Wellen schlugen
schläfrig gegen den Bord des Dampfers; die schlummernde Kühle der
Morgendämmerung lag über dem Meere und den blauen, öden Abhängen der
schweren Berge. Nur hoch, sehr hoch oben über dem Meer brannten im
blauen Himmel einzelne spitze Gipfel, die von ihrer Höhe herab bereits
die Sonne erblickt hatten, wie rote, rosige und goldene Flammenzeichen.

Mishujew kroch schwerfällig auf das Verdeck und sah sich mit müden
Augen, in denen die schlaflose Nacht brannte, um.

Auf dem Dampfer schlief man noch. Zwei oder drei Matrosen wuschen mit
Schwallen von Wasser das nasse, gleißende Verdeck; aus dem Schiffsraum
drang ein unbestimmter weckender Laut herauf. Der Dampfer polterte dumpf
und gleichmäßig, unmerklich und eintönig quirlte das Wasser. Es war
kalt, und die breiten Schultern Mishujews zuckten in häufigen
krampfhaften Schauern. Das verschlafene Gesicht sah wie zerknüllt aus,
seine Haare waren zerzaust.

Mit schweren Tritten ging er auf Backbord hinüber und stand dort lange,
bald das grüne, aufschäumende Wasser, bald die fernen Bergesgipfel, in
denen schon der helle, sonnige Tag erglänzte, regungslos betrachtend.

Dann stieg er auf das obere Verdeck und ließ sich an einem der
Marmortischchen, die fest auf ihrem Platz angeschraubt waren und
unbequem und kalt wie Eis dastanden, nieder. Die massigen Arme auf dem
Marmor verschränkt, sah er mit dem schläfrigen, engen Blick der
eingefallenen Augen über das leere Verdeck.

Die Sonne stieg hinter dem Horizont rasch empor, und die Berge glühten
schon bis an die Mitte im Morgenglanz. Man sah, wie schnell der kalte,
blaue Schatten von einem Abhang nach dem anderen wich, wie er sich in
Schluchten klammerte und dort immer tiefer und tiefer hinabglitt.

Auf dem Dampfer regte sich allmählich das Leben. Ein Kellner in weißer
Jacke mit widerwärtig großen silbernen Knöpfen rannte vorbei, der erste
Offizier, ganz von der Kälte durchschüttelt, ging von der Nachtwache
hinunter, zwei junge Mädchen mit kaum erwachten Äuglein kamen aus der
ersten Klasse herauf und sahen sich mit einem Ausdruck um, als wären sie
furchtbar verwundert, daß es überall schon hell und schön ist, während
sie soeben erst aufgestanden sind. Dann kam ein langer Engländer, wie
aus einer Karikatur herausgeschnitten, mit Panamahut und streckte sofort
die Beine von einer Bank auf die andere, wobei er eine ungeheuer lange
Zigarre in Brand setzte. Ein kleiner Knabe in einem Matrosenjäckchen kam
aufs Verdeck gelaufen und rannte mit den nackten Waden glänzend in die
helle Sonne hinein. Immer mehr lächelnde Menschen, die noch schläfrig
die Augen zusammenkniffen, erschienen, und als plötzlich die niedrige
Morgensonne vollständig über dem Horizont auftauchte und ihr Licht
strahlend über Wellenkämme, Segelstangen, das Verdeck und die grünen
Ufer goß, lebte der Dampfer schon sein buntes, müßiges und vergnügtes
Leben.

Zwei Französinnen mit lustig neugierigen Augen, wie Vögel, die den
Morgen begrüßen, zwitschernd, setzten sich an das Nebentischchen,
blickten sich nach rechts und links um, bemerkten den düstern Nachbar,
sahen sich gegenseitig an und lachten.

Mishujew wollte fortgehen -- ihn berührten alle die Menschengesichter
und Menschenstimmen, die doch nicht die Wahrheit aussprachen, und alle
die falschen Augen, unangenehm. Aber seine Hände und Füße zitterten, der
Rücken schmerzte, in den Augenlidern schnitt es; er wünschte sich
überhaupt nicht mehr rühren zu brauchen. Mit kurzem Klopfen gegen die
Tischplatte rief er den vorbeistürmenden Kellner an und öffnete bereits
den Mund, um sich etwas zu bestellen -- als er einen neugierigen Blick
der beiden Französinnen auffing, die schon wußten, daß er ein bekannter
russischer Millionär sei; er blieb stumm. Ihm schien, daß es ihm in
diesem Augenblick genügt hätte, den Schall der eigenen Stimme zu hören,
um von einem Anfall blinder, nervöser Wut gepackt zu werden, die ihn in
der letzten Zeit oft ergriff. Und er fand, daß es in der Welt nichts
Ekelhafteres, Dümmeres und Unnützeres gäbe, als die eigene Stimme.

Der Kellner stand schweigend da und fing an, sich zu wundern. Da nahm
Mishujew, für sich selbst unerwartet, den Bleistift und schrieb auf den
glitschigen Marmor der Tischdecke:

»Bringen Sie Kaffee.«

Der Kellner legte den Kopf auf die Seite, wie ein zum Aufpicken bereiter
Hahn, las mit einem Auge die Aufschrift, wunderte sich, stürzte aber
sofort davon.

Mishujew war froh: warum war ihm das nur nicht früher in den Kopf
gekommen? Das ist ja ganz einfach ... Man kann völlig verstummen und das
Wenige, was man von den Menschen braucht, erhalten, ohne die eigene oder
ihre falsche Stimme zu hören. Sogar etwas Neckisches glitt durch
Mishujews Kopf, als ob er das Mittel gefunden hätte, sich vor allen zu
verstecken.

Als der Kaffee serviert war, wandte er sich dem Meer zu, legte den
schweren, kranken Kopf auf die Handfläche und versank in Nachdenken.
Zwischen den Fingern, die den Schädel einpreßten, steckte wildzerzaustes
Haar, und die Augen sahen trüb und leblos vor sich hin. Viele Tage waren
für ihn schon zu einem einzigen Nachsinnen geworden, das sich schwer und
mühselig durch den qualvollen Kopfschmerz schob. Und wenn er es in
kurzem, krankem Schlaf vergaß und die starren Gedanken verschwanden, kam
das unerträgliche, alpdruckartige Empfinden der Leere, in der er
krampfhaft hin- und herschlug, sich an etwas zu klammern suchte, aber
hilflos immer tiefer und tiefer sank. Im Laufe dieser Zeit hatte er eine
bedeutende Entfernung zurückgelegt, eine Menge Menschen, Städte, Berge
und Meere gesehen, doch in seinem Gehirn drückte sich alles so blaß und
trübe ab, als wären es nur Erinnerungen an längst Vergangenes. Und
beharrlich wiederkehrend, mit unentrinnbarer Genauigkeit wie in einem
Kreise, in dessen Mittelpunkt sich sein kranker Kopf befand, standen vor
ihm, klar, aber mit der verwirrten Klarheit eines Alpdrucks, stets
dieselben Gesichter.

Auch jetzt rief Mishujew sie sich auf dem bläulich-grünen Panorama der
vorbeischwimmenden Ufer, die er kaum noch bemerkte, eindringlich unter
scharfen Schmerzen hervor.

Zuerst tauchte das verwirrte, ratlose Gesicht Nikolajews auf: er stand
mitten in seinem Kabinett -- dem zerfetzten, brüllenden, kaum bei
Bewußtsein befindlichen Mishujew gegenüber --, schaute nach der Seite
und knetete mit zittrigen Fingern die Quasten an seinem Gürtel. Mishujew
erstickte in blinder Wut und strengte sich an, zu begreifen: wie konnte
dieser Mensch, der beste von allen, die er je gekannt und geliebt hatte,
nicht die fürchterliche Ungerechtigkeit verstehen, der er zum Opfer
gefallen war. Menschen-Bestien, denen er nichts als Gutes getan hatte,
denen er sein Leben weihen wollte und um derenwillen er zu allem bereit
war, hatten ihn mißhandelt, schlugen ihn, wollten ihn totschlagen! ...
Man mußte in Entsetzen geraten, in tolle Wut, bis in die Tiefe der Seele
empört sein, -- und statt dessen hörte er eine unaufrichtige, verwirrte
Stimme, die ihm einredete, sie hätten keine Schuld.

»Das sind Bestien ... sinnlose, gemeine, begehrliche Bestien!« schrie
Mishujew, »was habe ich ihnen getan? warum?«

Aber Nikolajew blickte nach der Seite, und sein Gesicht sah
eigentümlich, beinahe angeekelt aus.

»Sie haben dafür büßen müssen ... für einen Menschen ...« sprach er
leise.

»Büßen! ... Kann man denn das abbüßen? ... Sehr schön ... Büßen! Nur
schade, viel zu wenig! Froh bin ich darüber, froh, froh!«

Mishujew schrie immer lauter und lauter, als ob er sich beeilte, die
Wollust des Hasses, in dem er jetzt aufging, in diesem wilden Brüllen
auszugießen. Aber je lauter er Worte voller Wut, die ihm jetzt einzig zu
passen schienen, herausbrüllte, desto kühler und angewiderter wurde
Nikolajews Gesicht. Sobald es Mishujew bemerkte und ihm voll quälender
Bitterkeit vorzuwerfen begann, daß er ihn nicht verstehe und nicht mit
seinem Schmerze mitempfinden wollte, sagte der mit stiller, aber
grausamer Feindseligkeit:

»Diese Leute haben noch ganz anderes zu ertragen gehabt ... Mag sein,
daß es in diesem Fall ein Irrtum war, ein blinder Ausbruch abgerackerter
Menschen ... Aber, wenn wir die Wahrheit sagen wollen, was bist du denn
für sie? Du bist ihnen doch der gleiche Feind wie alle anderen, wie dein
Bruder ...«

»Ich?« fragte Mishujew mit Entsetzen.

»Nun, du auch! ... Du lebtest auch von ihrem Schweiß und Blut, wie alle
anderen ... Wenn du sie nicht noch getreten hast, ihnen sogar mitunter
halfst ... so ... ist es doch, wahrlich ... kein großes Verdienst ...«

Das zerschlagene Gesicht Mishujews, mit der überhängenden Lippe und dem
angeschwollenen Auge, wurde fürchterlich und bemitleidenswert.

»Also hatten sie, nach deiner Meinung, Recht, selbst wenn sie mich
totschlugen?« fragte er mit Entsetzen. Er rang nach Luft, wie ein Fisch
auf dem Sand.

Nikolajew erblaßte, und nur stärker noch zitterten seine Finger, die an
den Gürtelquasten zerrten.

»Wenn so, dann bist du ...« begann Mishujew mit einer Empfindung, als
stürze er in einen kalten Abgrund.

Und dann geschah das Ekelhafteste: Über Nikolajews Gesicht glitt ein
feiger Zug, seine Augen liefen mit dem beschwerten Ausdruck eines
versteckten Gedankens umher, und plötzlich fing er an, falsch tönende,
blasse Worte der Versöhnung zu sprechen. Mit der Feinfühligkeit eines
überreizten Menschen verstand Mishujew sofort den verborgenen Sinn:
Nikolajew fürchtete einen Streit, damit Mishujew sich nicht weigere,
Geld für die beabsichtigte Zeitschrift zu geben. Das Weitere spielte
sich ganz eigentümlich ab: Mishujew wurde furchtbar verschämt. Er
verstummte. Auch Nikolajew schwieg, sein freies, mutiges Gesicht
bedeckte unsichere Röte. Eine Minute lang blickten sie einander in die
Augen, und im Laufe dieser Minute schmolz und schwand ohne Spur das
Band, das sie so viel Jahre verknüpft hatte und das so fest und
aufrichtig gewesen war.

Als Mishujew eine halbe Stunde später fortging, waren sie nicht mehr
zwei sich nahestehende Menschen, sondern zwei Feinde, die sich haßten
und verachteten.

Später fand sich Mishujew im Eisenbahnwagen in einer toten, langen
Nacht. Vorher war er wahrscheinlich in sinnlosen, dunklen Krämpfen
überall herumgelaufen, bis er sich schließlich bei dem Menschen einfand,
dem er sein ganzes Glück genommen hatte. Er wußte selbst nicht, weshalb
er diesen Menschen aufsuchte, und erst als er seinen fragenden Blick
sah, verstand er trübe: wahrscheinlich wollte er irgend jemanden, und
wäre es auch ein Feind, finden, der ihm gerade ins Gesicht, ihm als
Menschen ins Gesicht blicken würde.

Maria Sergejewnas Mann stand vor ihm, mager, mit langen, blassen Haaren,
und sah ihm unverwandt mit einem Blick, der von unverlöschlichem Haß
brannte, in die Augen.

»Was wünschen Sie?« fragte er mit Mühe. »Ist Ihnen das, was geschah,
nicht genug ... Sind Sie gekommen, um mich zu verhöhnen? Meinen Sie, daß
Ihnen alles erlaubt ist?«

Mishujew erinnerte sich nicht mehr seiner eigenen Worte, sah aber
deutlich, wie sich damals auf dem Gesicht dieses Mannes zuerst
Nichtverstehen, dann trübes Begreifen, und schließlich kalter
unversöhnlicher, fast triumphierender Hohn ausmalte.

»Aha ...« sagte er leise, »es hat sich also gezeigt, daß es noch etwas
gibt, das man auch um Geld nicht kaufen kann? ... Das ist gut!«

Und er fing an zu lachen, immer lauter und lauter, und jagte ihn
schließlich wie einen Hund davon. Und Mishujew ging. Er hatte den
lebendigen Faden der ihn zu diesem Menschen geführt hatte, längst
verloren, und wußte gar nicht mehr, warum er gekommen war.

Nachts im Wagen schlief er nicht. Verschwommene, aber furchtbare Bilder
quälten ihn. Vor seine Augen trat das Bild des großen Mannes, des
Menschen, der Leben und Lebenswahrheit kennt. Er wußte nicht, wie und
wann ihm der Gedanke gekommen war, zu dem großen Dichter zu fahren, zu
dem Greis, dessen Namen er seit seiner Kindheit als das erhabenste Wort
der Welt aussprach. Er erinnerte sich nur, daß ihn bei dieser Idee eine
ungeheure Leichtigkeit und Hoffnungsfreude ergriff. So leicht und froh
fühlte er sich noch, bis er die Antwort auf das abgesandte Telegramm
erhielt. Sobald er aber verstand, daß der große Greis bereit sei, ihn zu
empfangen, war alles geschwunden. Ihm schien es, daß er nur empfangen
würde, weil er der Millionär Mishujew ist, und daß er selbst, der Mensch
Mishujew, auch diesen einzigen Menschen nichts angehe und nichts angehen
könne. Da war alles plötzlich matt geworden; Mishujew sah, daß es
lächerlich war: er brauchte nirgends hinzufahren, niemand konnte ihm
etwas sagen, was er selbst nicht wußte. Und ihm kam, zum ersten Mal in
seinem Leben, der Gedanke, seinem Vermögen zu entsagen, arm zu werden,
wie die meisten Menschen. Aber früher noch, als der Gedanke von ihm
begriffen wurde, wußte er schon, daß es ihm unmöglich wäre.

Weshalb? fragte sich Mishujew, mit starrem Blick die dunklen Gespenster,
die an dem Wagenfenster vorbeizogen, verfolgend. Und zur Antwort
tauchten vor ihm armselige, lächerliche Bilder auf; er, ein Mann, der
sein ganzes Leben lang das Allerbeste genoß, was es im Leben gibt, und
der es zu genießen verstand, wird plötzlich absichtlich bettelarm, wird
in ein Kontor gehen, zwanzig Rubel Monatsgehalt bekommen, und dann ...
dann vielleicht ein bescheidenes Mädchen, das auf der Schreibmaschine
tippt, heiraten? ... Wie dumm war das!

... Weshalb dumm?

Unbekannt weshalb, aber dumm und lächerlich, wie alles Sentimentale und
Zwecklose.

Über seinem Kopf hing eine düstere Riesenmasse, die bekannte Empfindung
qualvoller Leere packte ihn von allen Seiten, und plötzlich fühlte er
die Nähe des Endes; seitdem sah er es stets vor Augen.

Noch einmal ein krampfhaftes Aufflackern: er erinnerte sich, daß
irgendwo weit, in der Ferne, eine Frau lebte, die durch ihn unglücklich
geworden war und die ihn einst geliebt hatte. Aber dieses Aufflammen
erlosch ebenso schnell, wie alles, was jetzt in seinem Gehirn entstand
und verging.

Qualvoll klar wurde ihm nur, daß er nirgends mehr hinzufahren hatte.
Stets und überall blieb er, was er war. Nichts konnte das heilen, was in
seiner Seele ein für allemal verkrüppelte.

Dieser neue Gedanke, daß es für ihn keinen Platz mehr in der Welt gab,
und daß jeder neue Schritt nur ein Glied in der Kette von Leiden und
Trübsal bildete, stieg auch jetzt klar und deutlich in sein Gehirn.

Er seufzte schwer, wendete seinen Blick von den vorbeigleitenden grünen
Ufern des Mittelmeeres ab und schloß die Augen.

Gleich darauf hörte er neben sich sprechen.

»Wunderbar ist es, wissen Sie,« sagte eine jugendliche russische Stimme,
»wenn man mit einem Expreß von Norden nach Süden fährt ... Dann hat man
den Eindruck, als käme der Frühling nicht mit jedem Tag, nein mit jeder
Stunde ... man saust ihm einfach entgegen ... Ich kann es nicht
ausdrücken, aber es scheint mir, einen größeren Genuß könnte es garnicht
geben. Gestern war noch alles grau, kühl, heute gibt es schon
geschmolzene Stellen und zerflossenen Schnee zwischen den Birken ... und
morgen ist der blaue Himmel da ... Ach, wie schön!«

Mishujew öffnete mechanisch die Augen und blickte auf den Sprechenden.
Es war ein ganz junger Mann, wahrscheinlich ein kranker, und er sprach
zu einer sehr jungen Frau mit lebhaften, fröhlichen Augen. Sie standen
am Bord, und der Wind blies ganz leise in ihr weiches Haar. An ihren
strahlenden Gesichtern und daran, wie leicht und freudig ihr Atem ging,
verstand Mishujew, ohne daß sie ihre verzauberten Augen von den Ufern,
die sie offenbar zum ersten Mal sahen, abwendeten, daß darin wirklich
Glück liege.

Dann ließ er seinen trüben Blick wieder über die Ufer gleiten, sah, was
er schon hundertmal gesehen hatte, und schloß wieder die Augen, um in
seiner wortlosen, schwarzen Leere zu versinken.

Auf der anderen Seite sprachen zwei Französinnen von Stierkämpfen.

»Und bevor ihn der Toreador tötet ... treiben alle Matadore mit ihren
roten Mänteln den Stier immer nach einer Richtung ... verstehst du,
immer nach einer Richtung ... bis er ganz verblödet wird ... dann erst
stößt ihn der Toreador nieder ... Im Grunde ist das gar nicht mal
schön!«

Mishujew wußte es.

Im Augenblick drängte sich vor seine geschlossenen Augen ein riesiger
Stierkopf mit unbeweglichen, blutunterlaufenen Augen. Er sah ihm gerade
ins Gesicht. Mishujew zitterte und erhob sich.

Überall waren Menschen; schwatzende, lachende Gesichter, die ihn mit
neugierigen Blicken begleiteten. Er ging still an ihnen vorbei und kam
bis an das Hinterteil.

Da stand er am Bord und schaute lange unverwandt auf die schäumige Spur,
die der Dampfer hinter sich aufriß. Er sah so aus, als suchte er etwas
in diesem trüben, unheimlichen Schaumstreifen. Mit einem Mal kam ihm
vor, als habe er es gefunden; er blickte sich um, sah nach dem Himmel,
den Bergen und dem Haufen fröhlicher, buntfarbiger Menschen, die in
einiger Entfernung von ihm saßen. Und plötzlich, irgendwie seitwärts,
ungelenk, stürzte er über Bord, mit dem blitzschnellen Bewußtsein der
Ungeschicklichkeit dieser Bewegung und Scham vor den Menschen, die sie
bemerken mußten.

Entsetzlicher Lärm schlug ihm um den Kopf. In Nase und Mund drängte eine
klebrige, brennende Welle mit scharfem, reißendem Schmerz. Gleichzeitig
erschütterte ein wahnsinniges, mit nichts vergleichbares Entsetzen sein
Gehirn. Im furchtbaren Krampf sich gegen den Abgrund, der ihn ergriff,
wehrend, tauchte er nochmals auf, sah durch den Nebel des Wassers, das
ihm von den Haaren rieselte, in weiter Ferne den weißen Fleck des
Dampfers und schrie:

»Hilfe!«

Aber sofort begann er in dem trüben grünlichen Abgrund, der ihm die
Brust in Stücke riß, zu versinken. Ein Schwarm kleiner Fische sprengte
wie Splitter nach allen Seiten auseinander, kehrte aber gleich zurück
und starrte von allen Seiten mit runden rätselhaften Augen auf seinen
ausgebreiteten schwimmenden Paletot, auf die gespreizten Beine in gelben
Lackstiefeln und auf den toten blauen Kopf, der langsam tiefer und
tiefer in der kalten grünen Finsternis untersank.



                         Der Tod des Iwan Lande


                                   I

Gegen den Winter wurde es im Städtchen still. Alles, was in ihm an
Jugend und Regsamkeit war, fuhr in die großen Städte. Zu Hause blieben
nur die Alten an Körper und Geist. Sie lebten in eintöniger,
althergebrachter Ordnung: spielten Karten, gingen in den Dienst, lasen
und meinten, daß so das Leben verlaufen müßte. Auf den Straßen lag in
reiner Helle das starre Leichentuch des Schnees; in den Häusern regten
sich matt und schläfrig Menschen, die mit allem schon zu Ende gekommen
waren. Im Frühling jedoch, wenn die schwarze, feuchte Erde zu duften
begann und überall das Grün aufleuchtete, die Sonne freudig wärmte und
jedes Hügelchen durchtrocknete; wenn abends alles leise, gespannt
lauschend dalag, dann brachte jeder Tag irgend einen anderen mit der
Bahn nach Hause, und auf den Straßen zeigten sich lebhafte, frische
Gesichter, jung und freudig, wie der Frühling selbst. So wie es
selbstverständlich ist, daß die Vögel ihre alten Nester wieder
aufsuchen, das Gras auf den alten Plätzen wächst, kehrten auch im
Frühling gerade alle die jungen, lebensfreudigen Menschen in ihr
kleines, stilles, etwas trauriges Städtchen zurück.[2]

[Fußnote 2: In Rußland werden die gesamten Lehranstalten im Frühling,
Anfang Mai, geschlossen und dann erst, Gymnasien gegen Ende August,
Universitäten Mitte September wieder geöffnet.

                                                            D. Übers.]

Auch in diesem Mai war der Sohn des erst kürzlich verstorbenen
Vorsitzenden des Landschaftspräsidiums, der Student der Mathematik Iwan
Lande, angekommen.

Den ganzen Tag über saß er bei der Mutter, die ihm mit trüben, müden
Tränen vom Tode des Vaters erzählte; erst als es zu dämmern begann, nahm
er seine Mütze und ging zum Boulevard hinunter. Die Allee lief am Ufer
eines großen Flusses, der unter den Frühlingswassern gestiegen war,
entlang. An einer Stelle fiel vom Ufer ein steiler Abhang ab; an seinem
Rande standen zwei Bänke aus altem, grünem Holz, deren Bretter in der
Feuchtigkeit weich geworden waren.

Hinter dem Fluß fing es an, finster zu werden. Die Ferne rückte mehr und
mehr in die dunkle Weite zurück. Auf dem verdunkelten, tiefen Himmel
leuchteten still und unmerklich Sterne auf; alles war voll jener
feierlichen Stille, in der etwas Unsichtbares majestätisch und ruhig
über der Erde zu schweben scheint.

Nur tief unten auf dem Fluß brüllte gedehnt, mit unbegreiflich banger
Wehmut die Dampfpfeife eines Schiffes auf, als ob sie vor etwas warnen
oder an ein trauriges und unvermeidliches Ereignis erinnern sollte, und
auf der breiten, gläsernen Wasserfläche, die eigentümlich hell blieb,
während alles von finsterem Schwarz umhüllt wurde, zeigte sich ein
unruhiger, schwarzer Flecken, der hinter sich einen gleichmäßigen,
breiten Streifen zurückließ.

Auf dem Boulevard war es menschenleer und öde. Nur aus den Fenstern des
Klubs fielen gelbe Lichtstreifen, in denen sich lautlose Schatten
bewegten, auf die Erde, und dicht an dem Abhang schimmerten undeutlich
einige dunkle Gestalten. Zitternde Feuerchen von Zigaretten leuchteten
auf, und schon aus der Ferne erschollen Stimmen und Lachen. Lande ging
ruhig und still darauf zu und lächelte. Er war elastisch aber
schwächlich; seine Schritte waren auf dem weichen Boden fast nicht zu
vernehmen.

»... Singen wir ein Lied oder rufen wir mal, daß man es am anderen Ufer
hört!« sprach eine klangvolle, weibliche Stimme; ihre Worte blitzten
weich und freudig durch die dichte, warme Luft.

»Fangen Sie nur an,« antwortete eine frische Männerstimme; jemand
lachte.

Lande kam näher und sagte:

»Guten Tag!«

Er sprach leise, aber deutlich und ruhig und wurde sofort gehört.

»Ah, Lande!« rief ein junger, eckiger Student Schischmarjow freudig und
so laut, daß es in den Ohren klang; über die Köpfe der anderen weg
reichte er eine große Hand, die aus den kurzen Ärmeln der Litewka
herausguckte.

Zart lächelnd drückte ihm Lande mit Vergnügen, lange und fest, die Hand
und begrüßte ebenso liebevoll und zärtlich auch die anderen. Alle nahmen
freudig und lebhaft seine magere Hand, und in dieser allgemeinen Freude
lag so viel Schönes, so aufrichtige Einfachheit, daß selbst ein
zugereister Maler Molotschajew, ein großer, starker Mensch, mit breitem
Hut, der Lande noch nie zuvor gesehen hatte, von ihr angesteckt wurde.
Als der auf ihn zukam und ihn anredete: »Ich bin Lande, machen wir uns
bekannt,« antwortete der Maler:

»Mit großem Vergnügen!« und blickte ihm lächelnd ins Gesicht, blickte
Lande gleichsam durch die reinen und ruhigen Augen in die Seele.

»Ich habe bereits von Ihnen gehört!« fügte er hinzu.

Seine Stimme war fest und klingend, wie wenn man an eine Messingglocke
anschlägt.

»Wirklich?« fragte Lande, lächelte und wandte sich sofort ab. Aber darin
lag keine Gleichgültigkeit, sondern eine gewisse verborgene Intimität,
als ob er das längst gewußt hätte.

»Wovon sprecht Ihr denn?« fragte Lande.

»Marja Nikolajewna möchte zu gern auf den Mond springen!« gab lachend
der kleine Student zurück.

»Das ist nett von ihr!« Lande nickte ihr liebenswürdig zu.

Ein kranker Student, Ssemjonow[3], hustete heiser.

»Du bist noch immer krank?« fragte Lande zärtlich und nahm ihn an den
Schultern.

»Immer noch ...« erwiderte Ssemjonow traurig, »wie früher.«

»Na, ist nicht so schlimm!« meinte Lande, aber seine Stimme zitterte.

»Nein, Bruder, ich bin ganz kaputt!« erwiderte Ssemjonow, wobei er sein
von der Krankheit greisenhaft gerunzeltes Gesicht zu einem unnatürlichen
Lächeln verzerrte; durch seine Stimme brach wider Willen fein und grell
scharfe Verzweiflung. »Bald wird aus mir das schönste Unkraut sprießen!«

[Fußnote 3: Die Figur Ssemjonow wurde später von Artzibaschew auch in
seinen Roman _Ssanin_ herübergenommen, in dem auch auf Lande
zurückgegriffen wird.

                                                            D. Übers.]

Alle wurden still. Ein kalte, fremde Regung, die ihnen aber doch
entsetzlich nahe war, richtete sich in ihrem Innern auf. Deutlich klang
die leise Stimme Landes, wie eine schwach aufgezogene Saite, als er
sprach:

»Aber nicht doch, Täubchen! So soll man nicht über etwas reden, das
niemand weiß. Wir werden alle einmal sterben, nicht ich, nicht du
allein, nein alle, und wir werden es alle gleich erfahren, ob es ein
Ende, ein Unkraut ist, wie du sagtest, oder ein neues Leben. Alle!
Fühlst du denn wirklich nichts hinter diesem Wort? Unmöglich kann doch
eine solche Kraft von Leiden, Lieben und Denken spurlos verschwinden,
einfach als Unkraut aufgehen. Alle fühlen das auch und glauben es, auch
du glaubst es. Nur willst du nichts glauben, weil du dich wie ein Kind
vor dem Neuen, Unverständlichen fürchtest. Wir kennen doch den Tod
nicht, und an ihm ist uns gerade furchtbar, daß wir ihn nicht kennen
...«

Die naive Aufrichtigkeit, die aber in ihrer Einfachheit feierlich
wirkte, mit der Lande seine unklaren, in der Luft wogenden Worte sprach,
umzog das gequälte Gehirn wie ein unfaßbar weicher Duft, wie ein warmer
Strahl, der die Seele liebkost, das gespannte Denken beruhigt, es auf
etwas Unbestimmtes und Helles ablenkt, wie zu einer fernen Morgenröte
hin. Eine kindlich zutrauliche Hoffnung leuchtete schüchtern in der
dunklen Tiefe des zitternden Herzens auf, und ohne sich weiter in Landes
Worte zu vertiefen, sie allein mit dem Gefühl aufnehmend, lächelte
Ssemjonow ruhiger und heiterer.

»Selig sind, die glauben!« sagte er leicht scherzend. Alle atmeten
freier auf und kamen wieder in Bewegung. Das unsichtbare, kalte Gespenst
trat leise zurück und nahm seine fürchterlich schwere Hand von ihrem
Gespräch.

Ein hochgewachsener Mensch, schwarz wie ein Schatten, kam den Boulevard
hinunter; seine langen Beine scharrten über den raschelnden Sand.

»Da ist Firsow,« sagte Lande und rief, ein wenig seine Stimme
anstrengend: »Firsow!«

»Wer ist das?« fragte Molotschajew leise.

»So ein Beamter am Kameralhof ...« Schischmarjow machte eine wegwerfende
Handbewegung. Er schien auf Lande ärgerlich zu sein.

Der schwarze Schatten blieb langsam stehen.

»Das sind Sie wohl, Iwan Ferapontowitsch?« fragte eine knarrende,
hölzerne Stimme mit einem undeutlichen Nebenklang, sodaß man den Ton,
der in ihr lag, nicht erkennen konnte.

»Ich,« rief Lande zurück.

Füße schlürften, und der flache Schatten verwandelte sich allmählich in
einen langen, dürren Menschen. Firsow kam näher.

»Willkommen bei uns, Iwan Ferapontowitsch, willkommen!«

Mit übertriebener Freundlichkeit setzte er zu sprechen ein und drängte
sich über die Füße der Sitzenden hinweg zu Iwan Lande. Es machte den
Eindruck, als ob er sich Mühe gab, nach Möglichkeit zu lärmen und
begeistert zu sein.

»Passen Sie auf! ... Sie!« bemerkte unfreundlich Ssemjonow.

»Guten Abend, Firsow! Wie geht es Ihnen?« sagte Lande mit festem
Händedruck.

»Ja,« antwortete Firsow, die Hände reibend, »wie sollte es mir schon
gehen? Dienst und wieder Dienst. -- So geht das ganze Leben! Doch
natürlich lebe ich auch im Geiste. Wenn ich in der Kirche bin, da
erneuere ich mich.«

Durch seine Stimme klang, während er von seinem Leben sprach, kaum
hörbar ein falscher Ton von Selbstbeweihräucherung, als wollte er damit
vor Lande prahlen.

»Reich ist Ihr Leben gerade nicht!« bemerkte Schischmarjow mit
unverhohlenem Spott.

Mit einer langsamen, fast knisternden Bewegung wandte sich Firsow zu
ihm.

»Meinen Sie?« Mit zusammengepreßten Zähnen fügte er hinzu: »Einen
größeren Reichtum als die Gemeinschaft mit Gott kenne ich nicht. Sie
denken darüber wahrscheinlich anders.«

In seiner Stimme zitterte leise eine versteckte Drohung, doch
Schischmarjow blickte ihn verächtlich an und wandte sich ab.

»Tja ...« sagte Firsow gedehnt nach einer Pause. »Iwan Ferapontowitsch,
ich hatte neulich hier auf dem Gericht als Geschworener zu tun. Eine
ganz interessante Sache kam uns in die Hände. Verstehen Sie, ein
Arbeiter war wegen schweren Diebstahls angeklagt ... früher war er hier
auf der Dampfweberei als Meister gewesen. Ich glaube, Sie kennen ihn
übrigens: Tkatschow heißt er ...«

»Tkatschow?« rief Lande erschrocken. »Das ist ja nicht möglich!«

»Jawohl,« meinte Firsow vergnügt. »Wegen Diebstahls. Die Sache ist an
sich eine Bagatelle, aber sein Verhalten ... Denken Sie sich nur: er
wollte keinen Verteidiger haben; er plaidierte selbst. >Ich habe
gestohlen, natürlich,< sagte er, >aber, meine Herren Geschworenen, wer
von Ihnen ohne Sünde ist, der soll mich als erster verurteilen.< Eine
Gotteslästerung, im Grunde genommen! Aber doch verstand ich da erst,
welche Macht in diesen Worten liegt ...«

»Auf die Worte kommt es hier gar nicht an!« warf Ssemjonow ein.

Firsow sprach in äußerster Entrüstung:

»Nein, gerade auf diese Worte! Nur auf die Worte!«

Und er versuchte unklar auseinanderzusetzen, daß gerade diese Worte wie
ein Wunder, als »Gotteswort«, ganz unabhängig von dem Menschen, der sie
aussprach, um sie auf sein eigenes, bitteres Leben zu beziehen, »auf die
Herzen schlugen«. Aber alles, was er sprach, war so trocken und ohne
Leben, daß ihm niemand zuhörte.

Marja Nikolajewna streckte ihren Arm, der in dem weiten, weißen Ärmel
wie der Flügel eines großen Vogels aussah, in die Luft und rief
fröhlich:

»Der Mond, der Mond geht auf!«

Firsow brach jäh ab und blickte sie gekränkt an.

»Tja, allerdings ... Der Mond ist wahrscheinlich wichtiger!«

»Alles ist wichtig,« sagte Lande beruhigend und lächelte zärtlich.

Aus der tiefen Finsternis lugte hinter dem schwarzen Horizont etwas
Rotes hervor und wurde allmählich runder und größer. Im dunklen Wasser
glänzten sofort Funken auf, und eine feine, zittrige Brücke von Gold
spannte sich geradlinig von einem Ufer zum anderen, wie eine
geheimnisvolle, wortlose Aufforderung, in eine neue, azurne Welt
hinüberzusteigen.

»Wie schön!« rief Marja Nikolajewna mit voller, begeisterter Stimme, und
freudig leuchtete diese frische und kräftige Stimme über den Abhang.

Lande richtete seinen Blick auf sie und schaute auf ihr junges, schönes
Gesicht, das mit tiefen Augen an ihm vorbei in die Ferne sah.

»Iwan Ferapontowitsch,« sagte Firsow mit trauriger, knarrender Stimme,
während er sich erhob, »wir werden uns gewiß noch sehen ... Jetzt muß
ich gehen.«

»Gewiß sehen wir uns noch!« sagte Lande, indem er weich und schwach
seine Hand mit den kalten, feuchten Fingern drückte.

Firsow verabschiedete sich schweigend von den andern und ging, die Füße
über den Boden schleifend, fort.

»Welch Vergnügen macht es dir, mit dem anzufangen!« Schischmarjow zuckte
kühl die Achseln, als er fort war. »Ein Mucker, ein Geizhals ... treibt
sich in Kirchen umher und quält zu Hause sein Kind.«

»Er ...«

»Ach, sprechen wir nicht davon, bitte!« fiel ihm Schischmarjow geärgert
ins Wort.

Lande lächelte traurig und verstummte.

Der Mond tauchte über der Erde auf und hing rund und schweigsam in der
Luft.

»Hier, malen Sie mal so etwas, Molotschajew!« sagte Marja Nikolajewna,
ohne den Kopf zu wenden. »Ich werde Sie dann gleich für einen großen
Künstler halten!«

Molotschajew blickte schweigend auf den Mond, seine Augen weiteten sich
und wurden weicher und tiefer, als ob er etwas Geheimnisvolles und
Großes sähe, das für niemanden außer ihm sichtbar war.

Schischmarjows Augen folgten ihm mit verächtlicher Aufmerksamkeit.

»Gleich wird er es malen!« Er wandte sich an Lande und fing eilig,
scharf und besorgt an, zu sprechen. »Lande, wir hatten auf der
Werschilowschen Mühle folgende Geschichte: Werschilow wollte seinen
Arbeitern faules Fleisch geben, und da haben sie ihm die Fenster
eingeschlagen und den Geschäftsführer durchgeprügelt ... Zweiundzwanzig
Mann sind verhaftet.«

»Na, Lande, hatten die Leute recht?« fragte Ssemjonow mit gutmütiger
Ironie.

»Ja ...« antwortete Lande fest.

Ssemjonow stieß einen unbestimmten Laut aus und wurde düster.

»Ihre Familien sind in einer entsetzlichen Lage ... Eine furchtbare
Geschichte!« Schischmarjow schüttelte den Kopf. »Wir haben hier einiges
für sie getan, -- -- aber ...!«

Alle schwiegen. Lande blickte auf den Boden und bewegte ein wenig seine
dünnen Finger.

Ssemjonow hustete leise; der Schall hallte deutlich über dem Abhang
wider. Unmerklich, wie auf Schleichfüßen, stieg der Mond über etwas
Schwarzem, Unbegreiflichem immer höher und höher; je höher er stieg,
desto begreiflicher und heller wurde dieses Schwarze, und bald lag das
gegenüberliegende Ufer klar, wenn auch gespensterhaft, vor ihnen, und
weiße Nebelstreifen wurden auf den Wiesen sichtbar. Auch aus dem Flusse
hob sich der gleiche, kalte Nebel, und weiße, schweigsame Schatten
begannen über das kalte, tiefe Wasser zu gleiten.

Feucht und kalt wurde es. Ssemjonow knöpfte seinen Paletot zu, stülpte
sich die Mütze tief über den Kopf, sodaß seine Ohren tief in ihr
steckten, und stand auf.

»Ich muß nach Hause ...« sagte er. »Es wird kalt ... Und du, Ssonja,
kommst du mit?«

»Nein,« antwortete nachdenklich ein Mädchen, so dünn wie ein Grashalm,
das die ganze Zeit unbeweglich dicht über dem Abhang gesessen hatte.

»Wie du willst ...« sagte Ssemjonow gleichgültig mit trüber Stimme. »Es
ist kalt ... Komm mal zu mir, Lande!«

»Gut!«

»Auf Wiedersehen!«

»Was?« fragte Molotschajew mechanisch.

»Der Maler ist in Gedanken versunken! Auf Wiedersehen!«

Ssemjonow bückte sich krankhaft und ging langsam den Boulevard entlang.

»Höre, Ljonja ...« meinte Lande plötzlich langsam; es war merkbar, daß
er die ganze Zeit darüber nachgedacht hatte. »Man muß diesen Menschen
helfen ...«

»Ja, was möglich war, ist getan worden. Es gibt kein Mittel« antwortete
Schischmarjow.

Lande stand auf.

»Weshalb keine?« sagte er nachdenklich. »Du mußt morgen zu mir kommen
... Ich gehe jetzt. Meine Mutter wartet auf mich.«

Es wurde bald sehr kalt. Die Erde wie der Himmel, das Wasser, die
Gesichter der Menschen -- alles wurde hellblau und schien durchsichtig
und kühl zu sein, wie blaues Eis. Schischmarjow ging mit Ljonja nach der
einen Seite, Lande, Molotschajew und Marja Nikolajewna nach der anderen.


                                   II

»Ich werde nach Ihnen einen Akt malen!« sagte Molotschajew, während er
sich nahe an das Gesicht Marja Nikolajewnas, das hell vom Mond bestrahlt
wurde, neigte.

»Warum nicht gleich zwei!« lachte sie, und ihre Augen funkelten vor
fröhlichem Vergnügen.

Lande hob den Kopf, sah sie an und sagte:

»Das ist gut ...«

Er wollte ihnen sagen:

... Das ist gut, daß ihr beide so jung, so schön und daß ihr so
ineinander verliebt seid! Er sprach aber nicht weiter und lächelte nur.

»Was wollen Sie also für die Arbeiter tun?« Marja Nikolajewna erinnerte
sich an Landes Worte und machte ein ernstes Gesicht.

Lande schlug leise die Hände auseinander.

»Auch nichts besonderes ... nur so, für die allererste Zeit ... ich habe
Geld ...«

Molotschajew blickte ihn an. -- Von diesem mondbeleuchteten, mageren,
gar nicht schönen Gesicht mit den großen, herrlichen Augen wehte eine
schlichte und unentwegte Entschlossenheit auf den Maler hinüber. Ein
Gefühl unangenehmen, unbestimmten Neides regte sich in Molotschajew, als
ob sich in der Tiefe seiner Seele irgend ein versteckter, trüber Geist
unter einem Lichtstrahl zusammenzöge.

»Wollen Sie es hingeben?« fragte er, mit einem mißtrauischen Zug um die
Lippen.

»Ja,« antwortete Lande.

»Das ganze Geld?« fragte Molotschajew wieder, als hörte er einen
schlechten Scherz.

»Ich weiß wirklich nicht, mein Täubchen ...« antwortete Lande gutmütig,
dabei selbst überlegend, als ob er sich mit ihnen beratschlagte.
»Vielleicht auch das ganze ... je nachdem es notwendig ist.«

»Und Sie ... haben Sie viel Geld?« sagte Molotschajew mit verstellter
Ironie ... Er macht sich originell! dachte er, wurde aber sofort
ärgerlich, weil er fühlte, daß er nur aus Neid die Unwahrheit dachte.

Marja Nikolajewna sah Lande aufmerksam an.

»Ich habe ...«

Lande strich die Mütze zurecht und fuhr ruhig fort: »Nicht sehr viel ...
ich habe vier Tausend.«

Und wieder mußte Molotschajew denken:

... Hat doch eine wirkungsvolle Pause gemacht!

Dann blickte er zufällig auf Marja Nikolajewna und vergaß an Lande.

»Sie haben ein Gesicht wie aus einem Stuckschen Gemälde wenn Sie lachen
oder wenn Sie nachdenklich werden!« sagte er mit begeisterter,
aufrichtiger Stimme, und seine Augen glänzten freudig.

Marja Nikolajewna lachte; ihre weißen Zähne schimmerten unter dem
Mondlicht für einen Augenblick hell und geheimnisvoll zwischen den
scharfumrissenen, halbgeöffneten Lippen. Lande blickte sie an und sah,
daß ihr Gesicht in der Tat weiß und kräftig, zart und brutal war, wie
auf einem Gemälde von Stuck. Und sie war auch sonst so hochgewachsen,
schlank und kräftig; ein frischer und erregender Duft strömte von ihr
aus.

»Wollen Sie ihnen wirklich gleich alles geben?« fragte Marja Nikolajewna
Lande und versuchte ihr Gesicht vor Molotschajew zu verbergen.

»Gleich alles geben!« lächelte Lande freudig und zärtlich ihrer
Schönheit und ihren klaren Augen zu.

Auch seine Stimme war so ruhig und innig, daß Marja Nikolajewna für
einen Augenblick nachdenklich wurde. Irgend eine warme und sanfte Saite
hallte feinfühlig im Innern ihrer Seele wider.

... Reizend ist er und ganz eigenartig ... Ein Seliger. Sie erinnerte
sich wie Ssemjonow einmal Lande genannt hatte ... Nein, er ist kein
Seliger.[4]

Sie wünschte, daß er es nicht wäre. Nicht weil er vor ihr stand. Aber in
dieser Nacht stieg das Verlangen in ihr auf, daß jenes Machtvolle und
Schöne, das im Mondenschein, im gestirnten Himmel, in der
feierlich-ruhig schlafenden Erde um ihr war -- jetzt auch, im Lebendigen
und Bewußtsein schlicht und einfach aufleuchte.

»Ich muß hier ...« Lande war unschlüssig. Er wäre am liebsten mit ihnen
zusammengeblieben.

»Adieu!« Molotschajew reichte ihm kühl und hastig die Hand.

Lande überlegte; dann ging er still lächelnd fort.

... Laß sie schon ...! sagte er sich; seine Seele wurde weit und
gerührt, als umarmte er die ganze Welt.

Marja Nikolajewna ging lange schweigend neben Molotschajew; feierliche
Stille schien auch ihre Seele zu überwältigen.

»Dieser Lande ist wohl übergeschnappt!« meinte Molotschajew. »Ein Narr
... Vielleicht nicht mal ein Narr, ganz im Gegenteil!« fügte er mit
einer Grimasse hinzu; doch plötzlich fuhr er nachdenklich fort:

[Fußnote 4: Im Volksmund die Bezeichnung für religiös überspannte
Personen.

                                                            D. Übers.]

»Sein Gesicht ist nicht schön, aber sehr interessant.«

»Sie wissen nur von Ihrer Kunst etwas; -- nichts mehr!« sagte Marja
Nikolajewna, lachte halblaut und wandte ihr Gesicht dem Mond zu.

»Nein, ich sehe alles Schöne!« erwiderte Molotschajew, wobei er in diese
unbedeutenden Worte einen besonderen Sinn legte, der aber ihr nahe und
verständlich war.

»Und außer dem Schönen?«

»Weiß es der Teufel! Wohl nichts!« Molotschajew zuckte die eine Achsel.

Marja Nikolajewna lachte. Unter der weißen Bluse hob sich durch das
Lachen ihre Brust; sie sah bei dem Mondenschein, scharf umrissen von
tiefen, feuchten Schatten, fast nackt aus.

Mit weitgeöffneten Augen schaute Molotschajew sie an; es trieb ihn
gebieterisch zu ihr. Er beugte sich nieder und sah von der Seite ihre
dunklen, glänzenden Augen, die nicht auf ihn blickten, die wortlos zu
warten und etwas geheimnisvoll zu verheißen schienen.

Es war still. Nur irgendwo fern hinter den düsteren und kalten Häusern
schlug einmal ein kleines Hündchen an.

Eine seltsam gespannte Erregung steckte in allem.

»Leben möchte ich!« sprach Marja Nikolajewna erst leise, aber ihre
Stimme wurde wie von selbst lauter und stärker. »Etwas tun möchte ich,
lieben möchte ich ...«

Plötzlich brach sie in unerwartetes klingendes Lachen aus. »Auf den Mond
springen möchte ich, wie es Schischmarjow nennt!«

»Schlafen, schlafen gehn!« fügte sie mit singender Stimme hinzu. »Das
ist es! Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen ...« antwortete Molotschajew immer noch zitternd und
seufzte tief auf.

Sie standen schon an der Pforte zu ihrem Haus.

»Auf Wiedersehen!«

Leichte Schritte klangen hinter dem Zaun. Irgendwo schnappte einmal und
ein zweites Mal ein Schloß; man hörte, wie die Tür schwer nach innen
nachgab, jemand schläfrig irgend etwas fragte, und wieder alles still
und leer wurde.

Molotschajew ging lange durch die leeren, vom Mondlicht überschwemmten
Straßen, sah auf die ferne Mondesscheibe und dachte an nichts, obwohl er
voller Freude war.


                                  III

Als Lande nach Hause kam, saß seine Mutter am Tisch; sie wartete
augenscheinlich schon lange mit dem Abendbrot auf ihn.

Zu Hause war es seit dem Tode ihres Mannes leer und öde; sie tat sich
selber leid. Ihr schien, daß alles in der Welt zu Ende, gestorben sei;
ihr Leben war durch eine dunkle und verhängnisvolle Macht in zwei
gleiche Hälften gespalten worden. Das, was früher in ihm langweilig und
schwer gewesen war, vergaß sie und sah hinter sich furchtbar weit, alles
nur freudig und warm, wie von hellem, wärmenden Licht durchströmt. Jetzt
aber blieb es kalt und leer. Nur wenn sie an den Sohn dachte, flimmerte
etwas Lichtes vor ihr auf, und sinnvoller wurde alles, was sie tat.

»Wanja?« fragte sie leise hinter der Lampe.

»Ich bin es, Mütterchen!« antwortete Lande, warf seine Mütze auf den
Tisch, ging auf sie zu und setzte sich neben sie, den Kopf gegen ihre
volle, aber nicht mehr elastische Schulter, die warm wie eine Ofenbank
war, gelehnt. Sie streichelte ihn über den Kopf, über die lockeren, sehr
weichen und hellen Haare und dachte, daß ihre ganze Zukunft und Freude,
ihr Glauben und Sinn, ihr ganzes unbegreifliches, fürchterliches Leben
nur noch in diesem Sohne ist.

»Willst du essen?« fragte sie und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Ja.« Lande fing an, ihre volle Hand mit den kurzen, verschrumpften
Fingerchen still und zärtlich zu küssen.

»Mein lieber Junge!« sagte die Mutter mit Tränen in den Augen.

»Mutter, was hat uns Vater eigentlich hinterlassen. Alles in allem?«

Die Mutter war über die Frage nicht im geringsten verwundert, weil Lande
darüber klar sein mußte, ob er weiter studieren könnte oder nicht.

»Nicht viel, Wanja ...« sagte sie traurig, während sie an etwas anderes
dachte. »Hier das Haus, und dann die Pension hat man mir, Gott sei Dank,
nicht zu schlecht bewilligt. Aber an Bargeld haben wir nur vier
Tausend.«

»So dachte ich es auch. Das Haus und die Pension gehören dir
selbstverständlich, Mama, und das Geld, erlaube, daß ich es jetzt nehme
-- ich brauche es ...« Lande empfand im gleichen Augenblick, daß ein
schweres, banges Gefühl seine Seele durchströmte.

»Ah ja ... nimm, nimm es ... es ist dir ja auch vermacht worden ...«

Die Mutter sah Lande nachdenklich an und strich mit der Hand über sein
Haar.

»Was willst du denn damit anfangen?« fragte sie still und zärtlich, ihm
wie einem Kind zulächelnd.

Nicht für einen Augenblick kam Lande der Gedanke, ihr es zu
verschweigen. Er sah ihr in die Augen schlicht und klar, sein Gesicht
wurde heller, und er antwortete freudig:

»Ich will es den Familien der Arbeiter geben, die Werschilow auf die
Straße geworfen hat.«

»Was?« fragte die Mutter. Sie lächelte und sagte: »Ein Dummchen bist du,
ganz ein Kind, obgleich du schon einen tüchtigen Bart hast.«

Lande lächelte traurig und schwieg.

»Mach aber nicht etwa Ernst damit! Von dir wäre es schon zu erwarten!«
sagte sie, plötzlich mit einer ganz anderen, mit banger und warnender
Stimme. Doch ehe sie noch zu Ende gesprochen hatte, sah sie an seinen
klar und fast zu weit geöffneten Augen, daß er es wirklich im Ernst
meine. Eine Minute schwieg sie und starrte ihm erschrocken ins Gesicht,
dann meinte sie, mehr um sich zu beruhigen: »Unsinn! Und was wird denn
aus dir selber?«

»Irgendwie wird es sich machen ...« sagte Lande traurig. Er fühlte, wie
eine unübersteigbare, eisige Mauer unsichtbar zwischen ihnen aufstieg.

»Unsinn!« wiederholte die Mutter hartnäckig, als ob sie sich gegen etwas
Feindseliges und Böses wehren müsse. Und tatsächlich waren auch seine
Absichten für sie unannehmbar, weil dadurch alles in Nichts aufgelöst
wurde, womit sie ihr langes, emsiges Leben aufgebaut hatte.

Er antwortete nicht mehr. Er schwieg und fühlte, wie sich ein blutender
Fetzen aus seinem Herzen riß.

Als er nachts im Bett lag, dachte er:

... Was tun? Die Mutter wird es nicht verstehen und nicht verstehen
wollen. Es wird für sie ein furchtbarer Schlag sein; aber ich kann nicht
anders ... Wir würden uns einander in den Weg stellen, und da ich sie
liebe, müßte ich ihr nachgeben. Und das darf nicht sein! Also muß ich
von ihr fort ...

Ein heißes Gefühl entstieg diesem Entschluß; doch in der dumpfen
Finsternis verlöschte es sofort wieder; er empfand sich plötzlich
einsam, von allem losgerissen. Zum ersten Mal in seinem Leben sollte er
die Verbindung mit einem unendlich geliebten Menschen abbrechen; es
schien ihm unsagbar schwer, er bangte sich davor. Da sah er plötzlich
den todkranken Ssemjonow auf sich zukommen; eine unerklärliche Erregung
durchwühlte ihn.

... Hier liege ich nun, dachte er, allein mit der Überzeugung, daß ich
alles zerbreche, daß ich Kummer und Schmerz zufügen muß; und vielleicht
ist dennoch ... trotz allem ... nichts weiter um mich, nichts vorhanden,
nur Leere, unendliche Leere ... Da sind irgendwo Sterne, nichts als
Sterne! Und ich bin nicht einmal ein Sandkorn, viel weniger, unendlich
weniger, mein Leben ist in der Ewigkeit kaum ein Augenblick, fast als ob
es gar nicht existierte ... Und ich lebe, glaube, gebe selbst von meinem
Leben ab ... Was tue ich denn?

Die Haare bewegten sich auf seinem Kopfe, das eine Bein zitterte
unaufhörlich. Für einen Augenblick glaubte er, in irgend einer kalten,
toten und majestätisch-furchtbaren Leere zu hängen. Unten und oben,
alles ist dunkel und leer. Dann erinnerte er sich an ein Kätzchen, das
ein Kutscher Werschilows in seiner Gegenwart am Genick packte, hoch hob
und dann gegen den Boden schleuderte. Das Kätzchen war auf der Stelle
tot. Ihm kam es vor, als ob er selbst, am Genick gepackt, in der Leere
hänge, dem Tode nah, und hilflos seine Glieder bewege. Und gleich wird
er niedergeschleudert werden, ein donnernder Schlag trifft ihn, und
alles wird still, unbeweglich, dunkel sein. Das Gefühl der Einsamkeit
wurde für seine überreizten Nerven unerträglich; es trieb ihn, von
jemandem zu hören, daß er nicht in dieser Welt, die riesig wie eine
Ewigkeit ist, allein sei.

Krampfhaft warf Lande den Kopf zurück. Seine aufgerissenen Augen
starrten gespannt in einen schwarzen Abgrund, der sich vor ihm auftat,
sein ganzes Wesen zerfloß in überquellender Verzückung; unwillkürlich
begann er, zu einem zu beten:

... Herr, Herr ... Herr Gott ...

Seinen Kopf durchwirbelten in unglaublichem Chaos Gedanken, flimmerten,
schlugen zusammen, verwickelten sich ineinander; alles in ihm ging in
dem Gebet auf. Ihm kam nichts als diese Worte in den Kopf; in ihnen
drängte sich sein ganzes Selbst zusammen, und in dem Übermaß der
Spannung, die bis an die Grenzen des Ertragbaren ging, wuchs etwas
Machtvolles, Großes, das unmöglich zwecklos sein konnte, heran.

... Herr, Herr!

Und er fühlte, daß ihm jemand zuhöre, gebieterisch und ruhevoll.

Plötzlich begann in dem Wirbel der Gedanken, unerwartet, unbewußt für
ihn selbst, ein einziger Gedanke hervorzutreten, zu erstarken und
aufzuleuchten.

... Ich bete, während ich in einem warmen Bett liege; und die Arbeiter
Werschilows schlafen jetzt nach einem schweren, auswegslosen Tag auf
kahlem Fußboden ...

Er blieb etwas stehen und lauschte erwartungsvoll, in ihm und um ihn.
Alles war still, gespannt still, und Lande vernahm jeden seiner schweren
und krampfhaften Atemzüge.

... Ja, was soll denn daraus werden? Was soll ich tun? fragte er den in
ihm um Rat. Und tief in seiner Seele entstand, erst unmerklich, dann
immer stärker und klarer, der abgerissene Wunsch, aufzustehen und sich
auf den kalten Boden zu legen.

... Doch darauf kommt es ja nicht an! sagte er sich.

Der Trieb wurde immer größer, überwältigend groß und fing an, ihn zu
quälen.

... Herr! er versuchte dagegen anzukämpfen und wieder zu beten, aber der
Aufschrei hallte leer und tot in seiner Seele wider.

Da sprang er, von einem augenblicklichen Verlangen hingerissen, rasch
vom Bette auf, sank in die Knie und legte dann die heiße Stirn auf den
kalten Boden. Ringsherum war alles ebenso still und finster.

Seine Augen wurden plötzlich feucht; in seiner Seele wurde es ruhig; es
ging wie ein Aufseufzen nach sehnsüchtiger Erwartung durch seinen
Körper. Und sofort mahnte er sich daran, morgen den Arbeitern das Geld
zu geben, ihnen alles abzugeben, was er nur geben kann, sich selbst, das
Freudigste und Lichteste in seiner Seele fortzugeben. Wie er es tun
würde, das wußte er noch nicht und an das dachte er auch nicht, wie er
auch nicht mehr daran dachte, daß er die Mutter betrüben, viele Menschen
gegen sich aufbringen und sein eigenes Leben erschweren konnte.

Ein volles, frohes Gefühl erwachte in ihm und erfüllte alles um ihn her
mit breiten, klaren Lichtwellen. Die Furcht schwand wie Rauch. Vom Boden
stieg Kälte auf, und sein Körper zitterte; aber es machte ihn glücklich,
als ob er sich dadurch mit jemandem vereinigte und aufhörte, einsam zu
sein. Und dann trat alles in Nichts zurück: die Härte des Fußbodens wie
seine Kälte, die Finsternis, sein eigener, halbnackter, lächerlich
zusammengekauerter Körper -- alles trat in Nichts zurück und wurde
unfaßbar, überflüssig.

... Herr, mein Herr! betete Lande wieder mit unstillbarem Verlangen.

Und in diesem angespannt freudenvollen Zustand, der dem größten,
tiefsten Glücke glich, erstarrte er allmählich, wurde ruhig, verlor die
Besinnung und war auf dem Boden eingeschlafen, als ein grauer,
durchsichtiger Schein sich durch das Fenster schlich.

Es war das letzte Mal in seinem Leben, daß ihm Zweifel gekommen waren,
daß er für einen Augenblick in der Voraussicht der schweren Wandlung
beirrt wurde. Nun öffnete sich eine helle und gerade Bahn in seiner
Seele.


                                   IV

Am Morgen des nächsten Tages ging Lande ins Gefängnis. Hinter der Stadt
glänzten die Mauern schon von weitem auf; in scharfem Weiß hoben sie
sich längs der breiten Flußböschung von einer zarten, grünen Wiese ab.
Die in der Sonne glänzenden Bajonette einsamer, schwarzer
Soldatengestalten durchstachen kräftig die blaue Luft.

Lande wurde zu dem Inspektor geführt; einem Mann mit einem langen, so
silberweißen Vollbart, wie er auf den flachen Ssusdaler Heiligenbildern
gemalt wird. Der Inspektor starrte Lande höflich an und bewegte mit
fragender Miene seine dünnen, mißtrauischen Lippen.

»Mein Name ist Lande. Sie kennen mich wahrscheinlich? Ich möchte sehr
gern den Tkatschow sehen -- denjenigen, der vorgestern vor Gericht
freigesprochen wurde. Ich habe erfahren, daß er noch hier sitzt.«

Der Gefängnisinspektor mit dem Heiligenbilderbart machte eine leise
Bewegung mit den knochigen Fingern.

»Das können Sie ... Er ist noch bei uns. Sehen dürfen Sie ihn,
natürlich!« wiederholte er, als ob er sich selbst noch einmal davon
überzeugen wollte. »Ich lasse Sie zu ihm begleiten ... Oder soll er
vielleicht hierher gerufen werden?«

»Ich würde lieber selbst zu ihm gehen, -- er wird vielleicht gar nicht
zu mir kommen wollen. Ich bin mit ihm eigentlich so gut wie unbekannt.«

Der Inspektor fixierte Lande scharf.

»Ssidorow, führe den Herrn hin!« sagte er, indem er plötzlich die
Augenbrauen barsch zusammenzog und aufhörte, Lande anzustarren.

»Wie dürfte ich denn über ihn verfügen, wissen Sie?« sagte ihm Lande
vertrauensvoll. »Ich möchte, sehen Sie, ihm vorschlagen ...«

»Das können Sie alles mit ihm selbst besprechen!« herrschte ihn der
Inspektor noch barscher an und machte sich mit Papieren auf dem Tisch zu
tun.

Der Inspektor tat Lande seiner Grobheit und Kälte wegen leid; er beeilte
sich.

Ein alter, rasierter und borstiger Soldat in schwarzer, sackartiger
Uniform, die unter den Ärmeln zerrissen war, schob an Landes Seite den
Aufschlag mit den verschlissenen Litzen in die Höhe und sagte:

»Zu Befehl, Euer Wohlgeboren! Bitte, Herr!«

Lande folgte ihm nach dem Hof.

Der Hof war sauber und groß, aber trotz des weichen Frühlingshimmels,
der über ihm lag, war die Luft in ihm schwül. Es roch nach saurer
Kohlsuppe, Flickstuben und dem intensiven, penetranten Geruch des
Abortes.

»Schön ist es bei Euch gerade nicht ...« meinte Lande.

Ssidorow ließ die kleinen Bauernaugen über den Hof schweifen, als suche
er in komischer Ratlosigkeit, was an ihm eigentlich nicht schön sein
könnte.

»Jawohl!« antwortete er trotzdem so eilig und lustig, als ob es ihm ein
großes Vergnügen wäre, mit Lande einer Meinung zu sein.

Lande sah, wie schwer und fest der Soldat mit den ungeschlachten
Bauernfüßen ausschritt, und fügte hinzu:

»Ein schlimmer Dienst ist das hier: Menschen zu überwachen.«

»Jawohl,« antwortete Ssidorow ebenso bereitwillig.

»Besser wär's doch, im Heimatsdorf auf dem Feld zu arbeiten!« fuhr Lande
voll Mitleid mit dem Soldaten fort.

»Ja,« meinte Ssidorow, »auch auf dem Feld zu arbeiten, das ist gut.«

Von seiner lustigen, bereitwilligen Stimme kam auch Lande in frohe
Stimmung.

»Warum wird Tkatschow bisher noch nicht freigelassen? Er ist doch schon
freigesprochen?«

»Er will von alleine nicht gehen!« antwortete Ssidorow lächelnd.

»Warum?«

»>Ich habe nirgends hinzugehen,< sagt er. So 'ne Geschichte. Ein
komischer Kerl!«

Lande wurde nachdenklich; ein trauriger Schatten fiel ihm auf Gesicht
und Seele.

Sie hatten den Hof passiert und gingen durch einen engen gewölbten
Korridor; dort schien es nach dem hellen Sonnenlicht im Hof auffallend
dunkel; überall sah man nur kalten, schmutzig-weißen Stein und altes,
grünes Eisen.

Schmutzig und häßlich gekleidete Menschen jeden Alters, aber alle mit
gleich blutlosem, ungesund aufgedunsenem Gesicht schlenderten
teilnahmslos aus einer Tür in die andere. Sie begleiteten Lande mit
unfreundlichen und frechen Blicken, blieben an der Wand stehen und
schlichen dann wieder in die Tiefe der feuchten Korridore; in ihren
sinnlosen, gleichgültigen Bewegungen lag etwas furchtbar
Aufpeitschendes. In einer Zelle versuchte jemand zu singen, aber man
konnte merken, daß er darauf mehr Kraft verwendete, als nötig war, und
das Singen selbst glich mehr einem Fluchen -- so wild war die Weise und
so viel häßliche Worte enthielt das Lied.

»Tkatschow!« rief Ssidorow fröhlich in den Korridor hinein.

»Hallo, Tkatschow! He ... du! ... Man ruft dich! Hörst du nicht?«
brüllten ungeordnet mehrere Stimmen, als ob sie froh wären, nicht mehr
ziellos, sondern mit einem bestimmten Zweck schreien zu können.

An der Schwelle einer Zelle erschien ein Mann in einer zu großen
Gefangenenjacke, mager, schwarz. Sein dunkles Gesicht mit
hervortretenden Backenknochen sah Lande düster und mißtrauisch an.

»Ich möchte zu Ihnen ...« Lande reichte ihm die Hand und lächelte
vertrauensvoll; er bemühte sich, durch dieses Lächeln Tkatschow näher zu
kommen und verständlicher zu werden.

Linkisch und doch, als ob er über den Besuch gar nicht verwundert wäre,
gab Tkatschow die Hand.

»Ich wollte mit Ihnen über einiges sprechen,« fügte Lande hinzu.

Tkatschow blickte ihn noch mißtrauischer an, biß auf seine dünnen,
trockenen Lippen, trat dann unwillig zwei Schritte zur Seite und sagte
mit gebrochener, etwas dumpfer Stimme:

»Hier wohne ich ... da ...«

Lande trat hinter ihm in die Einzelzelle ein. Es war ein gewölbtes
Zimmer, so klein, feucht und dumpf, daß einem der Gedanke, hier wohne
ein ausgewachsener Mensch und nicht etwa ein kleines verjagtes Tierchen,
sehr sonderbar vorkam.

Tkatschow überlegte eine Weile, zog die Augenbrauen zusammen und schob
dann Lande einen Schemel hin.

»Setzen Sie sich bitte ...« sagte er mit unbestimmbarem Ausdruck.

Lande ließ sich nieder und sah Tkatschow weich an.

»Was wünschen Sie von mir?« fragte Tkatschow, während er unter diesem
Blick unruhig die Augenbrauen zusammenzog.

Wenn er es tat, nahm sein Gesicht nicht einen herben, sondern einen
bemitleidenswerten Ausdruck an, wie er gekränkten Kindern eigen ist.

»Ich wünsche nichts ...« erwiderte Lande gutmütig. »Ich habe nur von
Ihnen gehört und bin gekommen.«

»Wozu denn aber?« meinte mißtrauisch Tkatschow.

»So, mir tat es weh, daß Sie so erbittert und unglücklich sind; ich
dachte mir nun, daß es Ihnen vielleicht leichter wird, wenn ich zu Ihnen
komme ...«

»Mitleid? Brauche ich nicht!« erwiderte Tkatschow abgerissen und dumpf
und wandte sich nach dem Fenster ab, während seine schmutzigen, mageren
Finger an die Tischkante drückten.

Lande ergriff leise Tkatschows Hand.

»Wozu sagen Sie das? ... Das ist doch nicht wahr! ... Sie sind doch
unglücklich und erbittert, und gestohlen haben Sie nur, weil Sie wenig
Mitleid und Liebe in Ihrem Leben gesehen haben. Ich bin zu Ihnen ohne
jeden Nebengedanken gekommen, mit offenem Herzen, mit aufrichtigem
Wunsch, Ihnen durch irgend etwas zu helfen ... Warum verletzen Sie mich
also?«

Tkatschow blickte scheu auf Landes Hand, die ihn weich und
vertrauensvoll bei den schwarzen Fingern hielt, und errötete plötzlich.

»Niemanden brauche ich ...« erwiderte er leise aber trotzig und zog
unauffällig seine Hand zurück. »Das ist alles dummes Zeug ...«

»Warum?« fragte Lande mit schmerzlich erhobenen Augenbrauen.

Tkatschow wandte ihm seinen Kopf zu und lächelte verächtlich und
angestrengt.

»Ihre naive Frage bringt mich in eine dumme Stellung,« versetzte er in
hochtrabendem Ton, durch den aber deutlich die Erbitterung klang.
»Übrigens, aus welchem Grunde sollte ich mich denn mit Ihnen einlassen!«
Er zuckte mit den Schultern und wandte sich zum Fenster, wo Tauben
girrten, ohne daß man sie hinter dem Gitter und den Scheiben vernehmen
konnte.

»Da ... ich füttre sie, meine Freunde!« sagte Tkatschow nach dem
Schweigen und lächelte verlegen mit einem Winkel seiner dünnen,
abgemagerten Lippen.

»Die Tauben? ... Ja! ...« Lande war über dieses Lächeln erfreut und
lächelte selber. »Gewiß sind sie Freunde! Es ist doch nicht wahr, daß es
nur ewige Feindschaft und die Notwendigkeit der Vernichtung gibt ...
Eine solche Notwendigkeit kann es nicht, darf es nicht geben! ... Man
muß im Gegenteil zu schützen suchen ... alle den Einzelnen und der
Einzelne alle ... und Freunde sein, sogar Brüder! Ich glaube, wissen
Sie, daß jetzt alles falsch ist, daß alles nicht so ist, wie es sein
sollte. Man muß alles verbessern, abschließen, das ist eben die Aufgabe
des Menschen! ... Ich glaube ...«

»Ich verstehe Ihre schönen Phrasen nicht!« versetzte Tkatschow trotzig
und düster, aber, wie es Lande vorkam, absichtlich schroff.

Lande lächelte traurig.

»Ich verstehe nicht, besser zu reden ... Verstehen Sie mich denn
wirklich nicht? ... Ich glaube, doch! ... Ich wollte sagen, daß es das
Böse und den Haß an sich gar nicht gibt, daß sie nur eine Folge der
Arbeit an der Weltgestaltung sind und daß man sie bestätigen muß ...«

»Sieh mal!« versetzte Tkatschow spöttisch. »Wie einfach!«

»Nein, nicht einfach ... schwer, furchtbar schwer ist es! Aber nicht
unmöglich: kein Haß und Zorn ist so stark, daß man ihn nicht überwinden
könnte!«

»Wozu erzählen Sie das alles?« fiel ihm Tkatschow scharf ins Wort.

Lande beeilte sich, ihm zu antworten, als fürchtete er, daß Tkatschow
fortgehen könnte. Er ergriff wieder seine Hand. »Ich sage es Ihnen, weil
ich sehe ... es scheint mir, daß Sie aufgehört haben, an diese
Möglichkeiten zu glauben, Sie meinen gewiß, daß das Böse ewig ist, daß
das Böse überall triumphiert und daß man es nicht bekämpfen, sondern ihm
nachgeben soll! Und das wäre schrecklich! ... Aber es ist nicht so. Sie
haben einfach den Mut verloren, Sie sind verbittert worden, Sie
verdichten jetzt selbst künstlich die Atmosphäre der Feindschaft um
sich, als ob Sie in ihr erst richtig zu atmen gelernt haben ... Ach,
Tkatschow, was für ein furchtbarer Irrtum ist das! Und Sie fühlen ihn
doch: es wird Ihnen doch schwer, so zu atmen, bedrückend schwer. Ja?«

Tkatschow schwieg düster und atmete schwer durch die Nase.

»Man soll nicht Feindschaft mit Feindschaft vergelten!« fuhr Lande,
Glanz in den offenen Augen, fort, als ob er über seine Worte gar nicht
nachzudenken brauche, als ob er überhaupt nicht spräche, sondern sänge,
das Lied gleich aus dem Herzen quellen ließ. »Nur so wird sie
überwunden. Und nie fühlte man solche Leichtigkeit, solche Befriedigung,
als dann wenn Sie das Feindselige in sich überwinden, ohne auf fremde
Feindschaft in gleicher Weise zu antworten. Weist Sie denn dieses Gefühl
nicht dorthin, wo der Weg ist? Welche Freude ist es, das zu fühlen!
Welche Marter könnte man nicht um dieser Freude willen ertragen! Und
mögen auch die Menschen zu Ihnen schlecht, ja grausam sein; -- die
äußeren Verhältnisse können ja bei allen Menschen gar nicht gleich sein,
und mit ihnen kann man sich, im Grunde genommen, leicht versöhnen, wenn
nur ...«

»Haben Sie jemals gehungert?« fiel ihm plötzlich Tkatschow bissig ins
Wort. -- »Wie, Herr Lande?«

»Ach, wozu, wozu reden Sie so!« in Landes Stimme lag ein Flehen, das
sich in die Seele bohrte. »Sie wissen doch, daß man Hunger und Qualen
und selbst den Tod für seine Idee ertragen kann! ... Starben doch
Märtyrer unter den entsetzlichsten Qualen! ...«

»Das sind eben Märtyrer!« Tkatschow warf den Kopf in den Nacken.

»Meinen Sie denn, Tkatschow, daß die Märtyrer irgendwelche besonderen
Menschen waren? Nein, ich, und Sie, und jeder, selbst der geringste
Mensch, wird alles für eine Idee ertragen, wenn es nur _seine_ Idee,
sein Gefühl ist! Stimmt das nicht?«

»Vielleicht wahr ...« meinte Tkatschow düster.

»Ja, wahr!« Landes ganzes Gesicht leuchtete freudig auf. »Die Wahrheit
lebt im Menschen, diese riesige Kraft, gerade im Menschen lebt sie! Und
wenn dem so ist, dann kann der Mensch alles erreichen, dann kann jeder
alles! ... Gegen jede Macht ankämpfen und siegen ... Warum haben Sie
gestohlen, Tkatschow?«

Tkatschow erzitterte, fing an blaß zu werden, so daß man sehen konnte,
wie ihm allmählich das Blut aus dem Gesicht wich, und starrte wütend,
mit weit aufgerissenen Augen, aus denen furchtbare Qual hervorlugte,
Lande an.

»Was geht das Sie an?« schrie er ihm heiser zu, seinen langen, schwarzen
Hals ausstreckend.

»Ich weiß warum,« sagte Lande mit zitternden Lippen, »ich möchte darüber
mit Ihnen sprechen ...«

Unverwandt durchstach Tkatschow mit einem furchtbaren Blick seine Augen.
Nahe vor sich sah Lande die dunklen Pupillen, die völlig rund geworden
waren; tief in ihnen wurzelte die ohnmächtige, unausreißbare Kränkung
und Wut. Aus irgendwelchem Grunde schien Lande, daß ihn Tkatschow, wenn
er jetzt blinzelt, niederschlagen oder ihm ins Gesicht spucken werde.
Aber er blinzelte nicht.

Plötzlich senkte Tkatschow die Augen.

»Nichts wissen Sie!« sagte er leise, grob und herausfordernd.

»O doch, ich weiß!« erwiderte Lande fest. »Ich kenne Ihr ganzes Leben,
ich habe viel von ihm gehört ... Und Sie haben selbst von vielem
gesprochen, als Sie damals vor Gericht die Rede hielten ... Man hat es
mir wiedererzählt. Sie haben alles so richtig und lebend geschildert, so
daß schwerlich ...«

Ein törichter, prahlerischer Zug trat in Tkatschows Mienen.

»Und Sie meinten wohl, nur Ihr, die Herren Studenten, versteht zu reden?
Nein, die Zeiten sind vorbei! Jetzt ...« er redete fort, ohne bei der
Sache zu bleiben.

»Sie haben doch auch nur gestohlen, obgleich Sie nie ein Dieb gewesen
sind ...« Lande hatte auf das Letzte nicht mehr gehört. »Ich weiß, Sie
hatten stets ein bitteres Leben, und doch haben Sie weder gestohlen,
noch tranken oder rauchten Sie. Ich weiß auch, wie Sie das Evangelium
studierten, wie Sie aufhörten, Fleisch zu essen ...«

»Das ist dummes Zeug!« erwiderte Tkatschow mit unnatürlicher,
geheuchelter Verachtung.

»Nein, gewiß nicht dummes Zeug! Es ist eine gewaltige Tat, wenn der
Mensch so an sich arbeitet! Dazu gehört eine große, eine ungeheure
Kraft. Und Sie hatten sie, Tkatschow ... Warum fehlt Sie Ihnen jetzt?«
Lande fragte fest, flehend und griff nach seinen Händen. »Warum kämpften
Sie nicht bis zum Ende mit sich?«

»Bis zu welchem Ende? Gestatten Sie die Frage, Herr Lande?« Tkatschow
verzog sein Gesicht zu einer schadenfrohen, aber gleichzeitig
bemitleidenswerten Grimasse; er riß seine Hände los.

»Bis zum Sieg, Tkatschow! Alles kann der Mensch besiegen, wenn er um
seine Idee kämpft. Sie hatten die Idee, daß alle Menschen Eins sind und
daß das Leben und das Gefühl auch Eines, und schön sein muß! Und Sie
würden gesiegt haben, Tkatschow -- Sie sind ein starker Mensch! Warum
haben Sie also den Mut verloren, was ist geschehen?«

Tkatschow schwieg. Auch Lande schwieg mit eigentümlichem Zittern. Die
ungeheure Erregung, in der er sprach, erschöpfte ihn. Seine hellen Haare
klebten an der Stirn, Lippen und Hände bebten und nur die Augen
leuchteten wie früher, in Liebe und Mitleid.

Tkatschow schwieg ziemlich lange.

»Hören Sie, Herr Lande,« sprach er mit erhobenem Kopf, doch ohne Lande
anzublicken. »Sie sagten eben, daß Sie mich kennen; es ist richtig. Sie
kennen ... kennen mein ganzes unglückseliges Leben und all das Leid, das
in mir steckt ... Ja ... aber auch ich kenne Sie nicht weniger! Jawohl!
Sie sind ein guter Kerl, -- alle sagen das von Ihnen und ich weiß es
auch. Besser als Sie gibt es bei uns in der Stadt, und vielleicht
überhaupt keinen Menschen. ... Ich glaube, daß Sie vielleicht ein
heiliger Mensch sind, weil Ihre Seele einfach ist ... gerade so wie
Glas! Erlauben deshalb, daß ich frage: wo blieben Sie denn, als all das
mit mir vorging?«

Lande hob die Hand.

»Nein, erlauben Sie, daß ich es jetzt ausspreche!« schnitt ihm Tkatschow
mit fester, gehässiger Stimme das Wort ab. »Alles haben Sie in meinem
Leben bedeutet, Herr Lande, wenn ich die Wahrheit sagen soll. Ich kenne
Sie schon lange. Sie waren damals noch ein Kind; ich war auch gerade
noch nicht groß, als ... Sehr vieles haben Sie damals für mich bedeutet!
Erinnern Sie sich aber, Herr Lande, wie ich zu Ihnen wegen Büchern kam?
Sie waren damals in der Abreise, schnürten im Vorzimmer Ihren Koffer ...
Ich hatte vorher drei Jahre auf Sie gewartet, und Sie -- was haben Sie
mir gesagt?«

Lande wurde in seiner qualvollen Erregung wie von Krämpfen
durchschüttelt.

»Tkatschow, Tkatschow, das ist richtig ... aber ... doch ...«

Tkatschow wandte ihm ein schwarzes, steinernes Gesicht zu und sagte
durch die gepreßten Zähne mit schneidender Stimme: »Sie haben mir
gesagt, Sie wollten abreisen ... hätten keine Zeit, versprachen später
einmal mit mir zu reden! Und das war alles ... Und ich erwartete damals
von Ihnen ein Wort für mein ganzes Leben ... Irgendwas: entweder
verstanden Sie mich nicht, sahen nicht, daß es in mir echt war, oder Sie
merkten es, aber Ihre Abreise, Ihre privaten Angelegenheiten waren Ihnen
wichtiger. So, Herr Lande, nicht? Oder verstehe ich es vielleicht
falsch?«

»Bei Gott schwöre ich Ihnen,« rief Lande, »daß ich geblieben wäre, wenn
ich Sie damals verstanden hätte, Sie waren allein schuld, Tkatschow! Sie
mußten offener, energischer an mich herankommen, gerade an die Seele
pochen! Sie sahen doch, daß ich Sie nicht verstand!«

Tkatschow lächelte langsam und böse.

»Ich sah es! -- Das ist es eben, daß ich es sah. Das war es auch, was
mich ein für allemal von meinem Weg abbrachte!«

Lande riß weit die Augen auf.

»Hätten Sie Ihre Abreise, Ihre Interessen, einfach für wichtiger
gehalten, Herr Lande, als daß ein Mensch mit seiner offenen Seele zu
Ihnen gekommen war, so wollte ich wahrscheinlich auf Sie spucken und mir
sagen: >Ein wertloses Menschenvieh, wie alle!< Aber das war es nicht.
Ich sah, daß Sie mich einfach nicht verstanden, meine Qual nicht sahen
...«

Lande preßte die Finger zusammen.

»Jedem Menschen kann das doch passieren! Es gibt einen Zustand, den die
Seele im Menschen schläft ... So schlief ich damals auch. Und Sie ...
Warum haben Sie mich nicht aufgeweckt, nicht aus dem Schlaf gestoßen?«

Wieder lächelte Tkatschow langsam und böse.

»Und ich dachte so, Herr Lande ...« seine Stimme klang wie eine
feierliche, längst erwartete, in der Seele brennende Beichte. -- »Hier
ist ein Mensch -- der Beste, -- solchen zweiten werde ich in meinem
ganzen Leben nicht finden, selbst ihm an die Seele zu pochen, ist schwer
...«

»Nicht immer, Tkatschow ...«

»Na, nicht immer ... Dafür ist es ja diesmal ein besonderer Mensch. Und
auch er muß manchmal ordentlich gerüttelt werden, bis er den fremden
Schmerz empfindet! ... Was ist dann erst mit den anderen? ... Die werden
sich schließlich wohl gar nicht aus dem Schlummer stoßen lassen? ...
wie, was meinen Sie?« fragte Tkatschow spöttisch.

»Nicht möglich! Man muß rütteln ... man erreicht es schon!«

»Aber auf diese Weise, wenn man bei jedem Menschen einzeln pochen soll,
werden die Kräfte nicht ausreichen. -- Was soll dann noch zum Leben
bleiben?«

Tkatschow verstummte triumphierend.

Landes Mienen wurden von einem hellen Schein überzogen: »Tkatschow,
schon das ist doch ein ganzes Leben. Der Nachklang dieses Pochens allein
ist schon ein Glück; ein packendes, ungeheures Glück, zu wissen, daß
wir, wenn auch nicht in alle Herzen, doch in das gemeinsame Herz der
Menschheit dringen, daß das von uns begonnene Pochen nicht abstirbt, daß
andere ebenfalls pochen werden, nach uns, daß es von Herz zu Herz
dringt, und einst ... Tkatschow! ...«

»A, ha--a!« Tkatschow brach in ein heiseres Lachen aus, -- vielleicht
war es auch ein Schmerzensschrei. »Fju!« Er stieß einen grellen Pfiff
aus.

»Ihnen kommt es lächerlich vor, Tkatschow?« fragte Lande mit Tränen der
Begeisterung in den Augen. »Sie glauben nicht?«

»Und Sie meinten ja? Das heißt also nur in dem Wahn leben, im Leiden
sein Glück zu suchen? Und ich selbst, ich soll ebenso sterben, wie ich
lebte? Als ob ich gar nicht gepocht hätte? Oho! Trinken -- Sterben,
nicht Trinken -- auch Sterben! Suchen Sie sich irgendwo anders einen
Narren dazu!«

Seine Stimme wurde überlaut, frech und leer. Und wenn Lande noch eine
Hoffnung gehabt hätte, daß Tkatschow ihn verstehen würde, so schob sich
jetzt, beim Schall dieser Stimme, mit einem Mal eine unsichtbare,
undurchdringliche Mauer empor, stand unüberwindlich zwischen ihnen, und
ihre Kühle drang den beiden bis ins Herz hinan.

»Tkatschow,« begann Lande zaghaft und ratlos. »Kommen Sie doch zu sich.
Begreifen Sie denn nicht? ... Gehen Sie von hier fort, -- diese
entsetzliche Umgebung hat auf Sie eingewirkt!«

»Wo soll ich hingehen?« spottete Tkatschow.

»Irgendwohin ... zu mir ... Ich habe für Sie Geld mitgebracht ... Sie
nehmen es und reisen von hier ab, vergessen alles; und wenn die Zeit
vergangen ist, sind Sie zu sich gekommen ...«

»Geld?« fragte Tkatschow mit zusammengekniffenen Augen, und plötzlich
rief er, entsetzlich grob, schroff und verzweifelt: »Ich brauche kein
Geld von dir! Mit Geld will er mir das Maul stopfen! Schere dich fort!
...«

»Tkatschow, Tkatschow, warum? Lieber Tkatschow, ich habe doch ...«
stammelte Lande und griff krampfhaft nach seinen Händen.

Tkatschow riß sich heftig los, wandte sich schroff um und ging rasch aus
der Zelle. Er kehrte jedoch sofort zurück. Auf der Schwelle blieb er
stehen, blickte Lande einige Sekunden unverwandt und scharf an und
sprach dann leise, wie vor sich hin:

»Der Selige ...« Noch leiser, aber beißend als ob es ein feines Gift
wäre, das er ausfließen ließ, fügte er hinzu: »Die heilige Seele auf
Stelzfüßen ... Schafskopf! ...«

Dann machte er kurz, militärisch kehrt und ging den Korridor entlang.

»Tkatschow!« rief Lande verzweiflungsvoll. »Tkatschow!«

Tkatschow antwortete nicht und ging fort.


                                   V

Spät abends kam Schischmarjow zu Lande. Der kleine Student mit den
hastigen Bewegungen und der scharfen Stimme war von dem Entschluß
Landes, sein Geld fortzugeben, vollständig hingerissen. Aber er hatte
ein ganz eigentümliches Gefühl: das, was Lande tun wollte, entzückte und
rührte ihn, er empfand eine ungewöhnliche Erhebung, aber zur gleichen
Zeit war es ihm peinlich, als ob er selbst etwas schlechtes beging.
Vergebens suchte er sich damit zu beruhigen, daß er nichts mit Landes
Entschluß zu tun hätte; er konnte die peinliche Stimmung nicht
überwinden. Er trat eilig ins Zimmer ein, drückte Lande die Hand und
sagte, während er es vermied, ihm gerade in die Augen zu sehen:

»Nun, hier bin ich ...«

Lande öffnete sofort die Tischlade und nahm das Geld heraus -- vier
Pakete lange, schöne Scheine, die unter seinen dünnen Fingern trocken
raschelten.

»Ich wollte dir sagen ...« begann Schischmarjow plötzlich, als ob er von
hinten einen Stoß bekäme, mit erzwungener Stimme. »Vielleicht gibst du
nicht alles? ...«

Lande erwiderte einfach, als ob er an etwas anderes dachte: »Das bleibt
sich gleich; wenn schon, dann Alles.« Er überlegte, schwieg eine Weile
und fügte hinzu: »Ljonja, ich werde nicht mit dir gehen, verteile es
selbst; ich werde dir sagen, warum: Mutter ist furchtbar böse auf mich,
wegen dieses Geldes ... ich muß sie beruhigen, mit ihr sprechen ...«

Schischmarjow nahm unschlüssig das Geld.

»Siehst du, auch deine Mutter ist unzufrieden ...«

Über Landes Gesicht zog ein blasses aber festes Lächeln.

»In solchen Fällen darf man nicht an eine Mutter denken!« sagte er
ernst.

Schischmarjow rührte sich immer noch nicht; er fühlte sich immer
peinlicher.

»Ich weiß wirklich nicht ...« meinte er. »Wie soll ich denn allein ...«

Lande lächelte wieder; jetzt hell und zärtlich.

»Irgendwie ...« er machte eine gleichgültige Handbewegung.

»Dein Herz wird dir schon sagen. Und es ist ja auch weiß Gott keine
schwierige Aufgabe.«

»Na, wie du willst!« Schischmarjow willigte ebenso unentschlossen ein
und nahm seine Mütze. Auf einmal tat ihm Lande so leid, daß ihm fast die
Tränen kamen. Im Zimmer war es etwas ungemütlich, leer, man hatte den
Eindruck mönchischer Einsamkeit. Lande sah krank und trübe aus. Gegen
seinen Willen fand Schischmarjow seltsam und unbegreiflich, daß ein
Mensch, der eine so gute, große Tat vollbrachte, nicht Freude und Stolz
in seinen Mienen zeigte.

»Er ist ein sonderbarer Mensch!« dachte Schischmarjow, und dieser
Gedanke schwächte in ihm, fast unmerklich für ihn selbst, das Gefühl für
Lande und dessen Tat ab.

»Auf Wiedersehen, mein Lieber!« sagte Lande.

»Wanja!« rief hinter der Tür die zitternde Stimme der Mutter.

Ein schmerzlicher Zug strich um Landes Lippen.

»Geh, Lieber!« sagte er leise, aber fest zu Schischmarjow.

Schischmarjow stand verlegen da. Das Geld brannte ihm in der Hand, als
wenn es gestohlen wäre.

»Du mußt das einfach lassen!« sagte er mit einem leichten Unterton
trüben, unangenehmen Ärgers.

Lande schüttelte den Kopf.

»Nein,« sagte er, »es muß getan werden. Dort ist entsetzliche Not,
Kummer ... Der Mutter scheint nur, daß sie leidet ... Ich mußte doch so
wie so dieses Geld für mich verwenden.«

Landes Mutter trat ein. Ihr weiches, von Trauer und Gutmütigkeit
durchschienenes, altes Gesicht sah jetzt aufgeregt und böse aus. Sie
atmete schwer und häufig, so daß ihr Atmen in dem ganzen Zimmer hörbar
war.

Lande ging ihr rasch entgegen, nahm ihre beiden Hände und legte sie auf
seine Brust.

»Mama ...« sagte er, ihr flehend in die Augen blickend. »Nicht doch!«

Schischmarjow verbeugte sich linkisch.

Die Mutter riß ihre Hände los.

»Was nicht?« begann sie mit schroffer und lauter Stimme, der man anhören
konnte, wie viel sie geschrieen und geweint hatte. »Du hast kein Recht
dazu! Der Vater hat nicht sein ganzes Leben lang für irgendwelche
Bettler gearbeitet! Du Dummkopf!«

»Geh, Ljonja!« sagte Lande traurig zu Schischmarjow.

Die Mutter sprang erregt auf und stellte sich in den Weg, obgleich sich
Schischmarjow noch gar nicht vom Fleck gerührt hatte. Ihre grauen Haare
zerzausten sich auf ihrer Stirn. Gierige Angst lugte aus den rund
gewordenen, fast wahnsinnigen Augen.

»Sie verleiten ihn dazu!« schrie sie wütend. »Wie unterstehen Sie sich!
Ich werde Sie anzeigen. Das ist Plünderung ... Sie haben sich schon
gefreut!« ...

»Ich ...« stotterte Schischmarjow verwirrt und verletzt.

»Geben Sie das Geld her!« kreischte die Greisin auf und riß rasch das
Geld mit gekrümmten Fingern, die mit einem Mal knochig und hakenartig,
wie Krallen aussahen, aus Schischmarjows Hand.

Auf dem Gesicht des kleinen Studenten zeigte sich wütende Empörung. »So
nehmen Sie es doch,« brüllte er, die Fäuste ballend, so laut, daß man es
auf der Straße hören konnte.

Im Augenblick wurde es still. Die Greisin sah ihn mit offenen,
erschreckten Augen an. Schischmarjow wandte sich zu Lande hin, bewegte
die Lippen, rang nach Atem; ein Krampf verzerrte sein linkes Auge und
die eine Backe.

»So geht's denn doch nicht,« sagte er mit Mühe. »Adieu ... ich gehe!«

»Geh, Ljonja ...« antwortete ihm Lande ebenso traurig. »Sei mir nicht
böse!«

Schischmarjow machte eine Bewegung, setzte eine ratlose Miene auf, als
ob er noch etwas hinzufügen wollte, sagte aber nichts und ging fort. Im
Zimmer wurde es still. Die Mutter Landes hielt die Hand mit dem
festgepreßten Geld tief in der Tasche; und Lande sah sie traurig und
sanftmütig mit offenen Augen an. Sie waren zu zweit in dem kleinen
Zimmer, aber jeder fühlte sich, als ob er nur allein wäre.

»Schlage dir gefälligst diese Dummheit aus dem Kopf!« sprach endlich die
Mutter mit verkniffener Stimme.

»Es ist keine Dummheit ...« Lande schüttelte den Kopf.

»Wem willst du damit imponieren?« fuhr die Mutter spöttisch fort.
»Schämst du dich nicht? Wozu hast du es gebracht!« Ihre Worte klangen
plötzlich weinerlich; gleich nahm sie auch die Hand aus der Tasche und
fing an, zu weinen.

Lande schwieg, bitter die Hände ineinander gefaltet. Im Zimmer war es
dunkel und grämlich.

»Du wirst mir später selbst einmal danken!« sagte die Mutter leise.

»Ich weiß nicht. Höre, Mama, wenn du mir nicht das Geld gibst, werde ich
es nicht von dir verlangen. Mag es für dich bleiben ...«

Die Mutter fühlte sich gekränkt und beleidigt. »Wie du das nur sagen
kannst!« rief sie mit Tränen der Entrüstung, während sie vorwurfsvoll
die Hände ineinander schlug. »Will ich es denn für mich? ... Wozu
brauche ich es denn! ... Für mich ist die Zeit zu sterben ... Was du da
sprichst, überlege nur!«

Lande schwieg. Dann erst sagte er: »Ich weiß. Doch nicht das will ich
sagen. Ich liebe Sie ja, Mama, ich liebe Sie herzlich. Aber Sie glauben,
daß Sie mich vor dem Untergang bewahren, indem Sie mir dieses Geld
zurückhalten; und ich glaube, daß Sie mich dadurch zugrunde richten.
Meinen Sie denn wirklich, daß ich das Geld jemals für mich behalten
werde? Ich würde es doch fortgeben, ganz gleich, ob diesen Leuten oder
anderen, wenn ich es eben meinem Gefühl nach tuen müßte ... Und daher
...«

»Du bist am Ende ganz verrückt?« rief die Mutter entrüstet. »Und wovon
würdest du leben?«

»Irgendwie schlage ich mich schon durch; darüber braucht man nicht
nachzudenken!« sagte Lande überzeugt.

»Du willst mir wohl ewig auf der Tasche liegen?« fragte sie giftig.

»Nein, ich werde von Ihnen fortgehen. Es ist für uns schwer, zusammen zu
leben, es geht nicht gut: Sie werden mich nicht so leben lassen, wie ich
möchte; und ich werde Sie quälen ... Lieber will ich allein leben.«

Die Mutter riß die Augen auf; das Blut schwand langsam aus ihrem
Gesicht.

»Wanja ... was sprichst du!« stammelte sie entsetzt.

Lande seufzte still, kam auf sie zu, sank in die Kniee und fing an, ihre
tränennasse Hand zu küssen. Sie blickte auf seinen Kopf mit den weichen,
schwachen Haaren, und fühlte, wie ein unüberwindliches Unglück auf sie
heranrückte.

»Weine nicht, Mutter, du teure! ... So wird es besser sein ...« sprach
Lande kaum vernehmbar mit schwacher, zitternder Stimme.


                                   VI

Marja Nikolajewna saß am offenen Fenster und schaute unverwandt, in
Gedanken versunken auf die lange Straße, deren eine Seite von
grünlich-blauem Mondenschein überflutet war, während die andere im
tiefen Dunkel lag. Fern flimmerten hell und kühl die Sterne, schwarze
Bäume standen wie versteinert im Mondschein. Es war leer und kühl.

Aus der Ferne ertönten einsame Schritte, die still und deutlich auf den
Brettern des Bürgersteigs widerhallten. Ein unsichtbarer Mensch kam
durch die Nacht, immer näher und näher. Es war sonderbar und
geheimnisvoll, diese Schritte zu hören, als ob sich in der kühlen,
klingenden Stille die Töne von selbst näherten und ein eigenes einsames
Geheimnis mit sich trügen.

Marja Nikolajewna lehnte weit aus dem Fenster und als sich in der
Dunkelheit ein schwarzer Schatten abzuheben begann, sah sie genauer hin,
erkannte ihn und rief: »Iwan Ferapontowitsch, sind Sie das?«

Lande fuhr zusammen und blieb stehen, dann lächelte er freudig und ging
auf sie zu.

»Wo gehen Sie hin?« fragte das Mädchen, als er direkt vor ihr stand.

»Nach Hause ... zu Ssemjonow. Ich wohne doch jetzt bei ihm ... vorläufig
...« erwiderte Lande schwach und müde.

Er stand dicht am Fenster, und das Mädchen sah ganz deutlich sein
eingefallenes Gesicht mit unnatürlich großen Augen. Das Gefühl
neugierigen Mitleides, jenes Gefühl, welches Lande stets in ihr
hervorrief, erhob sich in ihrer Brust, ebenso rein, jung und kraftvoll,
wie diese junge Brust selbst.

»Iwan Ferapontowitsch ...« fragte sie weich; ihr war vor ihm bange. »Ist
es wahr, daß Sie mit Ihrer Mutter vollständig gebrochen haben?«

Doch sofort erschrak sie und sprach hastig weiter, als ob es ihr um die
unwillkürliche Frage leid tat: »Ich frage Sie, weil Sie und Ihre Mutter
mir so leid tun ... und bei Ihnen darf man doch nach allem fragen ...
nicht wahr?«

»Mich kann man fragen ...« antwortete Lande mechanisch. Er hatte
offenbar ihr Erschrecken nicht bemerkt; er sagte traurig und
nachdenklich: »Ich habe mit ihr nicht gebrochen, -- ich habe nie und mit
niemandem gebrochen ... Meine Mutter liebe ich auch jetzt -- vielleicht
sogar mehr noch, weil sie unglücklich ist ... Ich bin nur fortgegangen,
um allein zu leben ... Da mußte ich eben wählen: entweder nicht so
leben, wie mich meine Überzeugung heißt, oder fortgehen ... Ich glaube,
Sie hätten ebenso gehandelt ... wie ich.«

Marja Nikolajewna sah ihn mit zutraulichen Blicken an. »Nein, ich könnte
es nicht ... wie käme ich dazu!« wehrte sie mit schwachem Lächeln ab.

»Wissen Sie,« fuhr Lande, der nicht zugehört hatte, fort, und ein Ton
feierlicher Trauer lag in seiner Stimme, -- »es ist leichter das Leben
zu opfern, als ... doch nein, ich verstehe nicht, es auszusprechen!« ...
er lachte plötzlich kurz und traurig auf und verstummte.

»Wo waren Sie denn?« fragte Marja Nikolajewna nach einer Pause.

»Im Kloster,« antwortete Lande.

»Haben Sie zu Gott gebetet?« fragte scherzhaft das Mädchen.

»Nein, ich ging so hin ... dort ist es so still ... Und übrigens, ich
habe auch gebetet ...« erwiderte Lande ernst, als ob er ihren Scherz
weder verurteilen, noch an ihm teilnehmen könne.

»Glauben Sie denn an Gott?« fragte sie mit jugendlich leichtsinniger
Neugierde.

Lande blickte sie an.

»Es ist unmöglich, nicht an Ihn zu glauben!« erwiderte er still und
überzeugt, fast verwundert.

»Warum unmöglich? Ich z. B. glaube nicht an ihn.« Marja Nikolajewna
senkte ein wenig den Kopf, als ob sie auf die süßen Töne ihrer Stimme
lauschte.

»Sagen Sie das nicht!« versetzte Lande heiß und innig. »Das ist nicht
wahr. Alle glauben, und auch Sie glauben ...«

Er streckte plötzlich seine Hand aus und ergriff ihre feinen, zarten
Finger. »Blicken Sie nur auf und Sie werden sehen, daß es unmöglich ist,
nicht zu glauben ... Schauen Sie in den Himmel, schauen Sie!«

Unwillkürlich hob Marja Nikolajewna den Kopf, und von unten erschienen
Lande ihre großen Augen voll tiefer Sehnsucht.

Kein Ende sah man für die Weite des Himmels und keinen Boden gab es für
die strahlende Tiefe. Je mehr sie hineinsah, um so ferner und höher,
unfaßbar, gingen die Sterne fort und schwanden gegenstandslos in dem
unübersehbaren Raum. Es war, als ob das geheimnisvoll-feierliche
Schweigen irgend eine unergründliche schwingende Bewegung durch seine
ewige Kühle zum Stillstand gebracht und gefesselt hätte. Eine
überdenkliche Kraft hob ein gewaltiges, undurchdringlich durchsichtiges
Gewölbe über den Weltenraum und erstarrte in ungeheurer Spannung.

»Wie furchtbar ist es da!« sagte Marja Nikolajewna plötzlich mit
bebender Stimme. »Und wenn das einmal zusammenstürzt ... Herrgott,
könnte man sich denken, vorstellen, was da sein würde! ...«

Lande lächelte zärtlich und still; leise fuhr er gleichmäßig streichelnd
über ihre Hand.

»Nein, es stürzt nicht zusammen!« sagte er. »Schauen Sie, was für eine
erdrückend grenzenlose Größe das ist, und wir sind so klein, so klein;
wir können nicht einmal den tollen Wirbel sehen, in dem alles
dahinsaust. Vergegenwärtigen Sie das sich nur: wie klein muß doch der
Mensch sein! In jedem Augenblick, in jedem millionsten Teil eines
Augenblickes trägt ein furchtbarer Rausch das Riesengebäude der Welt in
unbegreifliche Fernen; wir aber sehen nur Starrheit ... Welch ein Orkan
von überwältigenden Tönen muß das sein; uns gaukelt es feierliche Stille
vor! ... Und trotzdem schreiten wir, die so winzig sind, so frei
vorwärts, als ob alle diese Riesenmassen uns aus dem Wege gingen! Als ob
uns eine Hand leitet, die uns durch jedes Hindernis hindurchführen kann.
Das geringste Teilchen der feindlichen Kraft könnte uns hinwegwischen;
aber die menschliche Geschichte bewegt und entfaltet sich so frei, als
ob sie in allem der Mittelpunkt wäre. Damit etwas so Kleines, Schwaches
derart auf seiner Bahn gehen konnte, sicher, daß es zum Ziele vordringen
wird, ist es notwendig, daß es zu irgend einem Zweck in der Welt nötig
wäre und daß es vom Weltwillen für eine Zeit bewahrt würde, wenn ...«

Lande schwieg eine Weile, sah mit glänzenden Augen nach oben und fuhr
fort:

»Scheint es Ihnen nicht so, als ob alles erstarrt wäre und wartete, bis
hier, auf der Erde, etwas geschieht, was einmal geschehen muß ... Und
wenn das eintrifft, dann wird alles urplötzlich in Bewegung geraten,
hier vernichtet, dort geschaffen werden, irgend ein neues Licht
aufleuchten, neue Formen, neues Leben emporsteigen.«

»Manchmal ist es so,« antwortete still Marja Nikolajewna. Ihr war
eigentlich bange zumute. Etwas wuchs vor ihr hoch, ungeheuer groß wie
aus der Ewigkeit in die Ewigkeit, wie aus einem unendlichen Raum in
einen unendlichen Raum hinein. Die Stille der Nacht schwang sich wie
eine feierlich dröhnende, dräuende Musik vor ihr.

»Wie wunderbar, wie kompliziert ist das alles!« sprach Lande mit
geheimnisvoller Begeisterung. »Selbst die Ewigkeit und die
Unendlichkeit, die nicht klein, nicht groß sind, die keine Zeit
besitzen, durch welche ein Augenblick im Leben der Welten mit dem
Augenblick im Dasein eines Menschen zu vergleichen wäre ... Soll das die
kalte, tote Ordnung einer durch seelenloses physisches Gesetz
geschaffenen Maschine sein? Das ist die furchtbare Tragik im Prozeß des
Schaffens, der alles umfaßt, der keine Teilungen, gleich für welche
Zwecke, duldet. Ein Geist dieses Schaffens, eine Seele der Welt -- sie
existiert. Es wäre unmöglich, das nicht zu glauben, unmöglich, das nicht
zu sehen! ... nicht zu hören, nicht zu empfinden ...«

Ein eisiges, mystisches Grauen schlich stockend in die Seele Marja
Nikolajewnas. Sie zog sich nervös zusammen; ihre Augen weiteten sich,
wie bei einer Katze, die etwas ängstigendes vor sich sieht.

Lande verstummte; es wurde still, so still, als ob jemand über die Erde
schreitet; mit metallnem Klang setzt er schwer und geheimnisvoll Schritt
vor Schritt.

»Meine Ohren klingen!« sagte Marja Nikolajewna, am ganzen Körper
zitternd. »Es ist kalt ... Auf Wiedersehen!«

Sie zog sich in die schwarze Finsternis des Zimmers zurück und schloß
das Fenster, das auf seiner einen Scheibe blind glänzte.

Lande blieb allein und stand lange inmitten der leeren Straße; mit
feuchten Blicken schaute er nach oben, zwischen die Sterne, in die
dunkelblaue, kühle Tiefe hinein.


                                  VII

In ein Laken, aus dem unten die dürren, nackten Beine herausblickten,
eingewickelt, einem schlecht kostümierten Gespensterdarsteller ähnlich,
öffnete Ssemjonow Lande die Tür. Den Augen Landes, die noch an die
feuchte Luft und den reinen Glanz der Nacht gewöhnt waren, kam das gelbe
trockene Licht der Lampe, die dünnen, gebrechlichen Möbel, das
durcheinandergeworfene Bett mit den heißen Kissen und das trockene,
gelbe Gesicht Ssemjonows, seine stockdürren, weißen Beine, im ersten
Augenblick ganz unerträglich vor.

Ssemjonow setzte sich auf das Bett; sein Aussehen war entsetzlich.
Sein erdfarbenes gerunzeltes Gesicht, die dünnen Haare, die
schweißdurchtränkt an den mit trockener Haut bezogenen Schläfen klebten,
der magere Körper, auf schmale, spitzige Schulterblätter gespannt, alles
sprach in einfacher, furchtbarer Sprache von der sinnlosen Krankheit,
die von niemandem in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit begriffen werden
konnte, die sich im Innern eines Menschen verbirgt; und an einer kleinen
Stelle der Zerstörung seine ganze Welt -- sein Leiden, Verzweifeln und
Grauen -- einschloß.

Ssemjonow blickte mit geweiteten, fieberglänzenden Augen auf Lande;
sobald er sich neben ihm auf das Bett gesetzt hatte, sagte er hastig:
»Es ist gut, daß du herkommst ... Mir ist schlecht ... bange, irgend
warum ... gewesen. Ich werde schon bald sterben, Lande ...«

Es schien, daß er nicht auf Lande sprach, sondern auf jemanden, der sich
in der Tiefe seines leidenden Körpers grämte, einredete, um ihn von dem
unvermeidlichen, und doch nicht auszudenkenden Ende zu überzeugen.
Stechendes Mitleid riß Lande fort. Er wandte seinen Körper ganz zu
Ssemjonow hin und legte beide Arme um die mageren Schultern, die nach
kaltem Schweiß rochen. Durch das abgeriebene, fadenscheinige Hemd ließ
sich der heiße Körper und die harten Knochen fühlen.

»Wassja ... mein Lieber, Armer!« sagte er und versuchte ihn, beinahe
weinend, von alldem zu überzeugen, was er selbst liebevoll und naiv
glaubte: »Unmöglich kann ein Leben nur für die Erde existieren, zu
riesig sind die Mühen und Leiden, als daß sie vergehen könnten, ohne
sich über das Irdische zu erheben. Unbegreiflich, armselig und sinnlos
wäre dann die Existenz des menschlichen Geistes mit seiner lichten
Vernunft und dem geschmeidigen, reichen Denken in der unendlich großen,
schönen, ewigen Welt.«

Lande sprach lange, eilig, als ob er fürchtete, daß es seinen Worten
nicht gelingen werde, das Gewaltige, Dunkle, das langsam von der
leidenden Seele Besitz nahm, zum Stehen zu bringen, ihm den Weg zu
verlegen. Ssemjonow hockte regungslos zusammengekauert und blickte starr
in die Flamme der Lampe. Seine dünnen rissigen Lippen waren fest
aufeinandergepreßt und von der Seite sah Lande ein glänzendes Auge, in
dem sich die gelbe Flamme der Lampe wiederspiegelte. Manchmal kam es ihm
vor, daß Ssemjonow gar nicht auf ihn höre; dann wünschte er ihm ins Ohr
zu schreien, ihn anzurufen, an der Schulter zu rütteln, voll Trauer und
Verzweiflung. Doch mit Entsetzen bemerkte er, daß dieses einsame Leiden
taub und verschlossen blieb, wie der Deckel eines eisernen Sarges, der
ebenso kühl und stumm ist und ein furchtbares Geheimnis in sich birgt,
das ihm allein offenbar ist.

»Wassja, ich weiß doch, du glaubtest!« rief Lande. »Erinnerst du dich,
wie glücklich und frei wir waren, als wir von Gott, vom ewigen Leben,
von den ewigen Freuden sprachen! ... Warum schweigst du denn, Wassja?
... Sage doch etwas!«

»Höre, Lande ...« erwiderte Ssemjonow plötzlich, ohne den Kopf zu heben,
als ob er einen verborgenen Ausdruck seines Gesichts vor ihm verstecken
müßte. Er sprach auch nicht wie sonst, oberflächlich und ironisch,
sondern mit bemitleidenswerter und ratloser Stimme, mit kindisch
schluchzenden Tönen. -- »Ich wollte dir sagen, Lande ... ich möchte gar
nicht sterben! ...«

Ein feiner Gram weinte und flehte aus jedem Wort; seine Stimme grub sich
scharf in die Ohren.

»Ich möchte nicht, Lande ... Mag alles so sein, vielleicht ... und ich
... komme nur früher als ihr ... zum gemeinsamen Ziel ... Mag auch Gott
und alles sein ... aber ... aber ich möchte doch nicht sterben, Lande!
... Um das Leben schmerzt es mich, um dich, um mich, die Sonne, das Gras
... um alles schmerzt es mich. Vielleicht sehe ich es nie mehr wieder
... Lande!«

Lande weinte; dicke Tränen flossen über sein gespanntes Gesicht und die
Hände bewegten sich ohnmächtig hin und her.

Ssemjonow schwieg. Dann setzte er sich auf, während er in seinem dünnen,
hellen Kinnbart kraute, überlegte ein wenig, und fiel wieder zurück.
Sein gerunzeltes Gesicht veränderte sich auf einmal; wurde trocken und
gelb.

»Ein Dummkopf bist du, Lande!« sagte er mit einem boshaften Lächeln:
»glaubst du denn wirklich, daß all dieses dumme Zeug über Gott irgend
eine Bedeutung haben kann, wenn man tatsächlich ans Sterben kommt? ...
Es ist ja ganz tröstlich und behaglich, über Unsterblichkeit
nachzudenken ... man muß darüber denken, um zu leben. Aber wenn man
stirbt und weder vor noch hinter sich irgend einen Gott sieht ... da
läßt man sich nicht betrügen ... es hat auch keinen Zweck ... Rede nur
nicht weiter! ... Es regt mich bloß auf!«

Die letzten Worte rief er mit dünner und böser Stimme, sein Unterkiefer
klappte unaufhaltsam gegen den oberen.

»Da leide ich ... kannst mir glauben, daß ich nicht zum Scherz die
Schmerzen habe --« auf sein Gesicht trat ein krummes Lächeln. »Mein
Leben ist schon zu Ende, alle Freuden, Sinn ... alles zu Ende! ... Nur
das Leiden allein ist geblieben ... Man könnte glauben, hier wäre dein
Gott vor allem nötig ... Sonst ist das Leiden sinnlos! ... Aber wo
bleibt nun dein Gott? ... Warum zeigt er sich jetzt nicht? ... Wenn ich
im Todeskampf liege und meine Beine kalt werden ... vor meinen Augen,
bei vollem Bewußtsein kalt werden ... Verstehst du es? ... Ach, auch
dann werde ich immer noch nicht wissen, ob es wahr ist, ob es einen Gott
gibt! ... Wozu sollte ich es auch wissen.«

Ssemjonows Stimme pfiff und kreischte auf, bohrte sich in die Wände und
brach plötzlich ab. Er wurde blaß, sperrte wild die Augen auf, zitterte
am ganzen Körper, und mit einem Mal riß ein abgerissenes, feuchtes
Husten sein von Angst, Haß und Schmerz verzerrtes Gesicht fast in
Stücke.

Lande ergriff ihn und stützte ihn mit zitternden Händen. Ssemjonow
rollte ihm seine Augen, ungeheuer vergrößert wie das Leiden selbst,
entgegen; er strengte sich noch immer an, weiter zu reden.

»Ah, also was für einen Wert hat dann noch dein Gott!« sagte er, nachdem
er aufgeatmet hatte, und schielte erregt auf das Taschentuch, in dem
Schleim und Blut klebte. »Für einen lebenden Menschen. Der Mensch
erkennt ihn also, falls er überhaupt existiert, nur dann, wenn alles
Menschliche in ihm ... alles Lebendige bereits gestorben ist ... wenn
der Mensch nicht mehr da ist, nur eine Leiche ist, aber kein Mensch ...
Gehe schlafen ... Ich lösche die Lampe aus ...«

Lande antwortete nichts; er fühlte sich unfähig, sein Gefühl und seinen
Glauben einem anderen Menschen mitzuteilen, der zwei Schritt neben ihm
bitter litt.

Ssemjonow blicke ihn scharf an und lächelte mit selbstquälerischem
Genuß.

»Weißt du, worüber ich heute nachgedacht habe, Lande?« begann er in
seinem gewöhnlichen Ton, indem er den Mund spitz verzog. »Daß alle
Menschen meine Brüder sind und daher wirklich kommen werden, um mir ihre
letzten brüderlichen Küsse zu geben ... Nun will ich dir aber sagen,« er
strengte sich wirklich an, die Rückkehr des Wutanfalls zurückzuhalten,
»daß, wenn mich irgend etwas trösten kann, es nur noch das ist, daß dann
alle an mir verrecken werden!«

Er warf sich ins Bett zurück, und, klein, schmächtig, wie ein
geschlachtetes Huhn, erstarrte er.

Lande löschte die Lampe aus und legte sich, ohne sich auszukleiden,
nieder, das Gesicht in die Kissen gepreßt. In dieser Nacht schlief er
nicht ein; sie verstrich für ihn fast unmerklich, als ob er außerhalb
jeder Zeit stünde. Ohne Schlaf und Ruhe dachte er darüber nach, daß er
selbst nicht weit genug in seinen freudevollen Glauben gedrungen und
vertieft war, da er nicht die Kraft hatte, ihn anderen mitzuteilen. Noch
litt er selber, wenn auch nur an fremdem Schmerz, noch verlangte er
selber nach Gnade, Erlösung und Heilung, wenn auch nur für einen
anderen. Zum ersten Mal stieg in ihm der Gedanke auf, daß das Leben für
seinen schwachen Geist bunt und sonderlich sei; in seinem Glänzen und
Flackern verlor er das wahre Licht. Nur Einsamkeit, konzentriertes
Vertiefen in die eigene Seele konnte ihm die Klarheit und Festigkeit im
Glauben, die in ihm durch Mitleiden ins Wanken kam, wiedergeben.

Dieser Gedanke, erst undeutlich und unbestimmt, legte sich ihm aufs
Herz.


                                  VIII

Jedesmal, wenn Marja Nikolajewna Lande sah, erfaßte sie eine frische,
zärtliche Regung, die ihre Seele wie stilles, klares Morgenlicht
erwärmte. Sie mochte erregt sein, sich langweilen, sich nach irgend
etwas unklar und gierig sehnen, -- im Augenblick, wo sie Lande mit
seinen vertrauensvollen, guten Kinderaugen begegnete, wurde sie ruhig.

Dieses Gefühl klarer, heiterer Ruhe bemächtigte sich ihrer besonders
stark an einem hellen und warmen Abend, fast einen Monat nach Landes
Ankunft, als sie beide zur Stadt hinaus spazieren gingen.

Gleich an die letzten fast zur Erde geneigten Häuser des Außenviertels
schlossen sich breite Flächen weißen Streusandes an. Die Sonne ging weit
hinten unter; ihre langen Schatten liefen voran, hoben unnatürlich hoch
die Füße, als ob sie ihnen, wie unendliche schwarze Pfeile, den Weg
weisen müßten. In weiter Ferne, mitten im leeren Feld, saß auf den
Hügeln ein Mensch, der sich, hell von der niedrigen Sonne beleuchtet,
deutlich von dem blauen Himmel abhob.

»Da sitzt Molotschajew!« sagte Marja Nikolajewna.

Man konnte sehen, daß sich der Maler über eine kleine Staffelei, die
komisch auf den dünnen spitzigen Beinchen stand, beugte.

»Gefällt Ihnen Molotschajew?« fragte Marja Nikolajewna, und das Gefühl
in ihr erwartete gerade jene ruhige, gute Antwort, die, wie ihr schien,
nur Lande allein zu geben vermochte.

Lande lächelte.

»Mir gefallen alle ...« sagte er. »Alle Menschen sind im Grunde genommen
gleich, und wer den Menschen im allgemeinen liebt, der liebt auch alle
und jeden ...«

»Aber es gibt doch bessere und schlechtere Menschen?«

»Nein, das glaube ich nicht ... Das meint man nur so, wenn man die
Menschen nicht nach den guten Gefühlen bewertet, die in jedem enthalten
sind, wie er auch sonst sein mag, sondern in seinem Verhältnis zu
einzelnen Tatsachen, die man gerade von seinem persönlichen Standpunkt
aus für gut hält ... Das ist doch ungerecht ... Man muß von seiner
Unfehlbarkeit sehr überzeugt sein, um so zu urteilen! Ja ... jeder
Mensch besitzt Liebe, Herzensgüte, Feinfühligkeit, Ehrlichkeit,
Selbstaufopferung -- alles, woran nur die Menschenseele reich sein kann.
Nur die Lebensverhältnisse der Menschen sind ungleich, und daher können
sich diese Gefühle nicht in einer Richtung entwickeln ... Niemandem kann
es aber ein Vergnügen machen, so einfach, um des Gefühls willen, böse,
neidisch, grausam, gierig zu sein ...«

»Mir aber macht es manchmal Vergnügen, grausam zu sein ...« erwiderte
Marja Nikolajewna nachdenklich.

Mit liebevoller Zärtlichkeit sah Lande von der Seite auf ihre schlanke,
abgerundete Gestalt und das zarte, durchsichtige Profil, das stets
traurig aussah, wie auch in Wirklichkeit der Gesichtsausdruck sein
mochte.

»Das wäre doch wirklich ein quälendes Vergnügen ...« sagte er. »Eine
richtige, ruhige Freude an Grausamkeit kann auch der verstockteste
Bösewicht nicht haben, wenn er nicht gerade geisteskrank -- also --
eigentlich kein Mensch mehr ist. Jeder Mensch muß stets etwas lieben,
bemitleiden, sich für etwas aufopfern; stets wird er sich einen Gott
schaffen, weil Gott in seiner Seele lebt. Und nicht er ist daran schuld,
wenn das Leben sein Gefühl nicht auf den richtigen Weg führt ... Das
hängt nur von den äußeren Umständen, von der Richtung ab, in der das
Leben zufällig fließt. Auch hier ... Molotschajew! -- Er liebt
leidenschaftlich seine Kunst, die Schönheit; ich weiß, er würde zu jedem
Opfer für sie bereit sein. Folglich liegt in ihm die Fähigkeit zu lieben
-- und eine große Fähigkeit -- verborgen. Ein Zufall, ein anderer
Antrieb -- und seine ungeheure Liebe fließt in eine neue Form, und aus
diesem ... von unserem Standpunkt aus scheinbar beschränkten hohen
Künstler wird ein Mann der großen Tat, ein Menschenfreund ... alles!«

»Sie glauben an die Menschen!« sagte leise Marja Nikolajewna.

»Ja, ich glaube!« antwortete Lande fest.

»Was gibt Ihnen diesen Glauben?« aus irgend einem Grunde schämte sie
sich sofort ihrer Frage.

»Der Glaube an Gott!« antwortete Lande im gleichen Ton, als ob er nur
fortzufahren hätte. »Ich glaube, ich empfinde es, daß der Geist Gottes,
den Gott in das Chaos warf, um sich ähnliches zu schaffen, durch den
Menschen hindurchgeht, damit er Gottes Wunsch erfülle, hindurchgeht,
damit die große Einsamkeit Gottes erleichtert sei ... Ich kann es nicht
ausdrücken, aber ich glaube an den Menschen, als den Anfang des
Zukünftigen ... Ich glaube!«

Lande verstummte in starker Erregung und lächelte nervös, seine
feuchten, glänzenden Augen leuchteten, er knackte die mageren, schwachen
Finger durch.

Seine Aufregung teilte sich eigentümlicherweise dem Mädchen mit.

»Aber der Tod?« fragte sie mit unklarer Beängstigung, schon dadurch ihre
eigenen Gedanken beantwortend.

»Fürchten Sie den Tod?« fragte Lande statt einer Antwort.

»Ich fürchte!« aber als Marja Nikolajewna ihre gedehnte Stimme vernahm,
mußte sie selbst lachen.

Sie hatten sich langsam den dunklen Streifen einer dicken
Fichtenschonung genähert; jetzt hallte Marja Nikolajewnas Lachen
klingend von dort wieder.

»Nein, Sie fürchten ihn nicht!« auch Lande lachte freudig. »Und es ist
auch nicht möglich, den Tod an sich zu fürchten ... Nichts in der Welt
hat Angst vor dem Tode, als der Mensch allein, und auch er fürchtete
nicht den Tod, sondern die Ungewißheit. Die Furcht vor dem Tode -- das
ist die Müdigkeit des schwachen Geistes, der in der ohnmächtigen
Anstrengung erschöpft wurde, vorzeitig in das Geheimnis einzudringen.
Ich glaube überhaupt nicht, daß es einen Tod gibt!«

Sie kamen in die harzduftende Dämmerung der ersten, grünen
Fichtenstämmchen. Zwischen ihnen war es ganz dunkel, als ob es schon
Abend wäre. Nadelzweige wiegten sich leise über dem grünen Gras am Wege.
Irgend ein Vogel flatterte lautlos von Wurzel zu Wurzel; ein Zweig
brach, der Wind strich durch.

»Sie glauben also an ein Leben nach dem Tode?« fragte Marja Nikolajewna
mit kindischer, inkonsequenter Neugierde.

»Ich fühle nur, daß ich nicht spurlos vernichtet werden kann ...«
antwortete Lande, gar nicht erstaunt über ihre Frage. »Was es aber sein
wird, das weiß ich nicht. Überlegen und vorstellen kann sich der Mensch
nur etwas, das in den Grenzen seines gegenwärtigen Daseins, seiner
irdischen Vernunft und Empfindung vorhanden ist. Man kann sich nicht
ewiges Leben vorstellen, weil es außerhalb unseres körperlichen Lebens
liegt. Unser Körper erfaßt es nicht, er zwingt es zu sich, reduziert es
bis auf seine Größe ... Man kann es nur ahnen.«

»Das verstehe ich nicht ...« erwiderte das Mädchen zaghaft. »Wenn es
existierte, so wäre es sonderbar ...«

»Nein, nicht sonderbar. Was sollte daran sonderbar sein, daß Sie nicht
imstande sind, sich eine große Ahnung zu erklären, da wir doch selbst
Gefühle, die in unserem Körper spielen, noch nicht erklären können ...
Was ist denn Liebe? ... Und sie kommt Ihnen gewiß nicht sonderbar vor?
...«

»Liebe? Ja, die Liebe! ...« Sie wiederholte das Wort leise für sich.

»Ewigkeit und Unendlichkeit, das sind die größten Eigenschaften des
Geistes Gottes ...« sprach Lande verträumt. »Noch so weit ist der Mensch
von der Aufnahme dieser letzten Geheimnisse entfernt ... Und wenn einmal
...«

»Wer ist das?« rief Marja Nikolajewna erschrocken, und blieb stehen.

Zwei Menschen traten hinter den Büschen hervor und kamen ihnen entgegen.
Ihre abgehobenen, bunten Gestalten glitten lautlos in der grünen,
feuchten Dämmerung des Waldes über die Erde. Sie näherten sich ohne
Eile, fast langsam, mit herabbaumelnden Händen, aber etwas Besonderes,
Beunruhigendes, wie eine versteckte Drohung, ging von ihnen aus.

Lande erhob ruhig den Kopf und blickte sie an. »Tkatschow!« rief er
verwundert.

Einige Schritte vor ihnen blieben die Beiden stehen und sahen sich
finster nach allen Seiten um. Dieses unruhige Umsehen in der heiteren,
stillen Dämmerung wirkte unnatürlich und furchterregend.

»Wir müssen fortlaufen!« flüsterte Marja Nikolajewna entsetzt dicht in
Landes Ohr.

Er erkannte ihre angehaltene, vertrocknete Stimme nicht wieder und sah
sich verwundert nach ihr um.

Tkatschow -- schwarz und farblos, in einer zerrissenen Jacke über dem
Hemd, blieb auf dem Fleck stehen; der andere trat mit nackten Füßen
gewandt auf sie zu. Für ihr ganzes Leben blieben Marja Nikolajewna seine
bloßen, weit gespreizten Zehen, zwischen die sich Nadeln und die Spitzen
des zartgrünen Grases schoben, im Gedächtnis eingeprägt.

»Langt wohl für ein Gläschen, was?« sagte der Mann frech und streckte
ihnen eine grobe Hand entgegen.

Marja Nikolajewna klammerte sich krampfhaft an Landes Ellbogen und
schmiegte sich direkt an ihn. Tkatschow bewegte sich nicht.

»Na, wird's bald?« wiederholte der Barfüßler drohend.

Lande zog mit der freien Hand linkisch die Börse heraus. »Hier ...«
sagte er, dem Landstreicher ernst in die Augen blickend.

Tkatschow lächelte ihm von weitem höhnisch zu.

»Warum so wenig?« fragte hastig der Barfüßler, während er die Börse
rasch verschwinden ließ. »Gib das Jackett her ... Aber rasch ... Sie
sollten lieber beiseite gehen, Fräulein ... Das schickt sich vielleicht
nicht!« fügte er höhnend hinzu.

Mit weit aufgerissenen Augen, und am ganzen Körper zitternd, stand Marja
Nikolajewna halb abgewendet am Weg. Lande lächelte wieder traurig, zog
das Jackett aus, und in dem alten Hemd, mit schlecht gebügelten Fältchen
auf der Brust, wurde er noch magerer und schwächlicher.

»Die Hose ist viel zu gut,« sagte der Barfüßler, wobei er sich unruhig
umsah und das Jackett dicht vor der Nase Landes schüttelte. »Immer
runter mit ihr.«

»Sie haben sie notwendig?« erwiderte Lande ruhig, setzte sich aber
gleich aufs Gras. »Gehen Sie, Marja Nikolajewna ... Gott mit Ihnen ...«

Plötzlich packte Marja Nikolajewna ein Anfall nervösen, wahnsinnigen
Lachens. Als ob ihr jemand zum Scherz, aber stark die Kehle zudrückte,
war ihr angstvoll und doch gleichzeitig lächerlich zumute. Der
halbentkleidete Lande saß mit ernstem, weichem Gesicht auf dem Boden,
und der Landstreicher zog an seinem Hosenbein. Tkatschow bewegte sich
und stieß einen eigentümlich heiseren Laut aus, aber niemand wandte sich
um; er zuckte mit einer Schulter, als ob ihm kalt würde, und stand
wieder starr auf seinem Fleck, den Blick unverwandt auf Lande gerichtet.

»Gehen Sie, Marja Nikolajewna!« wiederholte Lande.

»Na, Fräulein ... warten Sie mal!« rief der Barfüßler hastig. »Was haben
Sie denn da?« Er griff mit der Hand nach ihrer Brust, wo eine lange
Uhrkette schaukelte.

Etwas Entsetzliches, Widerwärtig-Grobes lag für das Mädchen in dieser
Bewegung. Wie eine Schlange sich windend, glitt es zur Seite; dann mit
einem Mal stürzte es, das Kleid hoch und wundervoll unordentlich
gerafft, die Straße hinunter, als ob der Wind eine große Blume erfaßt
hätte und dahintrüge.

»Wohin?« rief kurz der Landstreicher und, Lande das Jackett gerade über
den Kopf schleudernd, sprang er, gewandt und leicht, wie ein Raubtier an
ihm vorbei, hinter dem Mädchen her. Im selben Augenblick durchzuckte ein
wilder Schrei, scharf und fein wie eine Nadel, den Wald und bohrte sich
hoch in den dunkel gewordenen Himmel ein.

Diesen Schrei hörte Molotschajew, der hinter einer Wegesbiegung
daherkam. Mit der blitzschnellen, instinktiven Entschlossenheit, die ihm
eigen war, warf er Kasten und Staffelei beiseite und rannte vorwärts.
Der Barfüßler erblickte ihn früher als die anderen. Im Sprunge blieb er
stehen, glitt ins Gras und duckte sich zur Erde, blickte eine Sekunde
lang Molotschajew mit glühenden Pupillen an und schnellte plötzlich in
die Büsche, ein paar Zweige krachend zu Boden schlagend. Marja
Nikolajewna lief gegen einen Baumstamm und blieb, am ganzen Körper
zerschlagen, mit aufgelöstem Haare und blöden Augen, stehen, ohne in dem
Augenblick zu wissen, was sich mit ihr zutrug. Schwer atmend rannte
Molotschajew in großen Sätzen an ihr vorbei, achtete nicht auf Lande,
der ganz weiß, dünn und schwächlich auf dem Gras am Rande des Weges
stand, sondern stürzte sich sofort auf Tkatschow. Tkatschow hatte ihn
schon von weitem bemerkt; einen Augenblick schien es, daß er ebenfalls
weglaufen würde; er blieb aber stehen, zog sich ganz in sich zusammen
und wartete schwarz und trotzig auf den heranstürmenden Molotschajew.
Schweigend lief der auf ihn zu, und ehe Tkatschow eine Bewegung machen
konnte, schwang er breit die Faust in die Höhe und schlug ihm mit
furchtbarer Kraft mitten ins Gesicht. Tkatschow ächzte leise,
erschrocken, warf die Hände hoch; seine Mütze rutschte über seinen
Rücken herunter, er fiel, schwer und fest, auf die Kniee. Ein zweiter
Schlag traf ihn von oben auf den Kopf; zur Seite geneigt, den Kopf gegen
die Erde gestoßen, eigentümlich und ungelenkig brach er auf dem Weg
zusammen.

»Molotschajew, Molotschajew!« rief Lande gellend und wie er da stand,
nur in seinem Hemde, stürzte er auf ihn zu und ergriff ihn an der Hand.
»Lassen Sie ihn!«

Molotschajew senkte die Arme; er atmete schwer, war rot und aufgeregt.
Lande ließ sich eilig in die Kniee nieder und bemühte sich, Tkatschow
aufzurichten. Der Geschlagene regte sich nicht; auf dem dünnen und
langen Hals schwankte sein Kopf dicht über dem Boden hilflos hin und
her.

»Sie haben ihn totgeschlagen!« stammelte Lande mit Entsetzen.

»Wenn schon. Hat's nicht viel besser verdient!« erwiderte Molotschajew
grob.

Doch Tkatschow stützte sich plötzlich mit den Händen auf den Boden und
stand auf. Über sein Gesicht floß dickes Blut, an der Schläfe blieb Erde
kleben; die ganze linke Gesichtsseite und die Nase hatten eine
entsetzliche, schmutzig rote Farbe.

»Na, wieder zu sich gekommen ... Wird es sich wohl für ein anderes Mal
merken!« Molotschajews Fäuste zitterten und ballten sich zusammen, als
hätte er den dringenden Wunsch, wieder zuzuschlagen.

Lande hörte nicht auf ihn; er nahm aus der Tasche seiner Hose, die auf
dem Grase lag, das Taschentuch heraus und steckte es Tkatschow zu.

»Wischen Sie ... das Blut ... Ach, mein Gott, was ist das!« stammelte er
zusammenhanglos, mit unendlichem Entsetzen und Schmerz.

Tkatschow regte sich nicht, nahm auch das Taschentuch nicht. Das eine
Auge war schon angeschwollen; und vom Kinn und den zerschlagenen Lippen
troff Blut auf den fettverschlissenen Jackettaufschlag herab.

»Noch viel Geschichten mit ihm machen!« meinte Molotschajew
gleichgültig. »Ich werde ihn lieber dahin bringen, wo er hingehört, das
wird besser sein ... He, da! Komm mit, aber schleunigst,« er packte
Tkatschow grob am Kragen und gab ihm einen Stoß, daß er ohnmächtig zwei
Schritt vorwärts machte und ausglitt.

»Aber lassen Sie ihn doch!« rief Lande zornig und stürzte sich mit
seinem ganzen schwachen Körper auf Molotschajews Hand.

Molotschajew sah ihn verwundert und wütend an. »Weshalb spielen Sie hier
den Narren, zum Teufel!« fuhr er auf, aber plötzlich ließ er seine Hand
sinken, sah schweigend den entkleideten Lande an, stieß die Luft durch
die Nase und brach dann in donnerndes Gelächter aus. Marja Nikolajewna,
die selbst nicht bemerkt hatte, daß sie auf sie zugekommen waren, warf
erst einen erstaunten Blick auf Molotschajew, dann auf Lande, besann
sich aber und, bis an die Ohren errötend, wandte sie sich schnell ab und
ging den Weg entlang.

»Ach, Sie Hansnarr, Sie komischer!« rief Molotschajew lachend.

Plötzlich verzerrte sich die schwarze, blutige Fratze Tkatschows und er
lachte selbst heiser und böse, während er gleichzeitig Blut spie. Dieses
Lachen des Geschlagenen war widerwärtig und schrecklich. Lande sah auf;
er lächelte ruhig und traurig, wie immer.

»Aber so ziehen Sie sich doch an, zum Teufel!« schrie Molotschajew,
machte eine wegwerfende Handbewegung und ging auf das Mädchen zu.

Lande schenkte ihm keine Aufmerksamkeit, als ob er gar nicht existiere.

Tkatschow hörte mit dem Lachen auf, warf einen halben Blick auf Lande,
dann auf den fortgehenden Molotschajew, wandte sich um und ging langsam
davon.

»Tkatschow!« rief Lande.

Tkatschow blieb stehen, wandte sich aber kaum um. Lande kam auf ihn zu.

»Tkatschow,« sagte er mit flehendem Ton, seinen Arm berührend, »Sie
haben das absichtlich gemacht, ich sah es an Ihren Augen! ... Warum das,
Tkatschow, warum?«

Tkatschow blickte ihn schwer und düster an, als ob er nichts verstanden
hätte und an ganz etwas anderes dachte.

»Hast du einen echten Menschen gesehen?« fragte er heiser. »Da, kannst
ihn sehen!« er riß den langen, dünnen Hals nach der Richtung
Molotschajews herum. »Das ist ein Kerl ... eine Kraft! ... Und du ... du
bist so, ein Stück Dreck bloß! Zu nichts taugst du!«

»Mag sein,« gab Lande zu, -- »aber trotzdem, warum hassen Sie mich so?
Wirklich nur, weil ich minderwertiger bin, als er?«

Tkatschow erwiderte: »Deswegen, weil ich so viele Jahre an dich geglaubt
hatte! Bin selber, siehst du, dazu gekommen ...« er schlug sich bitter
gegen die zerschlagene Backe, -- »und sehe jetzt, daß ich ein Schafkopf
war, glaubte den süßen Schwindel. Aber mein Leben -- wo ist es, he? Ist
vorbei ... Ich sollte jetzt vielleicht ein Mensch sein, und bin ...
Jetzt verstehst du es vielleicht? Du! ... Ihm aber ... dem bezahle ich's
noch! ...« fügte er plötzlich hinzu und schwenkte mit ohnmächtigem Haß
die schwarze Faust. -- »Und wenn ich selber zum Teufel gehe, er soll an
mich denken! ... Wart' nur!«

Tkatschow drehte sich schnell um und ging fort. Lande kam es vor, als ob
er noch weiter heiser vor sich hinbrummte; aber Tkatschow wandte sich
nicht mehr um und verlor sich bald im grünen Walddunkel. Lande sah ihm
lange nach, rang mit tiefer, ratloser Verzweiflung seine Hände, seufzte,
zog sich langsam an, und schritt dann aus, um Marja Nikolajewna und
Molotschajew einzuholen.

»Jetzt ist er verzweifelt; aber wenn er sich beruhigt, finde ich ihn
noch ...« schwirrte es trübe durch seinen Kopf.

»Hier habe ich Ihren Schrei gehört!« erzählte lebhaft der Maler, indem
er Kasten und Staffelei am Wege aufhob. »Ich habe Sie schon vorher
bemerkt und wollte Sie einholen, hatte aber den Spachtel verloren und
mußte erst lange suchen ... Nun, Gott sei Dank, ich bin doch noch zur
rechten Zeit gekommen!«

Marja Nikolajewna sah sich kaum um, als sie Lande hinter sich fühlte. Er
lächelte ihr vertrauensvoll und zärtlich zu, sie wandte sich aber
schnell ab und mußte sich anstrengen, einen neuen Anfall ihres nervösen
Lachens zu unterdrücken. In diesem Augenblick kam ihr Lande nur armselig
und lächerlich vor.

Molotschajew sah ihn ebenfalls von oben bis unten an und sagte mit
schadenfroher Verachtung:

»Ach, Sie! ... Held!«

»Ich bin kein Held!« Lande machte eine wegwerfende Handbewegung mit
einer bei ihm seltenen Aufwallung.

»Das merkt man!« Molotschajew kleckste höhnisch.

Den ganzen Weg über machte er sich in grober und brutaler Weise über
Lande lustig und erzählte mit prahlerischem Vergnügen von seiner
ungeheuren körperlichen Kraft. Lande lächelte traurig, Marja Nikolajewna
aber blickte mit einem eigentümlichen Gefühl physischer Neugierde von
der Seite auf Molotschajew, und ihre feinen Nüstern, die, wie bei einem
Rassepferd durchsichtig waren, blähten sich ein wenig. Er war ihr
interessant und doch auch etwas widerlich.


                                   IX

Es war noch finster, der Mond war noch nicht aufgegangen, als sich Lande
seiner Wohnung näherte. Er dachte unablässig über Tkatschow nach; seine
Gedanken waren eigentümlich starr und schneidend.

... Als er mich auslachte, litt er mehr als ich, ich sah es ... Das ist
entsetzlich, aber wer hat Schuld, ich oder er ... oder irgend einer
außer uns beiden? ... Ich weiß nicht ... Man muß kämpfen, aber wie
kämpfen, wenn ich nicht einmal weiß, woher es kommt? ...

Es war still. Lande ging und starrte mit Augen, die nichts sahen, auf
die dunkle Erde, die langsam unter seinen Füßen nach hinten glitt.

»Pa--a!« schrie irgendwo in der Nähe verzweifelt, schmerzlich flehend
ein Kind; plötzlich lebte die ganze öde, dunkle Straße in wilden,
gräßlichen Tönen auf.

»Papa ... ich tu's nicht wieder ... Papachen!« schrie hilflos das Kind;
es schien sich zu wehren.

»Tust es nicht? ... Tust es nicht? ... Tust es nicht? ...« knarrte
gleichmäßig eine abgerissene und fast ausgetrocknete Baßstimme, immer
höher und nachdrücklicher im Ton. Es war, als ob in den kurzen
Zwischenräumen von einem Wortfetzen zum anderen etwas Grauenhaftes
geschah.

Unter einem Fenster stand jemand und lauschte gespannt. Der dünne,
blasse Schatten eines jungen Mädchens mit weißem Gesichtchen und großen,
bang glänzenden Augen schwankte eigentümlich undeutlich in der
Dämmerung.

»Sind Sie das, Ssonja?« Lande erkannte Ssemjonows Schwester und faßte
ihre magere Hand. »Was geht hier vor?«

»Sie hören, er schlägt es tot!« erwiderte sie mit eigenartiger, halb
kindlicher, halb weiblicher Stimme; mit einer Bewegung grausamer, wilder
Neugierde reckte sie den Hals zum Fenster hoch.

Lande, der sich nur mit Mühe von seinen Gedanken losreißen konnte,
begriff im Augenblick alles, ächzte auf, rannte kopfüber in den Hof
hinein, wobei er mit dem Knie gegen einen in der Finsternis unsichtbaren
Holzpfahl stieß, sprang die Stufen hinauf und riß die Tür zum Zimmer
auf.

Dort brannte groß und hell eine Lampe und warf eine Garbe goldiger
Funken in einen Haufen Heiligenbilder, die in einer Ecke bis an die
Decke aufgetürmt waren. Und in der Mitte des Zimmers stand, mit dem
Gesicht zur Tür, in einer sonderbaren, fast wollüstig vornübergebeugten
Stellung, Firsow ohne Rock, nur in der Uniformweste mit den kleinen
glänzenden Metallknöpfen, und schlug, gleichmäßig durchziehend, mit
einem langen, schmalen Riemen über einen geröteten schmalen Hinterteil,
den er zwischen seinen langen, eckigen Knien fest eingeklemmt hielt.

»Tust es nicht wieder! Tust es nicht wieder!« wiederholte er mit
schneidender Stimme und schlug in den Zwischenräumen von einem Ausruf
zum anderen klatschend und genußsüchtig mit dem Riemen, der in dunklen
Streifen das zartrosige abgerundete Fleisch durchschnitt, darauf los.

Eine kalte, neblige Welle schlug Lande durch den Kopf, und ehe er sich
besinnen konnte, was zu tun wäre, stürzte er, fast hingerissen von Wut,
auf Firsow zu, ergriff die dünne, sehnige Hand und stieß ihn aus voller
Kraft gegen die Brust. Firsow schlug mit den ausgleitenden Beinen hoch,
ließ Riemen und Kind fallen, klammerte sich aber noch rechtzeitig an den
Tisch. Es klirrte etwas und zerschlug am Boden.

»Was ist das wieder? Was wollen Sie?« brüllte er, die Fäuste ballend.

Lande drückte das laut weinende Kind an sich und blickte Firsow mit
weitgeöffneten, zornigen Augen entgegen.

»Firsow, kommen Sie zu sich!« sagte er mit zitternden Lippen, aber mit
eigentümlich unbesiegbarer Kraft.

Eine Minute lang blickte ihm Firsow halb wahnsinnig in die Augen und
erkannte ihn nicht; dann wurde er plötzlich tiefrot; im gleichen Moment
erlosch das düstere, wilde Feuer, das in seinen geöffneten Augen
brannte. Er strich sich krampfhaft über den Kopf, und murmelte.

»Aah, Sie sind es, Iwan Ferapontowitsch! ... Entschuldigen Sie ... ich
...«

»Wieder, Firsow, wieder! Schämen Sie sich denn nicht; fürchten Sie nicht
die Sünde!«

Er wandte sich um und schob das Kind Ssonja zu, die schweigend in der
Tür stand.

Das gelbe lange Gesicht Firsows wurde kupferrot.

»Erlauben Sie, Iwan Ferapontowitsch ...« sagte er heiser. »Sie können
nicht wissen ... ich habe nicht ohne Grund ...«

»Welchen Grund könnte es dafür geben!« rief Lande mit der früheren Kraft
und mit zorniger Verachtung. »Kein Grund kann solchen Greuel
rechtfertigen!«

Firsow trat plötzlich auf ihn zu und erhob seine knochige, zitternde
Hand.

»Nein, doch!« rief er, indem er die gelben Wurzeln der abgenützten Zähne
zeigte und die Augen wieder weit aufriß. »Wissen Sie denn, was dieser
Lausebengel hier getan hat? Wissen Sie es?« Er stieß die Worte mit
wachsendem Triumph aus.

»Was?«

»So, >wasO Menschen, Menschen, Menschen!< Man wird dir sicher
   nachlaufen und ebenfalls rufen: >O Lande, Lande, Lande!< ... Weiter
   aber nichts! Leiden wirst du doch allein, denn kriegst du dabei
   Bauchschmerzen, so wird sich deswegen auch dein allerbester Freund,
   dein Bruder, dein Weib, nicht aus Mitgefühl den Magen verderben.

   Ich bitte dich noch einmal: laß mich in Ruhe! Einmal wirst du selbst
   verstehen, wie dumm alles ist. Du wirst die Menschen ebenso für die
   dumme Rolle, die du zu spielen versucht hast, hassen, wie ich sie
   jetzt hasse. Wenn du nur wüßtest, was für einen entsetzlichen,
   stickigen Haß alle in mir wachrufen ... Verflucht mögt ihr alle
   sein! Wenn es in meinen Kräften wäre, zerdrückte ich die ganze Erde.
   Wozu habe ich gelebt, Lande? Gott, wie grausig, öde, kalt! Um
   Gotteswillen, faßt mich nur nicht noch an!«

Kaltes Grauen atmete aus diesem Brief. Das Bild Ssemjonows, der in
Einsamkeit stirbt, stand vor ihm wie eine ununterbrochen blutende Wunde
auf.

Der arme Wassja, woher dieses Grauen, dieser Haß? Ein solcher Tod; ein
Grauen, für das es keinen Namen gibt! Es ist nicht möglich, daß es so
ohne weiters, aus sich selbst heraus dazu kommen konnte. Nur weil er
einsam ist, fühlt er es, einsam in Schmerz und Furcht. Ich muß zu ihm.

Und alle Gedanken und Gefühle Landes flossen in dem Einen zusammen: zu
ihm. Er wußte nicht, was er ihm sagen, wie er die gesunkene Seele wieder
aufrichten würde; aber in ihm lebte der lichte, feierliche Glaube, daß
die Liebe alles vermag: die Liebe wird durch alles Leiden gehen, wird
die Seele erwärmen und neu beleben; wie ein Blumenkelch beim
Sonnenaufgang wird sich diese Seele entfalten, erfrischen, wird einen
liebevollen, weihevollen Glauben annehmen.

Das Blut schoß ihm so stark ins Gesicht und Herz, daß ihm vor den Augen
trübe wurde. Ein leidenschaftliches Gefühl riß ihn in einen
Fieberzustand hinein. Er trat mechanisch auf die Steinstufen hinaus,
stand lange ohne Mütze da, mit dem Blick in den weiten Himmel, von dem
ein unsichtbarer, feiner Sprühregen niederrieselte, versunken. Ein
kalter, elastischer Windstoß peitschte ihm eine breite Welle Nässe ins
Gesicht, fuhr durch seine Haare, schnitt ihm fast den Atem ab.

... Ich muß mir Geld verschaffen! zuckte es durch seinen Kopf ... Aber
ich habe niemanden! dachte er gleich weiter ... Die Mutter zu bitten ist
zwecklos -- sie gibt ja doch nichts. Alles, was ich will, ruft in ihr
nur Erbitterung hervor, und den Wunsch, das Gegenteil zu tun. Aber
weiter habe ich keinen ... Schischmarjow hat selbst nichts.

Lande kehrte mit irrenden Blicken ins Zimmer zurück. Plötzlich sagte er
sich, unverwandt die Lampe anstarrend:

... Ich gehe zum Vater Paul.

Wie er zu diesem Entschluß gekommen war, hätte er nicht erklären können.
In seine Erinnerung kehrte einfach das Bild eines alten emeritierten
Pfarrers zurück; die rosige Glatze, das gutmütige Greisengesicht, die
weiße Priestersutane und jener fast zärtliche, mitfühlende Blick der
Äuglein, mit dem er ihn bei Begegnungen begrüßte.

Gleich am nächsten Tag, noch immer mit verbundenem Kopf, schritt Lande,
der aussah, als wäre er nach schwerer Krankheit genesen, quer über den
großen, mit staubigem Gras bewachsenen Platz, öffnete die Pforte und
trat in einen kleinen, gemütlichen, beinahe warmen Hof ein. Der Tag war
grau, trocken, unbeweglich; aber die großen goldüberströmten Bäume sahen
wie sonnenübergossen aus, und im Hof war es still und licht. Unbeweglich
standen unter den Fenstern in einem winzigen Vorgärtchen naiv-bunte
Blumen. Es roch nach Äpfeln, herbstlichen Blättern, Weihrauch und dem
eigentümlichen Geruch der Stille und Ruhe.

Der alte Pope saß auf der sauber gehobelten Bretterveranda in einer
reinen, weißen Sutane, ganz rosig und weiß.

Lande schritt eilig auf ihn zu.

»Guten Tag, Vater Paul!«

Der alte Pope blickte ihn an, als wäre er nicht im geringsten über den
Besuch verwundert.

»Guten Tag!« erwiderte er freundlich. »Setzen Sie sich! womit kann ich
Ihnen dienen?«

Lande setzte sich ebenso eilig auf die gegenüberstehende Bank.

»Ich habe eine Bitte an Sie ...« sprach er rasch, weil ihm schien, daß
das Ungeheure, das seine Seele füllte, jedem Menschen gleich vom ersten
Worte an verständlich sein müßte. »Ich habe einen Kamerad ... Sie kennen
ihn wahrscheinlich -- er heißt Ssemjonow.«

Der alte Pope schwieg.

»Habe gehört ...« antwortete er unbestimmt und strich mit der kleinen,
verschrumpften Hand über den Bart und die silbernen, trockenen Haare.

»Also ... Dieser Ssemjonow liegt jetzt an der Schwindsucht ... Ist nahe
am Sterben ...« beeilte sich Lande.

»Gottes Wille!« sagte der alte Pope feierlich und schlicht.

Er seufzte tief und bekreuzigte sich.

»Ich habe von ihm einen Brief erhalten,« sprach Lande, indem er seinen
Kopf vertrauensvoll zu dem Popen herüberbeugte, »einen furchtbaren
Brief! ... Man sieht, daß ihn die letzte Verzweiflung gepackt hat, von
der nichts in der Seele zurückbleibt als Haß und Wut ... Ich werde Ihnen
diesen Brief zeigen!«

Lande zog hastig den Brief aus der Tasche der Studentenlitewka hervor.

Der alte Pope sah auf das Papier, redete aber kein Wort.

»Wieviel Schmerz, Einsamkeit, Gram er trägt, er ...« sagte Lande mit
trauriger Anspannung. »Wieviel Verzweiflung und Unglauben! ... Grauen
packt einen, wenn man diesen Brief liest ... Grauen und Mitleid bis zu
Tränen! Sie verstehen, welchen Schmerz ein Mensch erleiden muß, wenn er
im äußersten Unglauben stirbt! Kein Wort gibt es für diese Qual! ...
Hier, lesen Sie doch den Brief!«

Der Pope sah wieder den Brief an, streckte aber seine Hand nicht danach
aus.

»Ich habe das Gefühl, die feste Überzeugung,« fuhr Lande fort, während
er noch immer den Brief, ohne es zu bemerken, in der ausgestreckten Hand
hielt, »daß es ihn bedeutend erleichtern würde, wenn ich zu ihm kommen
könnte. Ich fühle, daß ich es kann, weil ich den Glauben daran habe. Er
wird fühlen, daß er nicht mehr einsam ist, und das allein wird schon
genügen ... Nur habe ich kein Geld für die Reise,« fügte er plötzlich
mit kindlichem Lächeln hinzu.

Er blickte dem Popen ins Gesicht, und mit einem Male kam es ihm vor, als
seien diese gutmütigen Äuglein -- keine Äuglein, sondern tiefe Löcher,
die nur infolge der rosigen und strahlenartigen Runzeln gutmütig
schienen, während in ihrer Tiefe etwas Böses auf der Lauer liegt. Mit
instinktivem Schreck verstummte er und sah verwirrt den Popen an.

Der Pope schwieg und sah ihn ebenso an. Es war still, hinter des Popens
Rücken fiel lautlos kreisend ein goldenes Blatt zur Erde nieder.

»Hier, lesen Sie doch bitte den Brief durch!« stammelte Lande eilig und
streckte dem Popen das gefaltete Blatt Papier bis zu den Knieen
entgegen.

Der alte Pope seufzte, strich die Haare und den Bart und nahm den Brief.

Er las ihn lange, ruhevoll, als wäre es die friedliche, süße
Lebensbeschreibung eines Heiligen. Dann seufzte er wieder, faltete den
Brief und gab ihn Lande zurück.

»Nun sehen Sie!« rief Lande, indem er lebhaft mit der Hand auf den Brief
wies, nahm ihn und legte ihn neben sich auf die Bank.

»Das Briefchen nehmen Sie bitte zu sich; bei mir ist nicht der Ort für
solches Zeug!« sagte der Pope streng.

Lande verstand die Worte nicht, griff aber doch zum Brief und steckte
ihn in seine Tasche.

»Da möchte ich Sie um Geld bitten ... Sie sehen, es ist notwendig, daß
jemand zu ihm fährt,« sagte er ernst und einfach.

Der alte Pope seufzte.

»Jawohl, das ist sehr gut möglich. Nur werde ich Ihnen dafür kein Geld
geben. Sie müssen es schon entschuldigen ... Ich habe es zwar, verstehen
Sie gut, gebe es aber nicht.«

Gleichsam eine kalte, schwere Last schlug Lande plötzlich auf den Kopf.
Er sprang voller Verzweiflung auf.

»Warum? Sie haben doch selbst gelesen!«

Der alte Pope stand ebenfalls auf.

»Ja, verstehen Sie gut, weil ich diesen Ssemjonow seit lange schon und
zur Genüge kenne. Es ist ein gottloser, frevelhafter Mensch, verstehen
Sie gut, ein Ungläubiger, ein Apostat. Und, verstehen Sie gut, ich rate
auch Ihnen nicht, zu fahren.«

Lande riß die Augen weit auf.

»Das heißt, ich soll mich von ihm lossagen? Ihn in Verzweiflung sterben
lassen?«

»Dieser Tod ist der Lohn für seine Handlungen!« meinte der alte Pope,
die Hände hinter dem Rücken, und wieder lugte hinter der rosigen Maske
etwas Böses hervor.

»Aber fürchten Sie Gott!« rief Lande. »Was sprechen Sie, Väterchen!«

»Nicht Ihnen steht es zu, mich zu belehren, verstehen Sie gut!«
erwiderte der Pope.

»Aber Sie sind doch ein Diener der Kirche ... der Kirche Christi!«

»Der Herr Ssemjonow hat sich seit lange schon von der Kirche losgesagt,
und es würde sich für die Kirche nicht schicken, ihm nachzulaufen,
verstehen Sie gut!«

Mit stummer Verzweiflung sah ihn Lande an. Der alte Pope stand, die
Hände ruhig auf dem Rücken gefaltet, vor ihm.

»Aber ... ich kann doch nicht ohne Geld fahren ...« stammelte Lande
mechanisch.

»Versuchen Sie es doch als blinder Passagier ... Oder Sie könnten auch
zu Fuß gehen!«

Lande blickte ihn verwundert an, aber das Gesicht des Popen schien ernst
zu sein.

»Aber das ist doch zu weit!«

Der alte Pope seufzte.

»Weit ist es. Ja, verstehen Sie gut, es soll ja nach Ihrer Meinung eine
große Tat sein. Also werden Sie auch die Mühe nicht scheuen ...«

Und mit einem Mal wurde es Lande kalt neben diesem rosigen,
grauhaarigen, weißgekleideten Popen. Er wandte sich mechanisch um und
ging zur Pforte.

»Aber ich muß ja so schnell wie möglich dorthin ... Er kann sterben,
bevor ich ankomme ...« er blieb nochmals stehen.

Der alte Pope antwortete boshaft, jetzt schon mit unverhülltem Spott:

»So Gott will, werden Sie ihn noch am Leben antreffen.«

Lande schwieg. Wie eine weiße Wolke auf goldnem Untergrund stand der
Pope in der Mitte des reinen, friedlichen Hofes.

»Nun schön,« meinte Lande, »so werde ich wohl gehen müssen. Ich werde zu
Fuß gehen, wenn ich mir kein Geld verschaffen kann -- doch nicht darauf
kommt es an ... Aber wie müssen Sie sich denn schämen!« fügte er
trauervoll und feierlich hinzu.

Da hob der Pope das dürre Händchen.

»Verstehen Sie gut, machen Sie, daß Sie fortkommen.«

»Väterchen, ich wollte Sie nicht beleidigen!« rief Lande.

»Gehen Sie nur, gehen Sie!«

In der stillen, hellen Stimme des Geistlichen lag ein so kalter,
unbequemer Druck, daß Lande nichts mehr sagte, den Kopf senkte und
hinausging.

Er hörte, wie der alte Pope an die Pforte kam und den Haken anlegte.


                                  XXII

Am Abend teilte Lande seinen Entschluß der Mutter mit. Sie sah ihn so
erzürnt an, daß sich ihr gutes, altes Gesicht verzerrte; dann rief sie
mit zischender Stimme:

»Wieder Dummejungenstreiche! ... Herrgott, wann soll das bloß ein Ende
nehmen!«

Sie stand auf, ging mit kalter, stumpfer Bitterkeit im Herzen hinaus und
schlug heftig die Tür hinter sich zu.

Lande blickte ihr traurig nach, nahm seine Mütze und ging zu
Schischmarjow.

Der Student saß allein im Zimmer vor einem kleinen Samowar und trank
Tee. Ein großes Buch lag aufgeschlagen vor ihm.

Beim Anblick Landes erhob er sich linkisch und streckte ihm die Hand
hin.

»Ah, das bist du ... Guten Tag! Nimm Platz! willst du Tee? ...« er sagte
es nicht, sondern schrie es fast mit seiner schroffen Stimme.

»Nein,« erwiderte Lande, »ich habe schon Tee getrunken ... Ich habe
einen Brief von Ssemjonow erhalten.«

»So! ... Und was schreibt er?«

»Lies ihn selbst -- ich kann es dir nicht erzählen.«

Der kleine Student las lange aufmerksam den Brief. »Ja, der arme Junge!«
seufzte er, als er zu Ende kam. Er faltete beide Hände, die aus den
kurzen Ärmeln der Jacke hervorstachen, zwischen den Knieen und rieb sie
aneinander, als fröre ihn.

»Ich will zu ihm fahren!« sagte Lande.

»Wozu?« fragte Schischmarjow ernst und aufmerksam. Seine scharfe Stimme
drang Lande wie ein feines hartes Messer ins Herz. »Was kannst du dort
ausrichten?« wiederholte Schischmarjow, da Lande mit der Antwort
zögerte.

»Ich weiß nicht, was ich tun kann ... Ich habe nur ein solch Gefühl, daß
ich fahren muß.«

Schischmarjow fühlte sich schon seit langem Lande entfremdet, dessen
Sanftmut dem kleinen Studenten nur Ohnmacht, Unfähigkeit zu kämpfen
schien. Manchmal erkannte er dahinter noch etwas, das in ihm
Überraschung und Staunen hervorrief; aber er dachte darüber nicht weiter
nach, sondern betrachtete es mit absichtlich gleichgültigen Augen, wie
alles, was nicht klar und einfach vor seinem scharfen, schroffen Denken
lag.

Jetzt sah er Lande mit ernstem Blick ins Gesicht, vergrub die breiten
Hände noch tiefer zwischen den Knieen und erwiderte: »Ich verstehe das
nicht. Du betonst dieses _Gefühl_ so kraß, als steckte etwas Mystisches
darin. Nach meiner Meinung wirst du mit deiner Gegenwart absolut nichts
helfen können. Wirst nur dich selbst und ihn abquälen ... Laß es lieber
... wozu denn?«

»Du sagst, wozu? ...« erwiderte nachdenklich Lande. »Schon in dieser
Frage ist ein Gedanke enthalten, der die Menschen zugrunde richtet ...
Man darf nicht fragen. Man muß handeln, wie man empfindet. Das ist höher
als wir: indem wir unser Maß anlegen, verkrüppeln wir nur die Seele!«

Schischmarjow zuckte die Achseln ohne die Hände aus ihrer Lage zu
befreien. »Was willst du mit deiner Seele!« erwiderte er ärgerlich. »Laß
sie gefälligst in Ruhe ... Es muß doch ein für allemal irgend ein
Unterscheidungsvermögen für Handlungen geben ... Wenn du hinfahren
willst, so mußt du dir doch erst klar machen, welchen Nutzen es haben
kann.«

Lande seufzte traurig. »Ich weiß nicht ... vielleicht wird es auch gar
keinen Nutzen haben ...« meinte er beklommen.

Schischmarjow zog verwundert die Augenbrauen hoch. »Was hat es dann also
für einen Zweck?«

»Was für einen Zweck es hat? Jene Wahrheit, die ich empfinde und die
mich ruft!« sagte Lande mit einer Stimme, die tief aus seiner Brust kam.

»Wieder einmal die Wahrheit!« meinte Schischmarjow ironisch.

»Natürlich ist sie die höhere, da es nichts gibt, das noch höher wäre!«
erwiderte Lande ernst.

Schischmarjow riß geradezu die Schultern in die Höhe. »Die höhere
Wahrheit ist nur eine, diejenige, die uns die Vernunft, die Logik,
gibt!« rief er. »Wir besitzen nichts, was nicht durch Denken erworben
ist!«

Lande schlug die Hände zusammen. »Was sagst du! Wie armselig, wie
dürftig wäre das Leben, wenn dem wirklich so wäre!«

Schischmarjow sprang auf und schwang die Arme hoch; seine schmalen
Schultern flogen dadurch fast bis an die Ohren.

»Wie -- armselig? Meines Erachtens ist es gerade armselig, sich mit
Märchen einlullen zu lassen, seinem Denken im Voraus Schranken zu
setzen.«

»Die Vernunft kennt selbst ihre Schranken ...« erwiderte leise Lande.

»Keine Schranken kennt sie!« rief scharf Schischmarjow. »Die Horizonte
des Denkens sind grenzenlos! Wenn wir auch momentan noch nicht alles
wissen, folgert daraus doch durchaus nicht, daß wir es nie erfahren
werden. Das Denken ist ebenso grenzenlos, wie die ganze Welt! wie alle
Möglichkeiten ... Wie Möglichkeiten selbst sich erweitern, so erweitert
sich auch das Denken ... endlos!«

»In das Leere hinein?« fragte Lande mit weit geöffneten Augen.

»Ja, ins Leere!« rief heiß und scharf, noch schärfer als früher,
Schischmarjow.

»Aber das ist doch grauenhaft!«

»Mag es grauenhaft sein ... Ich weiß selbst gut, daß es unvergleichlich
leichter ist, sich durch den goldenen Traum von einer allumfassenden
Weltseele und ähnlichem mehr in den Schlaf wiegen zu lassen! Aber ich
für meinen Teil ziehe doch das Leere einer Wahrheit vor, die nur deshalb
Wahrheit ist, weil sich mit ihr leicht und bequem leben läßt. Hmm!« Er
verstummte und zitterte am ganzen Körper vor Aufregung. Die roten Hände
waren tief in den Taschen der Uniformjacke vergraben, und die Finger
bewegten sich dort rasch und unruhig.

»Ich will mit dir nicht streiten,« sagte Lande schlicht, »du bist klüger
als ich und dann soll man auch darüber nicht streiten. Aber gerade weil
ich die ganze kolossale Größe innerer, menschlicher Kraft, menschlichen
Geistes empfinde, kann ich nicht glauben, daß er aus absoluter Leere
kommen und ebenfalls ins Leere zurückkehren soll, wie ein sinnloses
Sumpffeuer, das im Schlamm entsteht! Zu hell brennt er, zu kraftvoll
entfaltet er sich, umschlingt die ganze Welt, beleuchtet, erwärmt sie
... Nein, ich fühle die Wahrheit ... Und ... Ich werde doch zu Ssemjonow
hinfahren, Ljonja!«

»Das ist etwas anderes ...« erwiderte Schischmarjow zurückhaltend. »Wenn
du es willst, wenn er dir leid tut, magst du fahren ... Das ist deine
Sache!«

Er setzte sich wieder zum Tee und fing an, in dem halbleeren Glas mit
dem Löffel klirrend herumzurühren. Seine Schultern zitterten noch immer
vor Erregung.

»Ich werde fahren, nur habe ich kein Geld.«

»Na, Bruder, ich habe auch keines!« erwiderte Schischmarjow im Ton einer
Entschuldigung und schlug wie ein Schuldiger die Arme auseinander.

Lande krachte mit den Fingern.

»Ach Gott ... was soll ich tun?«

Schischmarjow schlug wieder die Arme auseinander. »Warte noch!
Vielleicht wird es sich noch irgendwie machen lassen ...«

»Nein,« Lande machte eine entschlossene Handbewegung. »Es ist keine
Zeit, zu warten ... Ich gehe ...«

Schischmarjow erhob rasch den Kopf; ein lächelnder Zug der Verwunderung
weitete seinen Mund.

»Du gehst hin? Das heißt, wie meinst du das. Zu Fuß?«

»Zu Fuß, natürlich ... Hin und wieder läßt man mich wohl ein Stück
mitfahren ...« antwortete Lande einfach.

Schischmarjow sah ihn unverwandt mit weit geöffnetem Mund an, wurde dann
aber plötzlich ernst.

»Höre mal, Lande ... es muß eine Grenze für all diese Extravaganzen
geben!« sagte er, während er die Achseln in die Höhe zog, in
überzeugendem Ton.

»Hier handelt es sich nicht um eine Extravaganz. Ich habe kein Fahrgeld,
also gehe ich zu Fuß. Legen doch Pilgerinnen Tausende Werst zurück.«

»Pilgerinnen ...« Schischmarjow wurde für einen Augenblick verwirrt.
»Ja, die sind aber erstens Pilgerinnen, und zweitens nicht im Herbst ...
Du wirst einfach unterwegs liegen bleiben!«

»Vielleicht bleibe ich doch nicht liegen.«

Die Erregung ergriff Schischmarjow von neuem.

»Die Pilgerinnen gehen um ihres Glaubens willen, der bei ihnen nur darin
besteht ...«

»Auch ich gehe um meines Glaubens willen,« lächelte Lande.

»Ja ... schon ... Aber du mußt doch wenigstens mit den Umständen
rechnen!«

»Das ist so leicht, sein Leben nach den Umständen einzurichten!« sagte
Lande mit zartem Vorwurf, während seine hellen Augen weiterlächelten.
»Dabei wird man schließlich ganz aufhören, an sich zu glauben und in
allem nur nach den Umständen fragen ... Nein, mag es dabei bleiben, ich
fühle, daß ich gehen muß, und ich werde gehen ... Auf irgend eine Weise
...«

»Aber begreife doch nur das Eine, daß du vor allen Dingen nichts daran
ändern kannst!«

»Das wissen wir nicht!« erwiderte Lande streng. »Das scheint nur so ...«

Schischmarjow schwieg. Er wußte nicht, was er noch sagen könnte.

»Das ist ja dumm, -- du wirst gewiß Jalta nicht erreichen, wirst gewiß
nichts besser machen! ... Das ist dumm und unmöglich.«

»Nein,« seufzte Lande und sah ihn nachdenklich an, »ich weiß schon, daß
es dir dumm, unmöglich, sinnlos scheint, aber ... ich werde doch gehen
... Versuche nicht, mich zurückzuhalten, Täubchen, tu das nicht!«

Schischmarjow zuckte mit einem sonderbaren Gefühl die Achseln.

»Weiß der Teufel, was das ist!« murmelte er und neigte sich seinem Glas
zu.

Sie schwiegen eine Weile.

»Nun, ich gehe, lebe wohl, auf Wiedersehen!« sagte Lande und erhob sich.

»Sitze noch ein Weilchen!«

»Nein, Täubchen ... ich muß noch einiges vorbereiten.«

Er drückte Schischmarjow warm die Hand. Und plötzlich überkam den
kleinen Studenten eine trübe Ahnung.

»Also, du gehst doch?« fragte er mit dem Wunsch, zu lachen, aber etwas
erzitterte in seiner Stimme.

Lande war um einen Kopf höher als er und sah ihn liebevoll von oben
herab an.

»Ich gehe!« er nickte mit dem Kopf.

Schischmarjow wollte noch etwas sagen, aber ein eigentümliches Gefühl
schnürte ihm die Kehle zu, er zuckte nur schwer mit den Achseln.

Sie standen schon in dem engen Vorzimmer, in das nur ein schmaler
Lichtstreifen durch den Türspalt fiel, als sich Lande plötzlich an
Tkatschow erinnerte.

»Hast du den Mann, dessentwegen mich Molotschajew geschlagen hat, noch
im Gedächtnis?« fragte er. »Er ist einmal zu mir gekommen ...«

Und Lande erzählte sein Gespräch mit Tkatschow. Er erzählte schlicht und
kurz, aber etwas Riesiges, Überwältigendes schob sich allmählich in
Schischmarjows Kopf. Die grandiose Phantasie, auf eigentümliche Weise in
der Gestalt des neben ihm stehenden Lande verkörpert, packte ihn und riß
ihn fort. Er ergriff impulsiv Landes Hand und rief scharf:

»Aber das ist ja überwältigend! Und was hast du ihm geantwortet?«

»Ja,« meinte Lande, »mir war es ein großer Schmerz, seinen Traum zu
zerstören ... Es ist ein unglücklicher Mensch ... Mit einem solchen
Sturm in der Seele wird man nie zur Ruhe kommen ...«

»Also, du hast dich geweigert?« fragte Schischmarjow fast erschrocken.

Lande lächelte.

»Konnte ich denn darauf eingehen -- ein Prophet zu werden, wenn ich
keiner bin?«

Schischmarjow besann sich plötzlich, rieb die Hände und sagte düster:

»Ja, gewiß ...«

Er begleitete Lande bis an die Stufen heraus.

Der Mond war finster und grämlich.

»Lebe wohl!« rief Lande zurück, während er sich in der Finsternis
entfernte.

»Lebe wohl!« tönte ihm die Antwort.

Schischmarjow stand lange auf den Stufen, kehrte dann in sein Zimmer
zurück und setzte sich an den Tisch. Auf dem Tisch brannte die Lampe,
aber ihr enger Lichtkreis fiel matt und welk an den Seiten herab. Die
Zimmerecken waren in völlige Dämmerung gehüllt. Schischmarjow rückte das
Buch näher; die Buchstaben drängten sich vor seinen Augen, ohne sich dem
Gehirn einzuprägen. Eine eigentümliche Aufregung bemächtigte sich
seiner. Er setzte sich bald, bald stand er auf, als wäre etwas
Ungeheures über ihn gekommen, das ihn peinigte. Alle Gedanken und
Gefühle waren von der Gestalt Landes erfüllt. Es war schwer, an ihn zu
denken; die Vorstellungen sprangen durcheinander, verwickelten sich,
eine löste die andere ab. Landes Stimme, weich und schwach, gellte in
den Ohren; ein undeutliches Bild stand neben ihm, nebelhaft und groß.

Schischmarjow zuckte plötzlich die Achseln und lachte unnatürlich
scharf, obgleich er noch nie zuvor gelacht hatte, wenn er allein war.
Das Lachen gellte ihm selbst in den Ohren.

»Weiß der Teufel!« sagte er heiser.

Er hatte ein Gefühl, als hätte sich durch seine spröde, zähe Seele eine
tiefe, feurige Furche gegraben, deren Ende sich vor ihm in der
unendlichen Ferne seines zukünftigen Lebens verlor.


                                 XXIII

Des Nachts, im Anfang des Herbstes, als die Luft schon dünn und kalt
wurde, ging Lande still aus dem Haus. Er war in eine schwarze, alte
Sutane, die er einem Mönch abgekauft hatte, gekleidet und trug einen
Sack auf dem Rücken. So wird es leichter und einfacher zu gehen sein,
dachte er.

Still und leer war es in der ganzen Stadt. Den Himmel verdeckte eine
undurchdringliche Hülle weißer Wolken. Kein Mond, keine Sterne waren zu
sehen. Langsam traten die schwarzen Häuser mit ihren abgeschlossenen
blinden Fenstern und kalte Bäume, an die sich schwarze Finsternis
klebte, zurück. Bald war Lande ins Feld hinausgekommen. Der Wind riß die
Schöße seiner Sutane auf und lärmte in seinen Ohren, gedehnt und
schwermütig. Leer, weit und kalt lag das endlose Feld vor ihm. Die
Wolken zogen hier, wie es schien, noch ferner, noch höher vorbei. Auf
den dunkeln Hügeln wiegte sich dürres Gras. Die ungeheuer breite
Empfindung des freien Raumes füllte Landes Brust, und eigentümlich
gleichzeitig mit ihr schien das deutliche Bewußtsein zu kommen, daß er
Jalta niemals erreichen wird. Doch ohne Schwanken, ohne Gram und
Verzweiflung trat ihm diese Ahnung in die Seele; ihm wurde im Gegenteil
leicht und frei zumute, als ob er gerade dadurch auf den richtigen Weg,
der ihn nun endlich zum Ziele führt, geraten wäre; sein Herz zog sich
wie im Vorgefühl einer hellen Freude leicht zusammen.

Es war aber nur eine Ahnung, kein klarer Gedanke. In seinen Gedanken
stand einzig das Bild des kranken, leidenden Menschen, zu dem er ging;
über das, was aus ihm wurde, dachte er nicht nach. Leichten, elastischen
Schrittes, als ob die Erde selbst seine Füße von sich schnellte, ging er
die breite, weite Landstraße entlang, sah sich freudig und verwundert um
und lauschte entzückt auf jeden Laut, den ihm der öde Wind, der traurig
die Straße entlang zog, aus der Steppe hertrug.

Der Morgen kam, dann der Tag, dann wieder die Nacht und ein neuer
Morgen. Fünf Tage lang ging Lande durch Dörfer und nächtigte bei Bauern,
die ihn mißtrauisch anblickten und ihn nur unwillig einließen. Nur
wenige sprachen mit ihm, weil nur wenige ihn zu verstehen vermochten,
obgleich er alle klar und einfach anredete. Alte Bäuerinnen fragten ihn
aus, die welke Backe in die Hand gestützt, fragten, woher er komme und
ob er nicht vom Kloster des Hl. Seraphim komme; die Bauern aber warfen
ihm nur Seitenblicke zu, und blieben stumm. Am fünften Tag schrie ihn
ein vierschrötiger schwarzer Bauer mit schwarzem, wie mit einem Beil
zurechtgehauenen Bart und bösen Augen, grob an. »Geh nur weiter, los,
sonst, es ist nicht weit bis zum Gendarmen ... Da schleicht hier so
manch einer herum!«

Ein so unfreundlicher, unverständiger, fremder Zug lag in dem allen, daß
es Lande schrecklich bemitleidenswert schien. Mit weit geöffneten,
neugierigen Augen sah er auf das Dorfleben, aber es glitt ebenso
absonderlich, lebensarm und reich an ihm vorbei, wie die Bilder der
großen, bunten Rinderherden, die ihm ihre starken, gehörnten Köpfe
zuwandten und ihn mit rätselhaften, großen Augen begleiteten, wenn er an
ihnen vorbeiging. Mit Liebe und Rührung betrachtete Lande diese
Menschen, die Rindern glichen, und die Rinder, die wie eigenartige,
sonderbare Menschen aussahen; aber er fühlte, daß er ihnen fern,
überflüssig, fremd war. Ihm wurde schwer zumute; ihn überkam der
schwärmerische Wunsch, mit seinem Blick irgendwo in der Weite
einzudringen. Aber der Blick blieb stumpf und kraftlos. Nur wenn die
Steppe ganz frei dalag, und die Sonne scheinbar nur für ihn allein in
der unermeßlichen Welt leuchtete, war es Lande froh ums Herz. Doch das
war nur selten; denn auf allen Seiten machten Menschen, zahllos wie die
Ameisen, sich mit irgend etwas zu schaffen.

Als man ihm den nächsten Weg durch den Wald, der Lande wie eine zackige
Wand gegenüberstand, zeigte, als er unter die feierlichen, friedlichen
Laubkronen trat, da erfaßte ihn ein Freudentaumel; zum ersten Mal in
seinem Leben verspürte er ein Gefühl der Erleichterung darüber, daß es
hier keine bekümmerten, verfinsterten Gesichter gab.

Den ganzen Tag hindurch ging er über kaum kenntliche, verwachsene
Waldespfade, und den ganzen Tag standen nur hochgewachsene,
nachdenkliche Bäume um ihn. Nach allen Richtungen hin dehnte sich ihre
durchsichtige, grüne Tiefe. Stumme Vögel flatterten lautlos an ihm
vorbei; als gäben sie sich den Anschein, daß sie den Wanderer nicht
bemerkten. Irgendwo knisterten Zweige, als ginge jemand, doch nicht ein
Mensch, durch den Wald. Dann wurde der Wald allmählich lichter, ein
Geruch von Feuchtigkeit und die Empfindung einer unbegreiflichen, aber
deutlich wahrnehmbaren Kraft zog heran, etwas glänzte zwischen den
Bäumen. Es war ein großer, tiefer, wasserreicher Fluß. Nur an den
Uferrändern wuchs grünes Schilf und wiegte seine schmalen Blätter wie
grüne scharfe Dolche über der Tiefe; aber die ungeheure Masse des freien
und vollen Wassers glitt in langsamer, ebenmäßiger Bewegung, rein und
breit, dahin. Auf der anderen Seite stand wie eine dichte Mauer ein
ebenso dunkelgrüner Wald; hinten rückten schweigsame Bäume heran und
streckten knorrige Äste über den Fluß.

Es war einsam und blieb lange Zeit einsam; Lande saß nachdenklich am
Ufer. Dann kam auf dem Wasser lautlos ein Kahn heran, ebenso grünlich,
feucht und wild, wie die Baumstämme des Waldes, den ein nasser,
knorriger Bauer kniend ruderte. Er störte die Fluß- und Waldesruhe
nicht, zerrann vielmehr in dem Ganzen, sodaß das Auge über ihn ohne
Anhalt, wie über Schilf, Wasser und Himmel, glitt.

»Großväterchen!« rief Lande, sich aufrichtend.

Auf dem anderen Ufer rief eine dünne, eigentümlich hallende Stimme:

»O--äää!« verstummte aber sofort, wie es schien, in furchtbarer
Entfernung.

Der Bauer legte das Ruder auf die Knie, quer über den Kahn, der langsam
von selbst weiterglitt und einen dünnen, silberhellen Streifen, der wie
gläsern klirrte, hinter sich zurückließ.

»Hier!« rief der Bauer zurück.

»I--i!« schallte es wieder aus dem Wald; eilig lief etwas in das
Dickicht zurück.

Dann ruderte der Bauer und ruderte, und Lande saß im Vorderteil des
Kahnes und spiegelte sich wie ein langer, schwarzer Streifen im Wasser
wieder.

»Gehst du noch weit?« fragte der Bauer mit dumpfer Stimme.

»Weit!« antwortete Lande.

Der Bauer blickte ihn mit kleinen, raschen Äuglein an.

»So ...« sagte er, hörte auf zu rudern und starrte aufs Wasser.

»Man sagt, in Sibirien soll viel mehr Raum sein ...« fing er plötzlich
an, als stände das, was Lande gesagt hatte, in Zusammenhang mit seinen
alten, zähen Gedanken. »So geht das Volk herum, zu suchen, wo es besser
ist ... Das ist ja richtig, man weiß nicht, wo man sich lassen soll,
aber so hat es auch keinen Zweck ... Man geht, um Recht zu suchen, und
es gibt kein Recht auf der Welt ... Ganz gleich, ob du hier oder da
wohnst ... So wie ich zum Beispiel, im Wald ... Du denkst das so, als
wäre niemand außer Gott über dir ... Alles kommt von Gott, und du selbst
kommst auch zu Gott wieder, und außer ihm hilft dir niemand; aber im
Gegenteil, -- gleich kommt wer weiß wer, wer weiß wozu und greift zu ...
wissen tun wir ja nichts, tappen wie im Dunkel herum; vielleicht muß es
auch so sein, wer kann es wissen! ... Seine Gedanken macht sich jeder,
aber wer wird sie aussprechen! ... So strengt man das Leben lang seinen
Buckel an, rackert sich ab wie eine Schindmähre, ist man aber dazu
gekommen, einmal freier aufzuatmen, sich an Gott zu erinnern -- paff!
und wieder einmal nichts mehr da! Und dann nachher -- in die Schenke,
was bleibt dir anderes übrig. Es gibt kein Recht, lieber Mann, kein
Recht! Und ob hier oder da, alles gleich, die Erde ist überall gleich!«
Die Stimme des Bauers war eintönig, gedrückt, aber aus ihr schrie
lautlos die verborgene Sehnsucht einer gemarterten Seele.

»Dieses Rechte liegt im Menschen selbst, und nicht in der Erde,«
antwortete Lande traurig. »Man muß einander lieben und bemitleiden, und
das übrige wird schon von selbst kommen!«

Der Bauer lächelte düster.

»Das wissen wir gut, lieber Mann, was kommen wird!« Er warf es achtlos
hin, als bezöge sich das Gespräch auf den Tag, der morgen eintreten muß.
»Wie sollen wir aber heute leben, das sage uns erst ... Lieben, meinst
du ... Wie kommt man aber zum Lieben, wenn man manchmal bereit ist, sich
einander wegen eines Stück Brot die Kehle abzuschneiden! ... Da hast du
es.«

Der Bauer schwieg, dann fügte er in tiefem Baß hinzu:

»Die Herrschaften haben gut reden ... Die Herrschaften und die Popen!
... Nein, finde du mal erst das Recht hier!« und er steckte Lande seine
knorrige Faust, die vom Fischpökeln zerfressen war und mit der er das
Ruder hielt, entgegen.

»So ist's ...« begann er nach einer Pause mit einer ganz anderen Stimme.
»Gott sieht am besten, wo alles hinsteuert! ... Darum leben wir auch,
sonst ... Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt, und vielleicht kommt
alles gerade darauf an: Gott will Gerechtigkeit mehr als Sattsein;
deshalb stehen auch die Menschen Qualen aus, weil durch sie die
Gerechtigkeit auf die Erde kommt! ... So ist's, was, lieber Mann?«

»So, so!« nickte Lande erfreut mit dem Kopf. »Alles, was es in der Welt
gibt -- alle Wissenschaften, und alle großen Taten und alle Gedanken, --
alles wird durch Leiden weitergeführt ... Wenn es keine Leiden gäbe,
wäre auch die Seele zum Stillstand und zum Sterben gekommen!«

Der Kahn stieß ans Ufer. Lande kroch unschlüssig und langsam heraus. Der
Bauer blieb unten. Eine Minute sahen sie sich beide schweigend an. Etwas
Starkes und Kräftiges verband sie miteinander; sie waren sich in dieser
Minute beide fern und nahe, wie die beiden Enden eines ausgespannten
Taues; beide hatten das brennende Verlangen, etwas zu sagen, etwas
Bedeutsames, Einigendes; doch konnte er es nicht ausdrücken, weil es
keine Worte gab, die gleich stark und gleich verständlich für sie beide,
für den Bauern wie für ihn, gewesen wären.

»Lebe wohl, Großvater!« sagte Lande traurig.

Der Bauer murmelte düster etwas Unverständliches vor sich hin, stieß vom
Ufer ab und glitt wieder über den Fluß, knorrig und naß wie ein
schwimmender Baumstumpf. Lande schaute ihm lange nach, bis er hinter
einer Biegung verschwunden war, und sich die langen, silberhellen
Streifen auf dem breiten Wasserspiegel wieder geglättet hatten. Gegen
Abend verlor Lande den Weg; er fand aber eine alte verlassene Hütte und
blieb in ihr über Nacht.

Die Nacht war kalt, schneidend, und Lande schlief schlecht vor Kälte und
Müdigkeit.

Der Nebel, der die ganze Nacht zwischen den hohen, regungslosen Bäumen
wie eine dichte, weiße Hülle hing, geriet gegen Morgen in Bewegung und
wurde grau. Etwas Unfaßbares erzitterte in der Luft, und alles erwachte
gleichzeitig leicht und rasch wie auf Verabredung. Ein Vogel zwitscherte
leise, als ob er etwas zu fragen hätte. Ein Rabe erhob sich schwer von
einem feuchten Ast und flog, während seine taudurchnäßten Flügel
linkisch dürre Zweige streiften, geradeaus in den Nebel hinein. Das Gras
erschauerte, die Blätter regten sich, und plötzlich fing alles an,
strahlend hell zu werden. Der Nebel kam mit einem Ruck ins Schwanken und
zog sich in leichte, wankende Säulen zusammen, die eilig, lautlos
zwischen den Baumstämmen auf- und niederschwankten.

Lande kroch aus der Hütte; seine dünne, schwarze Gestalt richtete sich
über einem hellgrünen Grashaufen in der weißen Dämmerung wie eine
schwarze Zickzacklinie auf. Die Nacht hindurch war er stark
durchgefroren; sein Gesicht war blaß, grau, zerknittert. Er sah sich um,
und im ersten Augenblick kam ihm in dem wogenden Nebel alles sonderbar
verändert vor.

Aber der Morgen wurde immer heller. Der Nebel löste sich spurlos,
sklavisch auf. Nah und fern erhob sich mit unsichtbarem, mächtigen
Brausen das Leben des Waldes. Die Wipfel der Bäume loderten in grellem,
rosigen Brand auf und zwischen ihnen in tiefem Blau der Himmel. Lande
wurde von der lebendigen Wärme und dem Licht, das sich in mächtigen
Strömen über alles ergoß, vollständig durchdrungen.

Er mochte nicht von hier fortgehen. Er ließ sich neben der Hütte auf die
Erde nieder und saß still, mit gespannten, freudigen Augen alles um sich
her beobachtend, ohne sich zu rühren.

Der Tag stieg auf. Sein grelles, unendlich-mächtiges, lebendiges Licht
erwärmte das Herz. Lande saß bald, bald lag er unter einem Baum, der
leichte goldene Blätter auf ihn streute, und verfolgte gierig das für
ihn neue, geheimnisvolle Waldleben. Ihm schien, daß er langsam anfange,
es, wenn auch undeutlich, zu verstehen.

Immer tiefere Ruhe überkam ihn; um so schwächer wurde sein Körper.

Er bemerkte diese Schwäche und aß ein wenig; aber die Bissen wollten
nicht durch die Kehle rutschen, und nach dem Essen wurde er noch
schwächer. Er stand auf, konnte aber kaum den Fuß anheben: eine
eigentümliche Mattheit zitterte in seinen Knieen, ihm schwindelte es,
der Kopf war schwer und das Herz schlug leise und schwach.

Ich bin krank, dachte Lande, aber ohne sich zu fürchten oder zu wundern,
als wenn er es so erwartet hätte. Wahrscheinlich habe ich mich in der
Nacht erkältet, ging es ihm mechanisch durch den Kopf, -- ich muß hier
bleiben. --

Eine undeutliche, ruhige Freude stieg allmählich in ihm auf. -- Worüber
bin ich froh? -- fragte er sich und lächelte sich selbst zu. -- Weil ich
hier bleiben muß oder über etwas anderes? Ich weiß nicht ... aber wie
licht, still und wohl mir ist! ...

Den ganzen Tag lang sah er ohne bestimmte Gedanken, ganz in ein
beschauliches, zärtliches Gefühl versunken, vor sich hin.

So viel Licht, Farben, Durchsichtigkeit und Leben zitterte um ihn, daß
ihm vor Glück und rührender Sehnsucht die Augen brannten.

Unaufhörlich tönte der Stimmenchor des Waldes über ihm, aber außer
stillen Vögeln mit grünen Schwanzfedern, sah er nichts. Nur um die
Mittagszeit kam aus dem Walde, hinter dem Gebüsch, ein magerer zottiger
Bär hervor. Seine kleinen, schwarzen Äuglein blickten Lande aufmerksam
und ernsthaft an. Er setzte sich auf die Hinterfüße, reckte den Hals ein
wenig an, seufzte auf und starrte dann wieder auf Lande. Ein Vogel
wiegte sich leise auf grünen Zweigen, die sich auf dem Himmel
ausprägten. -- Gott, wie schön! sagte Lande zu sich, seine Augen wurden
feucht.

Der Bär stieß einen sonderbaren, beinahe schluchzenden Laut aus und
streckte wieder seinen Hals.

Lieber Kerl! rief Lande, und plötzlich wünschte er sehr, auf den Bär
zuzugehen und ihn über das braune, ausgetrocknete Fell, an dem die
Zotten herunterhingen, zu streichen. Nur fürchtete er, daß er ihn
erschrecken würde. Daß sich der Bär auf ihn stürzen könnte, das kam
Lande gar nicht in den Sinn; in seiner Seele war es still und sanft; sie
konnte keinen brutalen Gedanken fassen.

Soll ich ihm Brot geben? dachte Lande und lachte selbst über diesen
Gedanken.

Der Bär stieß wieder einen schweren, langgedehnten Seufzer aus, blickte
noch einmal mit den schwarzen Augen umher, stand auf und trottete,
leicht wiegend, in den Wald zurück. Lande kam es traurig und
gleichzeitig fröhlich an, zuzusehen, wie er sich unter den säulenhohen
Bäumen entfernte.

Hier wäre es gut zu sterben, dachte er plötzlich mit feuchten Augen.

Und der Gedanke an den Tod, mit dem deutlichen, abgeschlossenen
Bewußtsein seiner Nähe, trat gebieterisch aber ruhig in seine Seele.

Ssemjonow fiel ihm ein, doch blitzte dieser Gedanke nur auf, um sich
gleich wieder in dem vollen, prächtigen Licht des Tages aufzulösen, als
ginge er zu einem anderen, einem Mächtigeren, über.


                                  XXIV

Der Regen goß in Strömen, anhaltender Lärm hing über dem Wald. Manchmal
schien irgend jemand in der Nähe, hinter einem Busch zu schluchzen, mit
dünner, silberklirrender Stimme zu weinen; später hörte man deutlich,
daß es nur Regentropfen waren, die klangen.

Lande lag in der Hütte. Es war naß, dumpf und undurchdringlich finster.
Manchmal war ihm, als ob er über bodenloser Leere liege, dann hob er mit
Mühe die heiße, zitternde Hand, stieß neben seinem Gesicht an
unsichtbare, schwere, durchnäßte Zweige, und dicke, kalte Tropfen
schlugen auf sein Gesicht. Der Kopf brannte ihm, Fieberfrösteln riß ihm
den Körper in Stücke, und er wand sich in dem vergeblichen Bemühen,
unter der nassen Sutane warm zu werden, ohnmächtig auf der Erde hin und
her. Vor seinen offenen Augen sprühten in der Finsternis Feuerfunken,
wirbelten goldene Kreise.

Ich sterbe, -- dachte Lande. -- Ja ... Herr, dein Wille geschehe!

Vor Kälte, vor Schmerz weinte er. Einsame, niemandem sichtbare Tränen
fielen heiß auf die nasse Erde, rieselten ihm in den Mund und auf die
krampfhaft klappernden Zähne.

Herr, Herr! -- rief er still, und dieser einsame Laut war so sonderbar
in Wald und Finsternis, daß es ihm selbst vorkam, als verfiele unter ihm
alles für einen Augenblick in Schweigen, würde es still und lauschte.
Und dann rauschte, fern und nahe, noch stärker der Regen, das Wasser
gluckste.

Lande verlor die Besinnung, regungslos auf der Erde zusammengekauert,
die Kniee in einer kalten Pfütze. Er fieberte.

Aus der Finsternis lugte ein großer Hasenkopf. Die langen Ohren waren
zurückgeworfen, die roten Augen starrten Lande unverwandt an. Etwas
Schreckliches, Höhnendes lag in diesem schweigenden Kopf. Leise,
langsam, kaum merklich nickte er Lande zu. Plötzlich leuchtete alles in
gelbem Licht auf, als wäre irgendwo in der Nähe, hinter seinem Rücken,
eine unsichtbare Flamme entzündet; in ihrem Licht erblickte Lande, wie
von der Seite, seinen Körper, widerwärtig und armselig in einer Pfütze
zusammengekauert, von der nassen, schwarzen Sutane beklebt, schmutzig,
unglücklich, wie ein Wurm. Entsetzliche Angst drängte sich an sein Herz.
Mit einem wilden, sinnlosen Schrei setzte er sich auf; dabei stieß er
mit dem Kopf an die Zweige. Ganze Bäche kalten Wassers rieselten auf ihn
herab, aber er kam nicht zu sich. Eine Menge bekannter Gesichter zogen
lebend, augenglänzend, in einer endlosen Reihe, die sich in der Ferne
verlor, an ihm vorüber. Sie näherten sich, neigten sich zu ihm, sahen
ihn an und gingen weiter, hinter ihnen kamen neue heran. Die Flamme
leuchtete nicht mehr hinter Landes Rücken; dafür schien von ihm selbst
ein mattes, aber klares Licht auszugehen. Es legte sich auf die
Gesichter, die sich verneigten, drang immer weiter und weiter, nach
allen Seiten hin. Ihm wurde still und wohl. Dann brannte wieder die
Flamme, und wieder wand sich ein schwarzer Körper wie ein zertretener
Wurm auf dem Boden; wieder nickte kaum merklich ein Hasenkopf.

Es war kein Gedanke und keine Wahnvorstellung, kein Gefühl, nur das
grelle Licht einer wunderbaren Erkenntnis, die Landes erhitztes Gehirn
durchdrang. Im selben Augenblick wurde sein ganzes Leben in zwei Teile
gespalten: Als hätte ihn das Gewaltige, das in seiner Unbegreiflichkeit
Helle und Wundervolle, das, was er sein ganzes Leben lang getan hatte,
jetzt verlassen und wäre langsam zerronnen, um alles ringsumher zu
erfüllen, er selbst aber war von einem scharfen Leiden, einem einsamen,
unbesiegbaren, letzten Schmerz gepackt worden, der ihm seine scharfen
Krallen einbohrte und ihn mit schrecklicher Wucht zu Boden drückte.

»A--a--a!« schrie Lande mit schwacher, dünner Stimme in die Finsternis
hinein.


                                  XXV

Rjasaner Bauern, Zimmerleute, die nach ihrer Heimat gingen, fanden im
Wald, fern von jeder Wohnstätte, einen toten Menschen.

Die Leiche lag in einer Hütte, die aus dürren Zweigen zurechtgebaut war,
mit angezogenen Beinen und krampfverzerrten Fingern. Der Kopf auf dem
dünnen, langen Hals war halbverrenkt, so daß man das Gesicht nicht sehen
konnte. Der Tote trug eine schwarze Sutane; ein Fuß war aus irgend einem
Grunde entblößt. Von der Leiche ging ein schwerer, toter Geruch aus und
verband sich eigentümlich schrecklich mit dem feinen, süßlichen Geruch
welken Farnkrauts, das an dieser Stelle stand.

Einer der Zimmerleute, ein rotbärtiger, hochgewachsener Bauer, berührte
den Fuß der Leiche mit der Stiefelspitze. Der tote Fuß bewegte sich kaum
und wurde gleich wieder unbeweglich.

»Gestorben ...« meinte tiefsinnig der Bauer, kratzte sich im Nacken,
blieb eine Weile stehen und riß dann plötzlich, mit einem Gesicht, das
von Angst und ihm selbst unbegreiflicher Wut verzerrt war, an der Leiche
und schleppte sie am Fuß aus der Hütte heraus. Der Kopf schwankte und
sprang über den Boden, die Hände schlugen auf die Erde, klatschten
schwer nieder, und ließen sich, vom Staub bedeckt, nachschleifen. Doch
mit einem Mal schlug ein so entsetzlicher, penetranter Geruch hoch, daß
die Bauern zurücktaumelten.

»Oh, Teufel!« sagte verwundert der Rotbärtige, als hätte man das auf
keinen Fall erwarten dürfen.

Die Bauern standen und blickten auf die Leiche.

Bitter und einsam lag sie auf der Erde, schaute mit toten, wie von
schweren Tränen getrübten Augen geradeaus über sich in den fernen
Himmel. Kalt und stumm, mit für ewig zusammengepreßten Lippen, die ohne
Worte von einem schrecklichen Geheimnis berichteten, verbreitete sie
zusammen mit dem schweren Geruch ein gramvolles Schweigen um sich. Auf
der Brust war der schwarze Stoff zerrissen, die ausgetrocknete Haut
schimmerte lehmgelb hervor, welke Blätter und trockener Schmutz klebten
daran, als hielte die Erde schon den Toten mit ihren grauen Fangarmen
umschlungen und zöge ihn langsam aber unwiderstehlich zu sich hinab.

Lange standen die Bauern und sahen die Leiche an, als ob sie nicht
darauf kommen könnten, was zu tun sei. Endlich seufzte ein alter,
gravitätischer Bauer auf, nahm die Mütze ab und bekreuzigte sich. Er
bekreuzigte sich einmal, dachte eine Weile nach, sagte: »Sei dir das
Himmelreich beschieden!« und bekreuzigte sich dann noch zweimal. Und
alle Bauern rissen, eilig, als wälzten sie dadurch eine drückende Last
von sich ab, ihre Mützen herunter und fuhren mit Fingern durch die Luft.

Dann gingen sie davon, einer hinter dem andern, ohne sich umzuwenden.

Lange noch schien ihnen der goldene Wald und das Sonnenlicht, das Gras
und der hohe Himmel wie von einem unsichtbaren Schleier verhüllt, von
schwerem Schweigen gefesselt. Aber in Wirklichkeit quoll alles in Freude
über, strahlte und flimmerte im Sonnenglanz und leuchtete durch
ewig-lebendiges, selbst im Absterben noch fröhliches Grün.

Der Bauer, der zuletzt ging, blickte sich verstohlen um; nur ganz von
ferne sah er hinter einem goldbraunen, lichten Busch den blassen Umriß
eines ausgedörrten, unbeweglichen Fußes.

Es war an einer Stelle, wo jahraus, jahrein das Farnkraut besonders
üppig wächst.


                 Druck von Mänicke u. Jahn, Rudolstadt.


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Die variierende
Transliteration häufig vorkommender russischer Personennamen wurde
vereinheitlicht (nicht verwendete Formen in Klammern):

   Maria Sergejewna (Marja Sergejewna)
   Pawel (Pawl)
   Ssergej (Ssergei, Sergej)
   Sergejewna (Ssergejewna)
   Ssonjetschka (Ssonetschka)
   Stepan (Stefan)
   Tschetyrjow (Tschetyrjew)
   Wassja (Wasja)

Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen
Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

   [S. 9]:
   ... sangen, und flogen in leichtem kapriziösen Reigen ...
   ... sangen, und flogen in leichtem kapriziösem Reigen ...

   [S. 13]:
   ... unsichtbare Wassersplitter mit feinem kalten ...
   ... unsichtbare Wassersplitter mit feinem kaltem ...

   [S. 14]:
   ... unsichtbaren Tränen auf Mishujew, stand auf ...
   ... unsichtbarer Tränen auf Mishujew, stand auf ...

   [S. 22]:
   ... matt-rosiges Gesichtchen noch schöner und junger. ...
   ... matt-rosiges Gesichtchen noch schöner und jünger. ...

   [S. 44]:
   ... leicht zur Beute, nur kosteten sie ihm mehr ...
   ... leicht zur Beute, nur kosteten sie ihn mehr ...

   [S. 110]:
   ... breiten Mantels glitt. Er war noch ...
   ... breiten Mantels glitt. Sie war noch ...

   [S. 142]:
   ... ihn wenigstens nahe sein würde. Durch diese ...
   ... ihm wenigstens nahe sein würde. Durch diese ...

   [S. 168]:
   ... blauen Himmel, keine fröhliche Blumen mehr gegeben ...
   ... blauen Himmel, keine fröhlichen Blumen mehr gegeben ...

   [S. 189]:
   ... selbst dieses Geld, am Ende gehört es Ihnen ...
   ... selbst dieses Geld, am Ende gehört es ihnen ...

   [S. 193]:
   ... »werden Sie Tschetyrjow zur Mitarbeit an ihren ...
   ... »werden Sie Tschetyrjow zur Mitarbeit an Ihren ...

   [S. 204]:
   ... fast mustergültige Einrichtung des Konsumvereinsladen. ...
   ... fast mustergültige Einrichtung des Konsumvereinsladens. ...

   [S. 250]:
   ... ganzes unbegreifliche, fürchterliche Leben nur noch ...
   ... ganzes unbegreifliches, fürchterliches Leben nur noch ...

   [S. 255]:
   ... Es blieb etwas stehen und lauschte erwartungsvoll, ...
   ... Er blieb etwas stehen und lauschte erwartungsvoll, ...

   [S. 261]:
   ... Mann in einer zu großen Gefangenjacke, mager, ...
   ... Mann in einer zu großen Gefangenenjacke, mager, ...

   [S. 271]:
   ... Ihnen wegen Bücher kam? Sie waren damals ...
   ... Ihnen wegen Büchern kam? Sie waren damals ...

   [S. 284]:
   ... war, während die andere im tiefem Dunkel lag. ...
   ... war, während die andere im tiefen Dunkel lag. ...

   [S. 365]:
   ... »daß ... wenn sie sich mir in den Weg ...
   ... »daß ... wenn Sie sich mir in den Weg ...

   [S. 391]:
   ... Lande sah sie mit weitgeöffneten Mund und ...
   ... Lande sah sie mit weitgeöffnetem Mund und ...

   [S. 396]:
   ... »Ich muß Sie allein lassen!« schwirrte Lande ...
   ... »Ich muß sie allein lassen!« schwirrte Lande ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen" ***

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